Ich weiß gar nicht, wo ich bei diesem Machwerk anfangen soll! Vielleicht hiermit: Die Replikationskrise in der Psychologie war nicht ein kurzlebiges Ereignis, das nach ein paar Monaten gelöst wurde. Deshalb stellt man in populären Wissenschaftsbüchern nicht wild irgendwelche prominente Studien vor, sondern versichert sich entweder, dass in der Auswahl nichts Verdächtiges dabei ist, oder erwähnt, was in der Fachdiskussion umstritten ist. Age-Priming und Macbeth-Effekt, um nur zwei zu nennen, die von Wehling als gesichertes Wissen dargestellt werden, sind genau das gerade nicht. Age Priming ist besonders problematisch, weil der Effekt bei Versuschsleitungen verschwindet, die die Hypothese nicht kennen. Wehling überreizt dann ihr Blatt gleich noch einmal: Wenn wir uns ohnehin nicht rational entscheiden können, können wir auch nicht rational für dieses oder jenes Framing entscheiden. Warum dann dieses Buch? Dabei wäre der Einwand so einfach vermeidbar gewesen: Einfach mal nicht so übertreiben mit dem Rationalitätsbildersturm. In die Schule scheint Wehling auch nicht gegangen zu sein. Framing wird von uns nicht laufend bewusst registriert. Aber dass man Schwulenhass nicht "Homophobie" nennen sollte, "Schulden" nicht zufällig an Schuld anspielt, händisches ("begreifen") und visuelles Vokabular ("wie siehst du das?" statt "was denkst du darüber?") sich durch unsere Sprache zieht, hört man zusammen mit Trivialetymologien ("Kritik" kommt aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich Prüfung) heutzutage so oft in der Schule, dass es zum Klischee geworden ist, bei dem die erste und letzte Bankreihe im Gleichtakt die Augen rollen. Und das war nur der Grundlagenteil! Der Rest des Buchs geht dann drölfzig Beispielen unsystematisch durch. Was fehlt ist eine Antwort (erst recht eine zitierbare), wofür Wehling sich denn jetzt aussprechen will: Sollen wir jetzt das Wort "Polizei" aus dem Wortschatz streichen und je nach Einstellung durch "unsere Freunde und Helfer" oder "die Bullen" ersetzen? Bestimmt nicht, aber warum eigentlich? Dürfen wir nicht mehr "Terroranschlag" sagen, weil verschwiegen wird, dass Menschen sterben? Kann es überhaupt ein einzelnes Wort als Ersatz für "Klimawandel" geben, das leistet, was laut Wehling geleistet werden muss, nämlich a) Bedrohlichkeit, b) Dringlichkeit, c) Identität der Täter und d) Identität der Opfer klar zum Ausdruck bringt und e) uns zum Handeln motiviert, nicht in Verzweiflung stürzt? Summa summarum: Wichtiges und relevantes Thema völlig verhunzt! Ich glaube, Menschen mögen das Buch nur, weil sie Wehlings Thesen sofort vergessen, aber sich schön über die Beispiele diskutieren lässt.