First published in Norway in 1954, this lyrical novel is about an abrupt change from childish dreams and safety to grown-up responsibilities and happiness. On the surface it deals with what happens to two youngsters left for a night alone on their parents’ farm, but like The Ice Palace and other great novels by Vesaas, the themes are far How difficult the road is from I to you or we , even when love is involved.
Tarjei Vesaas was a Norwegian poet and novelist. Written in Nynorsk, his work is characterized by simple, terse, and symbolic prose. His stories often cover simple rural people that undergo a severe psychological drama and who according to critics are described with immense psychological insight. Commonly dealing with themes such as death, guilt, angst, and other deep and intractable human emotions, the Norwegian natural landscape is a prevalent feature in his works. His debut was in 1923 with Children of Humans (Menneskebonn), but he had his breakthrough in 1934 with The Great Cycle (Det store spelet). His mastery of the nynorsk language, landsmål (see Norwegian language), has contributed to its acceptance as a medium of world class literature.
Tarjei Vessas lebte von 1897 bis 1970 und erfährt postum eine kleine Renaissance durch neu oder zum ersten Mal übersetzte Texte. Frühlingsnacht stammt aus dem Jahr 1954 und erschien erst, obwohl der Roman sogar 1976 verfilmt wurde, 2025 in deutscher Sprache. Jon Fosse nennt ihn jedenfalls als Vorbild und Inspiration, und viele Motive, Stoffe, dramaturgische Techniken teilen diese beiden Autoren, wiewohl der Stil von Fosse ein ganz anderer ist. Setzt Fosse aufs Fließende, Illusionierende, Wiederholende bleibt Vesaas dagegen sehr hackig, ruppig und kurzgefasst:
Die Luft war von Regenbrausen erfüllt. Er saß hier nackt und klein und wusste, er musste beigeben und heimgehen: Bald wäre es doch zu kalt. Er hörte die Bäume seufzen und den Boden seufzen, sah die freundlichen Schnecken kürzer werden, als der Regen ihnen auf den Rücken schlug. Er spürte den Duft von Sissel und war glücklich in einer Art stillem Spiel.
Die Hauptfigur, aus dessen Perspektive Frühlingsnacht erzählt wird, heißt Hallstein. Er ist vierzehn Jahre alt und verbringt mit seiner vier Jahre älteren Schwester Sissel die Nacht allein in ihrem gemeinsamen Zuhause. Die Eltern sind zur Beerdigung ihres Onkel in die Nachbarstadt gefahren, und prompt taucht der Nachbarssohn Tore auf und gräbt Sissel an, die sich aber zu wehren weiß. Tore lässt nicht ab und bleibt in der Nähe des Hauses, vor dem plötzlich ein unbekannter Wagen hält. Eine fremde Familie mit schwangerer Frau klopft an die Tür, und danach überschlagen sich sozusagen die zwischenmenschlichen Ereignisse:
All das hier war so reizvoll. Trotz Kristine. Einfach so mit dem Auto in die Welt hinaus fahren, das war keine kleine Sache, noch dazu mit Gudrun in Armeslänge. Alles Bedrohliche um die stille Kristine hinter ihm schob er beiseite und überließ sich angemessener Freude. Nur ein klein wenig, bis der wirre Mann wieder mit seinen ratlosen Forderungen kommen würde. Kristine selbst war wie eine Tür, die krachend ins Schloss gefallen ist. Er wollte an anderes denken. Lasst mich ein bisschen damit in Ruhe – es gibt so viel anderes für mich.
Kristine heißt die geheimnisvolle Ehefrau des Vaters des Mannes der schwangeren Frau. Es gab eine Art Streit zwischen den Eheleuten, und der führt letztlich zu drastischen Konsequenzen, die in das friedlich-verträumte Weltbild von Hallstein erbarmungslos und impressionabel einbrechen. Im Grunde heißt diese Macht: Liebe-Beziehung-Erotik, Attraktion-Distraktion-Repulsion, um deren Kraftfelder sich der sehr dualistische Roman dreht: Freund-Feind, Schwarz-Weiß, Mann-Frau, Dunkel-Hell und so weiter. Vesaas betreibt nun mit trockener Sprache eine Diffusionierung dieser Differenzen, indem er ein kindliches Gemüt evoziert, das windschief zu den Problemen wahrnimmt und fühlt, und bedient sich insofern einer ähnlichen Methode wie Henry James in Was Maisie wusste. Die Kinder sind schlichtweg überfordert:
Die Luft war von Regenbrausen erfüllt. Er saß hier nackt und klein und wusste, er musste beigeben und heimgehen: Bald wäre es doch zu kalt. Er hörte die Bäume seufzen und den Boden seufzen, sah die freundlichen Schnecken kürzer werden, als der Regen ihnen auf den Rücken schlug. Er spürte den Duft von Sissel und war glücklich in einer Art stillem Spiel.
Kinderbücher handeln nicht ohne Grund oft von phantastischen Welt, denn das kindliche Gemüt fesselt von alleine nicht. Es besitzt zu wenig Gedächtnis, zu wenig Differenz, zu wenig Eigensinn. Alles ist zu schnell Freund oder Feind. Alles ist total schlimm, schön oder gut. Die Wahrnehmung verlaufen zu pointillisiert, zu impressionistisch, zu diffus, dissoziativ, und dieses Problem stellt sich in Frühlingsnacht ungehemmt dar. Hallstein, als Träger des Gedankens, der erlebten, gehörten und direkten Rede, bleibt schattenhaft, und somit auch alle anderen Figuren. Alles verstäubt, verläuft, geht ineinander über, wie ein Tuschebild im Regen. Das mag auf dem ersten Blick interessant erscheinen, auf dem zweiten wirkt es wie Zufall und Reihung und Beliebigkeit, genau das, was auch hier als Leseeindruck zurückgeblieben ist. Von der äußerst langweiligen Sprache gänzlich abgesehen.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Inhalt: ●Hauptfigur(en): Hallstein, 14 Jahre alt, entdeckt sich und die Welt der Erwachsenen. ●Charaktere: allesamt eher mysteriös, unerreichbar, hinter einem Schleier des Unwissens verborgen ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Hallstein (H) und seine achtzehnjährige Schwester Sissel (S) hüten das Haus, während ihre Eltern zu der Beerdigung ihres Onkels gefahren sind. Tore, der an S interessiert, nutzt die Möglichkeit und will mit S flirten, die ihn aber abblitzen lässt. H beobachtet sie dabei und empfindet eine gewisse Antipathie gegen Tore, der unerfolgreich aus dem Haus rennt. H folgt ihm nach draußen und spricht mit einer imaginären Freundin namens Gudrun, die ihn darin bestätigt, dass Tore unfreundlich zu S gewesen ist. Er geht zu einer Wiese, auf der er Schlangen vermutet und Engelwurz gesät hat. Tore lauert ihm auf und kündigt an, in der Nähe zu bleiben, um S zu erobern. H trifft S im Haus, die verärgert darüber ist, dass H ihr hinterher spioniert hat. Sie gehen zu einer Wiese mit Schnecken. H denkt, dass er ein gewisses Maß an Kontrolle über die Welt hat (Omnipotenzphantasien), bspw. denkt er, den Regen beschworen zu haben. Am Abend steht plötzlich eine Familie vor der Tür, Karl, seine schwangere Frau Grete, Karls Schwester Gudrun und sein Vater Hjalmar. Kristine, die Ehefrau von Hjalmar, wartet aber im Wagen. Irgendetwas ist vorgefallen. Sie weigert sich zu gehen und zu sprechen. Der Vater will sie ins Haus holen, aber sie müssen sich erst um Grete kümmern. Das Telefon im Haus von H und S funktioniert nicht in der Nacht. Sie müssen zum Nachbarn. H begleitet Karl. Sie rufen dort Hilfe. Auf dem Weg hin und zurück spricht H mit Kristine. Sie erwartet Hilfe von ihm. Die Hebamme erreicht das Haus. Die Frauen bleiben bei Grete, Karl und Hallstein und Hjalmar holen Kristine und bringen sie ins Haus. Kristine bittet H wiederum um Hilfe und beschwört eine Nacht, in der niemand schlafen wird. Grete gebiert ohne Komplikation und ist sehr glücklich. Gudrun, dreizehn Jahre, und H kommen sich näher. Als Hjalmar und Kristine sich streiten, geht H dazwischen. Karl protestiert. H hebt eine Schemel und droht ihnen. S zieht ihn in die Küche. Er hört, wie Karl den Schemel zerschlägt. S deeskaliert und ruft zum Essen. Kristine wirbt um Hs Gunst, sagt ihm aber nicht, was im Wagen vorgefallen ist, noch warum sie sich weigert zu gehen, warum sie sich überall hin tragen lässt. H und S schlafen ein. Gudrun weckt ihn, um ihm gute Nacht zu sagen. Später kommt Hjalmar hinunter und bittet H ebenfalls um Hilfe, und geht aus dem Haus. H geht zu Kristine, die ihn abermals um Hilfe bittet. Er geht, nachdem er seltsame Geräusche gehört hat, zu Grete, die ihn bittet, nach Karl, auf dem Dachboden, zu sehen. H schaut nach Karl, S kommt ihm nach. Sie errötet, fühlt sich zu Karl hingezogen, der Soldat gewesen ist. Beide Geschwister erkennen, dass sie ein wenig verliebt sind, H in Gudrun, S in Karl. Wieder unten schauen sie in Gudruns Zimmer. Sie lädt H ein, einzutreten. Dort vergleichen sie ihre nackten Arme. Er fühlt sich zu ihr körperlich hingezogen, fühlt sich glücklich. Er verlässt das Zimmer und geht Sissel hinterher, die er an einem Abhang stehen sieht. Sie vertreibt ihn aber, will alleine sein. Auf dem Rückweg trifft er Tore, mit der sich plötzlich solidarisch fühlt, sie beide sind verliebt. Im Haus bittet Kristine H, dass er Hjalmar zu ihr schicken soll. Dieser jedoch hat das Auto zum Laufen gebracht und rast auf das Haus zu. Karl springt heraus und verhindert einen Unfall. Der Vater wirkt klapprig und unzurechnungsfähig, hat das Haus gestreift. Sie hören nichts aus Kristines Zimmer und sehen nach. Dort ist es dunkel. Jemand hat die Jalousien zugezogen. H weiß, dass das nur Kristine selbst getan haben kann, schweigt aber. Kristine liegt still im Bett. Sie atmet nicht mehr. H, Karl, Hjalmar und Gudrun fahren in die nächste Stadt, zur Krankenstation mit Kristine. Dort wird ihr Tod festgestellt. Der Vater außer sich, kann aber beruhigt werden. Sie fahren zurück, nachdem Karl einen Krankentransport Gretes organisiert hat. H nimmt Gudruns Hand auf der Rückfahrt und träumt. Der Vater will aussteigen. Sie fahren alleine weiter, kommen an. H schläft ein, denkt, alles war nur ein Traum. Plötzlich hupt der Vater wie irre. Er ist haltlos, hat keine Aufgabe mehr, nun, wo Kristine tot ist. Es kommt zum Streit mit H, der etwas verschweigt. S bringt H in Schwierigkeiten, indem sie ihre Unschuld beteuert. Karl beschwört H, Stillschweigen zu bewahren darüber, dass Kristine gehen konnte. Der Krankenwagen kommt. H und S alleine, S entschuldigt sich. Tore erscheint und ergreift S Arm. H verabschiedet sich von Gudrun, enttäuscht darüber, wie wenig ihr das Zusammensein bedeutet hat. Nun fahren alle weg, und Karl schaut H an, sagt, dass sie sich vielleicht wiedersehen werden, wenn H erwachsen ist. ●Kurzfassung: Ein Bruder und eine Schwester haben eine sturmfreie Bude. Ein heimliches Date mit einem Verehrer der Schwester platzt, dann steht plötzlich eine Familie vor der Tür. Es kommt zu einer Geburt, zu einem Tod, und dann fährt die Familie in der Frühe wieder ab. ●Ereignisse/Szenen: Eindrucksvolle Szene auf der Wiese, in der Tag-Nacht, mit Furcht und der Hoffnung auf Schlangen. Auch, als H Kristine im Regen im Auto sitzen sieht. ●Diskurs: kein Diskurs, fast nur szenisch, atmosphärisch, psychisch-emotional aufgeladen. … erinnert stark an Kafka und Musil in Die Verirrungen des Zögling Törleß, viel Naivität, ein wenig im Stil „der gute Hund“, „der gute Freund“ … etc .. wie bei Jon Fosses Ich ein anderer, Licht und Dunkelheit, Situation ein wenig wie bei Claire Keegan Das dritte Licht. … offensichtlich geht es um eine Übergangssituation von der Kindheit in die Erwachsenenzeit, von der naiven Träumerei in die tatsächlich körperliche Dimension der Anziehung. Hier prallen drei Männer verschiedenen Alters aufeinander, Hallstein, Karl und Hjalmar. Karl wirkt bedrohlich, als ehemalige Soldat, Hjalmar unzurechnungsfähig und Hallstein wankelmütig in Freund-Feind-Denken. Eine große Destabilisierung wird thematisiert, eine Ängstlichkeit, sobald es um körperliche Anziehung geht. Einerseits wirkt die ganze Sache wie ein Traum von Hallstein, von Geburt und Tod und Liebe, und andererseits wirkt es wie eine Phantasie durch die imaginäre Freundin Gudrun, die lebendig wird, sich aber als Enttäuschung entpuppt. Die Frauen sind keine Akteure in dem Sinne. Kristine muss geholfen werden. Grete ist hilfsbedürftig, und Sissel schutzbedürftig, wofern sie von Tore bedroht wird, Schutz bei Karl sucht. … die Atmosphäre von dem Buch bleibt, der Inhalt wirkt diffus. Der Plot selbst besitzt kaum Spannungsbögen. Das Geheimnis vom Streit zwischen Hjalmar und Kristine wird nie gelüftet. Vom stofflichen Standpunkt hält das Buch nicht, was es verspricht. --> 3 Sterne
Form: ●Wortschatz: szenisch, Kammerspiel, im Grunde ein Theaterstück über weite Strecken, also Alltagssprache. ●Type-Token-Ratio: 0,11 - 4.769 einzigartige Wörter, 42966 Wörter (Musil 0,23 - Genre 0,11) ●Satzlängen-Verteilung-Median: 8,4 Wörter mit Standardabweichung von 5,85. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter) ●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 87% (Musil/Mann <70% - Genre >80%) ●Wortartenverteilung: (Adjektive - Musil 13%, Adverbien 7%) ●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Verbalstil, aber mit erlebter Rede. ●Stimmige Wortfelder: ja, keine Diskurse, keine Intellektualismen, reine Versprachlichung von emotional nicht greifbaren Prozessen. ●Satzstrukturen: Sehr einfache Parataxis. ●Wiederkehrende Motive/Tropen: keine, außer „flatterhaft“, „fahrig“ über den Vater (24x). ●Innovation: keine – kaum Bindung, kaum Poesie, sehr ruppig, sehr zerpflückt, pittoresk, pointillistisch. --> 2 Sterne
Erzählstimme: ●Reflektiert: nein, ein Kind. ●Situiert: nein, es wird personal erzählt. ●Perspektiviert: ja, fokussiert auf Hallstein, mit nur wenig Ausnahmen ●Erzählform: Er ●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich, hineinversetzt in die Perspektive des 14jährigen ●Erzählsicht: nur Innenperspektive ●Erzählverhalten: personal, spekulativ, erlebt, mit Übergängen von Einbildung und Wahrnehmung ●Erzählhaltung: involviert, starkes Hin und Her zwischen Freund-Feind-Denken ●Erzählverfahren: direkte und erlebte Rede, sehr dialogisch ●Erzählstil: nivellierend … die Jugendlichkeit der Erzählinstanz wirkt sehr treffend, insbesondere das Hinüber-Gleiten, das Träumen-Wahrnehmen, die Unsicherheit, was Einbildung, was Wirklichkeit ist. Phantasmagorisch. Leider unreflektiert, und deshalb nicht in sich erzählerisch genug. Wer erzählt hier, weshalb? Von welchem Standpunkt aus? Wenn personal, muss es ein wichtiges Ereignis geben – wenn psychisch, dann sollte die Ich-Perspektive gewählt werden. Hier eher ein Fehlgriff, ein unlauterer, in der Erzählhaltung. --> 3 Sterne
Komposition: ●Verhältnis Dialog/Beschreibung: wenig Beschreibung, sehr viel, sehr unklarer Dialog, ohne dass der Gegenstand des Dialoges ausgeführt wird. ●Tempiwechsel: Nein, nicht wirklich. Es gibt einschneidende Situation: Ankunft der Familie, Geburt des Kindes, das Rammen des Hauses mit dem Wagen, das Hupen des Vaters, die bedrohliche Szene mit dem Schemel im Wohnzimmer, aber alles sehr flach gehalten. ●Extradiegetische Abschnitte: Nein, keinerlei Digressionen. ●Lose Versatzstücke: Nein, alles gehört zusammen. Keine Erinnerungen, nichts. Die Figur besitzt keine zeitliche Tiefe. Die Zeit beginnt erst. Ein Erwachen. ●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive – leider kaum, alles zerfließt, alles geht ineinander über, das Erwachen aus der Kindheit, der Dämmerschlaf davor. --> 2 Sterne
Leseerlebnis: ●Gelangweilt: ein bisschen ●Geärgert: nein ●Amüsiert: nein ●Gefesselt: nein … der Text besitzt eine Art Bedrohlichkeit. Er zeigt wankelmütige Charaktere, insbesondere einen Hallstein, der ständig in Schwarz und Weiß denkt, gut, schlecht, Freund/Feind. Es besitzt auch viele Züge von Was Maisie wusste, die Erwachsenen, die mit den Kinder Hase-Igel spielen, ihnen nichts sagen, sie aber instrumentalisieren. Das Problem: die Perspektive erlaubt keinerlei Einsicht. Hallstein weiß nicht, was vor sich geht. Er driftet zwischen den Erwachsenen haltlos umher. Keine Ahnung, warum es diesen Text gibt. Mich überkommt das unangenehme Gefühl, dass es um die Schilderung vom Erwachen der Sexualität geht, aber dies wieder aus der verhaltenen Sicht eines Erwachsenen. --> 2 Sterne
„Was man alles erlebt, dachte er wieder und ließ den Ring in seine Tasche gleiten. Sie sagte: »Jetzt kannst du mich nicht so leicht vergessen, wenn ich heute Nacht rufe.« Er lauschte, von irgendwoher kam etwas wie ein Brausen. Er fühlte sich erwachsener, als er den Ring entgegen-nahm. Jetzt war er mitten dabei, fand er. Jetzt mochte Sissel älter sein und einen Freund haben, und sie mochten ihre Köpfe zusammenstecken - in so einem Spiel wie er war sie nicht mit dabei.“ S.70
„Hallstein fand keinen Anlass einzugreifen. Es war wohl alles aufgeschoben. Die Frau saß da, als ob sie ruhte. Hallstein konnte sich ganz dem Zauber dieser Nacht überlassen.“ S.74
„Außerdem verspürte er eine brennende Sehnsucht danach, herauszufinden, wie dieser Haarschopf roch. Eine Ahnung davon strich an ihm vorbei. »Lass mal riechen.« Er beugte sich vor. »Was riechen?« »Deine Haare, ob die gut riechen.« Sie belächelte sein Ansinnen nicht, war still und ernst. »Ja, das kannst du gern.« »Glaubst du nicht, es riecht wie Haar sonst auch?«, fragte sie noch, aber sie musste kein spöttisches Lächeln unterdrücken, das ihn allerdings auch nicht überrascht hätte. Sie beugte sich vor. Das Haar fiel ihr in die Stirn. Er schnupperte daran. Konnte nichts Besonderes feststellen. Es war aber ein großes Erlebnis. Der Duft ihres Haares stieg ihm entgegen, wie der Dunst aus den Wiesen steigt, zog vorüber wie nichts, war schon wieder verweht.“ S.77
„Hallstein dachte daran, dass dieser Mann einem anderen Menschen Unglück angewünscht hatte. Er tat ihm fast leid, aber das half nichts. Strafe ist nicht süß.“ S.81
„Während Hallstein sie betrachtete, quälte ihn die Angst vor dem bevorstehenden Verhör. Gleich war wohl er an der Reihe. Der Mann, der Sissel quälte, würde als nächstes ihn zur Rede stellen. Er schwitzte, er hatte Angst, Bauchweh.“ S.199
„»Niemand kann sich aussuchen, was über ihn hereinbricht.« Es stimmte schon, was der Mann sagte, man wird nicht gefragt. Aber diejenigen, die es einem auferlegen, was ist mit denen?, dachte Hallstein widerwillig. War das auch nur eine Nebensache? Kind, hat er gesagt, dieser Rastlose, der ihnen das Ganze ins Haus gebracht hatte.“ S.199
„Der rastlose Mann war überall und nirgends. Als letzte kamen Sissel und Gudrun zusammen mit der Hebamme. Der Mann plapperte. »Aus dem Haus wären wir dann also raus. Ja, ist ja jetzt vieles anders als gestern ... Nicht nur für mich ...« »Ja, ja«, sagte Karl, um ihn zu bremsen. Der Mann schaute sich um, nahm sozusagen den Morgen an diesem Ort in Augenschein. »Kristine ist in einer Frühlingsnacht gegangen. Ist das nicht eigenartig? Dass jemand in einer Frühlingsnacht gehen muss?«“ S.213
Niemand ist mehr derselbe nach dieser „zauberhaften“ Frühlingsnacht, so tiefgreifend, so umwälzend, dass man gewalthaft etwas von dieser Nacht mit in sein Restleben nimmt. Hallstein wird zum Mann, erfährt Liebe und Herzschmerz, Verantwortung und Trauer. Ein 14jähriger, der bislang noch nicht nicht ganz auf der Schwelle zum Mannsein, doch genau diese überschritten hat, Stunden später. Vesaas schafft es immer wieder eine Enge und Spannung Aufziehen zu lassen, so dass der Leser sich inmitten der Erzählung wiederfindet. Allein das Ende, so abrupt sie sein Anfang, so ausschleichend wie aufbauend, lässt vielleicht ein wenig mehr „pepp“ vermissen, wo doch die Geschichte selbst voller Spannungsspitzen war, voller merkwürdiger Charaktere. Und doch will es vielleicht genau das, wie das Leben selbst, vom Ende als einem beliebigen ausgehen, an dem sich alles normalisiert und das Leben danach weitergeht, mit nunmehr anderen Menschen, als sie es eben noch gewesen waren.
Tarjei Vesaas schreibt oft hintergründig, lässt auch gerne etwas im Verborgenen. In Das Eisschloss und Die Vögel gelingt ihm das auch äußerst gut. Doch was er mit Frühlingsnacht sagen will, weiß ich beim besten Willen nicht. In einem abgelegenen Haus irgendwo in Norwegen verbringen zwei Geschwister die Nacht allein, die Eltern sind zu einer Beerdigung gefahren. Da stehen plötzlich zwei Männer und zwei Frauen vor der Tür. Es handelt sich um einen Notfall, ihr Auto streikt und eine der beiden Frauen steht kurz vor der Entbindung. Die Männer übernehmen sofort das Kommando, erteilen den Kindern Befehle und benehmen sich wie die Hausherren. Telefon gibt es zwar, doch um diese Tageszeit ist die Zentrale nicht mehr besetzt. Im Auto befindet sich noch eine weitere Frau, die weder sprechen noch gehen kann. Nach einigen seltsamen Ereignissen und etwas merkwürdigem Verhalten, verschwinden die Besucher am nächsten Morgen wieder. Joa. Was ich jetzt davon halten soll, weiß ich auch nicht. Missfallen hat mir vor allem das Verhalten der Männer, die die Kinder (das Mädchen ist schon fast erwachsen) nicht zu Wort kommen lassen, sie rumkommandieren etc. Es wird gar nicht richtig um Hilfe gebeten, alles wird als selbstverständlich hingenommen. Insgesamt ein recht merkwürdiges Buch.
Least favorite bisher unter den Vesaas-Texten, leider. Natur & Mensch gelingt ihm immer so gut. Aber der Fokus NUR auf eine Menschengruppe - unangenehm zu lesen.
Wieder ein bezaubernder kleiner Roman von Vesaas. Eine Geschichte über das Erwachsenwerden, die Unverfügbarkeit der Welt und die Geheimnisse des Lebens. Sehr berührend.