Jetzt kann ich's dir ja sagen hat mich beim Stöbern direkt angesprochen. Wie wäre es, wenn plötzlich jemand voraussagt, dass man nur noch eine Woche zu leben hat? Diese Frage muss sich auch Lucy stellen, die für den ganzen "Esoterik-Quatsch" allerdings so gar nichts übrig hat. Erst nach und nach - als andere Voraussagen sich bewahrheiten - kommt sie ins Grübeln. Mir würde es auch so gehen und daher wollte ich das Buch sehr gerne lesen.
Der Roman wird von Lucy in einer Rückblende erzählt, so dass von Anfang an klar ist, dass sie natürlich nach der einen Woche nicht sterben wird. Lucy ist eine starke Frau, die einen Sohn hat, aber nie verheiratet war. Sie betreibt einen kleinen Laden in einer kleinen Stadt in England und lebt vor sich hin, als ihre Freundin ihr von einem Wahrsager berichtet. Lucys Reaktion auf den Wahrsager kann ich voll und ganz verstehen: Sie lehnt ihn komplett ab und glaubt nicht an das Übersinnliche. Ihrer Freundin Tam wird etwas prophezeit, dass sie sich schon lange wünscht und was Lucy davon hält, falsche Hoffnungen zu schüren, könnt ihr ja oben im Zitat lesen. Das Problem ist nur, dass Lucy am gleichen Abend ihr vermeintlicher Tod vorausgesagt wird und nach und nach alles eintritt, was sonst noch so prophezeit wurde. Lucy ist also gezwungen der Tatsache ins Auge zu blicken. Das dauert einige Zeit, in der sie über ihr Leben nachdenkt und berichtet, wie sie aufgewachsen ist und wie sie zu ihrem Sohn kam.
Ich finde den Entscheidungsprozess von Lucy durchweg gelungen. Erst nachdem sie praktisch gezwungen wird, zu glauben, stellt sie sich der Tatsache und beginnt ihr Leben aufzuräumen. Sie macht Dinge, die sie unbedingt schon einmal erleben wollte und geht völlig neue Wege. Alte Konflikte sollen beigelegt werden und der sympathische Ladenbesitzer von nebenan bekommt eine Liebeserklärung aufs Band, weil sie sich in all den Jahren nicht getraut hat, ihm ihre Liebe zu gestehen. Alle diese kleinen Episoden sind spannend zu verfolgen und meistens auch noch humorvoll, wenn Lucy ins eine oder andere Fettnäpfchen tritt. Ihre Eskapaden werden in Laufe der Woche immer größer, weil sie denkt, sie hat ja eh keine Strafe zu befürchten. Als normal denkender Mensch, der nicht mit seinem Ende rechnet, kann an über die Aktionen nur den Kopf schütteln, aber in ihrer Situation denkt man wahrscheinlich anders
Der Roman war völlig unvorhersehbar. Ich hatte keine Ahnung, was eine Seite weiter passiert. Daher machte das Lesen natürlich besonders viel Spaß. Außerdem war der Stil wirklich locker und einheitlich, was bei einem Autorenduo ja auch nicht immer sein muss. Hätte ich nicht zuvor gelesen, dass Annie Sanders für zwei Autorinnen steht, hätte ich es nicht gemerkt. Gut war auch, dass sich ernste Themen mit humorvollen abgewechselt haben, so dass nie über einen längeren Zeitraum eine traurige Stimmung aufkam, obwohl der nahende Tod an sich ernst und traurig ist.
Bewertung
Jetzt kann ich's dir ja sagen ist auf den ersten Blick eine leichte und lockere, mit Humor gespickte Geschichte. Allerdings klingen immer wieder auch die leiseren Töne an, in denen Lucy über ihr Leben nachdenkt. Insgesamt habe ich mich gut unterhalten gefühlt.