Social Media, Filme, Werbung und Pornografie haben in den letzten Jahren einen massiven Einfluss auf unsere Körperwahrnehmung sowie unsere Sexualität bekommen. Fragen wie „Bin ich zu dick?“, „Sind meine Brüste zu klein?“ oder „Ist mein Bauch flach und muskulös genug?“ beschäftigen weltweit Frauen und Männer, die - beeinflusst durch die westlichen Schönheitsnormen - das Gefühl haben, ihr Körper sei nicht gut genug, oder denen das Verhältnis zum eigenen Körper ganz verloren gegangen ist.
Woran dies liegt und welche Folgen das haben kann, zeigt die profilierte Psychotherapeutin Susie Orbach in ihrem neuen Buch „Bodies. Im Kampf mit dem Körper“ eindrucksvoll auf.
In sieben Kapiteln widmet sie sich verschiedenen Einflüssen und gesellschaftlichen Phänomenen, die eng mit unserer Wahrnehmung von Körpern zu tun haben. Sie reflektiert das weltweit verbreitete kritische Körperbewusstsein, das bis hin zu einer vollkommenen Fixierung auf die eigenen vermeintlichen körperlichen Mängel reicht, sowie den Einfluss von Körperbildern, die zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung führen können. Beides führe zu einem Druck, den Körper immer weiter am westlichen Schönheitsideal orientiert zu perfektionieren. Angelehnt an das berühmte Zitat von Simone de Beauvoir („Man wir nicht als Frau geboren, man wird es“) vertritt sie die These, dass ähnlich wie Gender unser Körper durch Erziehung, Kultur und Umfeld zu dem wird, was er ist, und nicht nur auf der Biologie beruht; Obach zufolge gibt es ihn nicht, „den einen natürlichen Körper“. Dabei verbindet sie die persönliche mit der gesellschaftlichen Ebene und integriert immer wieder konkrete Beispiele aus ihrer Praxiserfahrung, sodass die beschriebenen individuellen sowie gesellschaftlichen Phänomene greifbar werden. Durch die Betrachtung des Körpers aus verschiedenen Blickwinkeln und der Beschreibung der Überschneidung, Korrelation sowie Zusammenhänge verschiedener Probleme sowie Phänomene wird besonders deutlich, welches Ausmaß unsere gesellschaftlichen Schönheitsnormen eigentlich haben, welche Problematik sie bergen und welche Auswirkungen dies auch auf Bereiche haben kann, die man ansonsten eigentlich nicht mit diesem Themenkomplex in Verbindung setzten würde.
Das Buch stellt eine sehr kluge und eindrucksvolle Analyse unserer gesellschaftlichen Sicht auf den menschlichen Körper dar und lässt dabei den psychologischen Aspekt, der bei diesem Thema immer mitschwingt, nicht außen vor. Durch die Betrachtung vieler verschiedener Aspekte liefert die Autorin jede Menge Denkanstöße sowie spannende Informationen zur Schönheits- oder Kosmetikindustrie.
Dass das Buch von einer Psychoanalytikerin geschrieben wurde, macht sich an den vielen Fachbegriffen bemerkbar, die sie verwendet, dank Wikipedia ließen sich diese aber schnell erklären. Mein einzig wirklicher Kritikpunkt sind die Übergänge von einem Thema zum nächsten: Manchmal erfolgen diese so schnell, dass es mir schwerfiel, den Gedankengang - oder besser gesagt: die Gedankensprünge - der Autorin nachzuvollziehen. Hier hätte ich mir vielleicht eine stärkere Gliederung innerhalb der Kapitel gewünscht.
„Bodies“ ist ein hochaktuelles und für unsere von der Globalisierung geprägte Welt wichtiges Buch, welches zur kritischen Selbstreflexion über das eigene Verhältnis zum eigenen Körper anregt und einen Ansatz für die Überwindung unserer derzeitigen Schönheitsideale bietet. Es plädiert für eine Körpervielfalt jenseits der westlichen Schönheitsnorm und für einen Stopp der kommerziellen Ausbeutung des menschlichen Körpers.