An sich mag ich die Idee eines Buchs über Klimaschutz mit vielen Illustrationen sehr. Neben übertrieben umständlichen Formulierungen hat das Buch für mich aber sehr darunter gelitten, dass es so eine pro-kapitalistische Ideologie hat. Ich glaube nicht an grünen Kapitalismus und erst Recht nicht an kapitalistische Klimagerechtigkeit. Sicher ein Buch, aus dem ich einiges gelernt habe, aber ich brauche definitiv noch etwas systemkritischere Lektüre als Ergänzung.
Das Buch ist so hilfreich wie zwiespältig. Zwei junge Ökonomiestudenten vom Bodensee stellen knapp und von vielen bunten Grafiken veranschaulicht den Wissensstand zum globalen Klimaproblem (auf dem Niveau von etwa 2020) zusammen. Das sieht sehr niedlich, locker, schnell zu lesen und schön verständlich aus, hat aber diverse Tücken in der Machart.
Man wundert sich schon mal wegen dem quadratischen Buchblock. Der mich dann auch immer wieder störte, denn ich hatte das Buch in einen Stapel diverser Bücher eingeschoben, deren Lektüre ich täglich wechselte, indem ich immer das oberste griff und, nachdem ich ein paar Seiten gelesen hatte, es unter den Stapel zurück schob. Dabei brachte dieses kleinformatige Quadrat den Turm bisweilen doch ans Wackeln. Auch merkte ich bald, dass man dieses Buch nicht nur einmal lesen kann und dann gut. Es steckt so voller komprimierter Zahlen, Schaubilder, deren Gehalt man, angesichts ihrer oberflächlichen Niedlichkeit, zum Teil erst nach gehörigem Sich-Versenken begreift, dass ich schließlich fand, ich lege es wieder unten drunter und lese es von vorne noch einmal, wenn es dann wieder oben ist. Insgesamt habe ich es vier Mal gelesen und ich habe wirklich bei jedem Durchgang Dinge gesehen, zu denen ich bei Blindbefragung geschworen hätte, das wusste ich gar nicht, davon habe ich noch nie gehört!
Man hat's wohl auch nicht oft, dass ein 120-seitiges Buch eigentlich ein 240-seitiges ist, denn die Autoren gehen immer von Doppelseiten zu jeweils einem Thema oder Unterpunkt aus. Und in etwa kommt es dann so hin, dass jeweils die Hälfte der mit einer Seitenzahl versehenen Doppelseite den Grafikern Eva Künzel und Jörg Maier gehört, die andere unserem Autorenduo, das sehr fleißig Internetsites besucht und Medien ausgewertet haben muss. Wo der Content letztlich herstammt, ist faktisch nicht feststellbar. Nelles und Serres bedanken sich mit einer unübersichtlichen und klein gedruckten Namensliste am Schluss bei einer Vielzahl von Professoren für instruktive Gespräche und Informationen, die ihnen zugänglich gemacht wurden.
Das Buch hat dieses Dummi-Prinzip und verströmt jugendliche Lässigkeit. Jeder soll alles lesen können, ohne sich wegen Fachbegriffen und kompliziertem Satzbau die Haare zu raufen. Alles soll auf mit einem einzige Blick überschaubare Textblöcke verteilt werde, die nie über einen Seitenwechsel hinaus laufen. (Dafür wohl auch die Doppelseiten, der Buchinnenfalz darf gequert werden, wenn es auch nur selten passiert.) Wie man sich unschwer vorstellen kann, ist so eine Systematik viel einfacher zu konzipieren, als am Ende - bei Themen, wo alles an allem hängt - tatsächlich zu erreichen. Und dass die Grafiker andauernd Bildchen mit grünen Hügeln mit grünen Bäumen drauf und Windrädern mit grün gestreiften Füßen dran und kleinen Männchen davor, die sich Bälle zuwerfen oder Rad fahren, malen, steigert unsere Lebens- und Lesefreude nicht wirklich.
Man kann es nur zu gut verstehen, wieso sie das getan haben, aber letztlich ist es wohl die Wurzel für etliche Probleme, die mit diesem Buch einhergehen: Wenn Nelles und Serres etwas scheuen wie der Teufel das Weihwasser, dann den Gedanken an eine Apokalypse. Dass alles immer schlimmer würde. Dass wir letztlich verloren haben, weil wir zu lange geschlafen hätten, der Verantwortungsdiffusion gefolgt sind, die Interessenparteien wie Ölscheichs, Kohlenkraftwerksgesellschaften, Mineralölkonzerne,Unternehmen mit Roboterfertigungsstraßen für Verbrennungsmotoren quasi „naturgemäß“ betreiben. Dass wir nicht mehr wirklich was tun könnten, sondern ab jetzt irgendwie mitmachen und uns durchwurschteln, wenn die Katastrophenkaskade abrollt. „Nein, nein“, rufen die jungen Autoren ständig, „wir können den Zusammenbruch unserer Lebensgrundlagen immer noch stoppen, können jeden Tag etwas Gutes tun – und auch jeder von uns kann sein Gutes tun dafür!“
Weshalb mal wieder weltbewegende Erkenntnisse ins Bildchen gesetzt werden, dass es besser wäre, die Heizung abzudrehen, solange man im Winter Stoßlüften macht. Dass man Äpfel, Bananen, Tomaten nicht dort aufbewahrt, wo auch das Gemüse liegt. Sonst fängt es früher an zu vergammeln, man schmeißt es weg – und das ganze CO2, das für die Kultivierung, den Transport, den Verkauf anfiel, war sinn- und zwecklos.
Parallel führen sie uns an mehreren Stellen im Buch allerdings vor Augen, dass die nach den Pariser Klimavereinbarungen von 2015 freiwillig eingegangenen Versprechen der Nationen der Erde keineswegs hinreichen, das abgesprochene 1.5-Grad-Ziel je noch zu erreichen. Und dass die CO2-Raten in Deutschland in letzter Zeit zwar zurückgegangen sind (aber vor allem wegen Corona und dem Wirtschaftseinbruch, der folgte, nicht wegen deutschen Autofahrern, nicht wegen deutschen Wohnungen, nicht wegen der deutschen Chemie- oder Stahlindustrie, nein, nein, durchaus nicht dank denen!), aber im Weltmaßstab wachsen sie „natürlich“ (?) weiter. Alle wollen so reich werden wie wir, die jetzt gerade zwei Erden pro Jahr verbrennen, aber was soll's, in den USA sind's drei! Und weltweit verfeuert China die meiste Kohle, auf dass sie die Handys, Tablets und E-Autos für uns bauen können.
Nelles und Serres, als Wirtschaftswissenschaftler, wollen niemals sagen, dass es kein Wachstum geben sollte, stattdessen Einschränkung für alle, alle auf der Welt und alle von uns, also hier, wirklich. Sie haben ihre Schaubilder, die uns zeigen, wie der Temperaturanstieg parallel zum Ressourcenverbrauch läuft. Und woanders, mehrfach, sind Schaubilder, auf denen wir sehen, wie viel von dem jetzt gerade produzierten CO2 bis zum Jahr 2050 dann wieder eingefangen und weggesperrt sein wird (allein verschwindet es ja nicht mehr, geht immer Jahrhunderte). Und woanders führen sie im Einzelnen auch noch aus, wie man das schaffen kann. Und dort heißt es dann: „man könnte auch“, „es soll“, „man plant“, „vielleicht kann auch“. Aber egal, wenn man an die großen Dinge nicht ran kann, ohne dass interessierte Pressure-Groups die Medien mit „Heizungs-Stasi“-Hysterie fluten: Jeder von uns kann ab morgen seine Tomaten von den Pfirsichen getrennt halten und sonntags zu Fuß durch die Innenstadt bummeln, statt raus zu fahren mit seiner Karre.
Das wird schon. Optimismus.
Sie haben da auch noch ihr persönliches Magic Tool. Das ist so ein schwarzer Punkt und um ihn herum sind drei schwarze Viertelskreise, die parallel nach rechts oben außen fliegen. Das ist das clevere Internet. Und das kommt jetzt über jeden Herd, jede Heizung, jeden Carport, jede Dusche, jedes Autolein. Man heißt es dann „smart“. Alles ist vernetzt und weiß zu jeder Sekunde eines jeden Tages genau, ob man die Jeans gerade wäscht oder erst um halb neun. Damit wird es dann billiger (Ego-Vorteil) und es wird viel weniger Strom verbraucht (Gemeinschafts-Vorteil). Alles, was wir kennen und haben, werden wir weiter haben und tun, jetzt nur noch mit Strom und Wasserstoff, der grün ist. Grün ist der, wenn er mit Strom erzeugt wird, der ohne Gas und Öl und Kohle entstand. Geht alles. Optimismus! Sonst gewinnt die AfD. (Deren Namen sagen sie, falls ich mich richtig erinnere, an keiner Stelle. Vielleicht entdecke ich ihn im fünften Durchgang noch.)
Dieses Buch ist nützlich, weil es unglaublich viele Detailinfo überschaubar und schnell wieder auffindbar macht. Bisschen behämmert und peinlich ist es aber auch.
Gute Aufarbeitung der Lösungsansätze zur Reduzierung der menschlichen Einflüsse auf das Klima. Für mich war dieses Buch noch besser als "Kleine Gase Große Wirkung" mit mehr Inhalt und mehr Zukunftsperspektive. Sehr zu empfehlen, wenn man nach Wegen sucht, um die Klimaerwärmung zu reduzieren.