Die dreizehnjährige Blue Vanity, erzählt ihrem Psychiater in einem Brief die tragische Geschichte ihres bisherigen Lebens. Blue ist noch ein kleines Mädchen, als ihr Vater Olli bei einem Banküberfall stirbt. Mit der Beute, wollte er seine Schulden bei einem Gangsterboss namens James begleichen, doch während des Raubzuges wird Olli erschossen. Für Blue bricht eine Welt zusammen. Der schwere Verlust macht das junge Mädchen sprachlos und sie beschließt fortan zu Schweigen.
Das Buch „Der Zauberer von Oz“, ist das letzte Geschenk ihres Vaters und alles, was ihr von Olli geblieben ist. Die fantastische Welt des Buches, wird zu Blues einziger Fluchtmöglichkeit vor der Trauer und sie macht keinen Schritt mehr ohne dem Märchenbuch. Sie trägt es wie ein Schutzschild vor sich her, zieht sich immer mehr zurück und hofft, eines Tages in der Märchenwelt aufzuwachen und hinter den Regenbogen zu gelangen.
Ihr Leben wird unterdessen immer unerträglicher, denn ihre Mutter Daisy, gerät vor lauter Verzweiflung und Hilflosigkeit ebenfalls aus der Bahn, wird drogenabhängig und ist nicht mehr in der Lage ihre Mutterrolle auszuüben. Daisy ist mit dem traumatisierten und schweigsamen Mädchen vollkommen überfordert und erkennt den stummen Hilfeschrei ihrer Tochter nicht. Blue muss vor Daisy nicht nur ihr Buch verteidigen, sondern auch die Ehre ihres Vaters. Für sie ist James der wahre Schuldige an Ollis Tod und so beschließt sie James umzubringen, um Ollis Ableben zu rächen und ihr eigenes Leben zu retten. Er soll dafür bezahlen, was er ihrer Familie angetan hat und so macht sie sich auf die Suche nach ihm.
Doch dann lernt Blue den etwas älteren Charlie kennen, einen Verkäufer in einem Lebensmittelladen, der sich in dem kleinen Geschäft regelmäßig die Verfilmung des Buches „Der Zauberer von OZ“ anschaut. Er teilt mit Blue die gleiche Leidenschaft zur Märchengeschichte und es dauert nicht lange, bis sich Blue in Charlie verliebt. Zum ersten Mal seit Jahren bricht sie ihr Schweigen, ist hin und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Charlie und dem Hass, den sie für James empfindet. Doch schlussendlich muss Blue einmal mehr erkennen, dass sie keiner Menschenseele vertrauen kann und das Unglück rückt immer näher. Das tragische Schicksal nimmt seinen Lauf und es kommt am Ende ganz anders als erwartet.
Solomonica de Winter erzählt die Geschichte aus der Perspektive der dreizehnjährigen Blue, die sich in einer psychiatrischen Einrichtung befindet und ihrem Arzt rückblickend ihre Kindheitserinnerungen offenbart. Das Mädchen berichtet von ihren traurigen Gedanken und Gefühlen, dem unbändigen Hass und den finsteren Mordgedanken, die sie jahrelang begleiteten.
Wir bekommen erschreckende Einblicke in eine junge, traumatisierte Seele und können miterleben, wie durch Verzweiflung und Einsamkeit, die böse Seite in einem Menschen geweckt werden kann, bis hin zu einer bedrohlichen, psychischen Krankheit. Blue hat den Tod ihres Vaters nie verarbeitet. Ganz im Gegenteil. Von der Mutter alleingelassen, flieht sie in eine Märchenwelt und sucht, ähnlich wie die Protagonistin in ihrem Lieblingsbuch „Der Zauberer von Oz“, verzweifelt einen Weg nach Hause.
Die Atmosphäre des Buches ist düster und melancholisch, viele Abschnitte sind verstörend und traurig, aber dennoch mochte ich die junge Blue. Trotz ihres komplizierten Charakters und ihrer paranoiden Seite, war sie mir sympathisch. Ich hatte Mitgefühl mit Blue und musste mir immer wieder vor Augen halten, dass hier ein kleines, einsames Mädchen erzählt.
Das Ende des Buches hat mich dann regelrecht umgehauen. Einerseits erfahren wir, ob Blue ihre Mordgedanken in die Realität umsetzt und es kommt zu einer völlig unerwarteten Wendung. Zum anderen, überrascht die Autorin mit einem zweiten Teil, der viel kürzer gehalten ist. Durch diesen zweiten Abschnitt im Buch, bekommt die gesamte Handlung eine komplett neue Bedeutung. Was für ein raffiniertes Ende, ich konnte nur staunen! Ein großartiges Meisterwerk!