Was ist Mathematik? – Eine lange Geschichte darüber, warum gute Regeln manchmal die falschen sind
Richard Courant und Herbert Robbins haben mit „Was ist Mathematik?“ einen Titel gewählt, der klingt wie eine Einladung – und sich bei näherer Lektüre als elegante Zumutung entpuppt. Wer erwartet, hier eine freundliche Einführung in die Welt der Zahlen zu erhalten, bekommt stattdessen eine intellektuelle Langstrecke serviert: eine ebenso lehrreiche wie leicht grausame Geschichte darüber, was passiert, wenn eine Hochkultur über Jahrhunderte hinweg an den falschen Werkzeugen festhält. Das Buch ist weniger eine Definition der Mathematik als ihre Autobiographie im Modus der Selbstbeschränkung.
Im Zentrum steht ein bemerkenswert simples Regelwerk, das die griechische Mathematik über Jahrtausende dominierte: erlaubt waren genau zwei Instrumente – ein Zirkel und ein Lineal, wohlgemerkt ohne Skala. Diese bewusste Askese, gedacht als Ausdruck geometrischer Reinheit, entwickelte sich rückblickend zu einem der folgenreichsten Experimente der Geistesgeschichte. Mit diesen beiden Werkzeugen stellte sich die Antike drei Aufgaben, die harmlos klingen, sich jedoch als unüberwindbare intellektuelle Sperren erwiesen: die Dreiteilung (Trisektion) eines beliebigen Winkels, die Verdoppelung des Würfels und die Quadratur des Kreises, also die Konstruktion eines Quadrats mit derselben Fläche wie ein gegebener Kreis.
Courant und Robbins führen diese Probleme nicht als Kuriositäten vor, sondern als Schlüssel zum Verständnis mathematischer Erkenntnis. Generation um Generation versuchte sich an diesen Aufgaben, verfeinerte Konstruktionen, erfand Hilfslinien, verwarf Ansätze und begann erneut. Das Ergebnis war nicht Fortschritt im Sinne einer Lösung, sondern eine jahrhundertelange Kultur der eleganten Verzweiflung. Besonders die Quadratur des Kreises entwickelte sich zu einem Monument des Scheiterns: Der Widerstand der Zahl π gegen jede geometrische Zähmung beschäftigte antike Geometer ebenso wie mittelalterliche Tüftler und moderne Hobby-Mathematiker. Das Buch verdichtet diese endlosen Bemühungen mit trockenem Humor zu einem Lehrstück darüber, wie produktiv Irrwege sein können – und wie hartnäckig Menschen an ihnen festhalten.
Doch diese Tragödie beginnt tiefer. Lange bevor die klassischen Konstruktionsprobleme ihre volle Wirkung entfalteten, stießen die Griechen auf ein Problem, das ihr Weltbild erschütterte: die Existenz inkommensurabler Größen. Die Entdeckung, dass etwa √2 sich nicht als Verhältnis ganzer Zahlen ausdrücken lässt, war keine technische Randnotiz, sondern ein philosophischer Schock. Plötzlich geriet die Vorstellung ins Wanken, die Welt lasse sich vollständig durch harmonische Zahlenverhältnisse erfassen. Fragen nach Stetigkeit, Bewegung und Unendlichkeit drängten sich auf – und wurden zunächst nicht gelöst, sondern umgangen. Courant und Robbins zeigen eindrücklich, wie diese frühe Begegnung mit dem Unmessbaren paradoxerweise nicht zur Öffnung, sondern zur Verkrampfung führte: Statt den Zahlbegriff zu erweitern, klammerte man sich umso fester an die Geometrie.
In dieser Perspektive erscheint die griechische Mathematik nicht als Vorstufe moderner Algebra, sondern als bewusst alternative Tradition, die ihre eigenen Möglichkeiten systematisch begrenzte. Sie wusste oft erstaunlich genau, welche Bauanleitung sie eigentlich brauchte – verweigerte sich aber dem Werkzeug, das sie hätte umsetzen können. Das Buch liest sich hier wie ein Lehrstück über Prinzipientreue als Erkenntnishindernis.
Die große Wendung setzt erst viel später ein, und Courant und Robbins inszenieren sie mit sichtbarem Vergnügen. Die Erlösung kommt nicht aus der Geometrie selbst, sondern von außen: aus der Algebra und der Zahlentheorie des 19. Jahrhunderts. Mit dem Aufkommen eines erweiterten Zahlbegriffs, der irrationalen, algebraischen und schließlich transzendenten Zahlen einen präzisen Platz zuweist, kippt die Perspektive vollständig. Was jahrtausendelang als ungelöst galt, erweist sich nun als prinzipiell unlösbar. Der entscheidende Schlag fällt 1882, als Ferdinand von Lindemann die Transzendenz von π beweist – und damit endgültig klarmacht, dass die Quadratur des Kreises mit Zirkel und Lineal nie möglich war. Nicht, weil die Versuche schlecht waren, sondern weil die Aufgabe selbst außerhalb des erlaubten Zahlenkosmos lag.
Hier liegt die eigentliche Pointe des Buches: Die antiken Mathematiker scheiterten nicht an mangelnder Intelligenz, sondern an den Grenzen ihres Regelwerks. Courant und Robbins machen deutlich, dass mathematische Größe nicht nur im Lösen von Problemen besteht, sondern auch im Beweisen ihrer Unlösbarkeit. Erst dieser negative Beweis beendet die jahrhundertelangen Spiele endgültig – und verleiht dem Scheitern im Nachhinein Würde und Sinn.
„Was ist Mathematik?“ ist weit mehr als ein populäres Einführungswerk. Es ist eine intellektuelle Archäologie der Selbstbeschränkung, eine stille Tragödie über 2000 Jahre mathematischer Askese und zugleich eine Feier des Moments, in dem sich das Denken neue Werkzeuge erlaubt. Wer dieses Buch liest, versteht nicht nur, warum die Antike so lange ohne Algebra auskam, sondern auch, warum manchmal erst ein radikaler Perspektivwechsel nötig ist, um Fortschritt zu ermöglichen.
Als Fazit bleibt ein tröstlicher Gedanke: Wer jemals an der Quadratur des Kreises verzweifelt ist, war nicht zu dumm – er spielte lediglich nach Regeln, die das Gewinnen unmöglich machten. Mathematik, so zeigt dieses Buch, ist nicht nur die Kunst des Rechnens, sondern auch die Fähigkeit, rechtzeitig die eigenen Werkzeuge zu hinterfragen.