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381 pages, Paperback
First published March 9, 2012
Die unterschiedlichsten Menschen werden darin finden, was sie finden wollen: Für den notorischen >>Bullenhasser<<, der sich darüber freuen wird, wie vortrefflich man die Idioten in Grün am Telefon verarschen kann, wird etwas dabei sein, genauso wie für die Trümmerfrau oder Polizistenwitwe, die in einsamen Nachtstunden anruft, um, wenn auch nur kurz, mit jemandem zu reden, der sie nicht auslacht oder an ihr Geld will. Ebenso für den Akademiker, der in juristisch unanfechtbaren Verbalattacken sein Mütchen kühlt an dem vermeintlich einfach gestrickten Vertreter der Exekutive am anderen Ende der Leitung. Aber auch für die alleinerziehende Mutter, die von ihrem fünfzehnjährigen Sohn geschlagen wird und dankbar ist für jeden Rat und einen Augenblick des Zuhörens. Selbst der Kreuzberger Deutschtürke, der sich sicher ist, dass die Grünen jedn Einsatz mit Migrationshintergrund aus rassistischer Motivation verzögern, hat am Ende vielleicht seinen Spaß dran, sein Klischee bestätigt zu sehn oder sich zu wundern, dass der Bulle am Telefon weiß, was >>Freund<< auf Türkisch heißt. Letztlich wird der Alt-68er, dem wir zu rechts sind ebenso dem Neonazi, dem wir zu links sind, genau dass in diesen Zeilen entdecken, was er will. Oder eben auch nicht ...
Das ganze hat etwas von einer geschlossenen Anstalt. [...] Manche behaupten hartnäckig, all der Aufwand wird nur getrieben, damit wir hier nicht abhauen können ...
Außerdem schreit eigentlich fast immer gerade irgendjemand. [...] Nein, auch der >>grüne Mülleimer<< ist nach dem zehnten >>Arschficker<< oder >>Nazischwein<< gelegentlich mal voll und steigt mit ein.
Dann gibt es noch jene Unsympathen in Uniform, die manchmal Menschen abrüllen, die es weder verdient haben, noch im Moment verkraften können. Solche Polizisten verschwinden aber glücklicherweise mittlfristig wieder, aufgrund natürlicher Auslese.
Böse ausgedrückt, ist unser Ziel also, sich verbal in das Vertrauen eines Menschen zu schleichen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen oder etwa einen Zugriff zu ermöglichen. Positiv ausgedrückt ist unser Ziel, die Beweggründe und den Charakter eines Menschen auszuloten, um ihm zu helfen. [...] Klingt gleich viel netter, was?
Schon lange vor meinem zehnten Geburtstag wusste ich, wie die >>Reeperbahn nachts um halb eins<< aussieht [...] Später war ich Türsteher und Geldeintreiber.
Dazu muss man was können? Richtig! Gut quatschen. Und ich bin gut. Gelegentlich und bei Bedarf eine regelrechte Quasselstrippe. Fast so etwas wie ein Verkaufstalent. Ich bin ziemlich sicher, dass ich ihnen einen Raumluftbefeuchter verkaufen könnte, obwohl Sie eigentlich eine Stereoanlage wollten. Idealerweise würden Sie mit beidem gehen. Die Frage, die sich irgendwann einmal jeder stellt, ist aber: Wie wollen wir unsere Talente nutzen? Wollen wir Immobilien verkaufen, oder Leben retten? Kein Geld der Welt kann das Gefühl toppen, wenn jemand am anderen Ender der Leitung atemlos sagt: "Alles klar, wir haben das Baby. Sie hat es nicht von der Brücke geworfen ...".
Aber selbst bei Banalitäten wie einer entlaufenen Katze, trennt sich schon die Spreu vom Weizen. Wenn ein Mensch sein ganzes Herz an so ein Felltier hängt, ist das nun mal sein Kumpel. Und wenn Muschi oder Mohrle nun auf Liebespfanden wandelt oder vom Nachbarshund gefressen wurde, also weg ist, ist dass für ihn, verdammt nochmal, ein Notfall.
Es gibt hier tatsächlich auch, sosehr es mich schmerzt dies zu schreiben, Schnittlauch: außen grün, innen hohl. Manche Kollegen sind sich nicht einmal zu schade, über >>Springer<< Witze zu reißen. Unfassbar, oder?
Was das Ganze bringen soll? Nun, im untersten Ansatz soll es einfach bereichern. Wenn der eine oder andere Leser unwillkürlich ein Lächeln aufsetzt - über wen oder was auch immer -, hat es sich schon fast gelohnt. Wenn darüber hinaus manch einer, sei es auch nur für 5 Minuten, zum Nachdenken verführt wird, würde mich dass sehr freuen. [...] Chorknabe oder gar Weltverbesserer bin ich aber auch nicht, sonder eigentlich nur jemand, dessen Alltag und Kopf angefüllt sind mit Geschichten, die er teilen möchte und irgendwie auch muss.
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