Inmitten der Moderne Tel Avivs, sucht Lilly ihre eigene Körperlichkeit. Sie schwankt dabei zwischen Objekt und Subjekt, sie wird begrabscht durch ihren Zahnarzt und Chef. Sie streift nächtens durch die Stadt auf der Suche nach Sex mit ihrer 112kg Körperlichkeit. Sie brennt in Liebe zu einem japanischen Philosophen, dies und jenseits seiner Transidentität. Und schließlich über das von diesem geschenkte Tigerbaby, eine Form von Mütterlichkeit, die sie nicht nur selbst wortwörtlich körperlich zum Tiger werden lässt, sondern auch eine Lust zu gewinnen - besser vielleicht ihre unersättliche und überbordende Lust zu stillen -, die sich bereits das Raubtier vorahnend körperlich einschrieb.
(Am liebsten würde ich dir jetzt mit Zähnen und Klauen deinen besudelten Anzug vom Leib reißen, deinen Körper verschlingen, jeden Winkel mit dem Gift meiner Zunge verseuchen, dich zwischen meinen Schenkeln ertränken und deine Männlichkeit aus dir heraussaugen, bis selbst der bittere Geruch, der deinem Nacken entströmt, restlos bei mir eingezogen ist.) Ich schenkte ihm einen Unschuldsblick. (165)
Zentral sind nicht nur in dieser Szene Zähne. Auch ihre beste Freundin, obgleich schlangengleich und sich windend, jedem einen blasend der sie darum bittet, ist über den völligen Verlust ihrer Zähne und den Ersatz derselben durch den misshandelnden und tötenden Mann, in eine schuldende Abhängigkeit geraten. Lilly schafft es nach ihrer Ermordung in Folge der allüblichen häuslichen Gewalt, diese umzukehren, ihm aufzulauern und ganz Tiger werdend ihre Freundin (nicht ohne Lust) zu rächen.
Ich lege die Ohren an, bis sie ganz flach am Schädel liegen, zeige die Eckzähne bis zur Wurzel. Er dreht sich um. in Seiner Brille spiegelt sich mein grausames Grinsen. Ich schinde Zeit. Vielleicht bleibt ihm vor Angst das Herz stehen. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um auf Risiko zu spielen. Meine Schultern spannen sich, meine Hinterbeine drücken mit voller Kraft gegen den Boden. Ein Sprung, und er liegt flach auf dem Rücken, und ich packe seinen Hals und reiße ihm den Adamsapfel und alles drum herum heraus. (351)
Zähne und die Stärke derselben sind, vielleicht analog zu der Vorstellung der klassischen Traumdeutung, dass das Ausfallen derselben Verlust schlechthin symbolisiere, in ihrem ganz entgegengesetzten Wachstum die Überwindung der eigenen Schwäche und Misshandlugen, aber auch des familiären Shoah-Traumata. Etwas, das sich nicht zuletzt auch in ihrem Frau-Sein so wiederholt hat. Der Ansatz unterscheidet sich von dem ihrer, mit positivem Bezug versehenen Großmutter, deren Erlösung nicht in der eigenen Form lag, sondern im Hoffen auf den Kommunismus und das auch noch nach dem Niedergang der großen Sowjetunion.
"Was du brauchst", sagte sie, "ist eine Arbeit. Rabota, rabota, rabota, tak mily Iljitsch saweshtschal - Arbeit, Arbeit, Arbeit, das ist das Vermächtnis unseres lieben Vladimir Ilitsch Lenin. Arbeiten hilft gegen alles. Du musst arbeiten statt herumzulkiegen und zu leiden. Anna Karenina ist schon geschrieben, du hast dem Thema nichts hinzuzufügen." (113)
Ein wenig unschlüssig bin ich mir, wie sehr die körperliche Transformation - man kennt es von nicht wenigen jüdischen Autoren; besonders von Kafka oder auch Moacyr Scliar fiel mir beim Lesen sehr unmittelbar ein - ins Tierische gelungen ist. Der letzte Schritt des Selbstverlustes bleibt dafür ein wenig zu vage, aber die Linearität der Entwicklung und die rückbezogene Anlage auf diesen Wandel sind gelungen und somit natürlich nicht überraschend.