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Das Treiben in einem Harem hat wenig mit den erotischen Phantasien zu tun, die in fast jedem Gehirn eines europäischen Mannes herumgeistern, obwohl die Frauen dort tatsächlich den lieben langen Tag an fast nichts anderes denken, als an die sexuelle Befriedigung ihrer Männer. So extrem widersprüchlich das Land und seine Religion sind, so schwankend sind auch die Gefühle der Berichterstatterin während ihres zweijährigen Aufenthalts.
Die dunkle Seite der saudischen Kultur muß auf einen Europäer unheimlich und beängstigend wirken. Gründlich sorgt die allgegenwärtige Sittenpolizei, die vergleichbar ist mit unserer mittelalterlichen Inquisition, jährlich für über hundert Hinrichtungen. In den Zeitungen wird großzügig mit einem fetten schwarzen Filzer herumgefuhrwerkt -- nicht mal das Dekolleté von Lady Di darf zu sehen sein. Frauen müssen mit langen Gefängnisaufenthalten rechnen, falls sie es wagen, einen Fußknöchel zu zeigen oder mit einem Mann ein Wort zu wechseln. Der hellen Seite dagegen haftet tatsächlich etwas äußerst anziehendes und paradiesisches an. Der überströmende Reichtum, die Trägheit und Sorglosigkeit, der herzliche Zusammenhalt unter den Frauen, die blitzblanke Sauberkeit in den Städten und das Fehlen jeglicher Armut klingen verlockend. In Luxusflugzeugen reisen die Ölprinzen und- prinzessinnen über die Kontinente. Die Liebe zu ihren Kindern ist beispielhaft. Das enge und verantwortungsvolle Zusammenleben in den Großfamilien kann man mit dem Umgang in unseren instabilen Kleinfamilien lange nicht vergleichen.
Bei allen strengen Sitten und Einschränkungen, denen sich die Erzählerin während ihres freiwillig gewählten Exils unterwerfen mußte, bleibt der Grundtenor ihrer Erfahrungen sehr positiv, und so resümiert sie, daß das Leben in einem Harem süß wie die Datteln ist. Obwohl reichlich mit orthographischen Fehlern gespickt, was dem Inhalt zum Glück keinen Abbruch tut, eröffnet uns dieses Buch einen außergewöhnlichen Einblick in eine Welt, die uns immer wieder suspekt erscheint, wenn uns auf heimischen Straßen ein unter schwarzen Schleiern verborgener Blick streift, und erreicht, daß etwas von der Fremdheit, die sich wie eine tiefe Kluft zwischen uns und dem Islam auftut, verschwindet. --Daphne Großmann
283 pages, Hardcover
First published January 1, 1996