So, wie die Erzählung „Stine“ das tragische Spiegelbild des versöhnlicheren Romans „Irrungen und Wirrungen“ erscheint, so wirkt „L’Adultera“ wie das freundlichere Gegenstück zu „Effi Briest“: Beide Texte behandeln den Ehebruch eine Dame der Gesellschaft, die, verheiratet mit einem wesentlich älteren Mann, in ihrer Ehe unzufrieden ist und deren Liebesaffäre zum Ende dieser Ehe und zur gesellschaftlichen Ächtung führt. Doch im Gegensatz zu Effi Briest muss die Heldin nicht sterben, um Vergebung zu erlangen, ein bisschen gesellschaftlicher Abstieg, den sie im Nachhinein als Erleichterung empfindet, tut es auch für ein versöhnliches Ende. Zudem ist der betrogene Ehemann kein preußisch-ehrpusseliger Prinzipienreiter wie Instetten, der es wider seiner Neigung als seine gesellschaftliche Pflicht betrachtet, seine Frau zu verstoßen. Van der Straaten ist für den Geschmack seiner Frau vielleicht manchmal zu laut und zu derb, jemand, der es mit den Normen der feinen Gesellschaft nicht zu genau nimmt, dem aber klar die Sympathien des Erzählers und damit auch der Leser zuneigen. Die Aussprache zwischen ihm und Melanie gehören zum Anrührendsten, was ich von Fontane bisher gelesen habe. Hier zeigt sich einmal mehr, was ich an Fontane so schätze: die tiefe Liebe für seine Figuren, die selten wirklich Böses wollen, aber die durch die Umstände, namentlich gesellschaftliche Konventionen, ein fehlgeleiteter Ehrbegriff oder verzwickte emotionale Verstrickungen in Konflikte miteinander, mit sich selbst, mit der Gesellschaft geraten. Sie alle schillern, auch infolge des Raumes, den Fontane ihnen gibt, um ihre Persönlichkeiten mit ihren Ansichten und Marotten darzustellen. Wie so häufig braucht er dabei eine Weile, bis die Geschichte „in die Gänge“ kommt, und die insbesondere sich in Andeutungen vollziehende Anbahnung eines außerehelichen sexuellen Verhältnisses erfordert einen aufmerksamen Leser (angesichts der Offenheit, mit der heute über derlei Dinge geschrieben wird, erscheint mir hier eine eigene literarische Kunstform verlorengegangen zu sein). Allein die Versöhnung am Ende wirkt etwas überstürzt, auch wenn hier die erzählerische Klammer zum leitmotivischen Gemälde, Tintorettos „Cristo e l’Adultera“ geschlossen wird, wird die Gesellschaftskritik, die in Fontanes Spätwerk deutlicher und radikaler ausfällt, durch Melanies Rehabilitierung abgeschwächt. Melanies gesellschaftlicher Abstieg gereicht ihr zum Guten, weil sie sich nicht mehr in den Verpflichtungen der großbürgerlichen Gesellschaftsdame verstrickt sieht, aus denen sich Effi ob der Ansprüche ihrer Familie und ihrer sozialen Klasse nicht befreien kann.