So beeindruckend ich Stefan Zweigs autobiographisches Werk "Die Welt von Gestern" auch fand, wird seine Persönlichkeit, sein Charakter, ja sogar seine tiefere Gefühlswelt für mich erst durch diese gelungene Zusammenstellung der Korrespondenz zwischen ihm und seiner ersten Gattin, Friderike Winternitz, greifbar.
Zudem erfuhr ich viel Wissenswertes über den Alltag Zweigs - bedenke man die manuelle Leistung, derart viele Briefe handschriftlich zu verfassen, neben seiner eigentlichen enormen schriftstellerischen Arbeit, seiner regelmäßigen gesellschaftlichen Präsenz und kulturellen Aktivitäten.
Der historische Zeitrahmen beginnend mit den drohenden Gewitterwolken des Ersten Weltkrieges, weiterführend durch die Jahre des Wiederaufbaus, der Weltwirtschaftskrise und der unheilvollen Machtübernahme Hitlers bis zu deren apokalyptischen Folge, verleiht diesen Briefverkehr einen zusätzlichen Reiz. Worüber ich mich zudem amüsierte, wie Zweig die damals zur Mode werdende Radiohörerei verachtete und seine eigene Frau zur "Radiotin" wird. Außerdem entdeckte ich hier und da für mich herrliche Wortkreationen wie "Jammerpepi" und "Mastdarmtourist".
Dieses Buch lohnt sich somit schon allein wegen seiner hohen literarischen wie historischen Qualität. - Den beiden Herausgebern sei Dank für ihr mühevoll zusammengefügtes Puzzle, das ein beinahe nahtfreies biographisches Bild von Stefan Zweig in jenen Jahren ergibt.