In ihrem Buch erklären die renommierten Experten Prof. Dr. Bert te Wildt und Timo Schiele erstmals das Burn-On-Syndrom. Diese neuartige Form der chronischen Erschöpfungs-Depression ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, doch wird gegenüber dem allseits bekannten Burn Out noch kaum wahrgenommen. Neben Ursachen, Symptomen und Krankheitsverläufen, beleuchten te Wildt und Schiele auch gesellschaftliche Prozesse, die das Leiden befördern und bieten Betroffenen direkte Hilfe.
Schade, aber dieses Buch konnte mich nun wirklich überhaupt nicht begeistern.
Angetreten ist es als Arbeit zweier Psychologen, die eine neue Diagnose - eben den "Burn on", eine Form der Erschöpfungsdepression - einführen wollen. Diese wird dann aber so breit angelegt, dass sie quasi die gesamte westliche Gesellschaft (oder zumindest ihren aktiven Teil) pathologisiert. Und dann wird in den Chor der Schwarzseher eingestimmt, die heute alles so schlimm und früher alles so viel besser finden. Die Arbeitsbedingungen, und der Kapitalismus, und die Handys, und die Angst vor den Computern, und der fehlende Einfluss der Geisteswissenschaften...
Wissenschaftlich fundiert ist leider nichts davon, im Gegenteil: Da, wo ich ein wenig Ahnung habe (im Bereich "Künstliche Intelligenz" beispielsweise) bin ich mir recht sicher, dass die Autoren keine haben. Ich denke, sie wären besser beraten gewesen, sich auf die psychologischen Aspekte der von ihnen untersuchte Symptomatik zu beschränken, anstatt sich an einer sozialwissenschaftlichen Arbeit zu versuchen, die dann aber auf dem Niveau des ZEIT-Feuilletons verbleibt.
Nach 132 Seiten habe ich die Hoffnung auf Besserung aufgegeben und das Buch weggelegt. Ich empfehle den Autoren zur Relativierung der eigenen Beobachtungen eine Reise in eine beliebige andere Epoche oder eine nahezu beliebige andere Region dieser Welt. Und wenn sie dort die Frage stellen, warum manche Menschen trotz Krieg, Hunger, Seuchen, Unterdrückung, Vertreibung, religiösem Fanatismus und echtem Überlebenskampf keinen "Burn On" entwickeln - dann kommen sie der Antwort vermutlich näher als mit der dieser Tage so verbreiteten These, dass das Leben im Hier und Jetzt so unerträglich sein soll.
Erstmal finde ich es gut, dass sich jemand der Beschreibung des Krankheitsbildes einer chronischen Erschöpfungsdepression inkl. konkreter Beispiele widmet. Das war aber auch schon das Positive für mich an diesem Buch.
Grundsätzlich fehlt mir in dem Buch eine klare Zielgruppe. Manche Abschritte scheinen sich an Betroffene zu richten, andere an generell Interessierte und wieder andere an andere Forscher. Zusätzlich werden im Buch Anekdoten und Studien vermischt. Dadurch, dass das Buch alle gleichermaßen anzusprechen zu versuchen scheint, wird sich keine der Gruppen hundertprozentig abgeholt fühlen.
Teilweise wirkt die Sprache eher antiquiert und akademisch. Ähnlich sieht es mit den teilweise klischeehaften und veralteten Rollenbildern aus.
Das Alter der Autoren wird auch beim Blick auf die Gen Z deutlich. Es scheint eher ein Boomer Blick, wenn beschrieben wird, wie sich die ganze Generation dem Umweltschutz verschrieben habe und eigene Bedürfnisse dafür zurückstelle. Gen Z scheine laut Autoren damit gut und entspannt leben zu können. Bei dieser Aussage berücksichtigen sie weder, dass gerade die Gen Z mehr Varianz in Ansichten hat als Generationen davor, noch, dass psychische Krankheiten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen stetig zunehmen.
Für mein Empfinden gab es auch einen eher dystopischen Blick auf technische Entwicklungen und die Umwelt: „Der Mensch schafft sich selbst ab“. Technik Nutzung im privaten führe zum Burn on und infantilen Erwachsenen. Maschinen scheinen ein Interesse daran zu haben uns voneinander fern zu halten. Etc…
Durch das ganze Buch hinweg tauchen leider sehr viele Selbstreferenzen, Verweise auf die Klinik und die schwere Zeit des Aufbaus auf. Es wird auch immer wieder betont, wie schwer der Job der Autoren ist, was zeitweise wirklich selbstbemitleidend wirkt. Dies gipfelt gegen Ende. Man solle sich nicht damit schmücken dauend gestresst zu sein, mit zu viel Arbeit oder einen Burn out bzw. Burn on. Dennoch wird verdächtig oft erwähnt, wie anstrengend der Klinik Aufbau, die Pandemie und das gleichzeitige Buchschreiben war. Dass die Autoren trotz besseren Wissens über ihre Grenzen gegangen sind, steht im Nachwort. Was soll man also aus einem solchen Buch lernen, wenn selbst die Autoren scheinbar nichts beim recherchieren und schreiben gelernt haben?
Prof. Dr. med. Bert te Wildts und Timo Schieles Buch "Burn On: Immer kurz vorm Burn Out", beleuchtet ein oft übersehenes Phänomen: Menschen, die ständig über ihre Grenzen hinausgehen, ohne je einen totalen Zusammenbruch zu erleben. Te Wildt beschreibt anschaulich die Risiken und Auswirkungen des „Burn-on-Syndroms“ und bietet wertvolle Einsichten für Betroffene. Besonders gelungen sind die persönlichen Einblicke in die tägliche Arbeit der Psychologen und die prägnanten Analysen des Syndroms. Der Stil ist sachlich und informativ, könnte aber stellenweise etwas zugänglicher sein. Weiterhin fehlt es dem Buch etwas and wissenschaftlich fundierten Belegen, was allerdings auch auf die Neuheit des Forschungsfeldes "Burn-on-Syndroms" zurückzuführen ist.
Nichtsdestotrotz eine lohnende Lektüre für alle, die das Gefühl haben, ständig „on“ zu sein, ohne jemals abzuschalten.
Mich hat das Buch sehr abgeholt. Erschreckend oft habe ich mich in vielen Zeilen wiedererkannt. In Teil 3 hätte ich mir noch mehr konkrete verhaltenstherapeutische Tipps/Übungen gewünscht, wie man einem Burn-on vorbeugen kann.