(Gmünder-Taschenbuch, vergriffen. Der Buchladen Erlkoenig in Stuttgart hat noch ein einziges, schon mal gelesenes Exemplar für 7 € am Lager. Die Coveraufmachung ist übrigens so bunt-misslungen-sexy wie sie fast immer war im alten Gmünder-Haus. Sich davon nicht abhalten lassen! Natürlich wird man das Buch auch noch bei diversen anderen Internet-Antiquariaten, sogar zu günstigeren Preisen, auftreiben können, wenn das eine Exemplar in Stuttgart schon weg sein sollte.)
Bürgerliches Montréal in den 1980-er Jahren. Genre: Beziehungsroman, eine Beziehung mit einem gewissen Altersunterschied fängt an und bringt allerhand queeres Familienleben erst zum Vorschein und dann ins Schlingern.
Ein durch und durch nettes, angenehm zu lesendes Buch. Der mittlerweile achtzigjährige Michel Tremblay (Jahrgang 1942) hat zig mehr oder minder erfolgreiche Romane und Theaterstücke sowie eine Fernsehserie geschrieben, ist aber selbst in seinem heimatlichen Québec mittlerweile eher eine Figur von gestern. Seine Glanzzeiten waren zwischen Mitte der sechziger und Ende der achtziger Jahre, als er Aufsehen erregte mit Werken, die sich gegen den kanadischen Zentralismus und für die Unabhängigkeit der frankokanadischen Kultur einsetzten, ihren Fokus beim Alltagsleben der kleinen Leute hatten. Dabei war Tremblay offen schwul und verband seine Themen mit realistischer Darstellung schwulen Lebens. Ein erotischer Autor ist er gewiss nicht, sondern ein unterhaltsamer Geschichtenerzähler und Gesellschaftszeuge in der Tradition eines Balzac, Zola oder Georges Simenon. In Kanada ein Gigant, weltweit als einer der bedeutendsten Gay-Autoren gehandelt, konnte Michel Tremblay in den deutschen Markt nie eingebürgert werden. Dieses hier ist das einzige ins Deutsche übersetzte Buch von ihm gewesen. Es erschien in einem schwulen Spartenverlag, der für eher billige, spekulative Romane bekannt war, und hatte, trotz mehrerer Auflagen, immer Titelbilder, die allenfalls ein paar Schwule ansprechen konnten. (Ich wähle von den zwei von Goodreads vorgehaltenen Ausgaben absichtlich die ohne Titelabbildung, weil das Foto auf dem anderen Buch einen völlig falschen Eindruck vermittelt. Der auf dem hier allerdings ebenso, aber man sieht das momentan nicht.)
Der Roman besteht aus einer Abfolge ständig zwischen zwei Erzählperspektiven wechselnder Kapitel. Jean-Marc, ein nicht mehr junger Französischlehrer, schreibt seine Kapitel in der Ich-Perspektive. Es sind stets die längeren. Die Kapitel, die Mathieus Erlebnisse außerhalb von Jean-Marcs Kreis beitragen, sind in der Er-Perspektive geschrieben und kürzer. Ungeachtet des deutschen Buchtitels ist dies kein Roman zum Thema „schwule Väter“, wenn der junge Mathieu auch ein solcher ist. Es geht vielmehr, von eher beiläufigen Anfängen her, um die Schritt für Schritt immer stärkere Liebe zwischen einem am Rande der Vereinsamung und Resignation stehenden älteren Schwulen mit bürgerlichen Lebensumständen und einem viel jüngeren, bisexuellen Schauspieler mit unsicherer Berufsperspektive. Für ein kurzes Abenteuer wirkt das spritzig, aber die beiden merken, dass sie viel mehr wollen. Jean-Marc hat den Fehler gemacht, sich für fünf Jahre jünger auszugeben, wird aber demnächst vierzig. Und Mathieu ist sowieso zu schön für ihn, dazu auch noch 24, geschieden und dann, wie nun wiederum er verschwiegen hat, kommt raus, dass er einen kleinen Sohn hat.
Mit durchaus alltäglichen Situationen wie Shopping, Babysitting und gemeinsamen Besuchen auf Partys und in der Gay-Szene wird ihr Bund auf die Probe gestellt – und bewährt sich erfreulich gut. Dann taucht auch noch einer von Jean-Marcs Ex' auf, auch er junger Schauspieler, aber wesentlich sexbesessener als Mathieu. Und doch hatten es die beiden auch schon mal miteinander. Der Gymnasiallehrer Jean-Marc hat sich mit drei Lesbenpaaren ein schönes altes Haus gekauft und die älteren Frauen haben sich daran gewohnt, dass er, der jetzt längere Zeit allein und keusch gelebt hat, als Familienmitglied jederzeit zur Verfügung steht. Schon werden da die Krallen gewetzt.
Mathieu, der nebenbei schon noch im Hosenladen jobben muss, bringt nun öfter den vierjährigen Sébastien ins etwas leblose Haus. Ein extrem süßer, sehr aufgeweckter Fratz, der ganz am Schluss für seinen Geburtstag ein eigenes Kapitel bekommen wird, für das er einmalig die Erzählerrolle übernimmt. Sébastien und Jean-Marc verstehen sich prächtig. Der Kleine stört sich auch nicht daran, dass Papa und sein bärtiger Freund in einem Bett schlafen, aber als Jean-Marc für einige Zeit seine Stimme verliert und mit der ewigen Unterhaltung des Kindes mit einer Handpuppe aufhören muss, wird es stressig.
Man hat den Eindruck, dass Tremblay nicht von vornherein wusste, wie sein Plot laufen würde, sondern von Kapitel zu Kapitel die Ausgangskonstellation mal so , mal so entwickelt. Ein wenig so, als würde er ausprobieren: Wer schafft diese Liebe? Wird es der junge Rivale sein, der eifersüchtig aufs Glück zu Hause geworden ist? Der kleine Sohn, der nicht ewig die erste Geige spielen kann? Die Freundinnen, die ihre Ruhe zurückhaben wollen? Die Schüler, die ihren Lehrer als vertrottelt erleben? Am Ende entscheidet sich Tremblay für die Familie der geschiedenen Frau als Sprengsatz. Und zwar eher für deren Eltern und Brüder aus der Provinz als für die junge Frau. Man legt es darauf an, dem schwulen Lehrer Pädophilie zu unterstellen.
Dennoch: Ein Happy End ist garantiert.