Zwei Männer. Zwei Möglichkeiten. Zwei Leben. Jackie Thomae stellt die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind.
Mick, ein charmanter Hasardeur, lebt ein Leben auf dem Beifahrersitz, frei von Verbindlichkeiten. Und er hat Glück – bis ihn die Frau verlässt, die er jahrelang betrogen hat. Gabriel, der seine Eltern nie gekannt hat, ist frei, aus sich zu machen, was er will: einen erfolgreichen Architekten, einen eingefleischten Londoner, einen Familienvater. Doch dann verliert er in einer banalen Situation die Nerven und steht plötzlich als Aggressor da – ein prominenter Mann, der tief fällt. Brüder erzählt von zwei deutschen Männern, geboren im gleichen Jahr, Kinder desselben Vaters, der ihnen nur seine dunkle Haut hinterlassen hat. Die Fragen, die sich ihnen stellen, sind dieselben. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein.
Shortlisted for the German Book Prize 2019 Two half-brothers, growing up in the GDR without their Senegalese father and without knowing each other - Jackie Thomae's novel investigates what influences a person's character, how factors like coincidence, circumstance and personal disposition shape a life (so the basic idea is similar to Paul Auster's 4 3 2 1, but have no fear, this book is less tedious). Mick, the son of free-spirited Monika, is a bonvivant and ladies' man, partying hard in the 90's until some bad decisions come to haunt him; his half-brother Gabriel loses his mother early, grows up with his grandfather and becomes a famous architect in London trying to do everything right, until he crumbles under the pressure.
What makes this book special is Thomae's sober tone that negotiates race, class, and gender as facts that have a fundamental impact on the characters' lives, but without turning this into a book about these concepts - this is a book about complex, messy human beings, not about ideas that are merely represented by human beings (looking at you, Girl, Woman, Other, currently shortlisted for the Booker). Thomae (who herself grew up in the GDR without her African father) covers circa 45 years in the lives of Mick and Gabriel, and she is trying to give both of them proper attention: She is not operating with intricate alternating storylines, but rather splits the book in two even halves (first Mick, then Gabriel), followed by a very moving epilogue.
Mick's story is narrated in a linear fashion and from a third person perspective, while Gabriel's part reveals his life in flashbacks and is told in short alternating chapters by Gabriel himself as well as his wife Fleur. The second concept is of course more compelling, as the viewpoints differ, and while I also found the plot a lot more interesting (there are also some lenghts and plot holes in the first half), the whole book reads very nicely. This is an example of literature being highly accessible without being dull or shallow.
Which brings us to the rather interesting discussion surrounding this shortlist: That it gives too much room to newcomers and young authors, that it features too many highly accessible titles, that it highlights weird themes (hello, Nicht wie ihr). Yes, this is not your usual shortlist, and you know what? That's exactly what the German Book Prize needs: It needs fresh voices, it needs new themes and perspectives, it needs to showcase daring novels. This shortlist is ten times more interesting than this year's Booker shortlist, so let the judges do their unusual thing. There will be a new jury next year, and God knows where they will take us - and that's part of the fun of reading prize lists.
>>>Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist)<<<
Meine Begegnung mit diesem Buch möchte ich wie folgt beschreiben: Stellt euch vor, ihr habt ein Blind Date. Die Person, mit der ihr euch treffen werdet, ist euch nicht bekannt, aber ihr habt eine grobe Vorstellung von ihr, vielleicht, weil ihr ahnt, wer sie sein könnte, vielleicht, weil ihr ein bestimmtes Bild vor Augen habt. Jedenfalls stimmt euch eure Vorahnung optimistisch. Dann kommt ihr zum Date und stellt fest, dass es sich doch um eine ganz andere Person handelt. Ihr seid im ersten Moment enttäuscht, bleibt aber doch und nehmt das Date an. Schon nach kurzer Zeit stellt ihr fest, dass die euch zuvor unbekannte Person sehr nett und interessant ist. Ihr redet, tauscht euch aus, ihr "klickt" - das Date wird ein voller Erfolg und am Ende seid ihr überglücklich und gleichzeitig traurig, weil der Abend zu Ende ist.
So in etwa war das mit "Brüder" und mir. Nach Lesen des Klappentextes hatte ich so eine Art Parallelgeschichte über zwei Halbbrüder erwartet, die sich sich zufällig (?) treffen und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede erforschen. Oder sowas in der Art. Bisschen Familiendrama, bisschen Exotik, bisschen Ostalgie - beide Brüder wuchsen in der DDR auf, haben je eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater, also wird sicher Rassismus oder Identitätsfindung im sozialistischen Bauernstaat und der Nach-Wende-Zeit das beherrschende Thema sein? Und dann kam alles anders. Nicht ganz anders, aber ziemlich.
Erste Überraschung: Frau Thomae erzählt ihre Geschichten hintereinander. Nicht nur strukturell, also erste Hälfte Mick, der stets getriebene Lebemann, der Berufsjugendliche, der Nicht-Festleger und Nie-Ankommer, zweite Hälfte Gabriel, der Geordnete, Geerdete, Gemachte.
Auch zeitlich folgen die Geschichten aufeinander. Micks Geschichte beginnt tatsächlich in seiner DDR-Jugend, lässt sich dann aber schnell auf die Zeit nach der Wende ein, mit unserem Hauptcharakter als Animateur der Berliner Technoszene der 90er Jahre, von Party zu Party und Frau zu Frau. Bis zum großen Crash. Der echt bitter ist. Gabriels Strang setzt zeitlich danach ein, und hat, grundsätzlich irgendwie ähnlich, dann aber doch ganz anders, eher den großen Bogen vom Aufbau bis zum Niedergang der perfekten Illusion, möglicherweise bedingt durch eine identitätsleere Midlifecrisis, zum Inhalt. Auch Gabriel erleidet einen Crash - der zu den denkwürdigsten Ausrastern zählt, die ich überhaupt je gelesen habe.
Dritte Überraschung: Die unterschiedlichen Erzählweisen. Micks Part springt zwischen verschiedenen Erzählstimmen in dritter Person hin und her. Zwar übernimmt Mick den überwiegenden Part, doch es kommen zahlreiche weitere Personen zu Gehör, kleinere und größere Rollen, die teils nur Kurzauftritte haben, trotzdem sehr genau gezeichnet sind. Hat mich hier und da an die Erzählweise meiner geliebten Reihe Das Leben des Vernon Subutex erinnert, auch wenn Frau Thomae weit weniger zynisch/böse als Frau Despentes schreibt (was nicht heißen soll, dass Frau Thomae nicht dahin geht, wo es weh tut, denn das tut sie durchaus).
Im zweiten Teil sind es Gabriel und seine Frau Fleur, die abwechselnd aus der Ich-Stimme ihre eigene und gemeinsame Geschichte wiedererzählen, was sich im Laufe der Erzählung zu einem sehr intimen und hintergründigen Beziehungsporträt auswächst, das mir alleine als Geschichte schon gereicht hätte. Ich kann trotzdem nicht sagen, welcher Teil mir besser gefallen hat, beeindruckt haben mich beide auf ihre ganz eigene Art.
Diese drei Besonderheiten haben das Buch für mich sehr interessant und gleichzeitig sehr zugänglich gemacht. Hatte ich anfangs mehr Parallelen erwartet - die sich in den Geschichten der beiden Halbbrüder, so unterschiedlich sie auch sein mögen, durchaus finden lassen - waren es vor allem diese "gleichzeitigen" Unterschiede, die mich mit jeder Seite mehr begeistert haben.
Jackie Thomae schreibt genau so, wie ich es liebe. Sie erschafft Charaktere, die echt sind, die Macken haben, Ecken und Kanten, die real sind. Die den Plot, die Geschichte bestimmen und vorantreiben, durch ihre Echtheit. Weil sie manchmal richtig ätzend sind. Weil sie Angst haben. Weil sie richtig Mist bauen - und sich nicht mal dafür schämen. Oder rechtfertigen. Und sie Beziehungen jeglicher Art durchleben und -leuchten: Paare, Freunde, Bekannte, Eltern-Kind, Kind-Eltern, andere Verwandschaftsverhältnisse.
Jackie Thomae packt zahlreiche Themen aufs Tableau, große Themen, einige davon habe ich bereits erwähnt: Identität, Herkunft, Rassismus, Liebe, Treue, Selbstfindung, Zwänge. Und sie erzählt davon - aber stets auf erfrischende Art und "Nebenbei"-Weise. Hier kommt kein Holzhammer zum Einsatz, eher eine freundliche Einladung, sich doch mal neben Frau Thomae zu setzen und mit ihr zu sinnieren und subtil zu hinterfragen: Und, wie ist das bei dir so? Erzähl doch mal!
Es gibt da noch zwei, drei Specials, die das Werk weiter würzen. Zum einen dieses herrliche Bonmot, das im Teil über Mick vorkommt, den man durchaus als "schwanzgesteuert" bezeichnen kann. Das wird er mit folgenden Worten angesprochen: "[...]Du bist so schwanzgesteuert wie ein Typ, den sich eine verbitterte Frau ausgedacht hat." Ha! Sehr schön. Auch schön: Irgendwann kommt auch Idris, der Vater der beiden Halbbrüder mal ins Bild. Und schließlich der Epilog, hach, was soll ich sagen - ich hatte wirklich Tränen in den Augen. Die letzten Seiten haben mich den Roman endgültig lieben lassen, denn das Ende war - für mich - absolut perfekt.
Tl;dr: Ein wunderbares Leseerlebnis. Jackie Thomae erzählt unaufgeregt und doch aufwühlend. Eine beeindruckende, unaufgesetzte, facettenreiche Charakterstudie, mit Themen und Inhalten, die sehr aktuell sind, das Buch aber eher subtil begleiten als permanent bestimmen. Ich hab's sehr gerne gelesen, für mich ganz genau das Richtige.
Als 1989 die Mauer zwischen der DDR und der Bundesrepublik fällt, sind Mick und Gabriel 19 Jahre alt. Im selben Jahr von zwei Müttern geboren, haben sie einen gemeinsamen schwarzafrikanischen Vater, der in Leipzig studierte und von seinen Söhnen wusste. Idris kann im Gegensatz zu Monika und Gabriele das Land „einfach“ verlassen. Das tut er, weil beide Frauen keine Forderungen an ihn stellen. Als Mick zur Jahrtausendwende auf sein erstes Lebensjahrzehnt nach der Wende zurückblickt, hat er nie eine sozialversicherungspflichtige Arbeit ausgeübt und ist auf beinahe groteske Art immer wieder auf die Füße gefallen. Seine Mutter war ungeplant schwanger geworden und hatte als taffe Ostfrau mit diesem Kind dem System eine Nase gezeigt. Michi war vielleicht einen Tick zu pflegeleicht. Er konnte schon als Kind gut mit Leuten umgehen und hätte nach dem Mauerfall etwas aus sich machen können. Stattdessen richtet der Sonnyboy sich in einer Rolle ein, in der stets andere die Verantwortung zu tragen und für einen gefüllten Kühlschrank zu sorgen haben. Mit Chris und Fabian führt Mick einen Club, der eine Goldgrube gewesen sein muss – wäre Mick nicht so blauäugig gewesen, wie er nun mal ist. Relativ früh habe ich mich gefragt, ob Micks wandelnde Dreistigkeit ein Erbe seines Vaters sein könnte, der sich drauf verließ, dass allein Frauen die Verantwortung tragen und er seiner Wege gehen kann.
Ein Szenen- und Erzählerwechsel führt nach London, wo Idris Sohn Gabriel inzwischen erfolgreich als Architekt arbeitet. In Leipzig geboren und vom preußischen Großvater erzogen, findet Gabriel das britische Konzept von Ethnien und Kontinenten befremdlich. Für ihn als schwarzen Europäer halten Fragebogen zur Person keine Spalte bereit; er ist nicht vorgesehen. In der Ehe mit Fleur, die mit 14 mit ihren Eltern praktisch als Einwanderin aus Afrika nach England kam, muss Gabriel sich seiner Identität stellen, mit der er sich angeblich nie beschäftigt hat. Du wirst Identitätsfragen nicht entkommen, sagt Fleur. Hauttönungen sieht sie als Hierarchie, in der ihr eigener Hautton weit unten rangiert. Fleur wird zur Aktivistin, weil sie sich einer marginalisierten und diskriminierten Gruppe zurechnet. Zu Afrika hat Gabriel kein Verhältnis, hält der Fleur entgegen. Dennoch muss er aufgrund seiner Hautfarbe oft „die Frage“ beantworten, woher er kommt. Den unausgesprochenen Unterton kennen wir bis in die Gegenwart nur zu gut: Wann gehst du wieder dahin zurück? Als Leser begegnet man Gabriel im Moment seiner größten Niederlage, der ihn als arroganten, frauenfeindlichen Schnösel erscheinen lässt. Da Fleur und er einen pubertierenden Sohn haben, fragt sich auch bei Gabriel, wie ähnlich er seinem Vater ist und wie er als Star-Architekt selbst seine Vaterrolle ausfüllt.
Beide Söhne wissen zu wenig über sich als Kind. Das allein gibt tiefen Einblick in die vaterlose Gesellschaft, die sie bis heute prägt, und das scheint das eigentliche Drama zu sein. Als Idris aus Dakar zu seinen Kumpels aus der Leipziger Studienzeit reist, kann er seine Selbstlügen nicht länger aufrechterhalten, warum er sich nie für seine Söhne interessiert hat.
Jackie Thomaes Roman bezieht seine Spannung aus dem Kopfschütteln, Mick wäre sicher längst tot oder im Knast, wäre er keine Romanfigur, und aus der Hoffnung, die Ereignisse für Vater und Söhne möchten noch ein gutes Ende nehmen. Neben zahlreichen Varianten von Bruderschaft (Männerbünde, Ethnien) lässt Jackie Thomae Mütter und Partnerinnen ihres zentralen Bruderpaars als differenzierte Nebenfiguren auftreten. Gabriels Leipziger Großvater Loth mit seinem Glauben, die DDR wäre als Interimslösung geplant, vertritt als prägende und berührende Männerfigur die deutsche Nachkriegsgeschichte. Zu einem großen deutschen Roman wird das Buch für mich durch seine wechselnden Perspektiven und Tonlagen und die klare, kritische Sicht, mit der Fleur und Gabriel sich gegenseitig beschreiben.
Thomaes Figuren haben mich gerührt, provoziert und viele Fragen aufgeworfen. Warum war es wichtig, Fleurs Hautfarbe zu erfahren, wird mir z.B. eindringlich in Erinnerung bleiben. Ein Roman, der m. A. hoch verdient auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht.
Wie war dein Vater? Was bist du selbst für ein Elternteil? Wie geht Deutschland Ost und West mit seinen Kindern um?
In "Brüder" geht es - ganz kurz gesagt - um zwei Halb-Brüder, die nichts voneinander wissen, von dem selben senegalischen Vater mit zwei verschiedenen Müttern sind und kurz vor der Wende in Ostdeutschland aufgewachsen sind. Was sich inhaltlich ganz kurz (und natürlich viel zu verkürzt!) in einem Satz zusammenfassen lässt, kommt als Geschichte mit rund 500 Seiten daher. Jackie Thomae schreibt in ihrem Roman vom Leben, der Liebe, vom Aufwachsen, von Freundschaft, von Identität und ja, auch von Rassismus. Alle Themen bekommen ihren Raum, manche mehr, manche weniger, alle aber auf gekonnt unaufgeregte Art und mit viel Story drum herum.
Eigentlich halten die Leser*innen mit "Brüder" gleich zwei Romane in der Hand. Denn die Geschichten um Mick und Gabriel haben bis auf den gemeinsamen Vater (zumindest auf den ersten Blick) nichts miteinander zu tun. Jackie Thomae erzählt fast genau auf den Punkt die Hälfte des Romans von dem Lebemann Mick, der sich durchs Leben treiben lässt und sich vor allem in der Party-Szene der 90er Jahre heimisch fühlt und die andere Hälfte von Gabriel, einem ehrgeizigen Architekten in London, der mit Frau und Kind zwanghaft versucht, fernab jeglicher Klischees zu leben. Erst auf den zweiten Blick finden sich durchaus Parallelen zwischen den beiden Männern - und zwar nicht nur den gemeinsamen Vater.
Jackie Thomae wechselt in der Mitte des Buches nicht nur die Charaktere, sondern auch die Erzählstimme. Micks Erzählstrang wird aus der Perspektive der dritten Person geschrieben. Dabei bekommen die Leser*innen nicht nur Micks Handlungen präsentiert, einige Kapitel sind auch aus der Sicht anderer Menschen aus seinem Umfeld geschrieben. Bei Gabriels Erzählstrang wechselt die Autorin in die Ich-Perspektive - abwechselnd darf man in den Kopf von Gabriel und seiner Frau schauen. Diese Perspektivenwechsel sowohl innerhalb der beiden Erzählstränge, als auch zwischen den beiden fand ich sehr gelungen. Für mich kam so nochmals eine ganz andere Facette in den Roman.
"Brüder" ist für mich kein Roman, der von Beginn an packt oder sich leicht weiterlesen lässt. Zu oft trat für mich die Geschichte dafür auf der Stelle, zu oft wurden Geschehnisse bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, zu kantig waren mir dann doch die beiden Protagonisten. Nichts desto trotz schöpft das Buch sein Potential durchaus aus. Die Autorin richtet den Blick auf die verarbeiteten Themen nochmals neu aus, ohne dabei je einen drohenden Zeigefinger zu heben. Für meinen Geschmack hätte das alles nur einfach in einem etwas kompakteren Umfang verpackt werden dürfen.
Mick lässt sich durch sein Berliner Leben treiben. Es sind die 90er. Das Aufwachsen in der DDR hat er hinter sich gelassen. Nun geht es von Party zu Party. Sein senegalesischer Vater Idris hat die Familie längst verlassen. Seine Mutter Monika verlässt gerade den aktuellen Partner Wolfgang. Das einzig problematische daran ist für Mick das Ausbleiben der regelmäßigen Überweisungen mit "Ausbildungsgeld". Dann wird er Teil einer illegalen Aktion zusammen mit Delia und Desmond. Schließlich lebt er zusammen mit Delia. Am Ende dieser Zeit ist er der "bankrotte Berliner Nightlife-Zampano". Aber das ist nicht das Ende.
Nach der Geschichte von Mick ("Der Mitreisende") gibt es ein kurzes Intermezzo über Idris, der als Vater die einzige Verbindung zwischen den Halbbrüdern Mick und Gabriel ist.
Dann beginnt nach der Hälfte mit der Geschichte von Gabriel ("Der Fremde") und seiner Frau Fleur fast ein neues Buch. Auch der allwissende Erzähler wird durch zwei Ich-Erzähler abgelöst. Von Berlin geht es nach London. Vom Hallodri geht es zum erfolgreichen Architekten.
Es geht um ernste Themen wie z.B. Herkunft, Familie, Identität, Körperwahrnehmung oder Rassismus. Das Ganze ist aber leicht erzählt, fast schon wie ein Unterhaltungsroman. Das ist eine große Leistung, zumal sich hinter einer solchen Leichtigkeit viel Arbeit verbirgt, die man aber als Leser nicht spüren soll. Der zweite Teil ist etwas kopflastiger und hat dadurch etwas weniger Schwung. Dennoch hat das Buch es geschafft, mich über 500 Seiten zu fesseln.
Mick wächst noch in der ehemaligen DDR auf. An seinen Vater kann er sich nicht erinnern. Der kam als Gaststudent aus Afrika und verließ Berlin bald wieder. Und so schlägt sich Mick durchs Leben. Irgendwie hat er eine Künstlernatur, der es am besten in der Club-Szene gefällt. Was Mick nicht weiß, seinen Vater hat es auch nach Leipzig verschlagen und dort hat sein unbekannter Bruder Gabriel seine Jugend verbracht. Inzwischen ist er erfolgreicher Architekt in London. Gabriel ist der, der zielstrebig seine Karriere vorantrieb, geheiratet hat und einen Sohn zeugte.
Die Brüder Mick und Gabriel, nahezu gleich alt wissen sie nichts voneinander. Wegen ihrer dunklen Haut fallen sie auf. Doch sie lassen sich davon nicht beeinträchtigen. Wo Mick mit Leichtigkeit durchs Leben geht und irgendwann feststellen muss, dass er doch nicht mit allem durchkommt, ist Gabriel der Ernsthafte, der bei seinen Großeltern aufwächst und anscheinend viel von der Durchsetzungskraft seines Großvaters übernommen hat. Wo Mick manchmal lügt oder sich die Wahrheit zurechtbiegt, kennt Gabriel keine Lüge. So unterschiedlich die Brüder sind, so suchen sie doch beide nach etwas. Ihr Vater Idris, der ehemalige Medizinstudent, müsste inzwischen in die Jahre gekommen sein. Denkt er noch an seine Zeit in Deutschland.
Eine kunterbunt zusammengewürfelte Familie hat sich die Autorin ausgedacht. Die Geschichte zweier Brüder, die nichts voneinander wissen, ist ein spannender Ansatzpunkt, der die Phantasie beflügelt. Kann ein Zufall sie zusammenführen, werden sie den Vater suchen oder wird der Vater sie suchen. Die Brüder wirken in ihrer Gegensätzlichkeit etwas extrem. Jeder ist auf seine Art eigen und eigentlich kein Familienmensch. Mick als Bruder Leichtfuss erscheint erst spät gesetzt und Gabriel, dem eher drögen, könnte mehr Spontanität gut tun. Die Geschichte entwickelt sich ganz anders als nach dem ersten Gedanken vermutet werden kann. Zwei getrennte Lebensläufe, die auf ihre Art einen unfertigen Eindruck erwecken. Die kluge Idee dieses heutzutage zum Glück nicht mehr so ungewöhnlichen Hintergrundes ist dennoch ansprechend beschrieben.
german book award (dt buchpreis) 2019 shortlist (read in german) 3.5 stars this is a very long book about two men in their forties, mick (part one) & gabriel (part two) - they were both born 1970 in germany, they both have a (different) eastern-german mother and a senegalese father, who at the time was a student in leipzig, then left to go back to senegal and was absent from their respective lifes. that the author (then?) decides that this father is the same person (idris), seemed to me more of an afterthought then the starting point of these two very separate books, which remain separate. i found the gabriel story (architect in london, told in first person, alternating between him and his wife, fleur), more interesting then the pretty undirected mick story. both parts have a problem with way to much tell not show, referencing huge amounts of time and loosing intensity. there are also very good passages, especially the present-time passages in the gabriel story, which might have been better off on itself and shortened. but overall, jackie thomae remains an interesting contemporary writer, and i will definitely give her next book a try.
unfortunately i found the concept of the book to be better than its actual execution. until half of brüder, you wonder when the actual plot of these aforementioned brothers will begin. also, personally i would’ve like the story parts of them to be intertwined more throughout it all, and not just in the epilogue in the very last pages. nevertheless, i really enjoyed the story all in all! it just isn’t one that’s very gripping or easy to read.
This was one of my most anticipated reads from last year's German Book Prize shortlist and a very insightful reading at Literaturhaus München (when things like that were still normal). But unfortunately, the novel as a whole didn't deliver for me. I love long books with zero to no plot, but this just needed more of a thread running through it, more character development, and less seemingly inconsequential side stories with so many side characters that we didn't meet for long enough to really care about. Also, I just wish the two story lines didn't remain so separate for most of the book.
Ein gutes Buch, das mich viel zum Nachdenken gebracht hat - über die Sicht auf die Dinge, die Klassengesellschaft, unser Umgang miteinander, die (un-)subtilen Ismen. Allein das Ende fand ich unzufriedenstellend, aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache.
«Brüder» handelt von zwei Halbbrüdern, die sich nicht kennen. Die beiden haben denselben Vater, sind gleich alt und kommen beide aus Berlin, wissen aber nicht voneinander; ihr Vater, ein in der DDR studierender Senegalese, ist in seine Heimat zurückgekehrt, die beiden Frauen blieben mit ihren Kindern alleine zurück.
Mick ist charmant, gutaussehend und lebt frei von Verbindlichkeiten. Zwar hat er eine Freundin, die er liebt – was ihn jedoch nicht davon abhält, jeweils donnerstags in den Clubs der Stadt ab- und erst montags wieder aufzutauchen. Gabriel hingegen war immer zielstrebig, ist Familienvater und hat sich in London einen Namen als Architekt gemacht. Für beide gibt es einen Wendepunkt im Leben, nicht gleichzeitig; und doch zeigen sie auf, welchen Einfluss Umfeld und Mitmenschen auf die Charakterentwicklung eines Menschen haben, und welchen Anteil die Herkunft einnimmt.
Jackie Thomae erzählt die Geschichten dieser beiden Brüder nicht ineinander verwoben, wie ich es erwartet hatte, sondern nacheinander. Dazwischen steht als Bindeglied ihr Vater Idris, den sie beide nicht kennen; das einzige, was er ihnen hinterlassen hat, sind ein paar wenige Fakten und ihre Hautfarbe. Thomae schreibt in leichter Sprache und schafft es, sowohl mit traurigen als auch witzigen Szenen zu berühren. Die Figuren (inklusive Nebenfiguren) sind sorgfältig entworfen und trotz all ihrer Fehler sympathisch, denn sie sind echt und authentisch. Hautfarbe, Ost-West-Konflikt oder Sozialismus sind hier keine Hauptthemen; sie begleiten das Buch, vielmehr geht es aber um die Frage, was man aus einem Leben machen kann. Ein durchweg überzeugender Roman. Leseempfehlung!
3.5 Ich hab's super gern gelesen, es hat mich gepackt und ich habe immer gerne weitergelesen. Aber es ist kein Buch, das mich tief berührt hat oder zu dem ich oft zurückkehren würde. Und trotzdem hat's großen Spaß gemacht!
“Ist Blut dicker als Wasser?” Das Buch, auf das ich aus ganz verschiedenen Gründen gewartet habe, ohne es zu ahnen. Ein großer Gegenwartsroman, eine moderne Familiensaga über zwei Halbbrüder, die nichts voneinander wissen und in ihrem Erwachsenenleben aus völlig unterschiedlichen Gründen an Grenzen stoßen.
Um ihre Geschichte zu erzählen, wählt Jackie Thomae eine komplexe, aber extrem unterhaltsame Struktur: Im ersten Teil begleiten wir den älteren Bruder im Berlin und London der 1980er und 1990er. Nach einem kurzen Intermezzo lernen wir den jüngeren Bruder kennen, den wir während der 2000er und 2010er Jahre begleiten, aus seiner Perspektive und aus der Perspektive seiner Ehefrau erzählt. Die beiden haben auf jeweils ihre Art völlig einen an der Waffel. Sie sind zugleich liebevoll und schonungslos gezeichnet, genauso wie die durchwegs spannenden “Nebenfiguren”.
Das Buch ist eine willkommene Meditation über den Kern dessen, was uns zu einer Familie macht oder auch nicht. Dass beide Halbbrüder Afrodeutsche sind, spielt nur am Rande eine Rolle — es definiert sie nicht, wofür ich dieses Buch besonders liebe. Thomae schreibt federleicht, scheinbar mühelos und doch voller Einsichten. Sie weicht Klischees aus oder nutzt sie für sich — und das macht richtig Spaß! Großes Kino.
English review:
"Is blood thicker than water?" “Brüder” (“Brothers”) by Jackie Thomae is exactly the book I'd been waiting for for all kinds of reasons, without even knowing. A great contemporary novel, a modern family saga about two half-brothers who aren’t aware of one another. For completely different reasons, they hit rock bottom at some point of their adult lives.
To tell their story, Jackie Thomae chooses a complex but extremely entertaining structure: in the first part we accompany the older brother in a 1980s/1990s Berlin and London. After a short intermezzo we get to know the younger brother whom we accompany during the 2000s and 2010s, told from his and his wife’s perspective. Both of them are totally nuts, but in completely different ways. Jackie Thomae depicts them at once lovingly and ruthlessly, and the same applies for the consistently exciting “secondary characters”.
The book is a welcomed meditation about what makes a family. The fact that both half-brothers are Afro-Germans only plays a marginal role — it does not define them, which is why I especially love this book. Thomae writes lightly, seemingly effortlessly and yet full of insight. She avoids clichés or leverages them for her purposes - and that's really fun! Genius!
Es sind erstaunlich viele Romane auf der Longlist/Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019, die mir gefallen. "Brüder" gehört mit zu meinen Favoriten.
In dem Roman „Brüder“, der ganz und gar zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht, läßt die Autorin vor dem Leser nacheinander zwei Biografien entstehen. Zwei sehr unterschiedliche Männer treten auf, die einander nicht kennen und nicht wissen, dass sie denselben Vater haben, der im Leben der zwei Frauen auftauchte - und schnell wieder verschwand.
Der eine Mann, Mick, ist ein Hallodri, Lebenskünstler, der wie eine Katze immer wieder auf die Füße fällt, der andere, Garbriel, ein kontrollierter Stararchitekt.
Beide Lebensläufe nehmen den Leser völlig gefangen. Jackie Thomaes Protagonisten sind nicht Null acht Fünfzehn. Gemeinsam haben die beiden Männer ihre Vaterlosigkeit und den Migrantenhintergrund, denn ihr Vater ist schwarz. Wie sie damit umgehen und inwieweit beides ihr Leben prägt oder auch nicht prägt, ist mitreißend erzählt. Notgedrungen müssen sie sich immer wieder einmal mit der Thematik Ausgrenzung, Diskriminierung, Identität auseinandersetzen, wenngleich ihr jeweiliger Fokus woanders liegt.
Die Autorin läßt ihre zwei Geschichten nicht ineinanderfließen, sondern präsentiert sie hintereinander, fast wie zwei getrennte Romane, es gibt nur einen schmalen Faden, der sie verbindet. Aber das reicht. Ihre Protagonisten sind klug ausgesucht, die Geschichte voller wunderbarer, abstruser und völlig überzogener Details, die aber genau so hätten passieren können. Das Leben ist so: bunt und verrückt.
FAZIT: „Brüder“ ist ein Roman von großer gestalterischer Kraft. Die Erschaffung der facettenreichen Protagonisten ist das große Plus dieses Romans. Und nachdem ich nun alle sechs Romane der Shortlist gelesen habe, meine ich, „Brüder“ ist der einzige Roman der diesjährigen Shortlist, der mit „Winterbienen“ von Norbert Scheuer mithalten kann. Ich bin begeistert und auch gespannt darauf, welcher von den Autoren die Siegesrede halten wird. Mir fiele die Entscheidung zwischen Thomae und Scheuer schwer. Beide Romane sind auf ihre Weise genial.
Von mir gibt es daher eine, selten ausgesprochene, direkte LESEEMPFEHLUNG für diesen klugen, einfühlsamen, kreativen und eindrucksvollen Roman.
Kategorie: Anspruchsvoller Roman Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises Verlag: Hanser, 2019
Das Buch, das mir auf der Longlist des Deutschen Buchpreises mit am Interessantesten erschien, konnte mir leider so gar nichts geben.
Irgendwie hat mir der komplette Spannungsbogen gefehlt, die Geschichte ist (trotz verschiedener Perspektiven) nur so dahingeplätschert.
Die Geschichte als solche, das anfängliche Leben der Halbbrüder Mick und Gabriel konnte ich gut nachvollziehen, da ich mich in der gleichen Altersklasse bewege und ebenso im östlichen Teil Deutschlands meine Kindheit und Jugend verbracht habe. In den Klassen über und unter mir waren auch einige Kinder, die eine deutsche Mutter und einen afrikanischen Vater hatten, der ebenso durch Abwesenheit glänzte, wie der der beiden Protagonisten. Auch die Party-90er Jahre, sowohl in Deutschland als auch auf den Britischen Inseln, sind mir gut bekannt..... in vielerlei Hinsicht.
Gefehlt hat mir vor allem ein wirklicher Entwicklungsprozess..... bei Mick und auch bei Gabriel. Bei ersterem erfährt man aufgrund der Fakten wiederum, dass der wohl irgendwann einmal stattgefunden haben muss. Zu Gabriel gibt es diese Erkenntnis nicht, zumindest nicht für mich. Es reicht einfach nicht, aus verschiedenen Perspektiven den jeweiligen Ist-Zustand aneinanderzureihen. Irgendwie sollten alle Fäden dann auch mal rund zusammenkommen. Leider konnte ich das bei dieser Geschichte nicht sehen und so blieben mir deren Akteure auch bis zum Schluss relativ fremd. Schade.....
Ja, ok. Der Roman stand 2019 auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis. Und manchmal frage ich mich, ob man selbst ein Buch nur deshalb gut findet, weil es einen Preis bekommen hat oder dafür nominiert war. In diesem Fall kann ich sagen: nein, habe ich definitiv nicht. “Brüder” liest sich über weite Strecke angenehm, es ist klug, gut beobachtet und sicher auch ein treffendes Zeitdokument, das erklärt, wie man wird, wer man wird. Aber, und das ist eben leider so, mich hat das total kalt gelassen. Da war keine Figur, dessen Veränderung ich gern verfolgt hätte. Mir fehlt es an Herz, an echtem Verve, vielleicht an einer Art Melodie, der ich gern zuhöre. Schade.
Obwohl die Figuren eigentlich ganz sympathisch sind und der Plot auch vielversprechend, bin ich trotzdem mit der Geschichte nicht so warm geworden und habe es nach der ersten Hälfte zur Seite gelegt.. Manches erschien mir so unrealistisch aufgrund der etwas plakativen und eher oberflächlichen Darstellungen (z.B. das Berliner Feierleben der 90er), dass mir nach der anfänglichen Euphorie die Lust vergangen ist. Vielleicht probiere ich es später nochmal…
Das Buch hat mir wahnsinnig gut gefallen. Es erzählt die Geschichte von zwei Brüdern, die nichts voneinander wissen und ganz unterschiedliche Leben führen, bei denen sich aber manche Sorgen und Gedanken überschneiden. Micks Leben wird von Anfang an erzählt, das von Gabriel eher rückwärts, beide erleben viele Höhen und Tiefen, immer wieder geht es um Wurzeln und Träume. Ich fand es sehr spannend und leicht zu lesen.
Inhaltlich wirklich sehr interessant. Die Geschichte an sich ist aufregend und enthält sehr viele Facetten, die aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, in die man sich erst einmal hineinfuchsen muss. Jedoch hat die anfängliche Spannung stark nachgelassen. Ich hatte das Gefühl, Szenen wurden ewig in die Länge gestreckt und Momente bis ins kleinste Detail ausformuliert, was leider nicht so mein Ding ist.
Eine wunderschöne Geschichte zweier Brüder, die unabhängig und getrennt voneinander ganz unterschiedliche Leben führen. Hervorragende Sprache. Das Buch ist fast ein Page Turner, macht richtig Spaß zu lesen.
Eine interessante Familiengeschichte. Die Verbindung der Einzelpersonen ist mMn aber nicht so gut gelungen, sodass die Gesamtgeschichte für mich nicht so schlüssig wird. Das Buch öffnet einige interessante Fragen zu Identität, Familie, Gesellschaft. Muss aber leider sagen, dass ich es wahrscheinlich nicht beendet hätte, würde ich es nicht im Lesekreis lesen.
I'm pausing this one for now. I like it, and I'm interested in how race was experienced in the GDR and after the fall of the wall. But I'm having a hard time right now with this kind of "maximalist naturalism," where every single step both backward and forward in time is explained in minute detail. It's the kind of book you read under a blanket when it's snowing outside, not when it's 40 degrees Celsius and you're stewing in your own juices.
Jackie Thomae erzählt in ihrem Roman BRÜDER (2019) vom Erwachsenwerden in der DDR und dem zusammenwachsenden Nachwendedeutschland der 90er und der Nullerjahre. Zwei Brüder – Mick und Gabriel – teilen denselben Vater – den Senegalesen Idris Cissé -, haben jedoch verschiedene Mütter. Beide Jungen wachsen extrem unterschiedlich auf und entwickeln sich nahezu diametral entgegengesetzt zueinander. Sind Identitäten, sind Charakter, Entwicklung und der Blick auf die Welt also abhängig von Genen oder doch eher vom sozialen Umfeld, in dem der Mensch aufwächst?
Mick wächst zunächst in Ostberlin, später, nachdem er und seine Mutter die DDR verlassen durften, im Weststeil der Stadt auf. Er entwickelt sich im Laufe der Jahre zu einem Drifter, pflegt einen viel zu teuren Lebensstil, wird in Drohgendeals verwickelt, findet seine große Liebe Dalia, betrügt sie regelmäßig und verliert sie doch erst, als sie gewahr wird, dass er keine Kinder zeugen kann, weil er sich ohne ihr Wissen hat sterilisieren lassen. Er wird Teilhaben eines Nachtclubs und somit zu einem festen Bestandteil des legendären Berliner Nachtlebens der 90er Jahre. Das Leben scheint sich gegen ihn zu wenden, als er erfährt, dass er durch die Einnahmen des Nachtclubs eine halbe Million Euro Steuerschulden angehäuft hat. Schließlich wird er in der Silvesternacht 1999/2000 Opfer eines äußerst unglücklichen Unfalls, was ihn sein bis dato ausgesprochen gutes Gehört kostet. Dies als Zeichen deutend, reist Mich nach Thailand, überwirft sich dort mit einem Freund und scheint nun endgültig ohne Job, ohne Ziel, ohne Perspektive zu Beginn des neuen Jahrhunderts gestrandet zu sein. Doch findet hier auch eine Wende – eine Läuterung gar? – statt.
Micks Halbbruder Gabriel hingegen verliert im Alter von sieben Jahren die Mutter und wächst in der Umgebung von Leipzig bei den Großeltern auf. Er wird Architekt, zieht nach dem Grundstudium nach London und absolviert sein Masterstudium. Es gelingt dem akribisch planenden Mann, sein Leben exakt so auszurichten, wie er es wollte: Er wird Angestellter eines wesentlichen Architekturbüros, macht sich bald mit einem engen Bekannten selbstständig, gewinnt mit einem sehr ausgewogenen Projekt für Sozialbau wichtige Preise und wird zu einem internationalen Stararchitekten. Er heiratet die Übersetzerin Fleur, die beiden bekommen bald ein Kind, Albert, der sich im Laufe der Jahre zu einem zwar sehr intelligenten, aber auch renitenten und widerborstigen Teenager entwickelt. Entgegen Fleurs Rat, übernimmt der schon arg ausgebrannte Gabriel auch noch eine Lehrdozentur an der Universität und vergreift sich hier im Ton gegenüber einer schwarzen Studentin. Nichts bewahrt ihn vor dem folgenden Shitstorm, vor dem er schließlich nach Brasilien flieht.
Im Jahr 2017 bemüht sich der mittlerweile deutlich in die Jahre gekommene Idris, seine Kinder – er hat noch eine Tochter – zusammenzubringen und lädt sie nach Paris ein. Mick, mittlerweile Yoga-Lehrer und Life-Coach, kommt gemeinsam mit Delia, die nun seine beste Freundin ist, Gabriel gibt seine Einladung an Albert weiter, da er selbst es nicht nach Paris schafft. Albert erkennt sich selbst in Mick, der ihn ebenfalls sofort mag. Schließlich animiert Albert seinen Onkel, eine Nachricht an Gabriel zu schicken – unter „Brüdern“.
Thomae baut eine überdeutliche Konstruktion auf: Zwei scheinbar vollkommen unterschiedliche Halbbrüder, die nahezu entgegengesetzte Leben führen und sich scheinbar vollkommen unterschiedlich entwickeln. Beide werden im Laufe dieser Leben mit ihrer Herkunft – und das bedeutet eben auch: mit Rassismus – konfrontiert, beide gehen unterschiedlich damit um. Während Mick, ausgestattet mit einer natürlichen Arroganz, die ihm schließlich auf die Füße fällt, allen Ressentiments eher gelassen begegnet, entscheidet sich Gabriel, sie zu ignorieren und schlicht dadurch zu widerlegen, indem er besser ist. Besser als seine Kommilitonen, besser als seine Kollegen, besser als so ziemlich jeder, dem er begegnet – gleich ob im Beruf oder privat.
Beiden Figuren werden gewisse Stereotype und Klischees zugeschrieben, wobei diese entgegen der Behauptungen in den Rezensionen zum Buch nicht zwingend als „schwarz“ zu identifizieren sind. Eher sollte man sich fragen, ob die betreffenden Rezensenten da nicht eigenen Vorurteilen aufsitzen. Denn Micks Biographie entspricht vor allem einer der typischen Biographien der 90er Jahre: Hedonistisch, auf den Moment – das heißt meist, auf die Nacht – ausgerichtet, ziellos und ohne Plan, driftet er durch diese Party-Dekade und bleibt schließlich „irgendwo“, in seinem Fall: Thailand, hängen, nachdem er als halbgarer Club-Besitzer und auch als Platten-Rezensent und schließlich auch als Vater – der er eben doch wurde, nur wusste er nichts davon, da er den entscheidenden Brief zehn Jahre lang nicht geöffnet hat – gescheitert ist. Gabriel seinerseits erfüllt alle Klischees eines „typischen“ Deutschen: Er ist überkorrekt, akribisch bis zur Penetranz, er ist verklemmt, wenn es zum Smalltalk kommt und nahezu unfähig, sozial zu interagieren. Hat er ein Date, in diesem Fall mit Fleur, die er sich geradezu aussucht als zukünftige Mutter seiner Kinder, dann beginnt er Vorträge zu halten und gibt exakte Auskunft zu sich und seinen Plänen.
Thomae erzählt ihren Leser*innen diese Geschichte aus wechselnden Perspektiven. Im ersten Teil, der den Titel Der Mitreisende trägt, ist es ein auktorialer Erzähler (nein, eine auktoriale Erzählerin wohl eher), der von Micks Leben berichtet, nach einem ebenfalls auktorial erzählten Intermezzo, welches Idris´ Perspektive einnimmt, sind es dann im zweiten Teil des Romans, Der Fremde, Gabriel und Fleur, die im Wechsel aus ihren jeweiligen Ich-Perspektiven vom je eigenen wie auch dem gemeinsamen Leben erzählen. Und schließlich, im Epilog, der vom gemeinsamen Paris-Besuch erzählt, sind es dann Mick, Idris und Albert, die jeweils in einem kurzen Abschnitt eine eigene Stimme erhalten.
Durch diese Wechsel bleibt der Roman spannend, auch dort, wo die Spannung tatsächlich abzureißen droht. Denn so sehr Thomaes Roman zu überzeugen weiß – auf gut 500 Seiten schleichen sich dann doch Längen ein, nicht zuletzt, da diese Biographien, diese „exemplarischen Biographien“ müsste man wohl eher sagen, so besonders gar nicht sind. Anders, als es Klappentext und Rezensionen suggerieren, geht die Idee, genetisches Vermächtnis und Sozialisation gegeneinander aufzurechnen, nur bedingt auf. Thomae, selbst Kind eines Vaters aus Guinea und einer deutschen Mutter, besteht selbst darauf, dass die Geschichte nicht spezifisch von Kindern mit schwarzen Vätern erzählt, sondern vor allem davon, wie unterschiedlich Leben verlaufen können aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen. Dementsprechend sei die Frage des Rassismus auch nicht die entscheidende gewesen. Eher hätte sie diesen subtil darzustellen versucht[1]. Das ist ihr, wenn das Thema denn überhaupt eine wesentliche Rolle einnimmt, auch genau so gelungen. Denn gerade in Micks Leben spielen rassistische Vorfälle so gut wie keine Rolle. Nun leben die beiden ungleichen Brüder allerdings auch in zwei Städten – Berlin und London – in denen es natürlich Rassismus gibt, die aber so international und multiethisch geprägt sind, dass es sehr viel einfacher ist, sich diesem zu entziehen, als bspw. in Leipzig oder einer deutschen Kleinstadt, gleich ob Ost oder West.
Das Problem des Romans, trotz aller postmodernen Brüche in den Erzählstimmen, trotz seiner meist spannenden, manchmal sogar mitreißenden Geschichten dieser beiden Jungen und den Männer, die sie dann werden, ist die Gleich- oder Einförmigkeit des Erzählten. Wirklich überraschend ist an diesen Leben dann eben doch nichts. Es sind, und das bleibt während der Lektüre immer spürbar, konstruierte Biographien, Fabel-Biographien, an deren Beispielen eben exakt das durchexerziert werden kann, was die Autorin beweisen will. Gene sind nicht alles, wir sind Produkte unserer Sozialisation, unserer höchst eigenen Geschichte, unserer Umwelt und der Art und Weise, wie die, die uns aufzogen, auf uns eingewirkt haben. Das ist natürlich nichts allzu Neues. Es anhand zweier solcher Biographien nachzuempfinden, ist vielleicht neu – aber bringt es dem Leser tatsächlich neue Erkenntnisse? Eher weniger.
Gerade Micks Geschichte ist, wie oben bereits erwähnt, so außergewöhnlich nicht. Eben eine dieser 90er-Jahre-Biographien, die jene, die in etwa derselben Alterskohorte entstammen, so oder so kennen – ob als Literatur oder aber viel mehr aus eigener Anschauung. Und Gabriel ist eine zwar interessante(re) Figur, doch auch in seinem Fall scheinen die Spezifika seiner Biographie eher eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Er ist ein Workaholic, wie es sie etliche gibt, er ist von Ehrgeiz zerfressen, doch wird dieser Ehrgeiz, dieses unbedingte Wollen, das in seinem Fall wohl mit inneren Zwängen einhergeht, nie spezifisch motiviert dargestellt. Eher interessant sind in beiden Fällen die Frauen, die bereit sind, diese Männer zu ertragen, zu unterstützen, auch zu beschützen. Dalia allerdings erhält im ganzen Roman nicht ein einziges Mal eine eigene Stimme, Fleur hingegen schon. Und genau in diesen Passagen ist der Roman dann fast am stärksten. Was daran liegen mag, dass Thomae eben eine weibliche Erzählerin ist. Zwar sagt sie, Mick und Gabriel könnten ihre Brüder sein – doch sind sie es letztlich eben auch nur im Geiste, als fiktionale Figuren, worauf die Autorin auch besteht.
BRÜDER ist durchaus packend und erzählt ganz sicher etwas über ein Deutschland in jenen Jahren, die momentan selbst als „Baseballschlägerjahre“ typisiert werden; Jahre, bei denen das Augenmerk zumeist auf den Entwicklungen in den neuen Bundesländern und deren rechtsextremistischen bis rechtsradikalen Ausschlägen liegt. So gesehen ist Thomaes Roman ein sehr angenehmes Korrektiv, da die 90er und die Nuller-Jahre hier einmal aus anderer, auch weniger dramatischer Perspektive beleuchtet werden, was das Spektrum dessen, wie literarisch auf die jüngste BRD-Vergangenheit geblickt wird, enorm erweitert. Es waren eben auch egozentrische Jahre, dahingelebte Jahre, wenn man bspw. an all die Raves, die Love Parade oder die endlosen Tanz- und Party-Wochenenden denkt, daran, wie man in jenen Jahren vor sich hin existieren konnte ohne wirklich an ein „Morgen“ zu denken – hatte es doch immerhin zu Beginn der Dekade geheißen, dass die Geschichte selbst an ihr Ende gekommen sei und die Demokratie nun für immer und ewig Einzug gehalten habe. Mick steht exemplarisch für einen Vertreter genau dieser Jugend.
Dass das alles nicht stimmt, dass unter all dem farbenfrohen Feiern eben auch eine brutale Realität lauerte, das konnte sehen, wer in die neuen Bundesländer blickte oder die Tagesschau einschaltete und die Berichte aus jenen Bürgerkriegen betrachtete, die nur ein paar Hundert Kilometer weiter südöstlich im ehemaligen Jugoslawien tobten. Gabriels Geschichte, seine Ernsthaftigkeit, vermittelt etwas von dieser Realität und der Tatsache, dass die Geschichte, dass jede Zeit, einen – ihren – schwarzen Rücken hat, eine Seite, die wahrscheinlich immer verdrängt wird. Diese Diskrepanz herauszuarbeiten, auch eine gewisse Dialektik, die sich darin verbirgt, das ist Jackie Thomaes Verdienst mit diesem Roman.
[1] Vgl. Interview mit der Autorin im Tagesspiegel vom 2.9.2019.
Zwei Halbbrüder, die nichts voneinander wissen. Ein Vater, der nur von einem seiner Söhne weiss.
In der ersten Hälfte des Romans steht Mick im Mittelpunkt. 1970 in Ostberlin geboren. Seine Mutter Monika, eine recht ambivalente Frau, entschloss sich bald nach Westberlin umzusiedeln. Mick bleibt das ewige Kind, unstet, unverbindlich, Partygänger und Clubmitbesitzer. Mit seiner Freundin Delia, auf die er sich nie so recht einlässt, lebt er in ihrem Haus in Berlin-Pankow. Delia wünscht sich sehnlichst ein Kind. In einem kleinen Zwischenspiel wird Idris näher beleuchtet. Aus Senegal stammend, erhielt dieser ein Stipendium für ein Medizinstudium in der DDR. Dort lernte er Monika und auch Gabriele kennen, die Mütter seiner Söhne. Er kehrt jedoch in seine Heimat zurück. In Dakar ist er nun seit langem als Zahnarzt erfolgreich tätig. Irgendwann besucht er wieder seine Freunde in Deutschland und beginnt sich zu erinnern, wird wachgerüttelt und Verdrängtes kommt zum Vorschein. Im zweiten Teil steht Gabriel, der Sohn Gabrieles im Fokus. Von den Großeltern großgezogen, wurde er Stararchitekt und dozierte zuletzt, bis zu seinem Ausschluss, an der Uni. Verheiratet ist er mit Fleur. Sie haben einen gemeinsamen Sohn Albert, der, aktuell in der Pubertät, schwierig in seinem Verhalten ist. Im letzten Abschnitt verbinden sich diese drei Stränge...
Ein sehr detaillreiches Familienepos entblättert sich hier Seite um Seite. Die Protagonisten sind überaus authentisch und realistisch gezeichnet. Sie sind lebendig und glaubhaft. Ein Vergleich, ein Gegenüberstellen der Figuren und ihrer Lebensentwürfe drängt sich natürlich auf und ist durchaus spannend. Sehr interessant und eindrücklich werden die Beziehungen der Figuren beleuchtet. Abhängigkeiten, Beeinflussungen, Prägungen werden deutlich, weitreichende Folgen offenkundig, selbst nach nur kurzen (Zufalls-)Begegnungen.
Der Hintergrund ist recht groß angelegt- von der DDR der 70er Jahre, über das Berliner Clubleben der 90er bis hin nach London der begüterten Bessergestellten, deren Kinder aufs Internat gehen und ohne social media nicht mehr existieren können. Der Roman ist sehr vielschichtig. Fragen nach Herkunft, Identität und Zugehörigkeit werden aufgeworfen. Nie explizit, aber immer deutlich spürbar die Frage nach bzw. "Problematik" der Hautfarbe, des Fremdseins. Es geht um die Ost-Westthematik, Rassismus, Erziehungsfragen und natürlich um Mutterschaft und Vaterschaft. Die Rollenzuschreibungen werden gegenübergestellt und die daraus abgeleiteten Verantwortlichkeiten. Das ist sehr spannend, zeigt es doch, dass es letztendlich ganz legitim ist, wenn Väter sich nicht kümmern, Mütter hingegen, egal was sie tun, dies oder jenes stets vorgeworfen bekommen, dass sie an bestimmten Entwicklungen des Kinders "schuld" seien. Was geben Väter? Was geben Mütter? Wie wachsen die Kinder ohne Vaterfigur auf? Wie prägt sie das? Viele Fragen werden aufgeworfen und laden zum Nachdenken und Diskutieren ein. All die Themen werden dabei mühelos und beiläufig im Text verwoben, es sind die Lebensthemen der Figuren.
Neben Nachdenklichem finden sich auch Witz und Satire im Roman. Die Autorin hat zudem die unglaubliche Gabe in scheinbar beiläufigen Nebensätzen Gewaltiges zu packen, das mit voller Wucht einschlägt. Dennoch, besonders in der ersten Hälfte, zum Ende hin weniger, langweilten mich einige Passagen. Zeitraffend, nüchtern, berichtend wird hier der Leser von den Lebenswegen der Protagonisten in Kenntnis gesetzt. Sobald die Autorin jedoch wieder näher an den Szenen verweilte, konnte sie mich gut mitnehmen. Auch Mick hat mich nicht so sehr interessiert, weil mich Typen wie er grundsätzlich nicht sonderlich interessieren und mir wenig sympathisch sind. Das ist jedoch rein subjektiv und aus Frauensicht, ich glaube Männer finden solche Kumpels toll, es sei denn, es geht wirklich ans Eingemachte..:) Dennoch hat sie ihn sehr eindrücklich und wirklich grandios als Figur entwickelt. Gabriel fand ich hier etwas interessanter, da er meinem Erfahrungshorizont ferner ist und etwas sympathischer wirkte. Zudem standen hier auch Fleur und Albert mehr im Fokus sowie deren Interaktionen untereinander, die das Ganze etwas spannender machten.
Gegen Ende, als ich alles in einen Blick bekam, entfaltete diese unglaublich große und dichte Beschreibung ihre volle Wirkkraft und liess mich staunen und der Autorin für ihr Werk Respekt zollen.
Erfrischend, auch im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit Ost- und West-Berlin. Lädt zum Lachen ein, aber ist auch teilweise bedrückend realistisch, besonders in der komplexen Figurendarstellung. Der Aufbau in der Zweiteilung inklusive der Verschränkungen machen das Buch spannend. Auch die beiden Städte Berlin und London werden in ihrer Besonderheit in die Geschichte verwoben. Herkunft, Rassismus und Klassenzugehörigkeit spielen eine Rolle, werden aber gekonnt durch die Handlung getragen und nicht einfach so übergestülpt. Kann ich nur empfehlen. Die Autorin hat an einigen Stellen raffinierte Entscheidungen im Hinblick auf Perspektivwechsel getroffen. Das Ende versüßt dieses Gefühl und ist clever gewählt.
Mick und Gabriel sind Brüder, doch das wissen sie nicht, denn sie haben außer den Genen des Vaters und der dadurch dunklen Hautfarbe wenig gemeinsam. Mick wächst im Ost-Berlin der DDR auf und auch nach der Wende hat das Leben wenig zu bieten. Mit Delia könnte alles in sichere und ruhige Bahnen laufen, aber er kann ihr das nicht geben, was sie will: ein Baby. Gabriel hingegen wächst in Sachsen bei den Großeltern auf, nachdem seine Mutter früh bei einem Unfall starb. Zielstrebig wird er zu einem der besten Architekten weltweit und baut sich in London genau das Leben auf, das er als Kind nicht hatte und von dem er nur träumen konnte. Ihre Wege sollten sich nie kreuzen, doch es gibt ja den gemeinsamen Vater.
Jackie Thomae erzählt in ihrem zweiten Roman, der es 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, zwei Geschichten. Die Ausgangssituation ist vergleichbar, doch dann sind es Umstände, Begegnungen, Zufälle, persönliche Dispositionen, die dazu führen, dass die beiden Jungs sich ganz unterschiedlich entwickeln. Überzeugend zeigt die Autorin so, dass das Leben nie planbar ist und es immer viele Faktoren sind, die darüber entscheiden, wie die Dinge laufen.
„und er begriff erst jetzt: sein Bruder war nicht wie seine Schwestern mit diesem Mann hier aufgewachsen. Nein. Sein Bruder war wie er.“
Mick täuscht sich kolossal in seiner Einschätzung, denn die beiden Brüder könnten verschiedener kaum sein. Mick wirft sich voll ins Leben, erwartet alles und will es mit allen Sinnen auskosten. Frauen, Drogen, Partys bis in den Morgen – you name it. Gabriel hingegen ist ehrgeizig und zielstrebig und überlässt wenig dem Zufall. Seine Entscheidungen sind durchdacht und sorgfältig gewählt. So verlaufen ihre beruflichen Karrieren und Beziehungen auch diametral entgegengesetzt.
Ein Thema, das eigentlich keins ist, ist ihre Hautfarbe. Im multikulturellen London ist Gabriel einer von vielen, selbst als ihm ein Angriff vorgeworfen wird, wird seine Hautfarbe nicht thematisiert. Er lässt sich nicht in die britische Gesellschaft mit ihrem strengen Klassensystem eingruppieren, sondern wird nach seinem Erfolg und Charakter beurteilt. Sie ist jedoch für ihn wesentliches Kriterium, einen Job in den USA auszuschlagen, denn dort sieht er trotz Obamas Erfolg immer noch eine Reduktion auf sein Äußeres. Auch in Berlin ist Mick nicht ernsthaft Rassismus ausgesetzt, Stigmatisierungen verlaufen eher über soziale Faktoren. Einzig in seiner Beziehung mit Delia kommen ihm gelegentlich Zweifel, ob er nicht gerade wegen seinem Aussehen als Partner in Frage kam, sein Einkommen und Status können es kaum gewesen sein.
Jackie Thomae erzählt lebendig mit eingängigem Humor, der einem immer wieder Schmunzeln lässt. Sie verfällt nicht naheliegenden Klischeedarstellungen, weder wie erwähnt die Hautfarbe noch die Wende werden als Schicksalsschlag ausgeschlachtet, dem die Figuren nicht entkommen können. Es ist ein Blick in den Alltag zweier interessanter Individuen, der auch erzählperspektivisch überzeugend gestaltet wurde.