Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren - nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden - oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen...
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik sowie Germanistik studierte und heute als Übersetzer und freier Schriftsteller lebt. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman Indigo stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 und wurde mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2013 ausgezeichnet. 2014 erschien sein erster Gedichtband Die Vogelstraußtrompete.
Fangen wir in der Mitte an. Nach einer mutwillig naiven Inhaltsangabe der Zauberflöte beginnt Teil zwei mit einem Sonnenaufgang in Graz. Eine Frau liegt bewusstlos am Boden. Mehrere Male klingelt es unter der Frau auf dem blutgetränkten Asphalt. Mütter ziehen ihre Kinder weiter. Nicht anfassen. Ist vielleicht schmutzig.
Man würde jetzt gerne wissen, wer die Frau ist, die da in ihrem Blut liegt. Und da sitzt der rote Hund unter dem Auto, womit die Sache schon klarer wird. Gerald, ein kleiner Junge, hat den Vorfall mit seinem neuen Handy gefilmt, dessen Kamera mehr Pixel hat als Österreich Einwohner.
Ein Kapitel heißt "Der Riss". Alex erinnert sich, dass der Riss in seinem sechsten Lebensjahr aufgetaucht war. Er erschien eines Morgens plötzlich an der Kellerwand und erstreckte sich über die ganze Wand hin bis zu einem alten Regal. Mit dem Riss begann für Alex' Vater auch im übertragenen Sinn alles zu bröckeln, er wurde komplett aus der Spur geworfen.
Der Riss wäre auch ein passender Romantitel, denn hier sind alle aus der Spur. Alle haben ihren - mehr oder weniger aufsehenerregenden Riss, sei es ein Unfall, ein Tinnitus, eine Trennung, der plötzliche und unerklärbare Verlust von Frauchen oder ganz banal, man weiss nicht, was man sein möchte.
- Und besonders unerträglich sind diese ganzen Scheiß Identitätsfetischisten, die sich an so einem Scheiß wie Kulturtheorie oder Lit'raturwissenschaft aufgeilen und für die das Größte im Leben ist, wenn man ein Problem mit der eigenen Identität hat.
Alles hängt mit allem zusammen. Auch Alex, Walter, Gabi, Wolfgang, Lydia, Valerie, Gerald, die Eltern von Alex und Walter, Ulyana, Messerschmid, alle verbindet ein vertracktes Netzwerk aus Beziehungen, das der Leser Stück für Stück entwirrt, während die Figuren aneinander vorbei reden, laufen oder handeln. Sie kommunizieren zwar, nur eben auf unterschiedlichen Frequenzen, jeder auf seiner eigenen. Das klassische Kommunikationsmodell versagt, es gibt ausschließlich Sender. Alex spricht zwei ganze Kapitel lang in sein Handy, nur auf der anderen Seite ist niemand. Ist die andere Seite vorhanden, hört sie nicht zu. Man missversteht sich, man macht sich Vorwürfe, dass der andere einem Vorwürfe macht, die der eine absichtlich nicht verstehen will. Sätze brechen mitten im Satz ab. Unvermittelt wechselt das Thema. Kurz gesagt, die Dialoge sind großartig, so ziel- und zwecklos wie so oft im echten Leben, in der Familie oder im Beruf. Kein kreativgeschulter Autor würde auf die Idee kommen, solche sinnlosen Dialoge zu schreiben.
Gerald möchte Alex immer wieder das Video zeigen, doch Alex will es nicht sehen, Gerald nervt mit seinem Handy. Alex wird nie erfahren, was passiert ist. Das Prinzip von Ursache und Wirkung ist allgegenwärtig und als Leser sehen wir zwar nicht alle, aber immer mehr Zusammenhänge. Alex, Walter oder Gabi sehen die Ursachen nicht, schon gar nicht Ulyana, die kleine rote Hündin. Sie spüren nur die Wirkung, sehen sich dem Zufall ausgeliefert wie Kugeln in einem Flipper. Setz ist der Spieler und wir schauen zu.
Je detailreicher die Dinge unter dem Mikroskop daliegen, desto schwieriger ist es, klare Antworten auf ihre stumme Existenz zu geben. Der moralische Aspekt des Lichteinfalls ist im Grunde gleichbedeutend mit der Anwesenheit des Autors in einer Geschichte, also der Anwesenheit Gottes. Was?
Gott ist tatsächlich anwesend, Alex trifft seinen Schöpfer im dritten Teil auf der Hochzeit seines Vaters, natürlich erkennt er ihn nicht - wer außer einer aufmerksamen Leserin erkennt schon Gott inmitten einer Hochzeitsgesellschaft.
Ein junger, ernster Mann mit Brille. Er fühlte sich auf Hochzeiten nie wohl, da sie ihn an Kinderkriegen und das uralte Elementarproblem von Vater und Sohn erinnerte, über das er so lange nachgedacht hatte, bis er schließlich einen quirlig-verzweifelten Roman darüber geschrieben hatte.
Sein zweiter Roman, dieser hier, besteht aus zahlreichen relativ kurzen Kapiteln, die jeweils aus der Sicht einer der Figuren geschrieben sind. Jedes ist stilistisch anders. Neben herkömmlichen Handlungssequenzen wechseln Dialoge, Monologe, Träume, Erinnerungen an die Kindheit, Gedankenströme oder Ausschnitte aus dem Konversationslexikon der Jenseitsmythen. Ganz groß die Perspektive der kleinen Hündin Ulyana oder der Bewusstseinsstrom von Messerschmid im Wachkoma.
Mit unbändiger Fantasie, einer messerscharfen Beobachtungsgabe und geradezu unglaublichen Sätzen setzt Setz den übererregten Nerv unserer Zeit in Szene. Er bildet unseren alltäglichen und so banalen Wahnsinn wie mit dem Scharfzeichner ab. Die Sprache ist Setz-typisch einzigartig, voller versponnener Formulierungen, verrückter Metaphern und anderen Überraschungen. Wie schon seine anderen Romane ist auch dieser ein Ausnahmestück und lässt vieles, was heute an deutschsprachiger Literatur angepriesen wird alt aussehen.
Der Wind warf ein einzelnes Zeitungsblatt hin und her. Es klatschte gegen eine Mauer, blieb kurz daran kleben, stürzte dann Hals über Kopf weiter und ohrfeigte eine Straßenlaterne. Irgendwann verlor der Wind das Interesse an dem Blatt und ließ von ihm ab; es blieb still zwischen anderem Straßenmüll liegen.
In "Die Frequenzen" schreibt Setz über Alexander und dessen Freund Walter aus Kindertagen, die sich in ihren Zwanzigern nach einigen Jahren wiederbegegnen. Beide verbindet die Beziehung zur Therapeutin Valerie, Walter in beruflicher Hinsicht, Alexander in privater, in Form einer Liebesbeziehung. Alexander ist nebenher auch noch irgendwie mit seiner Langzeitfreundin Lydia zusammen und innerlich auch noch stark mit dem in seiner Kindheit verschwundenen Vater beschäftigt. Walter scheint eher mit Selbstfindung im Allgemeinen beschäftigt.
Die Geschichte wird durch viele sehr Lose miteinander zusammenhängende Erzählstränge und mit häufigen Perspektivwechseln erzählt. Der Plot (sofern man überhaupt von Plot reden kann bei diesem Buch) ist stellenweise verwirrend und einzelne Erzählstränge werden auch (scheinbar) einfach nach einer Zeit wieder fallengelassen. Der Roman wird bereichert durch eingeschobene Kapitel, die in Form eines Theaterstückes, eines Zeitungsartikels oder aus der Perpektive einer streunenden Hündin erzählt werden.
Beim Lesen hatte ich mehr und mehr das Gefühl, dass es weniger um das Erzählen einer Geschichte geht, als viel mehr um die Lust des Autors am Schreiben. Die Handlungsstränge scheinen mir in der Hauptsache ein Gerüst zu sein. Eines, in das Setz seine verhaltensoriginellen Protagonisten setzen kann, in dessen Köpfe wiederum skurril-komische Gedankengänge untergebracht werden können. Und auch bietet es dem Autor Raum, seine Ideen für absurde und verrückte Situationen und Szenen umzusetzen.
Das könnte man kritisieren. Tue ich nicht. Ich liebe es!!!!!! Setz Kreativität, seine Sprach- und Formulierkunst, seine Bilder sind ein großes Geschenk an den Leser. Ich wusste es in jeder Sekunde des Lesens zu schätzen.
Clemens J. Setz ist, wie auch dieses frühe Werk schon zeigt, sehr zu Recht zum Büchner-Preisträger erwählt worden (übrigens wurde er anlässlich dessen gerade im FAZ-Bücherpodcast interviewt, sehr hörenswert).
Gefiel mir besser als Söhne und Planeten, oft ein paar sehr hübsche, poetische Wortsetzungen oder Bilder, aber mir kams psychologisch zu undifferenziert vor, die meisten der Figuren sind für mich, mit oder ohne Kontext, schwer zu unterscheiden gewesen, keine von ihnen wirklich einnehmend. Das Grundthema, Vater-Sohn-Beziehung, Verantwortung und Flucht, ist auch nicht unbedingt mein Interessensgebiet, dafuer kann der Autor nichts. Die Technik verschachtelter Episoden ist natuerlich ganz reizvoll, "wandering rocks" neben dem Vater/Sohn-Thema die zweite Ulysses-Anspielung, die mir aufgefallen ist.
Kein schlechtes Buch, mir wars nur zu, das klingt jetzt blöd, aber: männlich (nicht machistisch).
Leicht macht es einem dieser Ziegel von einem Buch wirklich nicht, aber Setz gelingt es, durch unendliche formale Vielfalt und das gelungene Jonglieren zahlreicher Handlungsstränge zu überzeugen. Wovon das Buch handelt, ist schwer zu beschreiben, am ehesten könnte man sagen, es zeigt wie unterschiedliche Menschen mit ihrem individuellen unvermeidlichen Scheitern an der Welt umgehen und wie sie darauf reagieren, mit Gewalt, Psychotherapie oder Ohrgeräuschen... Sehr empfehlenswert!
100 Seiten vor Schluss war’s mir dann doch zu viel und ich habe das Buch nach zu langem Leiden weggelegt: trotz teilweise großartiger Sprache, Bilder und Metaphern ist ‘Die Frequenzen’ insgesamt eine langweilige Zumutung. Nicht etwa, weil zu wenig Handlung drinsteckt (ich lese gerade parallel die ähnlich handlungsarme Strudlhofstiege und bin einigermaßen begeistert), sondern weil ich viel zu oft schon innerhalb der glücklicherweise sehr kurzen Kapitelchen verloren gehe. Und im nächsten Abschnitt geht die Qual schon wieder los. Und: es geht dann meines Erachtens doch um gar nix, nicht verkorkste Eltern-Kind-Beziehungen, nicht irgendwelche Charaktere: das Ganze eine 700-seitige Fingerübung im Sprachbildermalen.
Sprachlich und stilistisch wirklich hervorragend mit ganz vielen Genussmomenten, gerade zu Beginn des Buchs. Mit fortschreitender Dauer wurde es mir dann aber zu hardcorepornografisch und vor allem viel zu explizit bei den ständigen Ejakulationen. Da hatte ich trotz aller anfänglichen Begeisterung einfach in der Mitte keine Lust mehr.
Wirkt wie nach Einem Lehrbuch literarischer Stilmittel geschrieben. Der Overkill an Vergleichen, Metaphern, etc. Erscheint künstlich und streberhaft. Zur Geschichte selbst fand ich nur selten Zugang. Alles scheint sich wie auf der anderen Seite einer Glaswand abzuspielen.