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Dabei ist die Konstruktion denkbar einfach: Eine Ich-Erzählerin erzählt -- vermutlich mit stark autobiografischen Färbungen -- von Nacktschnecken, vor denen sie sich als Grundschülerin fürchtete, von der Angst einer jungen Gymnasiastin über den oberen Holm des Stufenbarrens zu springen, von ersten Liebesgefühlen für einen Animateur oder Schauspieler, schließlich von der Ausbildung zur Buchhändlerin. Der Ton der Erzählerin ist dabei ein melancholischer, der auf der harten Gratwanderung zum Weinerlichern nicht immer besteht. Auch wenn dabei die Nebenfiguren scheinbar unbestimmt, ja variabel erscheinen ("Der Vater", "Die Mutter", "Der Bruder", "Der Bräutigam", "Der Hauptdarsteller"), gelingt es der Erzählerin dennoch, Menschen zu erschaffen, deren Transparenz während der unmittelbaren Lektüre unangetastet bleibt. Werden zusätzlich noch einige Erzählstrategien über alle Geschichten hinweg konsequent beherzigt -- beispielsweise die (an Bernhard erinnernde) Repetition oder die (von Stamm) so geliebte Parataxe -- entsteht ein starker Eindruck eines ganz eigenen Tons der Verlusterfahrung von Unbeschwertheit -- und die bunte Perlenkette wird rasch eine autonome Konstruktion.
Kein (trauriges) Geheimnis ist, dass Verleger noch immer auf Alterseffekte abzielen und junge Debütanten und (oder: vor allem) Debütantinnen mit größerem Interesse wahrgenommen werden als längst renommierte Schreiber. Aber: Wenigstens scheint es so, dass die junge deutsche Literatur -- nach Annette Pehnt (Ich muß los) und Jenny Erpenbeck (Tand) -- wieder aus etwas schwereren Perlen webt. Dass die Zeit des Smalltalks einem ansatzweise existenzialistischeren Ton weicht. Aber Liebesperlen sind eine Spezialität aus Westdeutschland: Sie erfordern keine besonderen Ingredienzen und sind leicht verdaulich. Schnell löst sich der Zucker auf und -- konsumiert man in Maßen -- wird sicher schnell vergessen werden, wohingegen man im Osten des Landes noch lange sammeln muss, um Perlen für eine hübsche Kette zusammenzuklauben, die die Brüchigkeit der Biografien ziert. --Kristina Nenninger
108 pages, Hardcover
First published January 1, 2001