Schon der Untertitel "Die wunderliche Welt meines Vaters" beschreibt worum es dem Autor bei diesem Buch geht. Maarten 't Hart malt ein liebevolles Bild seines Vaters. Der oft wortkarge Mann hat seine Bestimmung als Totengräber gefunden. Dadurch ist der Tod in 't Harts Kindheit ständig gegenwärtig, was man in seinen Büchern deutlich spürt. "Gott fährt Fahrrad" ist die Aufzeichnungen der Erinnerungen an den Vater, aber auch der Versuch einigen Wahrheiten auf den Grund zu kommen.
Auf dem Hafenkai
Mein erster Gedanke war: warum in aller Welt macht jemand bei Eisregen einen Spaziergang zum Hafen? Aber ich kann ihn auch verstehen weil ich auch leidenschaftlich gerne im strömenden Regen unterwegs bin. Bei solchem Wetter trifft man nur auf Leute, die ähnlich ticken wie man selbst und die einen deshalb nicht stören. So fühlt 't Hart sich von einem weiteren Spaziergänger, der mit dem glatten Boden kämpft nicht weiter gestört, während der unbekannte Autofahrer ihn eher irritiert.
Besuchszeit
Die Anonymität im Krankenhaus macht 't Hart zu schaffen, die Menschen werden zu Schlafanzügen im Bett reduziert und so fällt es ihm auch schwer, zuerst seinen Vater und dann einen Bekannten zu erkennen. Ich kann verstehen, warum er seinen Eltern nicht die Telefonnummer seines Ferienhauses gegeben hat. So gekränkt wie seine Mutter das erwähnte kann ich mir gut vorstellen, dass sie ihn ständig anrufen würde und das will er bestimmt nicht.
Ich bin über die Einteilung in relativ kurze Kapitel recht froh. Maarten 't Hart ist ein Autor für den man sich Zeit lassen muss. Dieses Mal hat mich die freie Übersetzung des Titels auch nicht gestört. Im Original heißt das Buch "de aansprekers" was so viel wie "Die Leichenbitter" heißt und dieser Titel wäre mir dann doch zu düster gewesen
Gefurchte Wege
Ich kann verstehen, warum sich Maarten auf dem Friedhof so wohl fühlt. Alles ist so ordentlich und sauber und in den ersten beiden Kapiteln habe ich den Eindruck gewonnen, dass das genau das ist, was er braucht. Deshalb fühlt er sich durch den alten Vogelfänger gestört, der so dreist auf dem Friedhof seiner Arbeit nachgeht wo doch der Vater kaum ein paar Tage weg ist. So wie sich der alte Mann verhält dachte ich eher, dass er vielleicht dem Vater bekannt ist. Auf der anderen Seite kann ich mir nur schwer vorstellen, dass der alte Herr so etwas Illegales dulden würde.
Über das Telefongespräch mußte ich auch schmunzeln und habe mich sofort an ein paar Gespräche erinnert, bei denen ich so im Kreis geleitet wurde. Leider verfehlt diese Hinhaltetaktik bei Maarten ihre Wirkung und er begreift recht schnell die Dinge, die ihm nicht gesagt wurden.
Die dunklen Abende
Ich verstehe den Arzt nicht, der die direkte Aussprache mit dem Patienten vermeidet und statt dessen die Last an den Sohn weitergibt. Natürlich wußte Maarten schon vorher, dass etwas nicht stimmt aber jetzt derjenige sein zu müssen der die schlechte Nachricht überbringt ist zu schwer für einen Angehörigen. Ich weiß dass ich so etwas nicht kann und wollte auch selbst die Nachricht von meinem Arzt hören. Ich denke, dass ich erst mal selbst damit fertig werden wollte bevor ich es meinen Lieben sage.
Im Lauf dieses Kapitels erfährt man auch einiges über den alten Mann und Maartens Verhältnis zu ihm. Besonders sympatisch waren mir die Eltern von Anfang an nicht, aber was Maarten hier erzählt macht ihn mir wirklich unsympatisch. Ich kann der Aussage, dass man das am meisten liebt was man fürchtet, auch nichts abgewinnen.
Hier werden die Leichenbitter auch zum ersten Mal erwähnt. Ohne die Übersetzung des Titels wären sie mir wahrscheinlich nicht aufgefallen....
Ein Zitat aus diesem Kaitel finde ich sehr schön:
"Ja, dachte ich, es ist, als würde ich mit jedem heraufkommenden Jahr mehr vom Frühling entdecken und als hätte ich jedes Jahr wieder ein wenig von dem vergessen, wie es im Jahr davor gewesen war, als könnte ich mich nur daran erinnern, während ich es erlebe."
Im Haus für die Totenbahren
Dieses Kapitel beschreibt bis jetzt am deutlichsten das Verhältnis von Maarten und seinem Vater. Der Vater sieht auf den Sohn herunter, weil dieser ein Wissenschaftler ist während er schon immer mit seinen eigenen Händen sein Geld verdient hat. Er kann auch nicht verstehen, warum der Sohn nur in Cordhosen und Pullover wie ein gewöhnlicher Arbeitet herumläuft. Für die meisten Dinge, die seinen Sohn betreffen hat Pau nur abwertende Bemerkungen übrig. Das ist mir auch schon in den vorangegangenen Kapiteln aufgefallen.
Für die "Verweichlichung" Maartens gibt sich der alte Mann die Schuld, weil er ihm als Kind "den ganzen Mumm aus den Knochen geschlagen hat". Er bricht nach diesem Geständnis sogar in Tränen aus, aber die sind keine Tränen der Reue sondern des Selbstmitleids. Hier kann man nur ahnen, wie Maarten sich gefühlt haben muss. Er scheint seinen Vater wirklich zu lieben, kann ihn aber nie zufrieden stellen und erntet nur Verachtung für was er tut und was er ist.
Der Zwischenfall und der Traum
Der Druck auf Maarten wird immer größer. In seinem Fall macht es sich durch starke Abneigung, fast schon Hass, auf alte Menschen deutlich. Kommt diese Abneigung daher weil er weiß, dass er seinen Vater nie im hohen Alter erleben wird oder weil er weiss, dass sein Vater auch bald gebrechlich sein wird, obwohl er doch viel jünger ist.
Der Traum, den Maarten erwähnt hat mich sehr beschäftigt. Es kommt mir so vor, als ob es in der Vergangenheit ein dunkles Geheimnis gibt ohne das man das Verhältnis der beiden Männer nicht wirklich verstehen kann aber ich kann mir nicht vorstellen, was es sein kann.
Das himmlische Magazin
Mit diesem Titel konnte ich überhaupt nichts anfangen und habe mir auch etwas komplett anderes darunter vorgestellt. In diesem Kapitel ist mir wieder die besondere Art der Dialoge in Maarten 't Harts Büchern aufgefallen: ein Mann will Selbstmord begehen. Er bespricht mit dem Totengräber den besten Zeitpunkt dafür und lässt sich sogar ein paar Tage abringen, weil gerade der Boden so sehr gefroren ist und Pau deswegen kein Grab ausheben könnte. Der Dialog ist sehr sachlich und ohne das kleinste bisschen Ironie geführt. Letztendlich macht der Mann sogar das, was Pau ihm sagt: er hängt sich auf sobald der Boden nicht mehr gefroren ist. Das ist jetzt aber Pau nicht recht "er hätte sich ja auch vergiften können". Warum ihn das stört ist mir nicht ganz klar, denn schließlich hat ihm der verspätete Selbstmord einiges an Arbeit erspart. Vielleicht hat macht ihm das genaue Befolgen seines Rats auch Sorgen.
Die Episode mit der Schleifmaschine finde ich auch interessant. Pau schleift lieber alle Grabsteine zu anonymen Klötzen ab als sich die Mühe zu machen, die Schrift neu nachzumalen. Die Gefühle der Anghörigen sind ihm nicht so wichtig wie die Arbeitsersparnis, die er hat.
Maarten 't Hart erzählt diese ganzen Episoden zwar sehr genau, aber er sagt nie, was er vom Verhalten seines Vaters hält. Die einzigen Kommentare dazu kommen von anderen Menschen.
Der Hubschrauber
Im Urlaub findet Maarten endlich die Kraft, das Schicksal seines Vaters anzunehmen. Eine große Last fällt von ihm ab und er beginnt die Dinge wieder positiver zu sehen. Doch dann wird ein ertrunkener Junge aus dem Fluß geborgen. Maarten und seine Frau haben die Fußspuren des jungen ein paar Tage früher im Schnee gesehen und sich gewundert, warum sie so plötzlich abbrachen. Gerade als sie eine harmlose Erklärung dafür finden wird der Junge aus dem Bach geborgen. Was Maarten dabei fühlt erfährt der Leser nicht, denn auch dieses Kapitel wird ohne weiteren Kommentar erzählt.
Die Räumung
Der Vorfall ruft alte Erinnerungen in Maarten wach. Er erinnert sich an die erste Grabräumung, zu der er mitgehen durfte. Er musste seinen Vater erst dazu überreden weil der ihn zu jung dafür hielt. Trotzdem konfrontiert er ihn am offenen Grab auf eine so makabere Weise mit dem Tod, die man nicht mal einem Erwachsenen zumuten sollte.
In diesem Kapitel werden die manchmal seltsamen Moralvorstellungen des Vaters nochmal erwähnt. Er schimpft den Blumenhändler, der die Blumengestecke von den Gräbern holt und wiederverwendet einen Betrüger, denkt aber selbst darüber nach den Grabstein vom geräumten Grab nochmal zu verwenden. Auf solche Ungereimtheiten bin ich immer wieder gestossen und sie machen mir den Mann nicht sympatischer.
Die Flucht vor dem dritten Oktober
Endlich fasst Maarten sich ein Herz und will seinem Vater die Wahrheit sagen. Vorher will er noch das Laub auf dem Friedhof zusammenrechen. Das kann ich gut verstehen, vor unangenehmen Dingen versuche ich auch meine Nerven zu beruhigen. Leider kommt es nie zu dem Gespräch und später findet er den Mut nicht mehr. Dafür führen Vater und Sohn ein anderes, wichtiges Gespräch: der Vater erzählt aus seiner Kindheit und wie er selbst von seinem Vater schlecht behandelt wurde. Aus seinem guten Vorsatz zu seinen Kindern anders zu sein ist nichts geworden. Ich kann mir nur vorstellen wie schwer es ist nicht dieselben Fehler zu machen wie man sie jahrlang vorgelebt bekommt. Aus Paus kann ich keine Liebe zum Vater heraushören.
Hennoch
Ein typisches Kapitel von Maarten 't Hart, den mit dem Zwischenfall mit den Pferden beginnt er das Kapitel mit etwas, das nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat. Der kleine Maarten darf das erste Mal den weiten Weg zu seinem Vater in den Garten laufen. Auf dem Weg denkt er über Gott nach und was passiert, wenn er sterben muss und Gott ihn zu sich ruft. Dabei kommt er auf einen Gedanken wie ihn nur ein Kind haben kann, denn er ist einem Mann auf einem Fahrrad begegnet, der ihn ein Stück mitnehmen wollte. War das etwa Gott, der ihn zu sich rufen wollte? Als ich das gelesen hatte musste ich erst mal schmunzeln. Irgendwie erinnert mich dieser Gedanke an das Lied "What if god was one of us".
Der Monitor
Der Vater hat einen Herzanfall und kommt ins Krankenhaus. Für Maarten ist das die bessere Lösung als ein langes Dahinsiechen. Er bleibt die Nacht über bei Pau und ist bei ihm als er stirbt. Als er mit der Mutter das Krankenhaus verläßt kommt ihnen eine hochschwangere Frau auf dem Weg zur Entbindung entgegen, die seine Mutter nicht einmal bemerkt. Diese kleine Bemerkung am Ende des Kapitels zeigt für mich deutlich die Leere, die Maarten empfindet.
Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht, hauptsächlich über mein Verhältnis zu meinen Eltern. Jeder von uns hat Dinge, die er schon immer sagen wollte und für die nie der richtige Zeitpunkt schien. Das Buch hat nur zu deutlich gezeigt, dass man diese Dinge besser gleich sagen sollte denn egal wie sehr man darüber nachdenkt, der wirklich richtige Zeitpunkt kommt nie.