"Miki beobachtete, wie die Sonne unter- und die Freaks nach Hause gingen. Das war ihr Lieblingsmoment. Bleiben zu können, wo andere weg mussten."
"Die Fahrt" erzählt fragmentartig aus dem Leben vieler verschiedener Personen, die überall in der Welt herumtingeln – Tel Aviv, Hongkong, Nauru, Bombay, Berlin. Fast alle Personen sind rastlos und mehr oder weniger ernüchtert vom Leben, sodass es sie von A nach B zieht. Alle suchen sie etwas oder jemanden oder beides, alle haben sie die Hoffnung, offenbar, noch nicht aufgegeben. Und einige wenige stecken fest und sind verdammt zu einem Leben, aus dem sie niemals fliehen können.
Das war jetzt für mich das zweite Buch von Sibylle Berg und ich hatte mich schon auf sehr viel Negatives, Deprimierendes, Befremdliches und eine gute Prise Zynismus eingestellt. So ging es auch los, ich hatte relativ schnell wieder genug vom ewigen Gejammer und dem Fokussieren auf allem, was schlecht und eklig ist, allerdings wurde es dann doch im Laufe des Buches besser.
Wie ich es aus dem vorherigen Roman gewohnt war, sind die Charaktere im Buch allesamt durchschnittliche Menschen, die ein durchschnittliches Leben leben – zumindest auf den ersten Blick. Doch ihre Verschrobenheiten befremden, ihre Traurigkeit macht betroffen, ihre Entscheidungen verwirren und frustrieren. Nähe zu den Personen kam bei mir nicht auf; ich fand das auch ganz gut so mit dem Abstand, aber das hat der Lektüre keinen Abbruch getan.
Ein bisschen herausfordernd wird es, bei den ganzen Personen im Kopf zu behalten, wer jetzt nochmal wer war, vor allem weil sie nicht an einem Ort bleiben, sondern reisen und sich die Wege ab und zu kreuzen – so ist X dann ebenfalls in Hongkong oder Y ebenfalls in Bellagio. Es war aber für meinen Geschmack genau die richtige Balance, sodass es beim Lesen doch auch Spaß gemacht hat, die Puzzleteile zusammenzusetzen.
Sibylle Berg scheint eine Faszination dafür zu haben, die kleineren und größeren Miseren alltäglicher Menschen ungeschönt aufs Papier zu bringen. Erst hat mich genervt, dass alle Orte hässlich und deprimierend waren, später hat mich interessanterweise die Reiselust gepackt. Ich glaube, was das Buch wirklich sehr gut darstellt, ist, wie viele Leben es auf der Welt gibt und wie viel eines Schicksals einzig und allein von den Lebensumständen abhängt, in die man hineingeboren wird. Das ist deprimierend, aber nun mal die Realität. Am meisten mitgenommen hat mich Paruls Geschichte, sie hallt noch nach, macht mich traurig, wütend und hilflos.
Man muss für diese Lektüre auf jeden Fall in der richtigen Verfassung sein, aber hier fand ich die Gratwanderung zwischen "noch aushaltbar" und "zu viel/zu gewollt" gelungen.
Was nicht hätte sein müssen sind die das/dass-Fehler; da gab es doch einige und ich frage mich, ob das Lektorat zur Mitte des Buches irgendwie geschlafen hat?
Außerdem sehr verwirrend: In einem Kapitel geht es um Ruth, sie ist in Paris, läuft nach 3 Seiten zu einem Mann und heißt plötzlich Pia – so wie ein anderer Charakter im Buch, der aber zuvor in Bayreuth und dann in London, aber nie in Paris ist. Auch das wohl ein Fehler?
Zwischendurch gab es wirklich viele gute, schön geschriebene Stellen. Gedanklich habe ich mir so viele Passagen markiert und das war tatsächlich für mich auch eins der Highlights des Buches. Auch der Humor, der doch immer wieder durchkommt, hat mir gut gefallen, besonders in Kombination mit schlauen (und nicht nur durchweg negativen, zynischen) Beobachtungen.
"Wie gerne wäre Helena so gewesen. So lebenslustig und neugierig. Wie gerne hätte sie auf Tischen getanzt und weinend Lieder gesungen, wie man es aus griechischen Filmen kannte. Aber sie stand immer nur befremdet neben allem. Und jetzt wurde der Himmel rot, und ein Vogel begann zu singen, und es wurde noch kälter, und Helena hatte das Gefühl, den Gipfel der Einsamkeitspyramide erklommen zu haben."
"In der Nacht dachte Parul an Allah. Und dass er ihr nicht helfen würde, weil er doch ein Mann war."
4 ⭐