Ein guter Roman, der als Dystopie beginnt, dann eine utopische Hoffnung verheißt, um schließlich nach einer Ent-täuschung und einer langen Verfolgungsjagd etwas abrupt zu enden.
In einem Großbritannien der nahen Zukunft haben Seuchen große Teile der Bevölkerung getötet. Um die weitere Ausbreitung der Krankheiten zu stoppen, hat man im Großraum London eine Sperrzone errichtet, das »Habitat Miseria«, in das alle Kranken eingeliefert werden und in dem sie sich selbst überlassen werden. Im »Inner Circle« Londons leben von den Gesunden diejenigen, die es sich leisten können, alle anderen hausen in den »Outer-Rims«, den Außenbezirken der Stadt. Alle noch-Gesunden tragen ein Armband, das ständig ihre Gesundheitsdaten misst, weiter meldet und auch die Einnahme von Medikamenten kontrolliert.
Rick, der Protagonist und Ich-Erzähler aus den Outer-Rims muss eine neue Beschäftigung annehmen, damit er seine Gesundheitsversicherung nicht verliert. Er soll »Runner« jagen, das sind kranke Menschen, die aus dem Habitat geflüchtet sind und bekommt dazu einen älteren Androiden als Assistenten. Nicht nur im Namen des Protagonisten erkennt man Anklänge an »Blade Runner«, auch die Androiden und die Jagd erinnern daran. Allerdings jagt Rick hier Menschen und keine Androiden und die Art der Jagd gestaltet sich schnell auch ganz anders, als von ihm und dem Leser erwartet.
Es dauert nicht lange und Rick findet sich im »Habitat Miseria« wieder, das sich ganz unerwartet darstellt, denn hier scheint tatsächlich eine positive Utopie wahr geworden zu sein. Rick braucht ein wenig, bis er die Zusammenhänge besser versteht und auch seine ganz besondere Rolle in dieser Welt erkennt.
Man merkt hier schon, dass es verschiedene Wendungen in der Handlung gibt und die Geschichte kurzweilig und spannend vorangetrieben wird. Die Menschen im Habitat benutzen Tarnnamen aus Shakespeare Stücken, insbesondere aus dem »Sturm«, was für den Leser einen zusätzlichen Reiz ergibt, wenn er Zusammenhänge zwischen diesen Namen und der Funktion des Trägers in der Geschichte herzustellen versucht. Die Androiden wollen als gleichberechtigte Lebewesen anerkannt werden und der Umgang der Menschen mit den Kranken wird thematisiert. Lediglich den Schluss mit Kanalisations-Szenen wie im »Dritten Mann« fand ich etwas zu lang, wobei das Ende eine Fortsetzung erlaubt.
Für diesen Roman hat die Autorin den »Seraph 2019« in der Kategorie »Bestes Debüt« der Phantastischen Akademie bekommen und vom britischen »Guardian«wurde er zusammen mit Tom Hillenbrandts »Drohnenland« und Sibylle Bergs »GRM: Brainfuck« in eine neue Kategorie »Brexit SF« eingeordnet: »dystopian fiction about Brexit Bitain« . Man darf gespannt sein, was von ihr noch kommt, mit »Out of Balance« hat sie sich noch einmal gesteigert...