Keine Angst, ich bin nicht unter die Putin-Versteher gegangen. Bei "This is Russia" handelt es sich nicht um ein russisches Propagandawerk, sondern um die Erlebnisse eines österreichischen Eishockey-Torwarts in der (hauptsächlich) russischen Liga KHL. Diese gilt nach der nordamerikanischen NHL als die beste Eishockeyliga der Welt. Bernd Brückler spielte von 2009 bis 2013 insgesamt drei Jahre dort und berichtet in seinem Buch von dieser Zeit.
Die KHL mag fast so gut wie die NHL sein, aber zumindest vor über zehn Jahren war sie doch von zahlreichen Eigenheiten gekennzeichnet. Ein eher obskures medizinisches System mit Ärzten, die den Spielern quasi nach Gutdünken bunte Pillen verordneten. Ein Trainingslager, das abgeschieden im Wald eher an eine Kaserne erinnert. Im Gegensatz dazu rauschende Feiern mit Kaviar und Blingbling und tausende von Reisekilometern in nicht immer modernen Flugzeugen. So abenteuerlich das alles klingt, zeichnet Brückler insgesamt aber ein positives Bild seiner Zeit in der KHL, was vor allem an den herzlichen Menschen liegt, die er in Russland kennengelernt hat.
Insgesamt kann ich das Buch aber nur echten Eishockey-Fans ans Herz legen. Auch wenn ich von einem Eishockeyspieler kein stilistisch einwandfreies Werk erwarte, macht das Lesen selten Spaß. Fast jeder Satz klingt holperig, und ich vermute, dass der finnische Co-Autor das Buch auf Englisch geschrieben hat und es dann erst ins Deutsche übersetzt wurde. Das aber mit einer so schlechten automatischen Übersetzung, dass der Lesefluss arg leidet. Vor allem gegen Ende des Buchs kommen dann noch zahlreiche Vertipper und Rechtschreibfehler hinzu, die Kommasetzung ist fast durchgängig falsch.
Auch inhaltlich fand ich die Erinnerungen nicht so fesselnd, junge Leute würden wohl "random" sagen. Jedes Kapitel steht zwar unter einem bestimmten Schwerpunkt, nicht selten zählt Brückler aber einfach wahllos Erlebnisse oder Personen auf, die große Struktur aber fehlt. Der Anfang des Buchs ist hier noch etwas geordneter, am Schluss wird es aber arg wirr. Insgesamt ist das Werk somit eher von sporthistorischem Interesse. Die KHL ist im letzten Jahrzehnt sicher deutlich moderner geworden, hat aber natürlich nun durch den russischen Angriffskrieg gerade für ausländische Spieler enorm an Attraktivität verloren. Keine Ahnung, wohin da die Reise geht.
Wer ein besser lesbares deutschsprachiges Buch über Eishockey und die Erlebnisse eines Spielers sucht, dem empfehle ich das aktuellere "Eiszeit" von Rick Goldmann – auch wenn es mit seinem Fokus auf die deutsche Liga und teils die NHL natürlich nicht so exotisch ist wie Brücklers KHL-Bericht. Fazit: "This is Russia" kann man lesen, aber viel größer als "Russland und sein Eishockey ist irgendwie besonders" ist der Erkenntnisgewinn nicht. Wem das reicht und wer sich nicht von holprigen Formulierungen abschrecken lässt, sollte einmal reinlesen.