Meinung:
Antje Babendererdes Bücher waren für mich allesamt ein sehr schönes Leseerlebnis. Es war also keine Frage, dass ich „Julischatten“ früher oder später ebenfalls lesen würde.
Nachdem Sim zu ihrem 16. Geburtstag mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus aufwacht, schicken ihre Eltern sie für sechs Wochen zu ihrer Tante, die in den USA in einem Indianerreservat lebt. Dort sind Drogen und Alkohol strengstens verboten – theoretisch, zumindest. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.
Die Realität beschreiben – das kann Antje Babendererde sehr gut. Ich war zwar selbst noch nie in einem Indianerreservat, doch ihr Bild erscheint mir als sehr realistisch. Keine romantisierte Vorstellung der Rothäute – nein, eher die brutale Wahrheit: Armut, dem Alkohol und den Drogen verfallene Menschen und der Konflikt zwischen alter Kultur und Zivilisation. Auf der anderen Seite aber die Überreste der alten Lehren und der Wille, nicht aufzugeben. Bereits in ihren anderen Büchern stellte die Autorin das sehr gut dar und auch in „Julischatten“ war das nicht anders. Ich hatte tatsächlich wieder das Gefühl, neue Eindrücke zu gewinnen, auch wenn Antje Babendererde nicht belehrend schreibt. Im Gegenteil: Vielmehr demonstriert sie, zeigt mittels der Charaktere die Situation und Auffassungen, so dass man selbst noch ein bisschen weiterdenken und für sich entscheiden darf. Hin und wieder werden auch alte Indianerlegenden erzählt, die mir wirklich gut gefallen haben. Abgesehen davon erklärten sie auch den Stolz der Reservatsbewohner, ihr Unwille den Weißen gegenüber und ihr Verhalten.
Das Buch ist in einem sehr bildhaften Stil geschrieben. Es beinhaltet keine poetischen Sätze, doch ich konnte mir die Landschaften, Gesichter und Handlungen sehr gut vorstellen. Auch die Dialoge wirkten auf mich sehr glaubhaft und erweckten die Charaktere zum Leben, ebenso wie die buntgemischten Eigenschaften, die sie besaßen. Die Hauptfigur Simona ist kein typisches Mädchen – ganz und gar nicht. Sie kleidet sich sehr bunt, trinkt gern und viel, ist einsam, schlagfertig und – ihrer Auffassung nach – nicht die Hübscheste. Ich fand sie als Hauptcharakter sehr interessant. Nicht immer sympathisch, doch wie es mit ihr weiterging interessierte mich definitiv. Zudem schaffte es die Autorin, Simonas Handeln für mich fast immer verständlich zu machen – auch wenn ich in vielen Situationen wohl anders gehandelt hätte. Genauso ging es mir mit den anderen Charakteren: Nicht unbedingt Charmebolzen, dennoch sehr interessant und facettenreich. Da man auch hin und wieder Abschnitte aus Lukes oder Jimis Perspektive las, blieben mir auch ihre Beweggründe nicht unverborgen. Dank ihnen ließ sich das Buch sehr gut lesen und wurde für mich zu einem echten Pageturner. Auch Simonas Entwicklung, die ja sehr im Vordergrund stand, wirkte sehr glaubhaft auf mich. Sie wurde nicht innerhalb von 100 Seiten zum Engel schlechthin, sondern blieb sich selbst ziemlich treu.
Zum letzten Drittel hin ließ das leider aber etwas nach, was sehr stark an der Dreiecksgeschichte lag. Die Inhaltsangabe suggeriert einen solchen Handlungspunkt ja bereits, weshalb ich anfangs schon etwas skeptisch war. Im Gegensatz zu vielen anderen Romanen war dieses Liebesdreieck insgesamt aber ziemlich gut ausgeführt. Nur langsam baute sich alles auf und man konnte Simonas Hin-und Hergerissenheit wirklich gut nachvollziehen. Alle Charaktere hatten ihre Schwachpunkte und ihre guten Eigenschaften, weshalb auch mir die Entscheidung sehr schwer gefallen wäre. Dennoch ließ für mich diese Überzeugungskraft etwas nach, als es zur Entscheidung kam. Plötzlich fiel mir das Wort „Liebe“ etwas zu oft und die Entscheidung kam nun doch sehr ruckartig daher.
Glücklicherweise wurde es danach aber wieder besser und man wurde in ein spannendes Finale geführt, das mich mehr als überrascht hat. Was vielleicht daran lag, dass man die Hälfte des Buchs über kaum erahnt, was Antje Babendererde mit ihren Autoren plant. Ich hatte zwar immer die Lust weiterzulesen, trotzdem fand ich es etwas schade, dass man erst so spät erfuhr, in welche Richtung die Geschichte (neben der Charakterentwicklung) überhaupt gehen soll. Dabei ist auch das ein Punkt, der in der Inhaltsangabe bereits angekündigt wird. Dass es noch nicht ganz zu Anfang losging, war eigentlich gut – denn so kann man erst einmal alle in Ruhe kennenlernen und sich auf den Ort einlassen. Doch ich hätte mir gewünscht, dass man als Leser schon etwas früher den roten Faden erahnen kann.
So sehr stand das der Geschichte glücklicherweise aber nicht im Weg. Auch vorher gab es genug Gründe, die mich zum Weiterlesen bewegten und langweilig wurde es nie. Die Dreiecksgeschichte war nicht einfach ein unkreativer Handlungspunkt, der die Geschichte spannender machen sollte. Eher wurde gezeigt, was eine Freundschaft alles aushalten kann, wie sie sich plötzlich gegen einen richten kann und was Liebe oder Verliebtheit mit einer Person anstellt. Und auch wenn viele negative Ereignisse das Buch prägten, vermittelte es Hoffnung: Für Simona, Jimi und Luke und die Indianer. Hoffnung aufs Weiterleben und auf Verbesserung. Und vor allem, dass man mit den richtigen Menschen an seiner Seite so vieles schaffen kann.
Fazit:
„Julischatten“ konnte mich zwar nicht auf ganzer Linie überzeugen, bereitete mir aber trotzdem dank seines Stils, seiner Charaktere und den vielen Details über eine fremde Kultur sehr schöne Lesestunden. Weiterempfehlen kann ich es auf jeden Fall, denn es bietet eine gute Abwechslung zu anderen Jugendbüchern und bringt einen weit, weit weg in eine andere Welt.