Dass man nicht unbedingt gebürtige Skandinavierin sein muss, um spannende und atmosphärische nordische Thriller schreiben zu können, hat die Autorin Anne Nørdby bereits mit ihrer Reihe um den Ermittler Tom Skagen unter Beweis gestellt. Seit einigen Jahren lebt die in Göttingen geborene Deutsche inzwischen jedoch bereits wechselweise in Kopenhagen und auf der Ostsee-Insel Møn und da erscheint es mehr als passend, dass ihre neue Buchreihe ebenfalls die dänische Hauptstadt zum Schauplatz hat.
Von Seiten des Gmeiner-Verlages wird in dieser Serie, die mit "Eis. Kalt. Tot." ihren Auftakt nimmt, vor allem die Privatermittlerin Marit Rauch Iversen in den Fokus gestellt, dabei präsentiert Anne Nørdby ihren Leser:innen hier eigentlich gleich ein ganzes Ermittler-Trio, das in der Geschichte eigentlich auch ungefähr gleich viel Raum einnimmt. Am markantesten ist aber sicherlich die erwähnte Marit Rauch Iversen, die mit ihrer grönländischen Herkunft und ihrem damit einhergehenden Äußeren und vor allem ihrem ungewöhnlichen Spezialgebiet wohl am auffälligsten daherkommt. Denn Marit ist eine sogenannte Super-Recognizerin und kann sich Gesichter unheimlich gut einprägen und diese wiedererkennen, was bei der Verbrechensbekämpfung natürlich eine hilfreiche Fähigkeit ist. Am lautesten tritt aber ohne Frage die Polizisten Kirsten Vinther auf, die selbstbewusste Ermittlungsleiterin der Kopenhagener Polizei, welche mit Marit befreundet ist und diese bei Bedarf gerne hinzuzieht. Dazu im Kontrast steht ihr neuer Kollege Jesper Bæk, der sich auf eigenen Wunsch aus der Provinz in die Hauptstadt hat versetzen lassen, in seiner neuen Umgebung aber noch sehr unsicher und schüchtern auftritt.
Es gibt also die volle Ermittler-Power in Anne Nørdbys Roman, allerdings braucht das Team zunächst eine Weile, um zusammenzufinden, was vor allem an der aufbrausenden Kirsten liegt, die dem Neuen überhaupt nicht über den Weg traut und ihm den Einstieg alles andere als einfach macht. Das ist beim Lesen anfangs etwas anstrengend und macht die Polizistin zunächst nicht unbedingt zur Sympathieträgerin, im späteren Verlauf legen sich die selbst herbeigeführten Konflikte jedoch zunehmend und ermöglichen dadurch ein angenehmeres Miteinander. Insgesamt kann man aber sagen, dass Anne Nørdby hier eine interessante Mischung an Figuren präsentiert, die alle auf gewisse Weise ihre Ecken und Kanten haben und somit alles andere als 08/15-Charaktere sind.
Das gilt auch für die Story, bei der sich die Autorin ebenfalls als äußerst kreativ zeigt, was die dargestellten Verbrechen betrifft – auch hier bekommt man nämlich als erfahrene:r Thrillerleser:in noch die ein oder andere – zumeist grausige – Überraschung geboten. Daher soll an dieser Stelle auch gar nicht zu viel verraten werden, man sollte sich jedoch auf ein paar unappetitliche Details einstellen, wenngleich sich die Gewaltdarstellungen in diesem Buch dennoch insgesamt in Grenzen halten. Die Handlung hat aber mehr zu bieten als nur ein paar blutige Morde, denn mit rund 500 Seiten ist "Eis. Kalt. Tot." für einen Thriller nicht nur relativ umfangreich, sondern auch ziemlich komplex, sodass die Spannung durchweg hochgehalten wird. Auch atmosphärisch kann der Roman überzeugen, neben den anschaulichen Beschreibungen Kopenhagens überzeugt hier vor allem der inhaltliche und fast schon mystische Ausflug ins eisige Grönland.
Perfekt ist jedoch auch dieser Thriller nicht. Auch wenn die Geschichte grundsätzlich logisch konstruiert ist und auch die Auflösung in weiten Teilen zufriedenstellt, so erscheint die schlussendliche Motivation der Tatperson letztlich etwas weit hergeholt. Zudem wirkt auch die Figur der Marit Rauch Iversen noch nicht ganz ausgearbeitet, denn ihre besonderen Fähigkeiten als Super-Recognizerin bringt sie im Endeffekt kaum ein – und wenn, dann wird ihr Aufgabengebiet etwas oberflächlich erklärt und es wird nicht unbedingt immer offensichtlich, warum es eine solche Beraterin bei den Ermittlungen braucht. Darüber hinaus überrascht die Autorin im Laufe der Geschichte mit einem unerwarteten Geheimnis der Grönländerin, das aber viel zu bedeutend ist, um mehr oder weniger in ein paar Nebensätzen abgehandelt zu werden.
Trotzdem überwiegen jedoch eindeutig die positiven Seiten: die Story ist spannend und vielschichtig, die Schauplätze gut beschrieben und stimmungsvoll inszeniert und auch die drei Hauptfiguren erweisen sich nach anfänglichen (und etwas aufgesetzt wirkenden) Schwierigkeiten als gutes Team, dem man auch in Zukunft konstruktive Ermittlungen zutrauen würde. Insofern ist "Eis. Kalt. Tot." ein gelungener Reihenauftakt und man darf gespannt sein, was die Zukunft noch für Marit Rauch Iversen, Kirsten Vinther und Jesper Bæk bereithält.