Als ich im Podcast „Zwei Seiten“ von *Nullzeit* hörte, war ich sofort neugierig. Ein Thriller, der sich ums Tauchen dreht, klang spannend und mal nach etwas anderem. Mona, die das Buch Christine empfohlen hatte, war begeistert, und auch Christine mochte es sehr. Als ich das Buch dann in der Bibliothek entdeckte, konnte ich nicht widerstehen und habe es sofort ausgeliehen.
*Nullzeit* entführt uns auf eine kanarische Insel, die Juli Zeh unglaublich atmosphärisch beschreibt. Die cineastischen Szenen lassen einen tief in die Geschichte eintauchen, als wäre man selbst vor Ort. Diese eindrücklichen Beschreibungen gehören zu den großen Stärken des Buches.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Tauchlehrers Sven, der sich auf der Insel eine neue Existenz aufgebaut hat. Sein Motto: Keine Einmischung in fremde Probleme. Doch dieses Prinzip gerät ins Wanken, als die Schauspielerin Jola und ihr Lebensgefährte, der Schriftsteller Theo, in sein Leben treten. Jola möchte in nur zwei Wochen den Advanced Open Water Tauchschein machen, um sich auf ihre nächste Filmrolle vorzubereiten, und Sven wird ihr Privatlehrer und Inselguide.
Parallel zu Svens Erzählungen finden sich im Buch auch Tagebucheinträge von Jola. Diese zwei Perspektiven werfen ein Licht auf die hochgradig toxische Beziehung zwischen Jola und Theo. Schon zu Beginn merkt man, dass das Paar alles andere als glücklich ist. Die beiden schießen verbal aufeinander, und ihre spitzen Bemerkungen verdeutlichen den tief sitzenden Hass, den sie füreinander empfinden. Und so wird Sven immer mehr in diese Hassliebe hineingezogen, ohne dass er es wirklich verhindern kann.
Was das Buch besonders spannend, aber auch verwirrend macht, ist die Tatsache, dass man nie genau weiß, wem man trauen kann. Durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven ist man als Leser ständig am Rätseln: Wer sagt die Wahrheit? Was bezwecken die Figuren mit ihren Handlungen? Diese Ungewissheit hat mich beim Lesen gefesselt, aber auch oft ratlos zurückgelassen.
Die Handlung ist ohne Frage intensiv und teilweise recht derb, insbesondere einige explizite Szenen. Die Tauchszenen am Anfang und Ende des Buches fand ich besonders gelungen und authentisch, sie haben das Spannungsfeld zwischen Natur und Psychospielchen eindrucksvoll hervorgehoben. Allerdings hätte ich mir insgesamt mehr Thriller-Elemente gewünscht. Stattdessen stand für meinen Geschmack der erotische Psychoterror zu sehr im Vordergrund. Ich hatte einfach andere Erwartungen an das Buch.
Trotz meiner gemischten Gefühle hat *Nullzeit* eine starke Sogwirkung auf mich ausgeübt, auch wenn ich manchmal nicht wusste, was ich da gerade lese. Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen, denn obwohl es nicht ganz das war, was ich erwartet hatte, bleibt es dennoch ein fesselndes Leseerlebnis. Übrigens, das Cover ist wirklich wunderschön und passt perfekt zur Atmosphäre des Buches!