Ein schwieriges Stück Dichtung der Weimarer Klassik, das der deutschen Schreiber Urvater, Goethe, uns da vorlegte. Dies zu lesen erfordert nicht nur ein wenig Kontext- und Hintergrundwissen in griechischer Mythologie (Tantalussage, Agamemnon, Troja, Mykene, Diana, Apollon, Rachegöttinnen, Totenwelt), das heutigen Lesern in aller Regel abgehen dürften, nicht aber dem gebildeten Leser des 18. Jahrhunderts, es fordert in erster Linie eine ungemeine Konzentration und Aufmerksamkeit, denn die dichterische Sprache Goethes ist hier wie eine Codesprache, deren Worte man zwar versteht, aber deren Bedeutung man zuerst dechiffrieren muss. Immerhin sind die Verse nicht gereimt wie beim Faust.
Dabei ist die Geschichte gar nicht mal schlecht: Das "Haus des Tantalos" (seine Familie, das ganze Geschlecht) ist mit einem Fluch der Götter belegt, dass sich die Mitglieder der Familie gegenseitig ermorden. Sein Enkel, der große Heerführer Mykenes, Agamemnon, ist auf dem Weg nach Troja, um am dortigen Krieg teilzunehmen. Doch schickt Göttin Diana ihm eine Windstille an das Schiff, die zu beseitigen er ihr seine älteste Tochter, Iphigenie, weiht ("opfert"). Diana entführt Iphigenie zu ihrem Tempel nach Tauris (wird auf der heutigen Krim vermutet) und diese wird dort Hohepriesterin Dianas. Mit der Zeit gelingt es ihr, die Menschenopfer, denen Fremde in Tauris regelmäßig zugeführt werden, abzuschaffen. Sie fühlt sich aber einsam in der Fremde und sehnt sich nach Griechenland zurück.
Agamemnon kommt nach Troja, siegt, die Stadt fällt und er kehrt mit reicher Beute zurück. Doch kaum nach Hause zurückgekehrt, rächt sich Klytämnestra, die Ehefrau Agamemnons, für das Opfer Iphigenies (sie wähnt sie tot) an ihrem Manne und lässt diesen durch ihren Geliebten erschlagen. Elektra, die jüngere Tochter, erzählt dies zu gegebener Zeit ihrem Bruder, Orest, und dieser ermordet in Rage seine Mutter und rächt damit seinen Vater. Nun quälen ihn aber die Gewissensbisse ("die Furien jagen ihn") und er wird - wie man heute sagen würde - depressiv. Orest ist in seines Onkels Haus zusammen mit dem Cousin Pylades aufgewachsen und die beiden sind dicke Freunde.
Um die Furien loszuwerden, gehen die beiden nach Delphi zum Orakel des Apollons und bekommen dort den Rat, "die Schwester" aus dem Tempel der Diana zu retten. Sie verstehen, die Schwester Apollons, also Diana, und planen, die Statue der Diana von Tauris zu stehlen. Gemeint ist aber, die Schwester Orests, also Iphigenie. Also reisen die beiden nach Tauris, werden aber schnell entdeckt und festgenommen. Da König Thaos von Tauris Iphigenie umwirbt, ihn zu heiraten, sie aber sich nicht darauf einlässt, droht er damit, die Menschenopfer wieder aufzunehmen. Orest und Pylades sollen also getötet werden.
Nun kennen sich Orest und Iphigenie nur dem Namen nach, haben sich aber noch nie gesehen. Iphigenie als Priesterin kümmert sich um die Gefangenen und man erkennt, dass alle drei Griechen sind. Iphigenie erkundigt sich nach dem Schicksal der eigenen Familie, ohne sich zunächst zu erkennen zu geben. Sie erfährt auf diese Weise von dem Geschehenen. Zunächst spricht sie mit Pylades, der ihr eine falsche Identität der beiden vorgaukelt. Dann spricht sie mit Orest, der aber sich entschließt, sich als der erkennen zu geben, der er ist. Und da eröffnet auch sie, wer sie ist. Große Freude, doch nun muss man fliehen.
Iphigenie ist in einem tiefen Dilemma. Einerseits die Pflicht Diana und auch dem König Thoas gegenüber. Andererseits die Familienbande und das drohende Opfer der Verwandten, das auch sie noch selber durchführen soll. Pylades findet, dass sie nur dann ein schlechtes Gewissen haben müsste, wenn sie die beiden umbringen sollte. Sie entschließt sich aber, durch das Parzenlied an die Rache der Götter erinnert, nicht einfach so zu fliehen, sondern König Thoas alles anzuvertrauen, dass Orest ihr Bruder ist und sie fliehen wollen. Thoas ist zwar zunächst erzürnt, zeigt sich dann aber als guter Mann und ist besänftigt. Orest will aber die Flucht erzwingen und bringt Thoas wieder gegen sie alle auf. Am Ende gelingt es aber Iphigenie, alle zu beruhigen und sie erinnert Thoas an sein Versprechen, dass dieser sie gehen ließe, wenn sich eine echte Chance auf Rückkehr nach Griechenland für sie ergebe. Nun versteht man auch den Orakelspruch richtig.
Soweit die Geschichte, die zu kennen einem nur halb hilft, man muss eben noch durch den Text durch. Verglichen mit Schiller und Shakespeare im Originaltext, liegt dieser Goethetext klar auf einer Ebene mit Shakespeare, was das Verstehen anbelangt. Man muss ihn vielleicht mehrfach lesen. Ich hoffe jedenfalls, dass die in diesem Jahr auf meiner Leseliste folgenden Romane Goethes wesentlich einfacher zu bewältigen sind.