»Wann hast du eigentlich aufgehört, mich zu hassen?« »Als du mir den Brief geschrieben hast.« »Was für einen Brief?« Und er beginnt sich zu fragen, was er sonst noch vergessen hat von diesem Sommer 1999. Nagel lebte damals in seiner ersten WG, hielt sich mit Nebenjobs über Wasser und verschwendete kaum einen Gedanken an die Zukunft. Damals, als ein Jahrhundert zu Ende ging, man im Regional-Express noch rauchen durfte und nur Angeber ein Handy hatten. Dann änderte sich alles, plötzlich und unvorhergesehen verwandelte sich seine Welt in einen Scherbenhaufen. Thorsten Nagelschmidt hat einen Roman über Liebe, Freundschaft und Verrat geschrieben. Über einen letzten großen Sommer und die Spurensuche 16 Jahre später.
Thorsten Nagelschmidt, 1976 in Rheine geboren, ist Schriftsteller, Musiker und Künstler.
Bis 1993 bis 2009 war er Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter, die in dieser Zeit ein Demotape, sieben Alben und mehrere Singles veröffentlichten und über 600 Konzerte spielten. Von 1993 bis 1998 brachte er das Fanzine Wasted Paper heraus. Als Gastmusiker arbeitete er mit Künstlern wie Chuck Ragan, Kreator, Oliver Koletzki und dem hr-Sinfonieorchester. Mit seiner Linoldruckserie „Raucher“ hatte er seit 2011 deutschlandweit zahlreiche Ausstellungen.
Unter seinem Künstlernamen Nagel veröffentlichte er die Romane »Wo die wilden Maden graben« (2007, Ventil Verlag, das Hörbuch wurde von Farin Urlaub, Axel Prahl und Nagel eingelesen) und »Was kostet die Welt« (2010, Heyne Hardcore, beim Label Audiolith erschien eine musikalische Umsetzung des Romans) sowie die Sammlung von Fotos&Stories »Drive-By Shots« (2015, Ventil Verlag).
Seit 2007 gab er Hunderte von Lesungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und unterstützte internationale Autoren wie Irvine Welsh und John Niven auf deren Lesereisen. Seit Anfang 2017 ist er Gastgeber der Lese-&Labershow »Nagel mit Köpfen« in der Berliner Fahimi Bar.
Im Februar 2018 erschien sein neuer Roman »Der Abfall der Herzen« als Hardcover bei S. Fischer und als ungekürzte Hörbuchfassung bei Grand Hotel van Cleef.
Nach diesem Song hat Nagel das Buch benannt, in dem er seinen eigenen Erinnerungen an das Jahr 1999 nachspürt. Damals war er 23, und es war das letzte Jahr, das er in seiner Heimatstadt Rheine verbrachte. Vordergründig geht es darum, dass seine damalige Freundin ihn verließ, und er dann einem guten Kumpel die Freundin ausspannte. Das allein wäre als Buchinhalt ziemlich öde, aber anhand dieser Minimalhandlung denkt Nagel schreibend darüber nach, wie wir uns an die Vergangenheit erinnern: Da ist das, was Nagels Gehirn im Nachhinein abrufen kann; das, was sein früheres Ich damals in seinen Tagebüchern festgehalten hat; und da sind die Erinnerungen der Freunde, die natürlich absolut widersprüchlich und ebenso subjektiv gefärbt sind.
Das Resultat ist so etwas wie ein metafiktionales Memoir: Neben der Geschichte selbst erfahren wir, wie der Autor recherchiert, schreibt und mit den widersprüchlichen Erinnerungen umgeht, und darüber hinaus serviert uns Nagel auch noch Hinweise auf fiktionale Elemente der Geschichte. Dieses Verfahren ist es, was das Buch interessant macht, sowie die treffenden, teils lakonischen und teils pointierten Beschreibungen, mit denen Nagel die Erzählung durchsetzt.
Die Geschichte selbst ist im Grunde recht lapidar (was aber Absicht ist: Schließlich geht es um junge Erwachsene in der Provinz), und der Hang zum Melodrama, den der 23-jährige Nagel zelebriert, macht diese Figur nicht unbedingt sonderlich sympathisch - aber hey, das ist ein Roman und kein Beliebtheitswettbewerb. Schwerer wiegt hingegen, dass das ganze Dingen einfach zu lang ist: In der Hälfte musste ich pausieren und neu Anlauf nehmen, um das Buch beenden zu können.
Dennoch ist Nagel einfach ein guter Erzähler, dem man gerne zuhört. Hier spricht er selbst über sein Buch: https://www.youtube.com/watch?v=9z9Vl... (Und Muff Potter live waren echt ziemlich gut!)
Thorsten Nagelschmidt arbeitet an seinem Roman über Kuba, doch seine Gedanken wandern fast 20 Jahre zurück in seine punkige WG-Zeit in Rheine. Aus Tagebüchern, Briefen und Gesprächen setzt sich schließlich das leicht chaotische Puzzle eines Lebens im Jahr 1999 zusammen. Ehe „Nagel“ nicht das Geheimnis löst, warum seine Tagebücher weder seine Erinnerungen abbilden noch die Wirklichkeit, wird das Romanprojekt warten müssen. Die Geschichten, die er 16 Jahre später von seinen Weggenossen hört, decken sich nicht mit Nagels Erinnerungen; die Erinnerung erweist sich als unzuverlässig. Für einen Romanautor ist das allein keine schlechte Ausbeute.
Zu einer Zeit, als Telefone noch eine Schnur hatten und VHS-Cassetten Standard waren, lebt Nagelschmidt eine verlängerte Pubertät in zwei verschiedenen WGs. Wofür oder wogegen er genau ist, wurde mir nicht ganz klar. Offenbar hatte die Generation zuvor nichts mehr übrig gelassen, gegen das man 1999 noch sein konnte. Nagel jobbt, um den Führerschien zu finanzieren, ist pro forma an der Uni eingeschrieben, hat die Nabelschnur zu seinem Heimatort jedoch noch immer nicht getrennt. Irgendwie schade, wie jemand durch Bildung aufsteigt und dann die nächste Abzweigung im Leben nicht findet. „Andere haben mit 23 schon Kinder,“ war der entscheidende Satz für mich, mit dem Nagel die Misere auf den Punkt bringt. Andere haben etwas gewollt, es probiert, Fehler gemacht, die Abzweigung gefunden.
Nagelschmid erzählt seine Selbstfindung als Fiktion. Klar sind Tagebuchschreiben und die Verlässlichkeit unserer Erinnerungen ein interessantes Thema. Klar ist 1999 rückblickend ein interessantes Jahr, das viele als „das Jahr bevor ... “ in besonderer Erinnerung behalten haben. Für meinen Geschmack erzählt Thorsten Nagelschmidt zu viele Banalitäten aus seiner antiautoritären Schmutz- und Schimmelphase, die die Welt nicht wissen will. Es passiert mir selten, dass ich mich dazu zwingen muss, ein Buch endlich auszulesen.
Hach, genau diese Art von Buch, diese Art von Stimme, von Leichtigkeit hab ich jetzt länger gesucht und gebraucht (ich les nur sehr wenig deutschsprachige Romane). Das hat bei mir einen Nerv getroffen gerade, und ich liebe, wie lapidar Nagel erzählt, wie er dieses Buch strukturiert, wie liebenswert schnodderig und zugänglich er seine Hörbücher vorliest.
Besonders gefallen haben mir die recht transparenten Überlegungen und Berichte über seinen persönlichen Schreibprozess dieses Buches, was einen von zwei miteinander verwoben Teilen darstellt: einerseits ist da der Sommer 1999 in der westfälischen Kleinstadt und die Beziehungen zwischen mehreren befreundeten (oder was auch immer sie noch so verbindet) WGs, das Finden seiner Rolle in der Gruppe mit Anfang 20, die verlorene große Liebe, eskalierende Kommunikationskonflikte, pipapo - andererseits Nagels Recherche und lückenhaften Erinnerungen zu eben jenem Sommer im Berlin so um 2015. Dabei helfen seine peniblen Tagebücher von früher (hat mich ziemlich angesprochen, da ich gerade erst wieder begonnen habe, so halbwegs regelmäßig Tagebuch zu schreiben) und Gespräche und Interviews mit Mitgliedern der Gang von früher (die er im Hörbuch auch selbst ab und an mit ihren gänzlich widersprechenden stories zu Wort kommen lässt).
Einen Ticken zu lang sei das Ganze geworden, kritisierten andere. Mich hat das gar nicht gestört. Ich habs für meine Verhältnisse schnell durchgehört, und den kleinen (und für ihn sicher größeren) Dramen gern gelauscht.
Das ist jetzt alles nichts Neues, nicht substantiell. Aber wie gesagt, mir passte das perfekt in den Kram in Zeiten der Quarantäne-Überforderung.
Auch war das nun mein erstes Buch von Thorsten Nagelschmidt und ich werd mal gleich mit dem kürzlich erschienenen und vielgelobten 'Arbeit' weitermachen. Da ich nicht so der Podcast-Mensch bin, kann ich leider bisher nur das Interview aus dem Mai 2020 von Meike & Robin vom Papierstau Podcast mit Nagel zu dessen letztem Roman empfehlen. Doch das Gespräch fand ich schon mal äußerst sympathisch und es machte mir umso größere Lust auf mehr seiner Bücher. Gruß an den Podcast!
Wie ich mich auf dieses Buch gefreut habe. Und es hat sich bestätigt - fiktional und doch autobiographisch lässt uns Nagel an seinem Jahr 1999 teilhaben. Dabei erfahren wir von Menschen, deren Geschichte, so alltäglich sie auch ist, fesselt. Von seiner Band, kaputten Beziehungen und einer Reise nach Frankreich wird in typischem Nagel-Stil berichtet. Zugegeben, habe ich mich ein klein wenig in seinen Mitbewohner Tommi verliebt. Ich kann dieses Buch nur jedem ans Herz legen, genauso wie seine vorherigen Bücher.
Leider meist eher etwas langweilig. Thorsten Nagelschmidt blickt zurück auf den Sommer 1999, auf seine Studentenzeit, wilde Parties, Freundschaft und die große Liebe. Es ist ganz nett, um sich mal wieder den 90er Vibes hinzugeben. Auch die Passagen über die selektive Erinnerung fand ich ganz interessant. Aber alles in allem hat mich der Roman nicht vom Hocker gehauen. Es fehlte der Spannungsbogen. Diese Reminiszenz an Nagelschmidts Jugend mag für ihn gewinnbringend gewesen sein – für mich als Leserin war es aber höchstens ganz nett, meistens aber eher etwas öde.
Habs geliebt. Vom Anfang bis zum Ende in die leichten Tage der Anfang 20er zurückblickender, liebevoll geschriebener Roman. Wann ist diese Pandemie noch mal vorbei?
An dem Buch finde ich alles fragwürdig: Dass es erdacht wurde, bis hin zur Vollendung. Dass es veröffentlicht wurde, bis hin zur Präsentation im Rahmen einer "Tour". Dass ich es gelesen habe, bis zum Ende. An jeder Stelle hätte die Entscheidung mit dem Projekt fortzufahren, auch anders ausfallen können, dagegen ausfallen können, und mir fällt kein guter Grund ein, warum die Entscheidung, es durchzuziehen, die bessere sein sollte. Kann man machen, muss aber nicht sein.
Ich habe mein Exemplar beim Ham.Lit-Literaturfestival in Hamburg vom Autor persönlich gekauft und als ich im kurzen Gespräch sagte, dass ich bereits 'Wo die wilden Maden graben' gern gelesen habe, sagte Nagel, 'Der Abfall der Herzen' sei quasi die Fortsetzung dazu. Und das kann man durchaus so sagen. Zwar hat sich der Vorgänger noch mehr oder weniger auf das Tourleben, die damit verbundenen Erlebnisse und den seltsamen Schwebezustand im Dazwischen zwischen zwei Touren fokussiert, wohingegen Nagels Musikkarriere im aktuellen Werk nur eine Facette von vielen in der Erzählung ist, die 'einfach' einen Sommer in seinem Leben in den Blick nimmt. Wenngleich nicht der Anspruch einer authentischen Autobiographie besteht, sondern die Fiktionalisierung des Stoffs an einigen Stellen expliziert wird, handelt es sich dennoch eindeutig um eine biographische Erzählung. Und hierin liegt dann eben doch der große Anknüpfungspunkt zu 'Wo die wilden Maden graben'. Der Entstehungsprozess dieser Aufarbeitung des Sommers 1999 wird selbst ebenfalls im Buch erzählt, verwoben mit Erinnerungen an diesen prägenden Sommer. Eine Struktur, die das Buch überaus interessant macht. Einzig bleibt der Eindruck, dass es auch ein wenig kürzer hätte sein dürfen, hie und da zieht sich die Erzählung dann doch ein wenig. Aber nichtsdestoweniger bleibt man interessiert dabei, denn erzählen kann Nagel ohne Zweifel.
Und wenn ich meine eigene Geschichte sowieso nur als Fiktion erzählen kann, dann ist das hier vielleicht der Roman, den ich die ganze Zeit schreiben wollte.
Der Abfall der Herzen bewegt sich zwischen Autobiographie und Fiktion und ist der Versuch des Autors, sich an den Sommer 1999 zu erinnern. Er erzählt von seinem Leben in Rheine, von Freundschaften, der Liebe und dem interessanten Entstehungsprozess dieses Buches, das er anhand von Tagebucheinträgen und Gesprächen mit seiner damaligen Clique schreibt.
Es war nett, diese Geschichte zu hören, aber eben auch nicht mehr. Was das Buch allerdings mehr als nett werden ließ, war die Tatsache, dass es zeigt, wie selektiv Wahrnehmungen an unterschiedliche Ereignisse sein können, wie viel man nach fast zwei Jahrzehnten vergisst und auch, welche Widersprüche sich in Erinnerungsprozessen auftun können, wenn man sie mit anderen Menschen, die dabei waren, vergleicht.
Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Ich liebe seine Sprache, die Reflektionen über Erinnerung und das eigene Leben, die Gedanken über Jugend und das Altern. Ich bin 23 und fühle dieses Buch so sehr.
Thorsten Nagelschmidt rekonstruiert den Sommer 1999 anhand seiner wiederentdeckten Tagebücher und erzählt von einer wilden Jugend, der ersten Liebe und Herzschmerz. Lesenswert!
Eine wundervolle Zeitreise in das Jahr 1999, bei der man an seine eigene Jugend in der Kleinstadt zurückerinnert wird (wenn man die denn hatte). Nicht nur für Fans von Muff Potter zu empfehlen!
Schön. Ich hatte ein bisschen Angst, dass es so ein "ich-war-mal-cooler-Punk-in-der-Kleinstadt-bevor-ich nach-Berlin/Hamburg-ging"-Buch ist. Es ist aber ganz uneingebildet.
Zweites Mal gelesen, erneut schwer angetan. Coming-of-Age in Rheine zum Ende der 90er-Jahre. Nagel präsentiert sich wie in seinen Songtexten: direkt, entwaffnend, mitunter simpel und damit genau richtig. Liebeschaos, Spurensuche und der vermeintliche "Sommer unseres Lebens" in einem. Authentisch, weil wahr – bis zu einem gewissen Grad. Das Fiktionale? Genau richtig, um eine Story zu erzählen, die das Leben wahrscheinlich selbst schreibt. Und viel Wein, Fladenbrot mit Tzaziki und ein Sandwichtoaster.