Eine sehr gute Aufstellung und Erklärung der Entwicklung des Islams.
Dieses Buch geht sowohl auf die Entstehung des Korans wie auch des Islams ein und versucht dabei Vorurteile zu vermeiden. Eine so gute Gegenüberstellung der verschiedenen Glaubensrichtungen im Islam ist mir noch nicht untergekommen. Dabei finden auch die kleinsten Gruppen ihr Platz.
Vor allem ist es möglich nach dem Lesen dieses Buches zu verstehen wieso da immer wieder neue "Schulen" aufgekommen sind und immer wieder aufkommen, ähnlich wie im Christentum.
Und wie im Christentum wird oft nur die eigene Schule - oder wie wir im Christentum sagen würden "Kirche" als die einzigwahre angesehen und aller andere als "Ketzer" und "Ketzertum" bezeichnet.
Daher dann auch, dass die Anhänger dieser Schulen nicht nur verteufelt aber - ähnlich wie im Europa des 16. Jahrhunderts - gemartert, verstümmelt, verbrennt und auf anderer Art und Weise bestraft werden. Auch die Pfählung oder - wie im alten Rom - auch die Kreuzigung ist beliebt.
Interessant ist auch zu lesen, dass bei den Kreuzzügen die einzelnen Schulen teilweise gemeine Sache mit den Kreuzfahrern gemacht haben und so geholfen haben Muslime anderer Schulen umzubringen. Etwas, was nicht nur uns Europäer, sondern auch vielen Muslime gar nicht bewusst ist.
Das nicht nur der Islam, sondern auch bestimmte Schulen oder Richtungen offiziell zur Staatsreligion erklärt wurden - wie z.B. auch in den deutschen Staaten nach dem Frieden von Konstanz - erschwert es noch den Islam zu verstehen. Aber aufgrund dessen wurden und werden Kriegen geführt. Sei es offiziell oder auch halboffiziell, wie im Moment in Jemen, Syrien und Irak wo Sunniten (Saudi-Arabien) und Schiiten (Iran) einander bekriegen und von den genannten Staaten offiziell unterstützt werden mit Waffen und Teilweise auch mit Soldaten.
Dabei ist es immer wieder interessant, dass die sgn. Buchreligionen Judentum und Christentum, ja in manchen Schulen sogar andere monotheistischen Religionen höhergestellt werden als die jeweiligen verketzerten Geschwister in der eigenen Religion. Sie werden nicht bekämpft, sondern geduldet und dürften schon immer ihrer eigenen Religion nachfolgen. Manchmal haben sie sogar hohe Stellen innegehabt wie der Vize-Präsident unter Saddam Hussein oder den gleichen Pfosten in der Libanon, welcher ihnen sogar laut Verfassung zusteht.
Wer ein guter Muslim ist wird sich immer halten an dem von Mohammed befohlenen Schutz der Buchreligionen. Daher sind die Stammparolen, dass wir bald allen Muslim werden müssen, obsolet.
Trotzdem wird der Koran von jedem Muslim als das Ende der göttlichen Offenbarung gesehen und sollte als Grundlage alles Handeln dienen. Dabei werden Koran und Scharia sowohl von Muslimen und Nicht-Muslimen oft zusammengeworfen, aber die Scharia ist kein Bestandteil des Korans!
Diese Auffassung der Position des Korans kann in Europa Probleme bereiten, muss aber nicht sein, wenn die hier wohnenden Muslimen akzeptieren, dass der Koran die Leitlinie des einzelnen Gläubigen ist; der Staat aber trotzdem säkular sein kann, weil hier eben nicht nur die Monotheisten, sondern alle Menschen als gleichwürdig betrachtet werden. Dabei ist dies möglich, wie die Situation in z.B. Tunesien und zeigt.
Schweizer zeigt uns auch, dass Islamisten im Prinzip nur Personen sind, die danach streben ihre Religion und ihr Leben so viel wie möglich nach den von Mohammed vorgegeben Richtlinien einzurichten. Leider wird dieser Begriff mittlerweile nur noch für solche Gruppen verwendet, die diesen Weg mittels Gewalt aufdringen wollen. Al Quaida, Taliban und ISIS sind davon gute Beispiele, die davon profitieren aber von den meisten Islamisten abgelehnt werden. Ihr Streben ist es nämlich nicht nur Mohammeds Beispiel nach zu folgen, sondern die ganze Gemeinschaft im 7. Jahrhundert, Zeit Mohammeds zurück zu versetzen. Dazu gehören z.B. auch die Verbote von Radio und Fernsehen durch die Taliban. Die meisten Muslime - ob Islamist oder nicht - lehnen dies als Unfug ab.
Übrigens: wären diese Gruppen wirklich daran interessiert, würden sie keine modernen Kommunikationsnetze benutzen um ihre Krieger zu dirigieren und auch keine neuartigen Waffen.
Alles in allem ein Buch, was eigentlich von jedem gelesen werden sollte. Lassen Sie sich von den fast 600 Seiten nicht abschrecken. Man kann das Buch auch gut Kapitelweise lesen und zwischen durch mal wieder weglegen. Ich würde das sogar empfehlen, denn nur so kann man das Gelesene auch verinnerlichen.
Zum Schluss noch einen persönlichen Rat: lassen Sie sich nicht von Vorurteile leiten. Besuchen Sie doch mal eine Moschee oder Teestube und lassen Sie sich auf einem Gespräch (keine Diskussion!) mit den Anwesenden ein. Denn seien Sie mal ehrlich: die meisten von uns kennen Muslimen doch nur von der Arbeit am Laufband, der Kebab Bude, den 'Türkenladen' oder vielleicht noch den Shisha Bar. Aber wirklich mit jemanden geredet haben wir noch nie. Salaam. Frieden sei mit allen Menschen!