„Hard to say I love you“ von Julie Chapel ist der erste Roman, den ich aus dem Programm des neuen Paperback-Labels Moon Notes der Verlagsgruppe Oetinger gelesen habe. Darin geht es um die Liebe zum geschriebenen Wort, sei es Slam Poetry, Kurzgeschichte, Haiku und mehr. Zudem geht es um (CN) Mobbing, den Verlust von Familienmitgliedern und darum, wie das kreative Schreiben und die Liebe dazu beitragen können, sich mit diesen Erfahrungen auseinanderzusetzen und sie zu verarbeiten.
Layla landet eher unfreiwillig in dem Creative-Writing-Workshop, sie nimmt nur ihrer Freundin Stella zuliebe teil und fühlt sich neben den erfahreneren Kursteilnehmer:innen fehl am Platz. Noch dazu fordert Coach Jordan, dass sie sich im Workshop öffnet und ihren Gefühlen Ausdruck verleiht. Doch wie soll das gehen, wenn sie ihre Gefühle ihre gesamte Jugend hindurch unterdrückte: Als ihre Zwillingsbrüder starben, als ihre Eltern sie aufgrund ihrer eigenen Trauer vernachlässigten und sie später nicht mehr verstanden. Als sie sich immer mehr zurückzog und ihre Eltern sie zu Psychologen schickten. Als sie von Mitschülern gemieden und gemobbt wurde. Wie soll sie da Gefühle zeigen? Unmöglich, denkt Layla. Doch ihre Erfahrungen während des Workshops und vor allem die unerwarteten Gefühle für Coach Jordan bringen einiges in Bewegung.
Weder mit Mobbing noch dem vorzeitigen Tod eines nahestehenden Menschen habe ich persönlich Berührungspunkte, daher fällt es mir schwer zu beurteilen, wie glaubwürdig die Themen im Roman geschildert wurden. Ich fragte mich insbesondere, ob ein wenige Wochen dauernder Creative-Writing-Workshop wirklich dazu beitragen kann, über Jahre aufgebaute Schutzmauern zu durchbrechen. Und ob der Kontakt zu jemandem wie Jordan, der Layla dazu ermutigt, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen genügt, negative Erlebnisse dieser Art zu verarbeiten. Vor allem Laylas Beziehung zu ihren Eltern war für mich auf tiefer Ebene kaputt und ich konnte nicht ganz nachvollziehen, dass sich dies nach einer vergleichsweise kurzen Phase der Konfrontation bereits verändern kann.
Bei aller Skepsis, die sich bei mir einschlich, geht Julie Chapel sehr feinfühlig auf die Emotionen ihrer Protagonistin ein, sie übereilt nichts, sie stellt auch nicht in Aussicht, dass ein Workshop und die Liebe zu einem anderen Menschen alles verändert. Durch den Workshop wird lediglich ein Heilungsprozess in Gang gesetzt und Layla kann Dank der Sicherheit, die die Liebe ihr gibt, damit beginnen, Gefühle zuzulassen.
Angesichts der wichtigen Rolle, die Jordan in der Geschichte einnimmt, blieb mir seine Figur allerdings etwas zu blass. Man erfährt über ihn kaum mehr, als dass er es liebt zu schreiben, ebenso wie sein Vater. Er kann seine Gefühle hervorragend in Worte fassen. Dadurch dient er aber lediglich als Katalysator, der etwas in Layla zum Arbeiten bringt. Die Liebesgeschichte war für mich so nicht ganz greifbar, ich konnte die Anziehung zwischen den beiden nicht nachempfinden. Er erkennt ein schriftstellerisches Talent in ihr und das macht ihn neugierig, sie sieht in ihm einen anstrengenden Coach, der sie nervös macht und sie aufrüttelt. Dies und ein paar Gemeinsamkeiten genügten mir als Basis für große Gefühle nicht ganz.
Weitere Nebenfiguren runden die Geschichte ab, bringen aber insgesamt recht wenig Farbe rein. Da wäre Stella, die für einen Mann schwärmt, der ihre Gefühle nicht auf die gleiche Weise erwidert und da wäre AJ, der Layla sehr viel Aufmerksamkeit schenkt und eine eigene Agenda zu verfolgen scheint. Doch immer bleibt der Fokus auf Layla und ihrer Entwicklung, so dass ich den Nebenfiguren nicht viel abgewinnen konnte.
Der Creative-Writing-Kurs und die Texte, die währenddessen geschrieben werden, sind zentrales Element im Roman. Man erlebt die Erstellung der Texte mit und erfährt vor allem, welch eine Herausforderung die Texte für Layla darstellen. Mal geht es darum, einen humorvollen Text zu schreiben, mal soll es um Wut gehen, mal um einen Lieblingsplatz. Das bringt Abwechslung in die Geschichte und ich fand es interessant zu erfahren, was Layla beschäftigt und wie sie die kreativen Übungen dazu bringen, sich selbst ganz neu zu erleben und beispielsweise die Beziehung zu ihren Eltern zu hinterfragen.
„Hard to say I love you“ von Julie Chapel ist ein Roman, der sich mit den Folgen eines familiären Verlustes und Mobbing auseinandersetzt. Ein Creative-Writing-Workshop bringt Layla dazu, sich mit ihren unterdrückten Gefühlen zu befassen und den Mut zu fassen, sich diesen zu stellen. Mir gingen die Entwicklungen teilweise zu schnell und auch die Liebesgeschichte wirkte auf mich etwas oberflächlich, doch insgesamt ist es eine schöne Geschichte, die aufzeigt, wie Kreativität zur Heilung von negativen Erlebnissen beitragen kann.