Der Blick auf das deutsche Kaiserreich von 1871 hat sich in den letzten Jahren verändert. Wurden früher die rückständigen, anachronistischen Elemente betont, so entdeckt man neuerdings die dynamischen , entwicklungsfähigen Züge. Beides aber gehört untrennbar zusammen. Volker Ullrich macht in seinem Buch das eigentümliche Zwitterwesen der Bismarck-Schöpfung sichtbar. Indem er Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte zusammenführt, gelingt es ihm, die widerspruchsvolle Verbindung von Immobilität und Modernität auf den verschiedenen Ebenen zu thematisieren. Aus dieser brisanten Gemengelage vermag er auchdie nervöse Reizbarkeit zu erklären, die zu einem spezifischen Merkmal wilhelminischer Politik und Mentalität wurde - und die die konservativen Führungsschichten schließlich im Juli 1914 zur "Flucht nach vorn" in den Weltkrieg getrieben hat. Das Buch besteht aus vier großen Teilen: "Das Deutsche Reich im Zeitalter Bismarks"; "Das Wilhelminische Deutschland"; "Die Gesellschaft des Kaiserreichs" und "Der Erste Weltkrieg". Die Darstellung wendet sich nicht nur an Fachhistoriker, sondern an ein breites historisch interessiertes Publikum. Nicht zuletzt wird hier die vieldiskutierte Frage nach den Kontinuitäten zwischen Kaiserreich und "Drittem Reich" mit neuer Schärfe aufgeworfen. Vieles, was im Nationalsozialismus schreckliche Wirklichkeit werden sollte, war - so zeigt sich - bereits in der wilhelminischen Ära angelegt.
Volker Ullrich was born in Celle. He studied history, literature, philosophy and education at the University of Hamburg. From 1966 to 1969 he was assistant to the Hamburg’s Egmont Zechlin Chair. He graduated in 1975 after a dissertation on the Hamburg labour movement of the early 20th Century, after which he worked as a Hamburg school teacher. He was, for a time, a lecturer in politics at the Lüneburg University, and in 1988 he became a research fellow at Hamburg’s Foundation for 20th-century Social History. Since 1990 Ullrich has been the head of the political section of the weekly newspaper Die Zeit. Ullrich has published articles and books on 19th- and 20th-century history. In 1996 he reviewed the thesis postulated in Daniel Goldhagen’s book Hitler's Willing Executioners that provoked fresh debate among historians. In 1992 he was awarded the Alfred Kerr Prize for literary criticism, and, in 2008, received an honorary doctorate from the University of Jena.
Sehr ausführliche, informative Darstellung der Geschichte des Deutschen Kaiserreiches. Die historischen Zusammenhänge werden nachvollziehbar verknüpft und das Buch braucht dabei keine unlesbaren hochtrabenden Formulierungen. Es richtet sich explizit auch an Laien, statt nur an Geschichtswissenschaftler und ist daher verständlich und trotzdem anspruchsvoll geschrieben. Sehr zu empfehlen.
Great history of the "2nd German Empire" from its founding days in the 1870s until its collapse at the end of WWI. By one of Germany's most eminent historians for this period.
Sehr gute Gesamtdarstellung des deutschen Kaiserreichs mit vielen Facetten.
Eines der ersten geschichtswissenschaftlichen Bücher, die ich las. Und zugleich ein so Gutes!
Ullrich zeichnet zunächst die gesamtpolitische Entwicklung nach: Gründung 1871, Dreikaiserjahr 1888, Wilhelm II. / Bismarcks Ende, Kolonieerwerb. Alles jeweils mit innen- und außenpolitischer Perspektive, wie etwa Skandale oder die Entwicklung vom Agrar- zum Industriestaat. Die 'klassische' Darstellung dieser Zeit, die im Buch mit Beginn des ersten Weltkriegs 'Pause' macht und der Blick auf die Gesellschaft vor dem Krieg geworfen wird,
Der dritte Teil des Buches legt den Fokus auf die soziale Schichtung, die Lage der Frauen, sowie das Bildungs- und Schulwesen und die Entwicklung des Nationalismus, Antisemitismus und Militarismus. Letzter Teil gilt dann allein dem ersten Weltkrieg, wobei die Kriegsführung der kleinste Teil einnimmt und vielmehr die Strukturen dahinter beleuchtet werden. So legt Ullrich die soziale Entwicklung dar, wie die Gesellschaft auch politisch mit diesem Krieg umgeht. Ein wichtiger Teil bildet das Jahr 1917, auch als 'Chancenjahr' durch den Sturz Bethmann Hollwegs und dem Wegfall Russlands als Kriegsgegner durch dessen Kapitulation. Zuletzt natürlich das Jahr 1918 und dem Ende des vielbesprochenen Reiches. Der Ausblick auf die kommende weimarer Zeit, dessen Grundlagen im wilhelminischen Deutschland und dem ersten Weltkrieg lagen.
Daher lässt sich also sagen, dass dieses Buch eine gute und vor allem sehr facettenreiche Darstellung des deutschen Kaiserreiches bietet. Selbstverständlich durch viele und gute Quellen- und Literaturangaben gedeckt. Zurecht also ein Spiegelbestseller.
Ein äußerst klug geschriebenes Buch über eine Zeit in der Ursprung und Quelle der katastrophalen Bilanz der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts begründet sind. Besonders interessant ist die sehr gut recherchierten Beiträge zur Rolle der Frau sowie der Alltag im wilhelminischen Deutschland beschrieben. Toxische Männlichkeit, Phrasen, Pathos, eine vollkommen geknebelte Sexualität - kurz die Entmenschlichung von alldem was nicht in das Bild des Weltmachgedankens des dt Patriotismus passte. Für mich viele neue Erkenntnisse und sehr empfehlenswert. Ansonsten fand ich die Parallelen zur Gegenwart in der Charakterlosigkeit, Gier und vor allem politische Verantwortungslosigkeit der Machteliten, welche einen echten Wandel mit allen Mitteln entgegenstehen, sehr erschreckend. Fazit: sehr lesenswert
Großartiges Buch über das Kaiserreich. Beleuchtet neben der politischen auch die Geistes- und Sozialgeschichte und liest sich immer spannend und flüssig.