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908 pages, Kindle Edition
Published September 11, 2017
„Es wäre nichts weniger als eine neue Welt, das glauben wir wirklich“, eröffnet die Londoner „Times“ ihren Lesern anlässlich des IAA-Kongresses 1867 in Lausanne, „sollten sich Engländer und Ausländer als fähig erweisen, zusammenzuarbeiten.“
Aber genau das tun sie, indem sie als transnationale Stimme die Arbeiterinteressen vertreten. Durch gemeinsame Aktionen gelingt es ihnen, Fabrikherren an der Beschäftigung ausländischer Streikbrecher zu hindern. Bald eilt der Organisation ein so mächtiger Ruf voraus, dass allein ihre mögliche Beteiligung an einem Arbeitskampf Kapitalisten zum Einlenken bewegt.
In der alltäglichen Wirklichkeit, wie Marx sie als Spinne im Netz erlebt, überwiegen die Schwierigkeiten, die er tapfer zu meistern versucht. Intrigen, Grabenkämpfe, Eifersucht und Egoismen. Gift für jede Organisation, für eine internationale allemal. Die Mehrfachbelastung fordert zudem ihren Tribut. Schon nach gut einem Jahr, zu Weihnachten 1865, klagt er: „Was die „International Association“ und was drum und dran hängt angeht, so lastet sie daher wie in Inkubus auf mir und ich wäre froh, sie abschütteln zu können. Aber das geht grade jetzt nicht.“
Marx durchläuft die hohe Schule von Sachzwängen und Realpolitik. Das neue Jahr hat der Organisation nach dem Brief an Lincoln zwar beachtliche Erfolge gebracht. Sechs englische Mitglieder des Generalrats haben die Reform League gegründet. Sie setzt sich öffentlichkeitswirksam für eine Wahlrechtsänderung ein: „Wir stir hier jetzt die General Suffrage Question“ – die Frage des allgemeinen Wahlrechts (für Männer) - „die hier natürlich ganz andre Bedeutung hat als in Preußen.“
Doch gleichzeitig treten auch die inneren Fliehkräfte zutage. „Blanquisten, Proudhonisten, Autonomisten, Anarchisten und noch alle möglichen Isten lagen sich alle Augenblicke in den Haaren … Die Sitzungen in High Holborn, wo der Generalrat damals zusammenkam, waren die bewegtesten und aufreibendsten, die man sich denken kann“, erinnert sich Friedrich Leßner. „Von Beginn an“, so der Historiker Jürgen Herres, der die IAA-Geschichte für die Marx-Engels-Gesamtausgabe nachgezeichnet hat, „gab es eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.“
Das Ende des zweiten Jahres markiert die erste echte Auseinandersetzung mit einem prominenten Widersacher. Der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini, so berichtet Marx seiner Cousine Antoinette Philips nach geschlagener Schlacht, habe „sich eifrig bemüht, eine Art Revolte gegen meine Führerschaft anzuzetteln. „Führerschaft“ ist niemals eine angenehme Sache, noch etwas, wonach ich Verlangen hätte.“ Das kann Nettchen glauben oder nicht.