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482 pages, Hardcover
First published February 28, 2019
"Tausend Jahre, und niemand hatte die Schriftrolle auch nur angerührt. Sie lag auf ihrem steinernen Podest wie am ersten Tag, als wäre alle Zeit nur Einbildung, und nicht einmal Staub wollte sich auf ihr niederlassen. Sie beherrschte den Raum, und nichts beherrschte sie. Vielleicht wusste sie, wie bedeutsam sie war. Und vielleicht wusste es auch der, der in ihr saß, für alle Zeit gezwungen, gebannt, gesiegelt. Es gab genug Gründe, die Schriftrolle zu fürchten. Und selbst Staub, Zeit und Zerfall hielten sich daran.Inhalt
Nur den kleinen Jungen schien nichts davon zu stören."
"Sie waren alles andere als eine fröhliche Reisegruppe. Der Kämpfer war ein grimmiger Kerl, der Kevron nicht ausstehen konnte und daran wenig Zweifel ließ, so große Mühe sich Kevron auch gab, wie ein ehrlicher Mann zu erscheinen. Die Magierin war von zwei Leuten eingenommen, nämlich dem Prinzen und sich selbst, und wenn sie Kevron überhaupt einmal eines Blickes würdigte, war der verächtlich. Und zwischen ihnen allen stand Tymur Damarel, der versuchte, einem jeden ein guter Freund zu sein, was dazu führte, dass sie einander diese Freundschaft neideten."Meine Meinung
"Am Ende lebten sie alle eine Lüge. Als man ihn zu einem steinernen Wächter machte, hatte Lorcan sich gefühlt wie ein Betrüger, wie einer, der sich diesen Titel erschlichen hatte, ohne ihn zu verdienen, als hätte er geschummelt, wo es darum ging, dem Locken einer schönen Frau zu widerstehen, weil er sich im Leben für keine Frau, ob schön oder hässlich, interessiert hatte. Vielleicht war er überhaupt erst ein Steinerner Wächter geworden, um sich selbst seine Männlichkeit zu beweisen - doch all die Jahre über hatte Lorcan sich einreden können, dass er der Einzige unter ihnen war, der noch wirklich an das glaubte, wofür er stand, der auf seinem Posten blieb bis zum bitteren Ende."Dass Maja Ilisch schreiben kann, lässt sich nicht abstreiten. Abgesehen von ein paar "Ausreißern" drückt sie sich gewählt und stilvoll aus. Man merkt, dass viel gearbeitet und überarbeitet wurde und da liegt wahrscheinlich auch der Hund begraben. Ein bisschen Füllstoff hier, ein bisschen Füllstoff da. Ähnlich wie bei Menschen die viel reden ohne tatsächlich etwas zu sagen. Es gibt so viel Anderes, was mich interessiert hätte. Dinge über Land und Leute zum Beispiel. Wie leben sie? Von was leben sie? Worauf baut sich der Reichtum des Königreichs Neraval auf? Infrastruktur, Militär usw.? Stattdessen gibt es dann halt die obligatorischen Kaufleute, Marktplätze, Bauern und Wirtsleute und selbst der königlichen Familie sind nur ein paar Zeilen vergönnt. Ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, ob das Land überhaupt eine Königin hat.
"Wenn Enidin die Augen schloss, konnte sie die Strukturen der Welt fühlen, die Linien, die alles durchflossen, so ganz anders als in der Stadt: Sie waren freier und wilder, hier gab es weniger, das den Raum krümmte; so wenige Schicksale galt es hier zu beeinflussen, dass die Linien in ihrer ursprünglichen Form blieben und doch aufeinander reagierten, im Kleinen wie im Großen und sogar auf Enidin, die nichts weiter tat, als hindurchzureiten. Jeder Hufabdruck, den ihre Pferde hinterließen, jedes abgekaute Grasbüschel von Herrn Florels Pferd, das trotz all seiner Versuche, es zum Laufen zu bringen, immer wieder stehen blieb und am Straßenrand zu grasen begann, hinterließ seine Spuren in der Wirklichkeit."Wie Maja Ilisch Enidins Art Magie anzuwenden und ihre Sicht auf die Welt beschreibt, war für mich eines der wenigen Lichtblicke in diesem Buch. Ein Zauberer, der mit den Fingern schnippt oder einen Zauberspruch aufsagt, reicht vielleicht für Kindergeschichten, abgesehen davon darf und sollte es aber gerne etwas mehr sein.
"Der Junge war zu klein für Vorsicht, zu dumm oder zu mutig. Es machte ihm nichts, dass die Stufen so alt und krumm waren wie die Gruft selbst, dass die Zeit, die von der Schriftrolle abperlte wie Wasser von einem Blütenblatt, ihren Zahn umso mehr an ihnen ausgelassen hatte. Ausgetreten waren sie aus jenen Tagen, als es noch ein reges Kommen und Gehen gab-, lange vergangene, lange vergessene Zeiten, älter, als sich auch nur die Schriftrolle erinnern konnte - von Füßen, die nicht zu Menschen gehörten. Sie führten in das Reich des Steins, die Welt der Steinernen Wächter, deren Heimat dort unten lag und ihr ganzes Leben, wenn es noch ein Leben war: kein Sinn, kein Zweck, keine andere Aufgabe, als die Schriftrolle zu beschützen, vor der Welt, und die Welt vor der Schriftrolle."Fazit