“Es ist ein über alle Maßen befriedigendes Gefühl, sich eine negative Voreingenommenheit durch tieferes Kennenlernen bestätigen zu lassen.“
Maximilian Krach ist reich, stilbewusst und erfolgreich – ein echter Wolf, der über den Schafen dieser Welt steht. Er nimmt sich, was er will, er investiert, er tradet, er kauft. Über 100.000 Menschen folgen ihm auf Instagram, wo er Bilder seines Wohlstandes und Wortgrafiken (goldene Schrift auf anthrazitfarbenem Hintergrund, na klar) teilt.
Um das Geheimnis zu seinem Erfolg Auserwählten weiterzugeben, hat er die Firma Krach Consulting gegründet, ein Mentoringprogramm für junge Männer, die wie er echte Wölfe werden wollen. Mit dem richtigen Mindset ist alles möglich.
Mirko ist unzufrieden – der gelernte ITler einer namenlosen großen Firma in Bielefeld ist genervt von seinem monotonen Job, seiner tristen Wohnung und dem nicht vorhandenen Sozialleben. Als er bei Instagram auf einen gesponserten Post von @krach-consulting stößt, ist er sofort interessiert: ein Wolf will er werden! Und es den Schafen um sich rum mal so richtig zeigen. Erfolg liegt auf der Straße, lernt er bei seinem ersten Seminar von Krach. Man braucht dafür nur das richtige Mindset.
Yasmin ist Rezeptionistin im Holiday Inn Mülheim an der Ruhr. Ein langweiliger, aber auch ein entspannter Job. Heute allerdings ist der Tagungsraum 1 (einen Tagungsraum 2 gibt es nicht) von einer Truppe Jungspunde in zu engen Anzügen belegt, angeführt von einem Blender namens Maximilian Krach. Zuerst ist die sonderbare Gruppe nur ein unangenehm-lächerlicher Punkt auf der Tagesordnung ihrer Lohnarbeit, doch als Krach auch nach mehreren Wochen die Gebühr für den Tagungsraum nicht zahlt, kommt sie ins Grübeln und beginnt zu recherchieren…
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Joa, wie erwartet.
Die Sache bei erfolgreichen Twitterern, die ein Buch schreiben, ist halt immer, dass sie normalerweise so unter Druck stehen, die Pointe auf 280 Zeichen zu bekommen, dass es ihnen dann schwerfällt, das im Buch etwas zu ziehen. Die meisten dieser Twitter-Bücher sind 200-300 Seiten lang und haben dabei reicht große Zeilenabstände.
Das führt hier zu folgendem Problem: Die Figuren sind gut ausgedacht und so beschrieben, dass man sie im Kopf leicht mit Leben füllen kann. Trotzdem hätte es mir besser gefallen, wenn wir mit ihnen noch etwas mehr Zeit hätten verbringen können, um sie besser kennenzulernen. Wie sieht ihr Alltag aus? Was tun sie? Sie müssen doch auch außerhalb der Haupthandlung und ihrem Zweck darin irgendwelche Interessen und Eigenschaften haben.
Das Buch ist witzig, so wie Hotzo eben auch auf Twitter witzig ist. Auf eine längere Geschichte gezogen wirkt das Ganze jedoch sehr dicht – fast so, als müsse alle 280 Zeichen ein Lacher kommen. Witzige Bücher finde ich super, aber hier hat man kaum einen Augenblick Zeit, drüber nachzudenken: Es kommt sofort der nächste Aufbau für den Gag. Auch deshalb hätte ich die Story vielleicht etwas gestreckt.
Die Handlung selbst ist eher simpel: ein Mindset-Coach, der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Erfolg zu faken, ein Opfer, das auf sein Mentoring hereinfällt, eine selbstbewusste junge Frau, die in einem Dumpingjob ohne Aussichten auf berufliches Weiterkommen gefangen ist. Die Wege der drei kreuzen sich irgendwo und wozu das alles führt ist auch recht früh abzusehen.
Grundsätzlich finde ich es gut, dass diesen komischen Mentoringleuten mal eine ausführlichere Geschichte gewidmet ist. Ist ja echt ein sehr spezieller Schlag Mensch, ich denke, jeder, der mal einen Freund oder Bekannten (absichtlich nur maskuline Form) hatte, der irgendwie auf irgend so ein Programm reingefallen ist, weiß, wie nervig die dann plötzlich werden. Mir persönlich sind da auch keine Erfolgsgeschichten bekannt, sondern nur junge Männer, die eine Zeit lang für diese sektenartigen Gruppen brannten und wo man dann am Ende doch nie wieder was über diese Zeit hört.
Von mir bekommt das Buch Pluspunkte für die Charaktere, den Witz und die Gesellschaftskritik, die Story selbst hätte aber besser ausgearbeitet werden können. Außerdem war mir das Ende etwas zu dünn. Versteh schon, worauf er rauswollte, aber ich fands als Leserin nicht zufriedenstellend.
Hab’s als Hörbuch gehört – gelesen vom Autor, hat gut gepasst.