Über den Sinn des Buches:
- "Afrotopia ist eine aktive Utopie, die es sich zur Aufgabe macht, die gewaltigen Möglichkeitsräume innerhalb der afrikanischen Wirklichkeit aufzustöbern und sie fruchtbar werden zu lassen." (S. 15)
- "Der afrikanische Kontinent ist vielfältig. [...] Die Nationen [teilen] dasselbe Schicksal. Sie stehen vor denselben historischen Herausforderungen, haben die selbe jüngere Geschichte, sind aber vor allem auch in dem Punkt eines Afrika geeint, das wieder über sich selbst herrschen, sein eigener Leitstern werden soll." (S. 27)
- "Es gilt also, Gesellschaftsprojekte zu entwickeln, die den materiellen, aber auch den kulturellen und spirituellen Bedürfnissen der Individuen gerecht werden. [...] Es gilt, Gesellschaften aufzubauen, die für die Menschen, die in ihnen leben, einen Sinn ergeben." (S. 28)
Über die historische "Entwicklung" Afrikas:
- "Um Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu organisieren, sollten sie sich in institutionelle Formen kleiden, die aus der mehrtausendjährigen Geschichte eines anderen Erdteils hervorgegangen sind. [...] Man hat sie in gesellschaftliche Formen eingewickelt, die ihnen nicht entsprechen." (S. 23)
- "Kann man sich vollständig verwirklichen im Modus der Nachahmung, der Übernahme von aufoktroyiertem und der Orientierung nach aussen? Unter der Vorgabe, gesellschaftliche Strukturen, Mentalitäten, Sinnzusammenhänge, und Werte anzunehmen, die nicht Ergebnis einer Verwirklichung der eigenen Potenziale sind? Die Antwort lautet natürlich nein." (S. 24)
- "Der afrikanische Mensch der Gegenwart ist hin- und hergerissen, zwischen einer Tradition, mit der er nicht mehr vertraut ist, und einer Moderne, die ihn von aussen befallen hat wie eine zerstörerische, entmenschlichende Gewalt." (S.35)
Voraussetzungen und Annahmen für die Realisierung der Utopie
- Genuin demokratische Kultur (S. 45)
- Dafür wiederum braucht es zwei Ressourcen: Autonomie und Souveränität über die Zeit (S. 46)
- "Komplexe, dynamische Systeme wie sie Gesellschaften sind, weisen die Eigenschaft der Zielgleichheit auf, das heisst sie können auch bei unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zum gleichen Ergebnis gelangen." (S. 60)
- Qualitative Verbesserung des Lebens benötigt Wirtschaftswachstum. Das wiederum benötigt eine entschlossene Agenda der öffentlichen Hand. (S. 64)
Besonderheiten Afrikas
- "Dualismus von Systemen, die sich auszeichnen durch das Nebeneinander einer als formell bezeichneten Ökonomie einerseits und einer volkstümlichen, soziokulturell fundierten und als informellen bezeichneten Ökonomie andererseits." (S. 65)
- "Meine These lautet, dass eine Artikulation der ökonomischen und kulturellen Ordnungen, die es vermeidet, deren jeweilige Zwecke durcheinanderzuwerfen, zu einer stärkeren Kohärenz des Gesellschaftsprojekts führt." (S. 67)
- "Der 'Homo africanus' ist kein 'Homo oeconomicus' im strengen Sinn. Die Motive seiner Entscheidungen sind geprägt von Logiken der Ehre, der Umverteilung, der Substinenz und der Gabe beziehungsweise Gegengabe. Zahlreiche Tätigkeiten haben ihren Ort ausserhalb des Marktes, sei es im Bereich der Primärsozialisierung (Familie, persönliche Beziehungen) oder in dem der sekundären (das Gesellschaftssystem, in dem der Imperativ der Grosszügigkeit gilt)." (S. 77f.)
- "Die traditionellen afrikanischen Gesellschaften [folgten] einer bestimmten Auffassung von kollektiver Wohlfahrt sowie [...] der Vorstellung einer der Gemeinschaft dienenden Ökonomie. Diese Wirtschaftssysteme sind von einer kapitalistischen Ökonomie erodiert worden [...]." (S. 80f.) Bestimmte afrikanische Werte müssen rehabilitiert werden: "jom (Würde), Gemeinschaftlichkeit, téraanga (Gastfreundschaft), kersa (Bescheidenheit, Gründlichkeit), ngor (Ehrgefühl)." (S. 156)
Was nun
- Es braucht Heilung und Rückgewinnung der Selbstachtung
- Es braucht eine Rückbesinnung auf die afrikanischen Sprachen (S. 105; siehe auf Fanons Black Skin, White Masks)
- Es braucht self-apprehension (Soyinka): "Das Erfassen seiner selbst durch sich selbst, ohne die Bezugnahme auf den anderen" (S. 109)
- Es darf keine Hegemonie westlicher Denktraditionen geben (S. 116), es darf gar keine Hegemonie einer
- Es braucht die Freiheit sich der Episteme anderer zu bedienen (S. 116)
Die letzten vier Seiten sind eine gute Zusammenfassung (S. 153-165). Das Buch schliesst mit "[Es] bedarf einer tiefgreifenden Kulturrevolution. [...] Am Tag der Revolution wird Afrika, wie zur Zeit der ersten Morgenanbrüche, wieder das spirituelle Zentrum der Welt sein." (S. 156)
Gutes Beispiel: Japan nach der Meiji-Zeit, aber auch nach Hiroshima und Nagasaki (S. 44)