Es gibt Autoren, die schreiben genau ein gutes Buch. Eric-Emmanuel Schmitt ist so einer. So gut “Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran” ist - so schlecht ist alles, was danach kam. Ich habe vor kurzem nochmal eine Geschichte von ihm gelesen: Man erkennt den Stil, die Namen insbesondere - und doch hat es eher etwas von einer Parodie, einer schlechten Kopie des Originals.
Es gibt wohl auch Menschen, denen geht es mit Wladimir Kaminer so: Der russische Autor, der Bücher schneller fabriziert als Wolfgang Schäuble Grundgesetzverstöße, dürfte so manchem langsam auf den Geist gehen mit seinen immer wieder auf neue Weise gleichen Geschichten aus dem Alltag, neudeutsch oder sozialistisch. Mir nicht.
“Russendisko.” hieß Kaminers erstes Werk - und die Veranstaltung, die er nach dem Erfolg des Buches gründete. In “Karaoke” erzählt er davon…
Naja, nicht nur: Wie immer bei Kaminer enthält “Karaoke” eine buntere Mischung an Themen als Gottschalks Haribo-Tüten Gummibärchen. In mehr oder weniger unnachvollziehbarer Abfolge geht es durch die Discos und Clubs der UdSSR und Berlins, denn das Thema Musik findet sich erstaunlicherweise tatsächlich in jedem Kapitel - jeder Kurzgeschichte? Die Einordnung fällt schwer - wieder.
Es geht um russische Offizierschöre auf Deutschland-Tournee, wilde Parties in der Russendisko - und um viel Kritik. Denn das verwundert an diesem Werk: Natürlich ist es genauso abstrus, wirr und von dem Charme des Unwissens, ob die Geschichte nun erfunden oder nicht vielleicht doch echt ist, geprägt. Aber Kaminer ist nicht nur der Blödelrusse mit lustigen Geschichten. Beginnt das Buch noch mit dem Rat an einen zum Guten bekehrten Rapper, der nur noch positive Texte schreiben will: “Das gute an schlechten Vorbildern ist, dass sie in der Regel früh sterben und einen nicht das ganze Leben lang verfolgen” in der gewohnt abstrus-anarchisch-witzigen Manier, wird er nachher ganz trocken deutlich. Wettert gegen Popsternchen, MTV und den Verfall der russischen Rockmusik. Das verwirrt.
Warum? Weil Wladimir Kaminer so unbeschwert-unterhaltsamen Witz bietet, dass man auf ernsthaftes gar nicht gefasst ist. Klar, die Namen sind fiktiv, die Rahmengestaltung abstrus - aber das Thema so ernst, dass man es ernst nehmen muss. Bei keinem Autoren hätte ich was dagegen - aber bei Kaminer fällt es mir schwer, das zu akzeptieren.
Insgesamt trotzdem ein lustiges Buch. Aber eines, dass ich mir leihen würde, nicht kaufen: Kurzweil ist es, was ich von diesem Autoren erwarte. Der immer wieder die gleichen Geschichten neu auflegt, wie es scheint - oder eine ewige Jugend gehabt haben muss. Ein Tipp ist mir übrigens noch eingefallen: Nachdem ich mit dem lesen fertig war, habe ich mal wieder die beiden “Militärmusik” CD’s rausgeholt. Kaminer von ihm selbst gelesen ist noch mal ein ganz besonderer Genuss.
Bisher mochte ich ja alle Kaminer CDs, die ich gehört habe. Bei dieser CD hat man aber ein wenig das Gefühl, dass dem Autor die Lust ausgeht, vielleicht liegt es aber auch daran, dass mich die Themen dieses Bandes nicht wirklich ansprechen und die Situationskomik, die ich in den anderen Büchern so mochte, fast vollkommen fehlt. Diesmal geht es z. Bsp um Kosmonauten als Beruf oder als Jugendtraum, Sputnik und der Kalte Krieg, Kaminers Job als DJ in der Russendisko... Keines der Themen konnte mich wirklich fesseln oder amüsieren, schade.
Wladimir Kaminer schafft es immer, ungemein sympathisch zu wirken. So war es auch dieses Mal wieder schön, seine Gedanken und Erinnerungen zu lesen. Ab und an musste ich auch ganz schön schmunzeln, aber trotzdem blieb das Buch hinter Russendisko zurück. Es hatte weniger zu sagen, weniger Humor.