2024 scheint das Jahr der Re-Lektüren zu werden. Hat sich bisher der bestehende Eindruck wieder gelesener Bücher bestätigt, so muss ich mein ursprünglich ausschließlich positives Urteil hier - 5 Jahre später - etwas relativieren.
Der Autor hebt mit einer apokalyptischen Diagnose an: Die Vielfalt stirbt! Sowohl die Tier- und Pflanzenarten als auch Sprachen und regionale Kulturen verschwinden, Städte gleichen sich an. Einzig Konsumprodukte werden vielfältiger, jede Nische wird bedient. Als Gründe werden die kapitalistische Wirtschaftsweise, die Globalisierung und Industrialisierung angeführt - kurz: die Moderne. Dieser im Brustton der Überzeugung vorgetragene Befund wird durch eine andere Beobachtung ergänzt: Die Welt sei uneindeutig und diese Widersprüchlichkeit würde vom Menschen zu wenig ausgehalten - es fehle an Ambiguitätstoleranz.
Dies äußere sich in zwei, sich nur oberflächlich widersprechenden Charakterdispositionen: Fundamentalismus und Relativismus. Ersterer strebt nach Eindeutigkeit und kann abweichende Meinungen nur als Ketzerei verstehen. Letzterer hingegen erkennt alle Meinungen als gleichermaßen gültig - als gleich-gültig - an. Beides sind Strategien, die Ambiguität, die Vieldeutigkeit, abzulehnen. Durch Fundamentalismus wird sie vernichtet, durch Relativismus ignoriert, bzw. schlichtweg nicht zur Kenntnis genommen.
Das Paradox dabei: Im Beklagen der Vereindeutigung der Welt zeichnet der Autor selbst ein sehr eindeutiges, plakatives Bild der Welt. Das Analysieren der Bereiche Religion, Kultur und Politik mit den Schablonen Fundamentalismus/Relativismus bzw. Eindeutigkeit/Bedeutungslosigkeit funktioniert zwar und liefert interessante Erkenntnisse; differenziert und mehrperspektivisch sind diese aber kaum - das gilt insbesondere für die politische Sphäre. Gerade diese klaren Erklärungsmodelle, die durch Komplexitätsreduktion entstehen, regen aber zum Nachdenken an, wenn sie mit ähnlich gearteten Modellen verglichen werden. Als alleinige Welterklärung taugen sie nicht.
Die größte Schwäche sehe ich darin, dass die Größe der Ambiguitätstoleranz in einer Gesellschaft - die Fähigkeit zum Aushalten von Mehrdeutigkeit und Widersprüchen - als unabhängige, selbst nicht weiter erklärungsbedürftige Variable gesetzt wird. Aus der jeweiligen Ausprägung dieser Variable sollen sich dann allerlei Charakteristika der Gesellschaft ableiten lassen, so bspw. ihr Verhältnis zur Religion. Hier erscheint Ambiguitätstoleranz als primäre Kraft, was reichlich unterkomplex ist. Es müsste doch weiter gefragt werden, WARUM Gesellschaften mehr oder weniger ambiguitätstolerant sind. Mit Blick auf die islamische Welt wird implizit ein Grund geliefert: Das sich-Befinden in einer "unterdrückten", kontra-hegemonialen Position, was die Ausbildung klarer Identitäten mit Mobilisationspotenzial notwendig mache. Das ist erstmal plausibel, allerdings wird auch der Westen des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts als ambiguitätsintolerant gekennzeichnet, was dem obigen Erklärungsansatz widerspricht, da der Westen gerade zu jener Zeit global hegemonial war. Stattdessen müsste mMn der Einfluss moderner Technik auf das menschliche Bewusstsein untersucht werden - das bleibt leider unbeleuchtet.
Sehr stark ist hingegen die nur knapp 10-seitige Authentizitätskritik des Autors: "Authentisch ist der Mensch offensichtlich nur dann, wenn er sein Inneres, seine vermeintlich unverfälschte Natur, ungefiltert nach außen stülpt. Und das bedeutet letztlich: Authentizität ist das Gegenteil von Kultur." So prägnant habe ich den konservativen Teil meiner Überzeugungen selten formuliert gesehen. Eine Welt, in der sich alle so verhalten, wie sie "wirklich" sind, ist eine Dystopie. Es braucht Erziehung, kulturelle Einübung, Distanz zu sich selbst, Formgebung. Fehlt diese Stabilisierung der Person durch Rollenbilder, ist der Mensch nicht etwa frei, sondern weiter auf Stabilität und Identität angewiesen, die er nun woanders findet: Im Konsum milieu-spezifischer Produkte, in moralischen Überzeugungen, bürokratisch-staatlichen Apparaten usw. Ich-Befreiung und Ich-Unterwerfung gehen Hand in Hand. In diesem spezifischen, kulturalistischen Sinne teile ich die Kapitalismuskritik des Autors, die allerdings an anderen Stellen etwas plump gerät. Wenig überraschend übt er auch Kritik an rechter (ethnischer) und linker (sexueller) Identitätspolitik, kann da aber keine neue Perspektive aufwerfen.
Ich wurde angeregt, noch intensiver über den Grund meiner eigenen philosophischen, weltanschaulichen, politischen Positionen zu reflektieren. Einerseits: Ich will meine Identität nicht auf Ressentiment bauen. Andererseits, unbestritten: Ich störe mich an der großen Gleichgültigkeit in der Moderne. Bin ich also mit meiner Sehnsucht nach Schönheit und Idealen, nach Transzendenz, nur die Kehrseite des beklagten Relativismus - nämlich fundamentalistisch?
Das Buch schließt mit einer kulturpessimistischen und technikskeptischen Beschreibung der Gegenwart: "Ideal ist der schwitzende, authentische, ambiguitätsfreie Maschinenmensch, der selbstoptimiert im kapitalistischen Verwertungsprozess völlig effektiv funktioniert." Konstruktiv ist das freilich nicht und es fehlt der Blick für das Vernünftige im Wirklichen; der Grundtendenz aber stimme ich zu.