Laut Klappentext und Anzeige macht sich Autorin Rebekka Endler in diesem Sachbuch auf die Suche nach den Ursachen des Patriarchats und geht der Frage nach, welche misogynen Mythen bis heute unser Denken und Handeln bestimmen. Dies soll in Form einer anekdotischen Spurensuche geschehen und durch die Menschheitsgeschichte führen. Ein schönes, wenn auch sehr ambitioniertes Unterfangen - vor allem, weil der Titel für mich eine komplexe historische Annäherung und Aufarbeitung suggerierte ("Witches" und "Mythen"). Nach einem vielversprechenden Einstieg, welcher sich humoristisch der Büchse der Pandora und deren Inhaberin annäherte, wurde ich jedoch im weiteren Verlauf der Lektüre eines Besseren belehrt und war erst verwirrt und dann zunehmend frustriert.
Grundsätzlich hat sich Endler für eine Erzählstruktur entschieden, bei der sie politische und feministische Themen mit persönlicher Haltung und biografischen Einschüben verband. Dadurch wirkte das Buch eher wie eine Sammlung politisch-polemischer Essays anstatt wissenschaftlich fundiert. Das lag zum Einen an der starken Subjektivität in Form von ironischen oder empörten Kommentaren, andererseits auch an der assoziativen Argumentation, die weniger systematisch-analytisch, sondern durch Zuspitzung und Wiederholung erfolgte. Die fragmentarische Struktur, bei welcher die Kapitel zwar thematisch abgesteckt, jedoch unzusammenhängend einander abzulösen schienen, legte für mich Endlers Priorisierung von pointierten Thesen zulasten einer linearen Herleitung offen. Dadurch gelingt es Endler zwar feministische Themen wütend, klar und rhetorisch kraftvoll in den öffentlichen Diskurs zu tragen - für Leser*innen, die sich eine emotional engagierte streitähnliche Schrift wünschen, also ein großer Reiz. Allerdings kritisiert Endler regelmäßig die dürftige Recherche und Zitation der vielen behandelten Akteur*innen, weshalb ich ihre Erhebung oder Ermittlung als besonders fragwürdig empfand. Denn Leser*innen, die auf differenzierte Argumentation und wissenschaftlich nachvollziehbare Fundierung in "Witches, Bitches, IT-Girls" gehofft haben, dürften – so wie ich – enttäuscht werden.
Bestätigungsrhetorik. Das würde ich, glaube ich, Endler anstelle einer echten Auseinandersetzung mit vielen der behandelten Themen vorwerfen. Aufgrund der Unmenge an Stoffen ein auch eigentlich fast unmögliches Unterfangen, hier hätte weniger so viel mehr sein können. Nichtsdestotrotz empfand ich die Recherchearbeit sehr oft als oberflächlich und undifferenziert. Klassische Fußnoten, Quellenapparate oder durchgehende wissenschaftliche Nachweise fehlen (obwohl es mehr als 500 Verweise gibt!). Stattdessen stützt sich Endler vorrangig auf bekannte Diskurse, Wikipedia-Einträge, journalistische Quellen wie Sekundärliteratur und eigene Beobachtungen und lässt so die in einem Sachbuch gesuchte Quellensicherheit vermissen. Außerdem wurden häufig Einzelfälle herausgegriffen und generalisiert („immer noch mächtige Patriarchen, die […] den Einfluss von Frauen und anderen […] gänzlich auszuradieren suchten“), wodurch die argumentative Basis oft schmal wirkte. Neben den selektiven Beispielen beraubte sich Endler durch ihre spitzen Formulierungen („Hetzer*innen“, „populistische Propaganda“) ihrer gewollten Neutralität und Ausgewogenheit. Dass kontroverse Themen desweiteren kaum multiperspektivisch beleuchtet und gegnerische Argumente fast ausschließlich als Karikaturen präsentiert wurden, illustrierte für mich, wie stark private Auffassung über analytische Differenzierung gestellt wurde und untergrub Endlers Glaubwürdigkeit. So schade! Ich hätte mich so darüber gefreut, einige der Behauptungen durch Daten, Studien oder eine ausgewogene Darstellung gestützt zu sehen. Aber statt sich den Ambivalenzen (z. B. Thunbergs Polarisierung in der Klimabewegung und ihre Positionierung zum Nahostkonflikt) zu stellen, schrieb sie Endler meiner Meinung nach in ein vereinfachtes Narrativ ein, um entweder bestimmte Aspekte ihrer Symbolik oder politische Positionen unter- oder überzubetonen. Die fehlende Einordnung hinsichtlich der Geschehnisse im Gaza-Streifen und palästinensischer Menschenrechte erweckte zudem den Eindruck einer ideologischen Rahmung (in diesem Fall pro-israelisch), die zwar nicht explizit gemacht, aber durch Auslassung wirksam wurde, was ich auch ganz schlimm und als beispielhaft für die oberflächliche Behandlung komplexer Thematiken empfand. Endlers individuelle Gesinnung schien zu jedem Zeitpunkt zu dominieren. Was per se nicht verwerflich ist, jedoch vor dem Anschein seriöser Analyse total widersprüchlich und monolithisch ist.
»Sogar an Tagen, an denen mich der Stand unserer patriarchalen Gesellschaft fix und fertig gemacht hat, war ich bei allen Auftritten bemüht, nicht nur korrekt zu informieren, sondern auch zu unterhalten und Menschen das Gefühl zu geben, dass die Beschäftigung mit feministischen Themen Spaß macht und oft lustig ist. Aber die Wahrheit ist, ich habe mittlerweile gemerkt, dass es völlig egal ist, wie 'normschön' auszusehen ich mich bemühe oder mit wie viel Vorsicht ich mich äußere oder sogar wie lustig ich dabei bin: Für diejenigen, die wollen, wird es immer einen Grund geben, sich über die Form zu beschweren, um den Inhalt ignorieren und diskreditieren zu können. Der Mythos ist stärker als die Wirklichkeit und formt die Wahrnehmung [...].«
Laut dieser Darstellung bin ich wohl eine dieser empfundenen Unwilligen, was ich zutiefst bedaure. Aber wenn das Buch nunmal mit polemischer Zuspitzung statt mit fundierter Recherche arbeitet, macht es sich für die Leserschaft angreifbar. Ich hatte mir eine pointierte, feministische Auseinandersetzung mit den Heldinnen, Antiheldinnen und Projektionsfiguren (antiker) Mythologien bis in die Gegenwart erhofft. Meine Erwartung war, dabei nicht nur kluge Beobachtungen zu finden, sondern auch eine solide recherchierte Analyse, die gesellschaftliche Zusammenhänge differenziert aufzeigt. In seltenen Fällen wurde diese Hoffnung auch zu kleinen Teilen erfüllt, weshalb ich die Abhandlung auch nicht als grundsätzlich "schlecht" abtun möchte. Insgesamt bleibt Endlers Arbeit ein streitbares, unterhaltsam geschriebenes, aber in seiner Zuspitzung und Recherche leider zu oberflächliches und unstrukturiertes Buch, das für mich zwischen 2 und 3 Sternen liegt.