H. P. Lovecraft ist, ohne Wenn und Aber, der bedeutendste Autor unheimlicher Phantastik des 20. Jahrhunderts. Im angloamerikanischen Raum ist er längst als Klassiker anerkannt, und auf Deutsch liegt sein Werk in verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen vor.
Sein Leben dagegen ist mehr als umstritten: Als »Einsiedler von Providence« wurde er bezeichnet, als Rassist und Menschenfeind. Dem steht entgegen, dass er sich sein Leben lang als Amateurjournalist innerhalb eines großen Bekanntenkreis bewegte. Außerdem hat er Zehntausende von Briefen geschrieben, an Schriftstellerkollegen wie Robert E. Howard und Clark Ashton Smith und an »Fans« wie den Psycho-Autor Robert Bloch und den späteren Lovecraft-Verleger August Derleth.
Grundlage jeder ernsthaften Beschäftigung mit Lovecraft ist das Standardwerk I am Providence: The Life and Times of H. P. Lovecraft von S. T. Joshi, erstmals 1996 erschienen und, als definitive Ausgabe überarbeitet und erweitert, in zwei Bänden 2010. Diese materialreiche Biographie schildert Lovecrafts Werdegang und Werk mit einer Akribie, die ihresgleichen sucht.
Mit der deutschen Übersetzung von Joshis Biographie werden erstmals auch zahlreiche längere Passagen aus Essays und Briefen Lovecrafts auf Deutsch zugänglich. Wer sich mit seinem Leben und Werk auseinandersetzen möchte, kommt an diesen beiden Bänden nicht vorbei.
Sunand Tryambak Joshi is an Indian American literary scholar, and a leading figure in the study of Howard Phillips Lovecraft and other authors. Besides what some critics consider to be the definitive biography of Lovecraft (H. P. Lovecraft: A Life, 1996), Joshi has written about Ambrose Bierce, H. L. Mencken, Lord Dunsany, and M.R. James, and has edited collections of their works.
His literary criticism is notable for its emphases upon readability and the dominant worldviews of the authors in question; his The Weird Tale looks at six acknowledged masters of horror and fantasy (namely Arthur Machen, Algernon Blackwood, Dunsany, M. R. James, Bierce and Lovecraft), and discusses their respective worldviews in depth and with authority. A follow-up volume, The Modern Weird Tale, examines the work of modern writers, including Shirley Jackson, Ramsey Campbell, Stephen King, Robert Aickman, Thomas Ligotti, T. E. D. Klein and others, from a similar philosophically oriented viewpoint. The Evolution of the Weird Tale (2004) includes essays on Dennis Etchison, L. P. Hartley, Les Daniels, E. F. Benson, Rudyard Kipling, David J. Schow, Robert Bloch, L. P. Davies, Edward Lucas White, Rod Serling, Poppy Z. Brite and others.
Joshi is the editor of the small-press literary journals Lovecraft Studies and Studies in Weird Fiction, published by Necronomicon Press. He is also the editor of Lovecraft Annual and co-editor of Dead Reckonings, both small-press journals published by Hippocampus Press.
In addition to literary criticism, Joshi has also edited books on atheism and social relations, including Documents of American Prejudice (1999), an annotated collection of American racist writings; In Her Place (2006), which collects written examples of prejudice against women; and Atheism: A Reader (2000), which collects atheistic writings by such people as Antony Flew, George Eliot, Bertrand Russell, Emma Goldman, Gore Vidal and Carl Sagan, among others. An Agnostic Reader, collecting pieces by such writers as Isaac Asimov, John William Draper, Albert Einstein, Frederic Harrison, Thomas Henry Huxley, Robert Ingersoll, Corliss Lamont, Arthur Schopenhauer and Edward Westermarck, was published in 2007.
Joshi is also the author of God's Defenders: What They Believe and Why They Are Wrong (2003), an anti-religious polemic against various writers including C. S. Lewis, G. K. Chesterton, T. S. Eliot, William F. Buckley, Jr., William James, Stephen L. Carter, Annie Dillard, Reynolds Price, Elisabeth Kübler-Ross, Guenter Lewy, Neale Donald Walsch and Jerry Falwell, which is dedicated to theologian and fellow Lovecraft critic Robert M. Price.
In 2006 he published The Angry Right: Why Conservatives Keep Getting It Wrong, which criticised the political writings of such commentators as William F. Buckley, Jr., Russell Kirk, David and Rush Limbaugh, Ann Coulter, Phyllis Schlafly, William Bennett, Gertrude Himmelfarb and Irving and William Kristol, arguing that, despite the efforts of right-wing polemicists, the values of the American people have become steadily more liberal over time.
Joshi, who lives with his wife in Moravia, New York, has stated on his website that his most noteworthy achievements thus far have been his biography of Lovecraft, H. P. Lovecraft: A Life and The Weird Tale.
Noch in den 80er Jahren stöhnten in Deutschland begeisterte Leser, dass man so gut wie nichts über den verehrten Kultautor HPL wisse, von dem mancher sagt, er sei seit Poe der bedeutendste amerikanische Autor der Phantastik, vielleicht sogar besser als Poe. Die Situation hat sich seitdem für die Aficionados maßgeblich gebessert und spätestens mit dem Vorliegen der großen Lovecraft=Bio von Joshi, die der Golkonda Verlag inzwischen in zwei Bänden herausgebracht hat (Band 2 ist gerade im April 2020 erschienen), kann auch der Leser in Deutschland alles über seinen Lieblingsautor erfahren.
Joshi ist die dienstälteste Lovecraft=Witwe (um mal Wagenbachs Selbstcharakteristik in Bezug auf seine Beschäftigung mit Kafka zu paraphrasieren) und vertraut mit dem Werk wie kaum ein anderer. Er hat zahlreiche Bücher von und über HPL herausgegeben, unter anderem die fünfbändige Briefausgabe, und auch mehrere Bücher zur Weird Fiction allgemein. Es sollte also kaum einen anderen Autor geben, der besser geeignet wäre, die ultimative Lovecraft=Bio vorzulegen. Schon auf den ersten Blick sind die beiden Bände mit ihren 1400 Seiten vom Umfang her tatsächlich beeindruckend, sogar einschüchternd in Anbetracht des relativ kleinen Drucksatzes und der eng bedruckten Seiten.
Schon nach den ersten Kapiteln stellte ich mir aber die Frage, ob Joshi seinen Stoff beherrscht oder aber sich von der Masse der Fakten, die er zusammengetragen hat, beherrschen lässt. Einerseits kann ich verstehen, dass er möglichst viel von dem, was er über Jahrzehnte in verdienstvoller Forschungsarbeit über HPL herausgefunden hat, in die Bio einbringen wollte. Und wo, wenn nicht in dieser Bio, sollte der Fleiß Früchte tragen, wo sonst hätte alles Wissen über Leben und Schreiben so zusammenhängend vorgestellt werden können? Verständlich also, dass Joshi die überbordende Menge an biografischen Details in seinem Großprojekt unterbringen wollte. Und doch: Als das Buch erstmals 1996 in Amerika erschien, geschah dies in einer gekürzten einbändigen Ausgabe; erst 2010 erschien die vollständige zweibändige. Und ich wage zu sagen: Der Verleger der Erstausgabe lag vermutlich richtig, als er nur die gekürzte Fassung auf den Markt brachte. Immer wieder wird der Leser mit einer Fülle an Fakten und Details überschüttet, die zum Verständnis von Leben und Werk des Verbiografierten nicht beitragen. Leider tritt sogar der gegenteilige Effekt ein: In der Masse der Informationen verliert der Leser gelegentlich den roten Faden, vermag kaum zu unterscheiden, was bedeutsam, was unwichtig ist. Die Wechselbeziehung zwischen Leben und Werk herzustellen ist nie ein leichtes Unterfangen und es ist Joshi hoch anzurechnen, dass er auf küchenpsychologische Erklärungen durchgehend verzichtet. Aber gerade HPL ist ein Autor, dessen Persönlichkeit in hohem Maße Fragen aufwirft. Welche Faktoren waren es in seiner Kindheit, die aus ihm einen so rassistischen, snobistischen und zugleich wenig lebenstüchtigen Menschen machten? Da ist der Vater, den HPL schon als Kleinkind nicht mehr sieht, weil er in ein Sanatorium eingewiesen wird, das er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen wird. Die Mutter scheint ihrem Sohn wenig Liebe gezeigt zu haben; solange noch Geld vorhanden war, hat sie seine Spleens mit großzügigen Geschenken belohnt, gegenüber einer Nachbarin in unglaublicher Gefühlskälte aber auch geklagt, wie hässlich HPL sei. Joshi legt wenig Gewicht darauf, diese Punkte zu vertiefen. Der Verzicht auf Spekulationen ist redlich, deutlich wird aber auch, dass vieles im Leben HPLs im Dunkel liegt und wohl niemals geklärt werden wird. In der deutschsprachigen Übertragung zumindest gibt es trotzdem gerade in solchen Momenten viele Floskeln, die da gesicherte Erkenntnisse andeuten, wo doch Zweifel bestehen müssten. Dieser erste Band endet mit den Ehejahren HPLs, die nicht weniger skurril als seine Kindheit sind und mindestens ebenso viele Fragen aufwerfen. Wieder zeigt Joshi sich zurückhaltend, obschon er sich - so mein Eindruck - kaum zu weit aus dem Fenster hängen würde, wenn er an dieser Stelle auf die Bindungs-, vielleicht sogar Liebesunfähigkeit HPLs einginge. Am sichersten fühlt sich Joshi hingegen, wenn er über den Amateurjournalismus schreibt, der die frühen Jahre des Schriftstellers HPLs geprägt hat. Über das Phänomen des amerikanischen Amateurjournalismus, von dem ich zuvor noch kaum etwas gehört hatte, hätte ich tatsächlich sogar gerne noch etwas mehr erfahren, allerdings nicht in der Form, wie Joshi sie hier gewählt hat. In einer endlosen Folge von Namen, Funktionen und Publikationen geht auch hier der rote Faden verloren, dominieren unbedeutende Fakten das Thema als ganzes, das durchaus relevant wäre.
Ich hätte es zu schätzen gewusst, wenn zumindest im Anhang eine Zeittafel gewesen wäre, die die grobe Orientierung erleichtert. In den ersten Kapiteln wäre ein genealogischer Stammbaum nützlich gewesen als Orientierungshilfe, genau wie ausführliche topografische Beschreibungen durch Beifügung einer Karte anschaulicher geworden wären. Und wenn wir schon beim Wünschen sind: Warum gibt es in einer 1400-seitigen Biografie nicht ein einziges Foto? Immerhin hat jedes Kapitel einen wissenschaftlich korrekten Anmerkungsteil, in dem Joshi die Quellen nachweist und ein umfangreicher Anhang hilft beim Auffinden von Personen und Werken.
Soviel zur Biografie an sich, die in ihrer Qualität nicht danach bewertet werden darf, ob dem Leser der Gegenstand des Buches nun sympathisch ist oder nicht. Trotzdem will ich auch hierauf kurz eingehen: Lovecraft war ein Mensch, den zu mögen nicht leicht ist. Seine Angst vor allem Fremden, sein widerlicher Rassismus, sein Desinteresse an sozialen Fragen und die fast ausschließliche Fixierung auf sich selbst sind ein harter Brocken, der beim Lesen seiner Texte bei aller Gutwilligkeit nie ganz ausgeblendet werden kann. Joshi ist es nicht gelungen, mir den Menschen Lovecraft auf den ersten 700 Seiten wirklich näher zu bringen. An einigen Stellen begegnete mir HPL als überraschend witziger Briefeschreiber, was immerhin dazu geführt hat, dass ich mir vorgenommen habe, Briefe von ihm zu lesen. Ansonsten aber bleibt HPL mir wesensfremd und unangenehm. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Bio mein Verständnis des Werks maßgeblich vertieft hat. HPL ist ein Schriftsteller, der von vielen Lesern der Phantastik verehrt wird und Stephen King, der es wissen sollte, nennt ihn den bedeutendsten Horrorautor überhaupt. Ich lasse mich gerne anstecken von Begeisterung, trotzdem hat sich meine Einschätzung nicht geändert, dass HPL unter rein schriftstellerischen Aspekten wohl doch überschätzt wird. Der zweite Band dieser Monumentalbiografie wartet im Regal auf mich, aber jetzt brauche ich erst einmal eine Verschnaufpause.