Die offene Gesellschaft hat viele Feinde. Die einen streiten für »Allah«, die anderen für die Rettung des »christlichen Abendlandes«, letztlich aber verfolgen sie das gleiche Sie wollen das Rad der Zeit zurückdrehen und vormoderne Dogmen an die Stelle individueller Freiheitsrechte setzen. Wie sollen wir auf diese doppelte Bedrohung reagieren? Welche Entwicklungen sollten wir begrüßen, welche mit aller Macht bekämpfen? Michael Schmidt-Salomon erklärt, warum grenzenlose Toleranz im Kampf gegen Demagogen auf beiden Seiten nicht hilft und wie wir die richtigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Freiheit zu verteidigen.
Ich habe mir sehr gewünscht, dass Schmidt-Salomon ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht. Die politische Polarisierung in westlichen Gesellschaften nimmt immer weiter zu - das ist leider auch an Teilen der Linken nicht vorbeigegangen. Ich habe selber in meinem Umfeld den Einfluss der mittlerweile aus den USA herüberschwappenden "PC culture", von "trigger warnings", "save spaces", "check your privilige"-Aussagen und dem ausartenden Labeln von Gesprächspartner durch so manche "social justice warrior" als Rassisten, Sexisten, Islamo- oder Tranphobe erlebt, wenn man mit diesen Personen nicht haargenau einer Meinung ist. Gerade eine Linke, die sich dem besseren Argument verpflichtet fühlt und niemandem nur aufgrund seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Orientierung, seiner Geschlechtsidentität oder seiner Religionszugehörigkeit einen Stempel aufdrücken will, hätte höchste Not sich schnellsten von den extremistischen Aussagen aus den eigenen Reihen und der intellektuell unredlichen Erpressungshaltung zu distanzieren. Dieses Buch ist ein wichtiger Schritt dahin, dass solchen Positionen in der breiteren Öffentlichkeit widersprochen wird.
Schmidt-Salomons populärwissenschaftlicher Stil gefällt mir in den letzten Jahren nicht mehr so sehr. Ich bewundere aber, mit welcher Klarheit er in der Lage ist, komplexe Probleme auf den Punkt zu bringen. Wenn ich z.B. in Diskussionen die auch von ihm in der deutschen Zusammenfassung zitierte Koopmans-Studie erwähne, bin ich schnell in einer wissenschaftstheoretischen und methodologischen Auseinandersetzung. Schmidt-Salomon, der sich nicht zuletzt in "Jenseits von Gut und Böse" dazu positioniert hat, vermeidet sinnvollerweise diese Diskussion hier. Im Gegensatz zu vielen Kollegen seiner philosophischen Zunft neigt er nicht zu langen Abschweifungen oder zu einer unnötig hochstechenden Sprache, um den eigenen Denkweg möglichst nicht mehr nachvollziehbar zu machen bzw. diesen hinter einer Vielzahl unnötiger Fachbegriffe zu verschleieren. In einer ohnehin schon immer komplizierter werdenden Welt, in der schon die Politiker nicht mehr verstehen, was sie eigentlich sagen wollen, ist eine klare Sprache von besonderer Notwendigkeit. Mit Schmidt-Salomon kauft man keine quantitative Studie, sondern eine pointierte politische Streitschrift, die nichtdestotrotz auf einem positivistischen Wissenschaftsfundament steht und vor dem Zitat ersterer Studien eben nicht zurückschreckt.
Genau deshalb liebe ich Schmidt-Salomon für solche Aussagen: "So könnte und müsste potenziellen Flüchtlingen und Zuwanderern schon in ihren Heimatländern unmissverständlich klar gemacht werden, dass Europa den Prinzipien der offenen Gesellschaft folgt, dass sich die Religionen hier dem Gesetz unterordnen müssen, dass Männer und Frauen, heterosexuelle und homosexuelle Menschen gleiche Rechte besitzen, dass Kinder nicht geschlagen werden dürfen und die Verehrung des Propheten Mohammed bzw. des christlichen Messias an sich kein höheres zivilgesellschaftliches Ansehen genießt als etwa die Verehrung von Borussia Dortmund, Monty Python oder Dolly Buster." Eine Aussage, die sich nicht allgemein mehr Menschen zu Herzen nehmen sollten.
MSS does it again! An extremely well written book, that is nuanced in its deep critique on our society (extremists and ignorants included), but that also shows the possibilities of an open and rational society. Read it if you are a human.
Ein Plädoyer für Rationalität und konstruktive Streitkultur. Obwohl der Titel natürlich ein wenig reißerisch aufgemacht ist, stellt das Buch eine angenehme und vollkommen ideologiefreie Abhandlung bereit, die nicht nur theoretisch ausformuliert, sondern zum Ende hin in praktischen Forderungen exemplifiziert wird.
Ein ganz exzellentes Buch, das mir sehr gut gefallen hat. Es versucht erfolgreich den vernünftigen Mittelweg aufzuzeigen, der in so vielen öffentlichen Debatten rund um das Thema der "offenen Gesellschaft" vernachlässigt wird. Es werden die Argumente führender Islamkritiker, sowie Islamkritik-Kritiker aufgezeigt und diese widerlegt, weil sie sich eben zu oft zu schnell in falschen Begrifflichkeiten, Verallgemeinerungen und Unsachlichkeit üben. Es wird aber auch eine klare Position eingenommen: anhand inhaltlicher, sowie historischer Parallelen gezeigt, weshalb der Begriff des "islamischen Faschismus" sehr berechtigt ist und man diesen nicht verharmlosen sollte durch ein Schubladendenken von Islamkritik-Kritikern. Auf der anderen Seite natürlich zu gleichem Populismus neigenden, hetzenden, rechten Stimmungsmachern. Darauf aufbauend folgen allgemeine Ausführungen über die Geschichte der "offenen Gesellschaft" bei Popper und dessen Widerlegungen zu Platon oder Marx. Ausführungen über das konventionelle Denken in moralischem Dualismus (kollektivistisches Denken in Gruppen und dortige Nächstenliebe gegenüber krasser Fremdenfeindlichkeit gegenüber allen Outsidern) hin zu postkonventionellem Denken in ethischem Monismus und wie die Politik es nach wie vor nicht schafft dieses Denken, bspw. in der Integrationspolitik anzuwenden: wie sollen Menschen "integriert" werden, wenn sie von vornherein aus einer nicht vorhandenen pseudo-homogenen Gruppe ("die Muslime") in eine andere ("die christlichen Deutschen") umgetopft werden sollen, anstatt die Freiheit des Individuums zu betonen und zu stärken? Schließlich auch wirtschaftliche Aspekte zwischen anti-egalitärem Liberalismus und anti-libertärem Egalitarismus. Es wird stark argumentiert, wie eine Einschneidung von Gleichberechtigung zugunsten von wirtschaftlicher Freiheit argumentatorisch nicht funktioniert, denn wenn sich Leistung lohnen und belohnt werden soll, dann müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass die Leistung auch tatsächlich unabhängig von sozialer Herkunft erreicht werden kann! ansonsten führt es zum Elitarismus, in dem die Eliten nichts leisten müssen und die Unteren nichts leisten können. Es gibt keine Leistungsmotivation mehr. Ein klares Credo gegen den immer stärker werdenden Elitarismus, der genau diese Freiheit des Individuums (eigentlich das höchste Gut der Wirtschaftsliberalen) untergräbt und von Harald Welzer sogar als "Neo-Feudalismus" bezeichnet wurde. Letztendlich ein starkes Buch, das mir persönlich eine Art roten Faden aufzeigte, dem ich argumentatorisch folgen und den ich anwenden kann, der noch dazu einen Überblick über die Geschichte der aktuellen philosophisch-politischen Diskurse gibt von Plato, Popper, Mill, Smith zu Marx.
Ein hervorragend geschriebenes und klar strukturiertes Buch. Es zeigt unmissverständlich und umfassend fundiert auf, dass eine offene Gesellschaft Regeln braucht, an die sich alle halten; ebenso wie eine Debatten-Kultur, die Ansichten anderer respektiert, auf Sachargumenten aufbaut und nicht automatisch Meinung anderer mit Vorurteilen zu vernichten versucht. Demokratie, so legt der Bestseller-Autor und Philosoph weiter überzeugend dar, lebt vom Gedankenaustausch und dem Streben nach Verbesserung durch tiefgründig belegte Einsichten. Ein bitter notwendiges Buch in einer zunehmend oberflächlich "denkenden" Welt in oftmals realitätsfernen Schablonen zum kollektiven Wohlfühlen und Probleme-Ignorieren. Sehr empfehlenswert!
Very interesting book about a modern ethical comments on the state of politics and society in Germany and Europe. Unfortunately not yet available in English (May 2017). Definitely worth reading if you tend atheistic/agnostic.
Man ist angesichts der Vielzahl an politisch einseitigen und kontroversen Büchern und der Schriften, die den Sprung aus dem Kopp-Verlag in den Bücherhandel schaffen, schon etwas skeptisch geworden, was dieses Genre betrifft.
Umso überraschender und erfrischender wirkt da "Die Grenzen der Toleranz", das sich im Dienste der Aufklärung und des Säkularismus gegen die rückwärts gewandten Tendenzen unserer Gesellschaft stellt. Egal ob rechts-konservative Patrioten oder der politische Islam: Viele wollen unsere offene Gesellschaft einschneiden und sie nach ihren irrationalen Denkmustern prägen. Das Buch ist aber keineswegs eine ängstliche Panikmache, sondern der Aufruf, mit zivilisierter Verachtung gegen jene vorzugehen, die ein friedlicheres und freies Zusammenleben aller Menschen verhindern oder begrenzen wollen.
Absolutes Highlight sind nebenbei die 10 Gebote der Rationalität in der Mitte des Buches.
Dieses Buch wurde und wird dringend gebraucht. Ein erfrischende Oase der Differenziertheit für alle, die zwischen Linken und Rechten, zwischen Fanatikern und Relativisten verrückt zu werden drohen.
Schmidt-Salomon analysiert gekonnt problematische Dynamiken im Toleranzdiskurs unserer Zeit und besinnt sich darauf zurück, was aus rationaler Sicht dazu zu sagen ist. Er bietet Fanatismus und Relativismus eloquent und überzeugend die Stirn und korrigiert fehlgeleitete Strategien zum Umgang mit Fragen der Toleranz.
Ein Must Read für alle, die sich für das heutzutage omnipräsente Thema der Toleranz interessieren.