„Tödliche Schlagzeilen“, so der deutsche Titel, dem leider die Ironie des Originaltitels abgeht, ist der erste und mit etlichen Geburtswehen behaftete Teil der Rustbelt-Tetralogie, der erst zum Schluss ins Deutsche übersetzt wurde. Dieser von interessierter Seite zum Mord aufgeblasene Vermisstenfall vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Niedergangs einer Stadt ist alles andere als ein reines literarisches vergnügen, beim Lesen ensteht der Eindruck, der Autor entwickelt beim Schreiben sein Milieu und die personellen Konstellationen, die auch in den folgenden Romanen in allerlei Variationen wieder auftauchen. Den vom persönlichen Verlust und allerlei psychischen Defekten gezeichneten Helden, der in eine Sache gerät, die eigentlich über seine Verhältnisse geht, seine zwiespältigen Gefühle für eine irgendwie in die Tat verwickelte Unterschichtbraut aus dem Trailer, den von vornherein für die Gesellschaft feststehenden Täter, der mangels anderer offensichtlicher Alternativen vorschnell zur Strecke gebracht wird.
Dieser Sozialkrimi mit Anklängen an ein Familiendrama ist sicherlich nichts für Thrillerfreunde üblichen Zuschnitts, auch wenn der Showdown, in dessen Verlauf sich Erzähler Bill selbst zur Geisel macht und damit zum Lebensretter in aussichtsloser Lage wird, das Buch auch für mich erst auf vier Sterne gezogen hat.
Bill lebt allein im großen Herrenhaus über dem sterbenden Industriestandort, denn es ist der einzige Ort, der ihn zu monatlichen Auszahlungen aus dem Treuhandvermögen seines Großvaters berechtigt,der als Einwanderer aus dem zaristischen Russland ein ganzes, inzwischen in Trümmer gegangenes Imperium, aufgebaut hat. Bills in vielerlei Hinsicht überforderter Vater, hat sich unter bizarren Umständen das Leben genommen, da er nicht dazu bereit war, irgendwo in billig Asien zu produzieren. Der Sohn war danach einige Zeit in der Psychiatrie und ist zu Beginn der Handlung jüngstes Mitglied der auf drei Mann geschrumpften Redaktion der Lokalzeitung Daily Truth. Als die Nachricht herein kommt, dass Ronny Lawton seinen Alten umgebracht haben soll, feilt der Jungjournalist, der davon träumt es ein zweites mal mit dem Eignungstest zum Jurastudium zu versuchen, an den letzten Zeilen zu einem Artikel über die Siegerin im Backwettbewerb, der für die Titelseite vorgesehen ist.
Der Mordverdacht verändert alles, denn sein hastig zusammengeschusterter Artikel über die Vorgeschichte des mutmaßlichen Mörders stellt eine Beziehung zwischen dem Jungjournalisten und dem Mann her, der so gut ins Täterprofil passt. Und da das Fernsehen in Sachen Lokalberichterstattung deutlich schneller ist und mit einer attraktiven Moderatorin aufwarten kann, die ihren Sex-Appeal bei den Berichten gezielt einsetzt, entsteht ein ungleicher Wettlauf.
Bill, auf dessen Anrufe seine Uni-Liebe nur noch antwortet, wenn er rein fachliche Fragen stellt, gerät dagegen in den Sog von Teri, der Ex-Frau von Ronny, die keinen Unterhalt für den „gemeinsamen“ Sohn bekommt und mit einem gewissen Karl in einem vollkommen verdreckten Trailer haust. Ihre erste Frage vor laufender Kamera ist denn auch, ob sie das Haus bekommt, wenn Ronnie für den Mord verurteilt wird.
Im Verlauf der weiteren Recherchen bekommt Bill heraus, dass Teri zumindest ein moralisches Recht auf das Haus und ein Motiv für einen Mord hätte. Das mutmaßliche Opfer, das nach wie vor vermisst wird, war ein ziemlich schlimmer Finger, der seinem Sohn wie seiner Schwiegertochter ziemlich übel mitgespielt hat. Mit all seinem Wissen gerät Bill, der inzwischen auch vom FBI abgehört wird, in eine mehrfache Zwickmühle, denn seine Zeitung „Daily Truth“ steht in Übernahmeverhandlungen und will den guten Draht des jüngsten Redaktionsmitglieds zum abgetauchten Hauptverdächtigen Ronny zu Geld machen.
Bill kann sich inzwischen denken, dass Teri das stärkere Motiv zum Mord hatte und bekommt auch die breite Front ihrer Unterstützerinnen zu spüren, die lieber ihren mit Steroiden vollgepumpten Ex als Täter sehen würde. Eine Konstellation, die Verzweiflungstaten geradezu begünstigt.
Aber leider gibt es auf dem Weg zum Finale ein paar Mäander oder nicht so gut motivierte Handlungsstränge zu viel. Auch der dritte Streich „Schlafende Engel“, der hierzulande am erfolgreichsten war, so ist das Buch nicht wirklich gut ausbalanciert, auch wenn er eher die Bedürfnisse von Krimi-Lesern anspricht. Wirklich großartig sind der zweite und der vierte Teil: Im Nachfolger „Nicht totzukriegen“ testet MC beziehungsmäßig eine Konstellation im Alltag aus, für die in „Tödliche Schlagzeilen“ nur wenig Spielraum blieb und liefert ein absolutes Happy End. Den einsamen Showdown mit dem übersehenen Psychopathen vom Dienst liefert der Autor im „Bestseller-Mord“ nach, seinem vielschichtigsten und auch bizarrsten Krimi. Letzteren würde ich Leuten ans Herz legen, die gern ein wenig mit ihrer Lesezeit knapsen und von daher auf exemplarische Höhepunkte fixiert sind. Lesern mit Neigung zur Kompletitis sollten lieber mit den „Tödlichen Schlagzeilen“ beginnen und sich dem Gipfel der Erzählkunst dieses Michael Collins entgegen lesen.
Eine abschließende Warnung zum Schluss, wer darauf fixiert ist, dass der Täter am Ende in Handschellen abgeführt oder anderweitig von der Staatsmacht zur Strecke gebracht wird, sollte seine Lesezeit besser in andere literarische Objekte investieren.