Ijoma Mangold führt ein politisches Tagebuch und beschreibt darin die Ereignisse sowie seine wechselnden Reaktionen darauf: auf Trump und auf Greta, auf Boris Johnson, von dem er sich allzu gern hat täuschen lassen; auf den Mietendeckel, den Terror von Hanau, das Corona-Virus. Die alte Eindeutigkeit ist aus der Politik verschwunden. Sie wurde ersetzt durch Reflexe und Schnappatmung, durch Wut und Widersprüchlichkeit. Doch gerade dieses Unreflektierte, die Affekte, der Stammtisch, der permanent nur für uns selbst in uns zu hören ist, ist das, so Mangold, was das Politische im Tiefsten ausmacht. Sein ist Text Zeitdiagnostik, eine Darstellung des politischen Gegenwartstheaters durch einen aufmerksamen Insider, eine politische Anthropologie.
Ijoma Mangold, born in 1971, studied literature and philosophy in Munich and Bologna. He is currently the managing editor for literature at Germany's leading weekly newspaper, "Die Zeit".
Mit diesem politischen Tagebuch, aufgezeichnet vom 17. September 2019 bis zum 13. April 2020, lässt Ijoma Mangold Leser*innen an seiner Selbstbeobachtung teilhaben, mittels derer er "den Zusammenhang zwischen Reflexen, Emotionen, Affekten, weltanschaulichen Überzeugungen und politischen Urteilen" genauer begreifen möchte. Und bei diesem Selbstversuch schont der Kulturkorrespondent und ehemalige Literaturchef der "Zeit" weder sich noch sein Publikum: Mangold, seines Zeichens 49 Jahre alt, meditiert über seine Trotzreaktionen, wird von Greta getriggered (obwohl er auf ihrer Seite steht), läuft gegen die Wände seiner eigenen Vorurteile, regt sich über Virtue Signalling und Online-Narzissmus auf, empfindet Sympathien für Boris Johnson und schämt sich später dafür, und zwischendurch haut er ein paar Bonmots raus ("Der Irrende hängt ja an seinen Irrtümern, er hält sie für seinen Charakter." - ganz großes Tennis!).
Tja, und so ein paar Haltungen von Ijoma Mangold, die triggern mich: Warum arbeitet der Mann sich an Greta ab? Boris Johnson, really? Und dieser leichte Dünkel, zu dem er schon in Das deutsche Krokodil steht, der geht echt gar nicht. Und jetzt kommts: Trotzdem ist Mangold ein unfassbarer Sympath, weil er um all die gegensätzlichen Reflexe und Affekte weiß und sich generell für ein bisschen mehr Demut angesichts der eigenen Unzulänglichkeit einsetzt ("36 Gerechte leben laut jüdischer Überlieferung in jeder Generation. Nicht viele. Sehr unwahrscheinlich also, dass man dazu gehört.") - und diese harmlos anmutende Botschaft ist in Zeiten von Cancel Culture, gesellschaftlicher Spaltung und Twitter-Aktivismus sehr wichtig.
Außerdem ist er verdammt oft verdammt relatable: "Ach, ihr Rüpel, da steh ich doch drüber. Aber wie viel Kraft es mich kostet, darüberzustehen, das möchte ich lieber nicht zugeben." Same, Ijoma, same. Und so liefert er uns zahlreiche Kommentare und Gedanken-Vignetten über Trump, Brexit, Merkel, Corona, das Internet und gesellschaftliche Dynamiken (allerdings vornehmlich in seiner Bubble - andererseits ist es ja ein Tagebuch). Immer wieder taucht seine Freundin Helena Goldt auf und haut ein paar Meinungen raus, die durchweg mindestens amüsant sind.
Dieses Buch ist unglaublich unterhaltsam und schlau, weil es Leser*innen auffordert, nicht nur Mangold dabei zuzusehen, wie er mit seinen Ressentiments und Emotionen ringt, sondern sich an die eigene Nase zu fassen: Na, auch selbst ein bekennder Klimaschützer, der Fernreisen liebt? Was denn nun? Mangold kann ruhig noch ein paar Bücher schreiben, ich lese sie auf jeden Fall.
Mehr zum Buch gibt's in unserer neuen Podcast-Folge!
Ein Buch zur rechten Zeit – vergnüglich, ehrlich, erstaunt! Mangold bringt es fertig, sich selbst zu beobachten und gleichzeitig ganz vielen Leuten einen Spiegel vorzuhalten. Besonders gut ist das Buch da, wo es die Reaktionen darauf einfängt: Von Erstaunen, Wachgerütteltsein bis Entlarvung ist alles dabei. Überhaupt kein Vergleich zu Platthaus' völlig mißlungenem "Amerikanischen Tagebuch".
"Der innere Stammtisch" ist Ijoma Mangolds 2020 erschienenes politisches Tagebuch, in dem er nicht nur die politischen Stimmungen und Ereignisse der Monate zwischen September 2019 und April 2020, sondern vor allem auch sich selbst und seine Reaktionen darauf beobachtet und hinterfragt.
Mangolds Gegenwartsbeobachtungen haben mich sofort an den Podcast "Die sogenannte Gegenwart" erinnert, den Mangold im Wechsel zusammen mit Lars Weisbrod und Nina Pauer moderiert. "Geil", dachte ich am Anfang, "Die sogenannte Gegenwart in Buchform!" Allerdings ist die Gegenwart, die 2020 noch hochaktuell war, heute schon wieder zwei, drei Jahre her. Beim Lesen musste ich feststellen, dass ich viele der damaligen politischen oder gesellschaftlichen Debatten inzwischen vergessen oder möglicherweise damals auch gar nicht wahrgenommen hatte. Hier hat mir dann ein wenig Kontext gefehlt, um Mangolds Gedanken viel abzugewinnen.
Im Vergleich zum Gegenwartspodcast stellt "Der innere Stammtisch" wirklich eine hohe Dosis Mangold dar, was man mögen kann oder auch nicht. Persönlich schätze ich die Dynamik zwischen Mangold und seinen Co-Moderierenden, die häufig von Meinungsverschiedenheiten geprägt ist. Vielleicht sollte ich einfach aufhören, so viele Bücher von Podcastern zu lesen, denn am Ende bin ich eigentlich immer enttäuscht, dass das Buch nicht genau wie der Podcast ist.
Häufig liefert Mangold als Schwarzer, konservativer Autor der linksliberalen ZEIT erfrischende Perspektiven zu - teils mäßig interessant gealterten - gesellschaftlichen Diskursen. Sympathisch und witzig ist er dabei auch noch. Ein paar Klischees sind trotzdem dabei, zum Beispiel die übliche Erzählung vieler Ex-Linker, die die heutige Linke als borniert bezeichnen und ihre Vorgänger als mutiger verklären. Und ein bisschen belanglos ist der innere Stammtisch trotz aller Unterhaltung am Ende ehrlich gesagt auch.