Der Vietnamkrieg war die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Er begann 1941 als Konflikt zwischen der Kolonialmacht Frankreich und der national-kommunistischen Bewegung der Viet Minh und endete erst dreißig Jahre später mit dem Rückzug der USA aus Vietnam, dem Fall Saigons und der Vereinigung des Landes. Für die USA endete der Konflikt mit der ersten militärischen Niederlage ihrer Geschichte. Der Krieg beeinflußte die Einstellung vieler Amerikaner zu ihrem Land und führte zu einem weltweiten Ansehensverlußt der Vereinigten Staaten. Und während die Sowjetunion im Schatten von Vietnam ihre Rolle als globaler Akteur untermauern konnte, beschleunigten die gewaltigen Kosten des Vietnamkrieges den Zusammenbruch des Weltwährungssystems und führten so zu einem relativen Bedeutungsverlust Amerikas in der Weltwirtschaft. "Vietnam gewann den Krieg und verlor den Frieden. Die Vereinigten Staaten dagegen verloren den Krieg und gewannen den Frieden." Marc Freys ernüchterndes Fazit mag vor diesem Hintergrund überraschen, doch die Fakten sprechen für sich. Der Krieg hat in Vietnam tiefe Wunden hinterlassen, und noch immer leidet das Land ökologisch, sozial und wirtschaftlich unter den Spätfolgen des Krieges. Dies gilt auch für Laos und besonders für Kambodscha, wo der Vietnamkrieg eine Spirale der Gewalt in Gang setzte, deren Auswirkungen nach wie vor die Geschicke des Landes bestimmen. Die Position der Vereinigten Staaten in der Welt beeinträchtigte der Konflikt dagegen kaum. Während die Sowjetunion in den 80er Jahren ihrem Untergang entgegenschritt, demonstrierten die USA Stärke, und als sich die osteuropäischen Staaten aus der sowjetischen Hegemonie lösen konnten, hatten die Amerikaner mehrheitlich das Gefühl, den Kalten Krieg gewonnen zu haben. Dennoch prägt das "Vietnam-Syndrom" die amerikanische Außenpolitik bis heute, und es bleibt abzuwarten, ob die Vereinigten Staaten die richtigen Lehren aus den Erfahrungen des Vietnamkrieges gezogen haben. --Stephan Fingerle
Kein Standardwerk, aber eine gute Einführung in das Thema. Auf rund 230 Seiten beleuchtet der deutsche Historiker Marc Frey den Konflikt in Südostasien. Ausgehend vom Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans befasst sich der Autor in der ersten Hälfte des Buches mit den Geschehnissen vor der "Amerikanisierung" des Krieges. Etwas zäh liest sich dieser Part. Er ist sehr nüchtern geschrieben und lässt Stimmen involvierter Größen vermissen. In der zweiten Hälfte dagegen versucht Frey etwas von der Stimmung wiederzugeben, die in den USA und dem geteilten Vietnam herrschte, als die Staaten 1965 begannen eigene Bodentruppen in das Kriegsgebiet zu schicken und die Katastrophe ihren Lauf nahm. Hier liefert er viele interessante Fakten und gibt zu erkennen, welche Strategien die einzelnen US-Präsidenten -und Präsidentschaftskandidaten verfolgten. Interessant zu lesen ist auch der Blick auf die Rolle von DDR und BRD während des Stellvertreterkrieges in Asien. Letztere stellte zwar keine Truppen, pflegte laut Frey aber schon zwanzig Jahre vor dem Golfkrieg "großzügig mit dem Scheckheft umzugehen": "Die Bundesrepublik wurde im Verlauf des Krieges Südvietnams wichtigstes, nicht militärisch involviertes Geberland und überwies umgerechnet 7,5 Millionen Dollar jährlich nach Saigon."
Einen recht großen Wermutstropfen gibt es aber doch noch: Freys "Geschichte des Vietnamkriegs" erzählt vorwiegend aus der Perspektive der Amerikaner und Südvietnamesen. Das kommunistische Nordvietnam bleibt als Protagonist zu sehr im Dunkeln.