Seit ihrem ersten Erscheinen 1952 sind Wolfgang Hildesheimers Lieblose Legenden fast schon legendär geworden - und wahr geblieben.
"Diese Erzählungen haben bei aller Ironie, aller bezaubernden parodistischen Spiegelfechterei, allem Sinn fürs offenbar Groteske, fürs Satirische jenen unbedingten geistigen Charme, jene Grazie, jene musische Heiterkeit, die sie bis in die Nuancen hinein zu legitimen Dichtungen machen." - Karl Krolow
Eine Sammlung von grotesken Erzählungen. Manche sind eher satirisch, manche neigen zum Fantastischen. Sie wirken heiter und liebenswert. Man kann sie sehr gut lesen, sind sehr vergnüglich. Die Sinnlosigkeit und Absurdität ist für mich als Leser befreiend gewesen, die Sinnhaftigkeit der Realität und der konventionellen Literatur werden lachend zurückgewiesen. Zum Beispiel wenn sich ein Erzähler vornimmt, einfach Eulen nach Athen zu tragen. Oder wenn ein einem anderen in der Kneipe ein Kran angeboten wird. Meine Lieblingsgeschichte ist "Warum ich mich in eine Nachtigall verwandelt habe".
Mal wieder eine Review in Deutsch da dieses Buch scheinbar nur in Deutsch und der Weltsprache Estnisch erschienen ist.
Hildesheimers Lieblose Legenden ist eine Sammlung von absurden Kurzgeschichten, die sich zumeist einen Aufhänger suchen, daran in mehr oder weniger origineller Weise mit Wortwitz abarbeiten, aber sich dann leider für meinen Geschmack tatsächlich daran aufhängen. Von den 18 Legenden haben mir ganze zwei gefallen. Zunächst zum Positiven.
'Das Gastspiel des Versicherungsagenten' dreht das Klischee vom gescheiterten Künstler, der sich einen ordinären Brot-und-Butter-Job suchen muss, auf den Kopf. Ein gefeierter Pianist möchte nichts lieber sein als ein Versicherungsagent. Eine schöne lange Nase an alle Möchtergernkünstler, die auch heute noch aktuell ist.
'Warum ich mich in eine Nachtigall verwandelt habe' erzählt von einem Zauberkünstler, der Menschen in Tiere verwandeln kann und das auch tut. Der lakonische Witz der Geschichte auf Kosten banaler Alltagsmenschen hat mich zum einzigen Mal in dieser Sammlung laut lachen lassen.
Alle anderen Legenden kämpfen mit dem beschränkten Blickwinkel des Autors, der sich meist nicht aus seiner Kunstblase lösen kann und einer Verhaftung in der Zeit ihres Entstehens. Viele der Geschichten sind pointierte Betrachtungen des Geistes- und Kulturlebens der 50er Jahre und damit für mich von vornherein uninteressant. Andere Geschichten mögen für ihre Zeit originelle Stilblüten gewesen sein. Aber mir erschließt sich nicht die Faszination von Geschichten, die Sprichwörter wie 'Eulen nach Athen tragen' oder 'Viele Köche verderben den Brei' auswalzen oder als absoluter Tiefpunkt der Kollektion ein scheußliches Gedicht von Hans-Magnus Enzensberger weiter ausgestalten.