Rezension bezieht sich nur auf „Leviathan“.
Es ist immer schwierig, das erste gelesene Werk eines Literaten zu bewerten. Ohne Kenntnisse über das Gesamtwerk und die behandelten Themen steht ein Einzelwerk isoliert da, lässt sich nicht einordnen. Auf der anderen Seite bietet eine unvoreingenommene Herangehensweise natürlich auch Vorteile, man kann das Dargestellte ohne Kenntnisse und Vorurteile interpretieren.
Alles was ich über Arno Schmidt wusste, ist, dass er über die deutsche Nachkriegszeit schreibt. Mehr nicht. Der Rest der folgenden Rezension ist unvoreingenommene Interpretation.
Der Titel: Leviathan oder DIE BESTE DER WELTEN. Der Leviathan hat zwei Grundbedeutungen. Er steht einerseits für das Seeungeheuer der jüdischen Mythologie. Der Leviathan wird dort als bösartiges Seeungeheuer dargestellt. In der christlichen Lehre wird er schließlich zum Symbol des Teufels, der gleichzeitig für Chaos, aber auch Sünde steht.
Aus diesem Sinnbild leitet sich schließlich die zweite Grundbeutung ab, nämlich der Leviathan als Metapher für den Staat bei Thomas Hobbes. Der Leviathan ist die Ordnung des Staates und steht im Gegensatz zum Naturzustand (der durch ein weiteres Ungeheuer, den Behemoth, verkörpert wird).
Der Titel Leviathan mag zu Beginn nicht klar sein, ich werde später noch einmal darauf zurück kommen.
Die Form: Arno Schmidt hat für dieses Werk eine interessante Form des Schreibens verwendet. Die Beschreibung der Geschehnisse in der Welt werden ganz normal dargestellt, das Innenleben und die Gedanken des Erzählers sind in Klammern gesetzt. Diese duale Struktur funktioniert erstaunlich gut und besitzt auch sprachliche Distinktionen. Während der Stil der Erzählung meines Erachtens expressionistisch-realistisch stattfindet, so steckt in den inneren Gedankengängen sowohl schwarzer Humor als auch ein zynischer Blick auf die Welt aus den Augen eines offensichtlichen Misanthropen.
Einen besonderen Blick bietet die Einleitung ins Werk in Form eines englischen Briefes. Da schreibt ein Jonny an seine Freundin Betty am 20. Mai 1945 (also knapp nach Kriegsende) aus einem zerstörten Berlin über das Ende des Krieges in Europa.
Dieser kurze Brief ist interessant, stellt er doch die einzige weitere Quelle der Erzählung neben dem aus der Ich-Perspektive erzählenden Erzähler dar. Damit wird quasi noch vor dem Beginn der Geschichte eine Erweiterung der Perspektive vorgenommen, vor allem da Jonny auf Englisch schreibt und Amerikaner ist. Diese nur im Brief vorkommende Figur stellt somit eine positive Alternativwelt zur dreckigen Realität des Erzählers und des deutschen Volkes dar.
Der Inhalt: Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt und findet chronologisch ablaufend innerhalb von weniger als 48 Stunden statt, beginnend am Nachmittag 14. Februar 1945. Der Erzähler trifft zu Beginn auf einem Bahnhofsgelände ein. Berlin ist umkämpft. In einem Waggon befinden sich bereits eine Reihe von Schutzsuchenden, Soldaten und Zivilisten, darunter Anne, in die der Erzähler scheinbar immer noch vermisst ist. Es gelingt, eine Lokomotive wieder fahrtüchtig zu machen und die kleine Gruppe macht sich auf den Weg. Unterbrochen wird die Reise immer wieder von Räumarbeiten, einem Angriff auf den Zug und anderen Unannehmlichkeiten. Am Morgen des dritten Tages schließlich will der Zug ein Viadukt überqueren, dabei bricht jedoch die Lokomotive ein. Da hinten am Zug ein Schwellenreißer angebracht war (der die Schwellen der Schienen zerstört hat) gab es auch kein zurück mehr. Die Gemeinschaft ist gestrandet, es gibt keinen Ausweg.
Zur Sprache: Die Sprache wechselt fließend von einer nüchternen Betrachtung der traurigen Realität bis hin zu mehrsprachigen Introspektionen voller Sprachwitz. Auch die zynische Weltsicht und die Abscheu des Erzählers wird in der Sprache sehr gut transportiert.
Metaerzählung: Das spannende an der kurzen Erzählung ist meines Erachtens die Interpretation des Titels. Hierzu dient meines Erachtens eine Metaerzählung, nämlich die Dialoge zwischen dem Erzähler und einem alten Mann. Der Erzähler erklärt dem alten Mann seine Thesen vom unbegrenzten Raum, seiner Ausdehnung und der anschließend folgenden Kontraktion. Diese wissenschaftliche These steht eng im Zusammenhang mit dem laut Erzähler nahenden Leviathan. Der Leser kann sich bereits denken was damit gemeint sein kann, aber der Erzähler wird noch deutlicher, indem er von mehreren möglichen Leviathanen („es mag viele Wesen seiner Größenordnung und unter ihnen auch gute, weiße, englische geben.“) spricht, aber ihrer (also der Deutschen) sei der Teufel:
„Um das Wesen des besagten Dämons zu beurteilen müssen wir uns außer uns und in uns umsehen.“
Hier schneidet Arno Schmidt offen die Schuldfrage an (die auch an weiteren Textstellen immer wieder auftaucht). Auch die unterschiedlichen Figuren tragen das Ihre dazu bei, etwa die beiden Hitlerjungen mit ihren Panzerfäusten, die die ganzen „Pazifisten und Verräter“ ins KZ schicken wollen und die an einen Geheimplan des Führers denken (ebenso wie die Soldaten). Die Zivilisten hingegen verdammen den Krieg, aber es ist zu spät. Das Urteil ist bereits gefällt, Deutschland gerichtet.
Ein interessanter Zusammenhang mit dem Leviathan bietet ein weiteres Symbol, das in der Handlung regelmäßig auftaucht: der Schnee. Der Erzähler erzählt davon, dass es immer kälter wird, der Schneefall wird immer dichter. Schnee als gefrorenes Wasser ist das Element des Leviathans. Die Abkühlung deutet also gleichzeitig das nahende Ende der Gemeinschaft (das man kommen sieht) als auch das Nahen und Erstarken des Leviathans an.
Lediglich der Untertitel des Werkes bleibt mir mehrdeutig. Was genau Arno Schmidt mit der „besten aller Welten“ meint ist nicht eindeutig. Ist damit in den Worten des Erzählers die Welt der Zukunft, nach Verschwinden der Menschen, gemeint? Oder ist die „beste aller Welten“ bereits zeitlich nahe, nämlich mit dem Untergang des deutschen Reiches als tabula rasa?
Wie dem auch sei. Eine kurze Erzählung wie die vorliegende derartig interpretierbar zu machen und gleichzeitig sprachlich interessant zu schreiben ist eine Kunst, die Arno Schmidt in diesem Fall sehr gut gelungen ist.