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Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus

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Shortlist Politisches Sachbuch des Jahres 2021Radikale und extreme Rechte vernetzen sich längst nicht mehr nur durch geheime Treffen. Sie sind ganz offen im Internet unterwegs, über alle nationalen Grenzen hinweg. Ihr Umgang mit der digitalen Infrastruktur ist versiert. Ihre Strategiepapiere, Guerilla-Marketing und organisierte Hasskampagnen. An die Stelle straff organisierter Gruppen treten immer öfter lose Netzwerke. Viele radikalisieren sich, ein Teil von ihnen greift zur Gewalt, einige von ihnen töten. Karolin Schwarz, Journalistin und Expertin für rechte Propaganda im Internet, zeigt, wie sich Rechtsextremismus organisiert und eine neue Form des globalen Terrorismus entsteht, dessen Gewalt zum Ausbruch kommt. Parallel tragen rechtspopulistische Regierungen und totalitäre Regime Lüge und Hetze über das Netz nach Europa – eine unheilvolle Allianz. Schwarz macht Gesellschaft, Justiz und Politik sind keineswegs wehrlos. Dafür müssen sie rechte Strategien und Technologien aber kennen und verstehen.

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Published May 14, 2020

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Profile Image for Markus Amadeus Cosma.
43 reviews14 followers
September 12, 2024
SPONTANE IMPULSE [fortlaufender Posten]:

Puh... Zugegegbenermaßen muss ich ernüchterte Enttäuschung zum Ausdruck bringen.

Alles, was in "Hasskrieger" verschriftlicht wurde, ist öffentlich hinlänglich bekannt. Das Buch ist mehr oder minder eine mehr schlecht als recht kompilierte, chronologisch Wikipedia-hafte "Best-Of-Kollektion" verschiedener (im weitesten Sinne) rechtsextremistischer Phänomene und Vorgänge, zwischen denen Querverbindungen und Korrelationen hergestellt werden. Mit dem Anspruch auf "Internationalität" - wobei "Transnationalität" zutreffender wäre, beschränkt sich die Autorin doch weitestgehend auf Vorgänge in Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien und den USA (als Nebenexkurs wird u. a. noch Neuseeland behandelt).

Das große Problem an diesem Buch ist seine bei "linken" / "progressiven" Journalisten mittlerweile omnipräsent gewordene aktivistische Grundstimmung, welche mit ihrer moralinsauren Tinte mittlerweile fast jeden Text ungenießbar macht (an dieser Stelle: Was ist mit "seriöser stilistischer Beschwingtheit", ja mit einer eigenen geistigen Handschrift jenseits von lingualen Allgemeinplätzen?). 

Die Autorin beherrscht jenseits der Küchenpsychologie scheinbar keine Form differenzierter Epistemologie (ein sehr markantes Beispiel führe ich weiter unten an). Gleichermaßen werden die Begriffe "rechts" / "rechtspopulistisch" / "rechtsradikal" / "rechtsextremistisch" / "rechtsterroristisch" munter-wild durcheinandergeworfen, so dass sich einem unweigerlich der Eindruck aufdrängt: "Alles dieselbe braune Sch$%§e!" Das mag vielleicht im Zweifel sogar sein, der Realität entsprechen; nachvollziehbare Belege hierfür lässt die Autorin allerdings vermissen. Weshalb eine Salatschüssel-Hypothese dieser Art mit Vorsicht genossen werden muss.

Daran schließt sich nahtlos mein härtester Kritikpunkt an: Die Autorin ist in ihrem gesamten Werk nicht in der Lage explinatorisch in der Tiefe zu schürfen: Was sind die Motive, was die Beweggründe für diejenigen, welche sie schlagzeilenhaft "Hasskrieger" nennt? Wirklich "nur Hass"? Falls ja, warum gerade "dieser Hass" (hinsichtlich seiner Zielschieben) und nicht ein anderer? Jenseits von Kontingenzen und Spekulationen umschifft die Autorin konsequent das Ansteuern von wissenschaftlich halbwegs sicheren Gewässern. Schlimmer noch: Mit den üblichen, gewissermaßen prophylaktisch aufgefahrenen rhetorischen Schutzschildern aus "Diversität" / "Antirassismus" / "Progressivität" (erneut auch hier ohne nennenswerte Vertiefung, was sie darunter im Kontrast zu den Untiefen der "braunen Soße" versteht!) bleibt die Autorin uns die Antwort schuldig, wie man mit zivilem Engagement jenseits von Schwarz und Weiß sich gegen "rechten Wahnsinn / Blödsinn" effektiv behaupten kann. Ganz gewiss jedoch nicht, indem man jede Art von Konservatismus sprachpolizeilich skandalisiert und in eine Zwangsgenealogie der Menschenverachtung presst.

Zur abschließenden Veranschaulichung deshalb noch das oben versprochene Beispiel, das stellvertretend für die intellektuelle Ödnis des Gesamttextes steht:

"Im Jahr 2018 machte die Identitäre Bewegung gemeinsam mit anderen Rechtsradikalen massiv und irreführend Stimmung gegen den Globalen Pakt für sichere, geordnete und reguläre Mitgration, kurz UN-Migrationspakt. In der Folge zogen mehrere Staaten, darunter auch Polen, Tschechien, Ungarn und Österreich, ihre Unterstützung für die internationale Vereinbarung zurück oder enthielten sich in der Abstimmung."

Kurzum: Absolut hanebüchen und lächerlich, was die Autorin hier behauptet! Ja, "irreführend" par excellence! Ich würde sogar soweit gehen, ihr "westdeutsche Blindheit" gepaart mit Arroganz zu unterstellen. Einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der Identitären Bewegung und (insbesondere) den demokratischen Staaten Mittelosteuropas (unsere direkten Nachbarn nebenbei - wir reden hier nicht von Belarus!) herzustellen, ist derart überheblich fadenscheinig, ja ich will sagen "rabulistischer Rabbatz"! Die Autorin scheint einfach nicht zu wissen, wie die Bevölkerung in diesen Ländern "tickt". Selbstredend handelt es  sich auch im Falle meiner Einschätzung um eine Komplexitätsreduktion, gleichwohl bin ich mit den Mentalitäten, Alltagslebensrealitäten, sowie den demoskopischen Erhebungen bezüglich der genannten Staaten vertraut. Aus ihnen lässt sich zweifelsfrei eine generell andere Haltung (und zwar bei weiten Teilen der Bevölkerung!) zum Thema Migration erkennen. Wieso also sollte Stimmungsmache von Außen überhaupt ein bestimmender Faktor sein? Ferner handelt es sich bei den genannten Ländern um souveräne Staaten, die ein völkerrechtlich verbrieftes Recht (eigentlich eine Offensichtlichkeit!) auf nationale Selbstbestimmung haben. Was eine Politik gegen die Probleme und Interessen von nicht unerheblichen Bevölkerungsteilen anrichtet, sehen wir momentan ja (leider wieder) in Deutschland...

Der Identitären Bewegung eine Hauptmitverantwortung für eine andere Form der Migrationspolitik in Osteuropa in die Schuhe zu schieben, entspricht folglich einer massiven Beeinflussungs- und Bedrohungsüberschätzung, über die sich die dort lebenden Menschen schlimmstenfalls (oder doch bestenfalls?) kaputtlachen. Erstaunlich, dass ein derart kulturimperialistischer deutscher Deutungsanspruch von einem Lektorat mittlerweile schlicht (oder vielleicht gar bewusst?) überlesen wird...

Summa summarum taugt "Hasskrieger" als Überblick / Einstieg für Thematik-Neulinge - unter der Maßgabe die einzelnen Darstellungen selbst kritisch zu prüfen. Denn ohne kritische Prüfung wird man bisweilen halb-, teils fehlinformiert. Und gerade ein Neulinker wie Adorno wusste dazu treffend zu sagen: "Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind."
Profile Image for Max.
85 reviews20 followers
October 11, 2021
Interessante Untersuchung über Rechtsextremismus im Internet. Ein paar zufällige Gedanken:

Ich bin immernoch unsicher, für wie besorgniserregend ich das Thema halten soll. Schwarz stellt die rechtsextreme Szene als eine strategisch agierende Gruppierung dar, die e.g. koordiniert öffentlichen Diskurs unterwandert, kritische Stimmen angreift und durch rhetorische Mittel unvorsichtige Leser in den Bann ihrer Ideen zieht. Das Ergebnis sind ideologische Blasen auf 4chan und co., in denen Ideen wie die Islamisierung des Westens und die bevorstehende linke Diversitätsdiktatur verbreitet werden, was wiederum rassistisch motivierte Amokläufe und Mordserien anstachelt.

* die Evidenz (an die ich mich erinnere) für den Grad der Koordinierung waren Dinge wie ein verbreitetes Strategiedokument und Chatverläufe

* ich finde es spontan immernoch plausibel, dass es sich bei der rechtsextremen Szene in Deutschland eher um unkoordinierte Menschen und kleine Menschengruppen handelt, die in Chats ihre big brain fremdenfeindlichen Ideen diskutieren, politische Gegner haten, ihr online trolling feiern, aber eher ein Grenzphänomenen darstellen, das sich hauptsächlich durch tragische Morde durch psychisch Kranke äußert

* wie häufig sind solche Morde? Im Durchschnitt wurden in den letzten Jahren laut einer auf Wikipedia geführten Liste ca. 3 Menschen durch rechtsextreme Gewalt getötet. Link. Im Vergleich, insgesamt wurden im selben Zeitraum ca. 250 Menschen pro Jahr ermordet. link. Auch wenn sie einen kleinen Anteil der Morde ausmachen, sehe ich politisch motivierte Morde aber in einem besonders besorgniserregenden Licht, weil sie besondern negative Wirkungen auf das Gefühl von Sicherheit und Willkommenheit der Gruppe der Opfer haben... aber die Zahlen sind relativ gering, sodass ich die "lone psychopathic person" theorie nicht verwerfen würde

* ein weiterer Datenpunkt, den Schwarz relativ beiläufig nennt, der mich besonders in Richtung "eher besorgniserregend" updaten ließ, war der folgende:
In einer repräsentativen Studie befragte das Meinungsforschungsinstitute YouGov erwachsene Deutsche, ob sie folgender These zustimmen: "Muslimische Immigration in dieses Land ist Teil eiens größeren Plans, um Muslime zur Bevölkerungsmehrheit zu machen." Ein Fünftel der Befragten bewertete diese Aussage als wahr. In der Gruppe der über 55-Jährigen war die Zustimmung am größten: 26 Prozent [...]"

** bei 18-24 jährigen und 24-35 jährigen haben 9% und 12% zugestimmt (link), immernoch besorgniserregend weit über der lizardman's constant von 4% (link)


Was mir wahrscheinlich für ein besseres Verständnis geholfen hätte wäre eine Auseinandersetzung mit den Beweggründen von rechtsextremen Menschen... das Buch fährt eher die Schiene (zugespitzt geschrieben) "was da in rechten und rechtsextremen Chats passiert ist alles mehr oder weniger toxisch; gemachte Argumente die augenscheinlich plausibel sind, sind Instrumente um das overton window etwas in Richtung 'Ausländer raus!' zu bewegen; und sinnvolle Lösungsansätze sind die Kontrolle rechtsextremer Chats und verhindern, dass junge Leute versehentlich auf die rechte Schiene geraten". Bezüglich wirtschaftlichen Hintergründen hinter dem Zulauf zu rechten Parteien erwähnt sie kurz wirtschaftliche Hintergründe, aber tut diese relativ unzufriedenstellend ab, da auch im (reichen) Westen AfD gewählt wird und es einen "sinkenden Wähleranteil im bürgerlichen Lager" gäbe (das Argument hab ich nicht verstanden). Momentan ist das mein relativ uninformierter Eindruck:

Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven und sozialen Aufstiegschancen
↓↓↓↓↓
* zero-sum mindset
* "meine in-group wird bedroht" mindset
* Suche nach alternativen Wegen um sozialen Status zu gewinnen
↓↓↓↓↓
* Ausländerfeindlichkeit
* anti-establishment Ideologien

Ein Muster beim Trolling habe ich aus meiner Jugend wiedererkannt:
"Über [Amokläufer] Atchison sagte ein Freund später, seine Inhalte der Steam-Gruppe seien nur 'satirisch gemeint' gewesen"

Mit Schulfreunden habe ich damals haufenweise edgy Scheiße gelabert nur um witzig zu sein, und ab und zu hat es ein Mitschüler nicht als ironisch verstanden und hat den Gedanken ernsthaft weitergespinnt, was eine kommunikative und soziale Unbedarftheit darstellte, die wiederum auch zum Totlachen war. Ich schätze viel rechtsextremes trolling zeigt ähnliche Muster auf.

Zuletzt, Hut ab für die Autorin, dass sie sich nicht von dem oft verabscheulichen Umgang mit kritischen Beobachtern der rechtsextremen Internetszene hat abschrecken lassen.
Profile Image for ma_pilgrim.
5 reviews1 follower
January 22, 2023
Geschrieben in 2019, viele neuere Entwicklungen fehlen, gibt aber gut den Stand der Zeit wider.

Für ein allgemeines Verständnis von rechtradikalen Entwicklungen v.a. im Internet sehr lesenswert.

Durch viel Zeit auf Twitter in linken Kreisen wusste ich schon viel der besprochenen Inhalte, deswegen nur 4/5.
49 reviews3 followers
July 9, 2020
Die momentan frei arbeitende Journalistin Karolin Schwarz beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren (beeindruckenderweise trotz ihres nicht sehr hohen Alters) mit Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien / Falschmeldungen im Internet. Dies sind gar nicht so sehr 2 verschiendene Themen, sondern sie hängen eng zusammen.

Der Anlass und Fixpunkt dieses Buchs aber ist das Jahr 2019: spätestens dann nämlich war ein Phänomen wirkmächtig, dass sie im Buch treffend und klar beschreibt: Rechtsextreme, die sich "im Internet" "treffen", Internetsprache sprechen, terroristisch/mörderisch tätig werden und diese Taten dann wieder über das Internet verbreiten (lassen).

An einer Stelle listet sie die Taten des Jahres 2019 sogar auf:
März: In Christchurch wurden 51 Menschen in oder in der Nähe einer Armee erschossen. 8chan, Twitter und ein Facebook-Live-Video benutzte er. (Ich persönlich kenne eine Person, die über ein Whats-App-Chat an dieses Video herangekommen ist und es mir sogar zeigen wollte.)
April: In Kalifornien wurde in einer Synagoge eine Person erschossen und weitere verletzt. Hier gelang die Facebook-Live-Schalte nicht. 8chan diente als Pamphletmedium. Der Täter hatte vorher eine Moschee angezündet.
Juni: Lübcke wurde ermordet. Der Täter radikalisierte sich selbst und andere durch Chats.
August: In El Paso wurden 22 Menschen erschossen. Hier waren Latinos das erklärte Ziel, ein Pamphlet wurde auf 8chan angeboten.
August 2019: In Norwegen sollten Moscheebesucher*innen ermordet werden, der Anschlag scheiterte. Vorher hatte aber der Täter bereits seine chinesischstämmige Stiefschwester umgebracht. 8chan war bereits geschlossen, also wurde Endchan fürs Pamphlet benutzt. Das Facebook-Livestreamen klappte wieder nicht.
Oktober 2019: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle scheiterte, stattdessen wurde eine Passantin und ein Besucher einer Dönerbude erschossen. Gestreamt wurde auf Twitch.
(vgl. Schwarz, Hasskrieger, 168f)

Schwarz erklärt auch die Geschichte des Rechtsextremismus im Netz an. "Normale" Netzwerke werden viel benutzt, aber immer öfter werden sie gesperrt. Deswegen werden Foren bzw. Imagebords wie 4chan und dann später 8chan und alle möglichen Ableger benutzt, oder auch Twitterklone (gab.ai) oder der russische Facebookkonkurrent vk (welch Zufall). Wollen sich Terroristen vorbereiten, dann wollen sie natürlich geheim kommunizieren. Dies geschieht meistens in Telegramgruppen (dass Telegram gar nicht so geheim ist, hat sich ja bekanntlich weder in der rechtsextremen Community noch in der gesamten Gesellschaft herumgesprochen). Geheim sind auch Strategiepapiere, wie man im Netz Propaganda betreiben sollte. Hier schließt Schwarz auch rechtsextreme Kräfte mit in ihre Überlegungen ein, die angeblich nicht gewalttätig sind. Die Identitäre Bewegung (IB) z.B. ist ja nur vordergründig friedlich. Dass sogar der Täter in Christchurch Kontakt mit Martin Sellner von der IB hatte, ist immer noch eine der unfassbarsten Vorkommnisse überhaupt. Spannend ist, dass Strategien der IB und auch anderer Gruppierungen uns nur aus "Leaks" bzw. Diebstählen bekannt sind. Einmal wurden in Österreich Mitglieder der IB durch Linksextreme vertrieben. Nur so kam man an ihre Medienstrategie.

Feindeslisten und jahrelange (!) Hasskampagnen ohne Skrupel (das Beispiel ist Annetta Kahane) können wirklich Angst machen. Der bereits reale globale Terrorismus erweist im Umkehrschluss, dass der Rechtsextremismus eine Gewalt erzeugende Gefahr ist. Die neuen Mittel speisen sich aus älterer Ideologie, verändern aber auch diese. Woher kommt dieser unglaubliche Hass eigentlich? Dass kann und will dieses Buch nicht erklären. Denn irgendwie ist es doch unlogisch: Der Täter von Halle konnte nicht wirklich Englisch, und trotzdem teilte er seine Ideologie im Zeichen des globalen Rechtsextremismus unbeholfen in dieser Sprache auf Twitch mit: Juden sind an allem Schuld, auch am Islam, auch an den Frauen. Hitler hätte das noch auf Deutsch gesagt. Aber vielleicht zeigt Hitler trotzdem schon etwas, das sich mit heutigem Rechtsextremismus verbinden lässt? Auch Hitlers Expansionswahn ging ja über Großdeutschland hinaus. Seine Taten lassen sich vielleicht selbst mit für sich schon ausreichend schlimmen deutschen Patriotismus nicht erklären, sondern können einem auch als eigenartiger Vorwand erscheinen. Er schien ja sogar alles auf ihn als eine Person zu konzentrieren (selbst alles auf seine Lebensspanne, und eben nicht das tausendjährige Reich), was in großdeutscher Ideologie keinen Sinn ergibt. Und er war "global" inspiriert durch Umstürze und ideologische Entwicklungen in den USA (Henry Ford), Japan, Italien und Österreich. (Diese Ideen habe ich von Sebastian Haffner Anmerkungen zu Hitler) Heute also ist der Rechtsextremismus auch global - und inkonsistent. Vielleicht ist man inspiriert durch irrationale Glaubenssätze, die diesem Leben Sinn verleihen, und pervertiert diese dann so, dass auf einmal nur noch die Feindbilder dieser Glaubenssätze zählen? Der weiße, christliche, dominante Westen wäre ein Glaubenssatz. Denkt man auch nur 20 Sekunden über diesen nach, kommt man auf das, was Lübcke einige Jahre vor seinem Tod in Anwesenheit seines späteren Mörders, der dies in seinem ersten Geständnis als den Grund für seine Tat benannte, den "Flüchtlingsgegnern" vorhielt: Seid ihr christlich, dann müsst ihr christliche Werte teilen. Dann müsst ihr Flüchtlinge aufnehmen. Teilt Ihr diese Werte nicht - dann verlasst doch das Land. Dies hat die Rechtsterroristen im Publikum (auch des Mörders Gehilfe, der nach dem zweiten, unglaubwürdigen Geständnis der eigentliche Mörder sein soll) so aufgewühlt, dass sie Jahre darüber nachdachten. Nur kamen sie nicht auf die Inkonsistenz ihrer eigenen Ideologie (würde ich den weißen, christlichen Westen ernstnehmen, müsste ich an dessen Aufklärung genauso teilhaben wie an der religiösen Moral, die diesen doch bestimmen sollte (oder zumindest an eins von beidem, also entweder Moral befolgen oder säkularisiert die eigenen Wurzeln aufgeben), sondern wollten daraufhin morden - den Feind, in diesem Fall ein konservativer, weißer, christlicher Politiker. Im Fall der meisten terroristischen Anschläge aber Angehörige anderer "Gruppen".

Verschwörungstheorien ergeben keinen Sinn - das ist aber nicht schlimm, solange die Sinn-Frage nicht gestellt wird. Sie müssen als Glaubenssystem nur ihre Funktion erfüllen. Und so ist der Rechtsextremismus, der eigentlich aus dem Nationalismus entstanden ist, global geworden. Und so benutzt er "moderne" Bildsprache, Meme, Technik, die er, wäre er restaurativ, ablehnen müsste. Er entwickelt eine eigene Kultur - eine Kultur, die eng an die des Gamings gebunden ist. Erst so zeigt sich die Genialität des Titels von Schwarz' Buch: Die Hasskrieger sehen sich tatsächlich in einem globalen Krieg. Nicht in einem in sich konsistenten Krieg um irgendetwas (z.B. Rohstoffe) - sondern in einem spielerischen Krieg, in dem es sogar Punktetabellen gibt. Die Täter von Utoya und Christchurch haben dort bisher die höchste Punktzahl gewonnen - der von Halle, wie er selbst zerknirscht nach dem Scheitern zugab - glücklicherweise nicht.

Ein letztes Beispiel nicht aus dem Jahr 2019, sondern aus den Jahren davor, um dieses neue Phänomen zu verdeutlichen (das krasseste und mir neueste Beispiel aus dem Buch):
Der Attentäter auf das Münchner Einkaufszentrum 2016 hatte 9 Menschen umgebracht. Er hatte sie nach ihrem Erscheinungsbild ausgewählt, wollte wohl vor allem türkeistämmige Menschen töten und traf dann auch muslimische Menschen und Roma und Sinti. Er selbst hieß früher Ali und seine Familie hatte im Iran gelebt. Aber er wollte besonders deutsch durch seine Tat sein. Auf der Gamingplattform Steam hatte er Kontakt mit jemanden namens William Atchinson. Sie gründeten dort eine Gruppe namens "Anti Refugee Club". Dieser wurde etwas später gewalttätig: 2017 erschoss er zwei hispanoamerikanische Jugendliche. Auf der Encyclopedia Dramatica (einem Wikipedia-Klon) schrieb er einen Artikel über den münchner Täter. (Vgl. Schwarz, Hasskrieger, 176f.) Wie krass.
13 reviews
January 5, 2021
Spitzenbuch. Für LeserInnen, die sich ins Thema Rechtsradikalismus und Radikalisierung einlesen wollen und solche, die sich schon länger damit befassen
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