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De Sade oder die Vermessung des Bösen

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War der Marquis de Sade (1740 – 1814) ein Sadist, Verbrecher und Geisteskranker oder ein Aufklärer, ja ein Vorkämpfer gegen Triebunterdrückung und scheinheilige Moral? Der Historiker Volker Reinhardt legt in dieser ersten seriösen De-Sade-Biographie seit Jahrzehnten das wahre Leben des südfranzösischen Adeligen hinter den zahlreichen Mythen und Bildern frei.
Er beschreibt auf der Grundlage zahlreicher Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert die freigeistige, ausschweifende Jugend des schönen Marquis, seine ersten Experimente mit unschuldigen Opfern, die lange Zeit der Flucht und Gefangenschaft, sein Engagement in der Französischen Revolution und schließlich seine letzten Jahre in einem Irrenhaus. Besonderes Augenmerk gilt dabei den philosophischen Romanen de Sades, in denen Männer und Frauen auf abgelegenen Schlössern sexuelle Konstellationen testen, auf grausamste Weise die moralische Widerstandskraft ihrer Opfer auf die Probe stellen, dabei über die Natur des Menschen räsonieren und so in Wort und Tat das Böse vermessen. Am 2. Dezember 1814 starb de Sade, aber die Erinnerung an ihn ließ sich nicht auslöschen. In einem eindrucksvollen Schlusskapitel zeigt Volker Reinhardt, wie der „göttliche Marquis“ von der Psychoanalyse über Nietzsche und die Kritische Theorie bis hin zu Surrealismus und Existentialismus zu einer Schlüsselgestalt der Moderne geworden ist.

464 pages, Hardcover

First published July 15, 2014

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Volker Reinhardt

85 books5 followers
Volker Reinhardt is a German historian and author.

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Profile Image for Jane.
1,026 reviews33 followers
August 31, 2014
Ein wunderschönes Buch. Hier haben Autor und Verlag viel Überlegung und Arbeit reingesteckt. Und viel Liebe - wie man annehmen darf.

Reinhardt legt mit diesem Band die erste seriöse Biographie des Marquis de Sade auf Deutsch vor.

Er beschreibt fundiert und gleichzeitig spannend das Leben des Marquis. Bis auf wenige Ausnahmen (warum ist der eine Brief ernster zu nehmen, als der andere) tut er dies auf eine fein abgewogene Art und Weise, welche versucht dem Marquis in all seiner Schrecklichkeit darzustellen, ohne ihn zu verteufeln, oder zu verherrlichen.

Die Aufmachung, von der Farbgebung, Schrifttype, Gliederung, Bilder, Leineneinband und Titelaufdruck ist alles sehr elegant und geschmackvoll gemacht.

Ein bisschen Vorwissen in der französischen Geschichte zur Zeit des Marquis schadet beim Lesen allerdings nicht, auch wenn Reinhardt versucht Begriffe, welche sich nicht von selbst erklären, im Text selbst schlüssig zu erläutern.

Trotz diesem kleinen Einwand eine Empfehlung für alle die mehr über Donatien de Sade, abseits von Verteufelung und Verherrlichung, erfahren möchten.
Profile Image for Gavin Armour.
654 reviews133 followers
July 19, 2016
Der Professor für neuzeitliche Geschichte Volker Reinhardt legt mit DE SADE. DIE VERMESSUNG DES BÖSEN die erste seriöse deutschsprachige Biographie des „göttlichen Marquis“ (Apollinaire) vor. Obwohl das Leben eines Mannes, der weit mehr als ein Drittel seines Lebens in staatlichen Gefängnissen verbracht hat, kaum allzu viele Abenteuer und Aufregungen zu bieten haben dürfte, verspricht das des Marquis natürlich allerlei Skandale. De facto hat es derer aber maximal drei in de Sades Leben gegeben, sieht man von all jenen Eklats und Affären ab, die der damals noch als Jüngling zu Betrachtende während seines frühen Dienstes in der königlichen Kavallerie im Siebenjährigen Krieg und anschließend in Paris selbstredend anstrengte. Dies gehörte im Frankreich des ‚Ancien Régime‘ allerdings zum guten Ton.

Weniger wohl gelitten waren hingegen die Verabreichung giftiger Süßigkeiten, die Blasphemie während eines homoerotischen Aktes und auch das Peitschen von Schutzbefohlenen oder bezahlten Dirnen wurde nicht zwingend goutiert. Man kann daraus, wie Reinhardt es tut, schließen, daß es dem Herrn sowohl an Empathie als auch an Mitgefühl mangelte. Reinhardt bezieht sich nicht nur auf Briefe des Marquis selbst und der ihm Nahestehenden, sondern auch auf Protokolle und Aussagen, Befehle und Einträge jener, die mit ihm zu tun hatten oder unter ihm litten. So entsteht ein vergleichsweise klares Bild dieses jungen Libertins, der sich als „Menschenforscher“ sah und zugleich aufbegehrte gegen die Tugend und Leitsätze seiner Zeit und seines Stands.

Über das skandalträchtige Leben des Marquis existierten immer die gräulichsten Geschichten. Es ist wohl wahr, daß es die oben beschriebenen Szenen gegeben hat, wahr ist auch, daß de Sade vor allem wegen der angeblichen Vergiftung angeklagt und schließlich zwar entlastet, dennoch – per ‚Lettre de cachet‘ – für mehr als elf Jahre in diversen Verliesen Frankreichs verschwand. Hauptsächlich hatte er dies allerdings seiner Schwiegermutter, der Madame de Montreuil, zu verdanken. Diese – ursprünglich Anstifterin der Eheschließung ihrer Tochter mit dem Marquis – entwickelte sich im Laufe der Jahre nicht nur zur Erzfeindin de Sades, sondern auch zu seiner Nemesis, versuchte sie doch, die Ehre ihrer Familie und ihres Namens, nicht zuletzt ihre beiden Töchter zu schützen, indem sie immer wieder gegen ihn integrierte. Dennoch rettete er sie und ihren Gatten in den Wirren der Revolution. Schließlich wurde de Sade für die letzten elf Jahre seines Lebens in die „Irrenanstalt“ Charenton verbracht. Dort allerdings erlangte er noch einmal Ruhm, kam er doch auf seine alte Leidenschaft – das Theater – zurück und brachte eigene Stücke mit den „Irren“, den anderen Insassen der Anstalt, zur Aufführung. Diese wiederum erlebten großen Zuspruch der Pariser Gesellschaft. Wer auf sich hielt, besuchte das vor der Stadt gelegene Asyl und schaute sich eine der de Sade´schen Aufführungen an.

Dieses Leben, eines hohen Aristokraten und Libertins in sowohl geistig wie sozial und schließlich politisch unruhigen Zeiten, war vielleicht nicht so ungewöhnlich, hätte de Sade nicht – Kind seiner Zeit, wurde er doch 1740 geboren – ausgesprochen ungewöhnliche und schließlich durchaus radikale Ansichten ausgeprägt, verfasst und veröffentlicht. Daß blasphemische Rituale immer wieder im Mittelpunkt seiner Miniorgien standen, deutet seine tiefe Verachtung des Christentums schon an. De Sade leugnete Gott, nannte sich einen Atheisten, entwarf eine auf Rousseau zielende negative Naturphilosophie und stellte maximale Fragen an das Denken seiner Zeit – die Aufklärung. Eben am Theater und damit am neben dem Roman zentralen Medium seiner Zeit interessiert, machte de Sade frühe literarische Versuche mit eigenen Einaktern und kleinen Skizzen, die er selber im Stammschloß der Familie in Lacoste zur Aufführung brachte. Daß er sich jedoch mit all seiner Kraft, seiner Vitalität dem Schreiben hingab, hatte zweifellos mit seinen Haftbedingungen, der Langeweile und Unfreiheit zu tun. Letztere muß für einen bekennenden Libertin unter vielen die schlimmste Demütigung gewesen sein.

So sind die Schriften dieses Mannes weitaus interessanter, als die Ereignisse seines Lebens. Reinhardt macht sich, nachdem er dem Leser im ersten Drittel seines Buches von den frühen Erlebnissen des Marquis berichtet und somit eine analytische Basis geschaffen hat, an eine genaue und vor allem übersichtliche Untersuchung des de Sade´schen Gesamtwerks. Er geht genauer auf DIE 120 TAGE VON SODOM ein, ebenso auf DIE PHILOSOPHIE IM BOUDOIR und schließlich auf die diversen Fassungen und vor allem die sich von Fassung zu Fassung abbildende Entwicklung des Doppelromans JUSTINE/JULIETTE. Doch neben diesen Hauptwerken, widmet sich Reinhardt mit Kenntnis auch den frühen Werken und nimmt, in einer deutschen Bearbeitung so sicherlich zum ersten Mal, auch und vor allem den DIALOG EINES PRIESTERS UND EINES STERBENDEN und, noch wichtiger, den Schachtelroman ALINE ET VALCOUR zur Erläuterung des de Sade´schen Denkens hinzu. So entsteht ein unaufgeregt dargebotenes Panorama eines Denkers, der manches Mal nicht nur modern, sondern in den Vexierspielen, die seine Texte, mehr noch seine Theaterstücke mit dem eigenen Leben und dem Schreiben treiben, geradezu postmodern anmutet. Dadurch, daß er zwar mit Vehemenz eine gewisse philosophische Haltung vertrat, zugleich aber nicht davor zurückschreckte, auch im eignen Denken Widersprüche und Ambivalenzen aufzudecken und diese dann als solche auch stehen zu lassen, ist de Sade seiner Zeit weit voraus. Als wolle er seine „Erzählung“, denn man sollte sein Werk doch in Beug zueinander auffassen, zum Ende – des eigenen Lebens – hin offenlassen, hält er es aus, daß seine theoretischen Ansätze nicht aufgehen. Genauso mutet er es seinen Lesern zu, dies aushalten zu müssen.

De Sade verachtete die Tugend, die er als christliches Instrument der Unterdrückung der natürlichen Triebe ansah. Gott, da war sich der Marquis sicher, Gott existierte nicht (ihn für tot zu erklären hätte de Sade wahrscheinlich als genau das erkannt, was es war: Eine schwächliche Distanzierung von etwas, das einen beherrschte), es existierte lediglich die Natur. Das Wesen der Natur aber ist böse. Das Böse, so wie der Mensch es benennt, hat die Natur nicht nur zugelassen, sie hat es geradezu gefordert. Denn nur aus Zerstörung kann Neues erwachsen. Der Libertin, den de Sade in seinen Werken in allen ebenso schrillen wie düsteren Farben ausmalte und beschrieb, der seine böse Neigungen nicht nur erkennt, sondern vor allem an-erkennt, sich ihnen überlässt und sich damit über alle menschlichen, mehr noch: kirchlichen Gebote hinwegsetzt, ist nichts weiter als der Erfüllungsgehilfe dieser im Wesen bösen Natur. Je mehr Menschen der Libertin, auf welch grausige Art und Weise auch immer, vom Leben zum Tode befördert – und was seine Phantasien betraf, kannte de Sade wahrlich keine Grenzen, vor allem Sodomie, Blasphemie, jede Form von Mutter- und Kindsmord und jedwede Art fürchterlichster Foltern hatten es ihm angetan - , desto eher verhilft er der Natur zu ihrem Recht, die aus den zerstörten Körpern – reiner Materie – Neues, Frisches erwachsen ließe. De Sade blieben die Widersprüche seiner Darlegungen auch hier nicht verschlossen: Wenn der Libertin (der „Freigelassene“, also der Freigeist) sich einerseits die absolute Freiheit nimmt, über Wohl und Wehe, Leben und Tod anderer zu verfügen und damit wider Gott und all dessen, was in dessen Namen als „gut“ gelten soll, aufzubegehren, dann mag er in der Illusion leben, wirklich frei zu sein. De facto erfüllt er aber „nur“ die Aufgabe der Natur, der er zuarbeitet. Der Libertin, sich selbst als ein Werkzeug der Natur begreifend, muß also schließlich diese selbst ablehnen und befeinden, nimmt sie ihm doch eben die Freiheit, in der er sich imaginiert. Immer ist sie stärker, als der Libertin selbst, denn sie hat ihn sterblich gemacht. Vielleicht sind de Sades Mutterschänder und- mörder auch deshalb so häufig vertreten in seinem Werk, weil sie dieses Aufbegehren gegen „Mutter Natur“, gegen eine immer dem Eigenen übergeordnete Kraft, perfekt symbolisieren.

Nun kann man ein gesamtes Denkgebäude nicht auf einigen Seiten wiedergeben. Was also für eine Biographie von Interesse ist, ist die Diskrepanz zwischen den Phantasiegestalten, die de Sade nie, nicht ein einziges Mal, sympathisch zeichnet, sondern als die verkommensten Wesen schildert, die man sich nur denken kann - allein ihr Erscheinungsbild spottet schon jeder christlichen Tugend - und seinem eigenen Leben. Er selber vertrat viele Ansichten seiner Fabelwesen – er glaubte an die Aristokratie, weniger an den Absolutismus, wie wohl die meisten seiner Standesgenossen; er war überzeugter Materialist, was natürlich nicht zuletzt seiner Abneigung gegen die christliche Kirche geschuldet war; er glaubte an eine „natürliche Ordnung“ – doch kannte er auch allzu genau die Grenze, die nicht zu überschreiten war. Weder gelüstete es ihn danach, andere zu Tode zu bringen, noch hatte er die wirklich abartigeren Neigungen seiner Fiktionen. Wenn er sich, wie in jenem ersten „Skandal“, der ihm die ersten Anklagen einbrachte, von seinem Diener anal penetrieren ließ, dann hatte das wahrscheinlich weniger mit einer „abwegigen“ Anwandlung zu tun, als damit, daß damit ein maximaler Verstoß gegen die „natürliche“ Ordnung der Stände begangen wurde. Es war ein Akt ebenso aufklärerischen wie revolutionären Tuns: Herr und Diener einander gleich in einer Parodie des ursprünglichsten Akts, den man sich vorstellen kann. Eine semantische, grammatikalische Neuordnung sowohl der kulturellen wie der natürlichen Regeln.

Damit sind die beiden Hauptmerkmale de Sade´schen Denkens und Wirkens erreicht: Sein Verhältnis zur Aufklärung in der Spezifik der Französischen Revolution und damit einhergehend sein Schreiben als ein Akt des Bösen an sich, in dem ununterbrochen herrschende Rangfolgen und Ordnungen angegriffen, aufgelöst, neu organisiert und damit als falsch, weil keiner natürlichen Ordnung entsprechend entlarvt werden. Der Marquis, darauf weist Reinhardt mehrfach hin, verfügte über einen ironischen, manchmal sarkastischen, durchaus auch sardonischen Humor. Vieles muß wohl wirklich als Ausdruck tiefster Ironie betrachtet werden. De Sade stellt die Aufklärung vor einige Probleme, weil er sie mit einigen inneren Widersprüchen konfrontiert, mit Paradoxien, denen sie im Grunde bis heute nicht entkommt. Wenn im hellen Lichte der Vernunft aber immer noch einem System gehuldigt wird, das Ungleichheit hervorbringt, wenn immer noch einem Gottesbegriff gehuldigt wird, den er, der Marquis de Sade, doch längst als überholt bewiesen hatte – wie konnte es dann sein, daß sich hier angeblich die neue Zeit aufmachte? Wie ist die Freiheit zu definieren, die die Aufklärung verspricht? Er, der schließlich unter drei verschiedenen Regimes, darunter einem vermeintlich aufklärerischen, im Kerker gesessen hatte, wusste doch besser als jeder andere, was Gefangenschaft war, egal wie der Kerkermeister sich gerade nannte oder in wessen Auftrag er die schweren Türen verschloß.

De Sade warf immer das eigene Leben in die Waagschale des Diskurses. Er war sich bewusst, daß er dabei Widersprüche in Kauf nehmen musste, auch, daß seine Philosophie möglicherweise – anders als die der sogenannten „Meisterdenker“ seiner Zeit, wie Voltaire, Kant oder gar der von ihm verachtete und gehasste Rousseau – kein abgerundetes, in sich geschlossenes System bildeten. Dafür hatte er wohl wie kein anderer erkannt, daß es neben der Vernunft eben im Menschen auch eine andere, dunklere Seite gab, eine Seite, die manchmal dem reinen Irrationalismus folgt und die wir wohl unterdrücken oder verdrängen können, beerdigen unter Haufenweise Tugendbüchern und Ideen der Vernunft, nicht aber werden wir das, was sie ausdrückt, je ganz dem Menschen austreiben können. De Sade führt die Aufklärung mit seinem Begriff absoluter Freiheit, die eben auch die bedeutet, die Freiheit anderer maximal zu beschneiden, indem man sie tötet, an den Rand ihrer Möglichkeiten. Im de Sade´schen Denken muß sie sich ihrer selbst stellen und vor sich selbst für ihre Ideen, im Spiegel seines Lebens für die Umsetzung dieser Ideen Rechenschaft ablegen.

Im abschließenden Kapitel seines Buches, dem sehr empfehlenswerten sechsten Kapitel, geht Reinhardt auf die Rezeptionsgeschichte zu de Sade ein. Die schwarze Romantik entdeckte ihn, Byron und Shelley, doch war es der Deutsche Krafft-Ebing, der aus dem Denker de Sade den pathologischen Fall machte und den Begriff des „Sadismus“ einführte. Das bestimmte die Rezeption gerade in Deutschland für lange Zeit. Erst das 20. Jahrhundert entdeckte de Sade neu und fing an zu begreifen, wie weit vorausschauend der Graf gedacht hatte. Reinhardt geht auf die wesentlichen Texte zu de Sade ein, jene von Blanchot, Klossowski und Bataille, aber ebenso auf die der Existenzialisten wie Simone de Beauvoir und Albert Camus, beide enorm wirkmächtig. Beide vereinnahmten ihn für die existenzialistische Philosophie. Reinhardt kann anhand dieser Texte verdeutlichen, wie de Sade gerade im 20. Jahrhundert vereinnahmt wurde und ein jeder in ihn hineinlas, was er oder sie gerade brauchte.

So würdigt Reinhardt schließlich auch Roland Barthes epochemachenden Text zu SADE – FOURIER – LOYOLA, der den Grafen wieder an sich selbst zurückgab, indem er genau untersuchte, was de Sade eigentlich trieb. Barthes war es, der in den de Sade´schen Menschenknäueln, den Anordnungen und dem steten Austauschen von Säften sowie Opfer- und Täterstatus nicht nur ein zutiefst semiologisches System entdeckte, der begriff, wie man „Theater“ nach de Sade auffassen musste: nämlich als etwas, das immer von der Bühne übergriff auf den Zuschauer, ihn infizierte und somit in das Geschehen mit einbezog. In den de Sade´schen Anordnungen und Foltersequenzen herrscht eine Gleichheit, die wesentlicher ist, als die beschriebenen Inhalte. All die Gewalt, die Quälereien und Folterungen stoßen natürlich ab. Doch sollte man sehr genau darauf achten, es dabei so gut wie nie mit Abdrücken einer irgendwie gearteten Realität zu tun zu haben. Die Verrenkungen, die diese Wesen vollziehen, um sich gleichzeitig zu penetrieren, oral und anal zu befriedigen und zugleich noch Peitschen oder Brennhölzer zu schwingen oder anzusetzen, sind schlicht unmöglich. Hinzu kommt das de Sade´sche Unvermögen, sich in andere und deren Schmerz hineinzudenken: Diese Figuren können noch die schauerlichsten Marterungen ertragen, am folgenden Morgen stehen sie da – frisch, fröhlich, frei – um weiter zu machen. So wird der serielle Charakter dieser Taten – einmal mehr auch ihre Maßlosigkeit – verdeutlicht, es kommen aber auch die Einöde und Langeweile des Immergleichen der Festungshaft zum Ausdruck und eine als hochmodern aufzufassende Idee von Gleichheit. Denn im seriellen kommt auch das Demokratische zu seinem Recht. Der ewige Austausch zwischen Aktiven und Passiven, die Wechsel nicht nur dieser Anordnungen, sondern auch die darin sich ausdrückende Gleichsetzung von Herrn und Dienern und – was de Sade besonders modern macht – von Mann und Frau, wird durch die Wiederholung und ewige Neuauflage dem Leser nicht nur eingehämmert, sondern auch formal und formalistisch beglaubigt. Barthes ist es gewesen, der als erster wirklich auf die Texte geschaut und nicht das eigene Anliegen mit de Sade´schen Texten unterfüttert hat. So konnte er eine neue Lesart de Sades ermöglichen, die bis zu Pasolinis Adaption der 120 TAGE VON SODOM für seine Faschismusanalyse in SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA (1975) reicht.

Natürlich ist de Sade lesen eine mühsame Angelegenheit, die Wiederholungen sind ermüdend und was man geboten bekommt, ist natürlich alles andere als erfreulich. Dennoch sollte man ab und an eines der großen Werke zur Hand nehmen - oder auch einen der kleineren Texte - und sich des de Sade´schen Denkens vergewissern, denn immer noch weiß er uns viel mitzuteilen, dieser radikale Denker seiner Zeit. Volker Reinhardts Biographie – in einem durch Ironie durchaus distanzierten Ton geschrieben, was dem Sujet von heute aus gesehen wahrscheinlich auch am besten bekommt – bietet nicht nur einen guten Überblick über das Leben des Donatien-Alphonse-Francois de Sade, er vermittelt uns auch einen profunden Einblick in das Schreiben, Denken und Wirken des Mannes. Wer sich für die Aufklärung interessiert, sollte auch vor diesem Rand ihres Wirkens nicht zurückschrecken, wer sich für den göttlichen Marquis interessiert, wird wahrscheinlich sowieso nicht drum herum kommen.

[Eine deutlich längere Fassung des Textes findet sich auf meinem Blog]

Da bei Goodreads nicht zu finden, sei an dieser Stelle auf den Suhrkamp-Band SADE. STATIONEN EINER REZEPTION, herausgegeben von Ursula Pia Jauch, hingewiesen. Der Band enthält, von den Barthes-Texten abgesehen, eine ganze Reihe wesentlicher Basistexte zum Marquis, darunter ebenso Zeitgenössisches wie Wesentliches von Apollinaire, Adorno/Horkheimer, Bataille, Klossowski, Blanchot, Beauvoir und Camus. Interessanter sind jedoch die Texte jüngeren Datums, die de Sade noch einmal neu betrachten und definieren. Darunter ein Text der Herausgeber der ersten vollständigen JUSTINE/JULIETTE-Ausgabe in deutscher Sprache, Michael Pfister und Stefan Zweifel, und einer der Herausgeberin selbst.

Profile Image for Lucardus.
232 reviews
Read
April 3, 2017
Ich gebe absichtlich keine Wertung. Als Biographie hat dieses Buch für mich über weite Strecken nicht funktioniert, weil mir zu viele ausführliche Inhaltsangaben seiner Schriften enthalten sind, dazu philosophische Exkurse und Deutungen und dergleichen, die mich eher nicht interessiert und zum Teil sicher auch überfordert haben. Ich war vordringlich an de Sades Leben und "seiner Zeit" interessiert. Das bietet diese Biographie aber nur sehr eingeschränkt, so wird sein Tod in einem Absatz fast schon beiläufig erwähnt. Danach folgen dann noch Kapitel über die Rezeption seiner Werke und seiner Persönlichkeit nach seinem Tod. Wer sich weniger mit seiner Person als seinem Werk beschäftigen möchte, für den ist diese Biographie sicherlich interessanter.
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