Dieses Buch war schwierig und es ist mir immer noch nicht richtig gelungen, mir hundertprozentig eine Meinung zu bilden - vieles klang logisch und widerstrebte mir zugleich. Carlo Strenger versucht in diesem Essay seine Grundthese zu festigen, dass politische Korrektheit eine Krankheit ist, die zur intellektuellen Einschüchterung führt und dem Gefühl, dass nichts mehr kritisiert werden darf. Dies wird als Zensur bzw. der Einschränkung der Redefreiheit wahrgenommen und bildet ihm zufolge den Nährboden für rechte Parteien, welche sich als Hüter der Meinungsfreiheit positionieren.
Seinen Gegenentwurf nennt er "zivilisierte Verachtung", womit er meint, dass es vertretbar ist, Glaubenssätze und Lebensentwürfe anderer zu verachten - aber zivilisiert, weil man nicht die Person, sondern deren Werte angreift und "vernünftig" bleibt. Separat vom Inhalt betrachtet finde ich den aggressiv-pathetischen Essay-Titel recht fragwürdig, weil in der Sprache bereits so viel Hass steckt ("Verachtung"!?) und dies fast zu Schandtaten inspiriert.
Ich habe beim Lesen einen Grundton von Erhabenheit und moralischer Überlegenheit vernommen, eine teils herablassende Note. Der Autor bekennt sich zu seinem Faible für die Aufklärung und Elitismus und lässt dabei außer Acht, dass die Denker von damals nicht die Deutungshoheit für sich gepachtet haben und auf der Welt zahlreiche Wissenssysteme existieren.
Sachargumente und verantwortliche Meinungsbildung schön und gut, aber nur extrem eindeutige Beispiele - Medizin und die Sicht von orthodoxen Juden auf weibliche Zeugenaussagen - als Argument gegen individuelle Überzeugungen anzuführen, ist doch sehr leicht, da eine sehr großes Feld in der Mitte offengelassen wird, bei dem es sich durchaus lohnt, verschiedene Lebensweisen anzuerkennen und sein zu lassen.
Ich bin nicht gegen konstruktive Kritik, aber meines Erachtens lässt diese sich mit politischer Korrektheit vereinbaren. Es riecht mir alles zu sehr nach "man darf ja heutzutage gar nichts mehr sagen". Und das aus dem Mund eines alten, weißen Mannes, verrückt. Wissenschaft wird mit kultureller Überlegenheit gleichgesetzt. Meinungsfreiheit und Respektlosigkeit werden gegeneinander ausgespielt. Und dies nur, um Nazis keinen Teppich auszurollen, really?
Die viel interessantere Frage scheint mir zu sein: Wenn wir tolerant sind für das Andere, wer sind wir denn als Staat, was vereint uns, wofür können wir kämpfen? Aber dies wäre schwerer zu beantworten.