Dass die wechselvolle Geschichte der Ukraine nicht ohne ihr heikles Verhältnis zu Russland zu verstehen ist, hat die russische Invasion im Februar 2022 der Weltgemeinschaft drastisch vor Augen geführt. Kerstin S. Jobst geht in ihrem auf den neuesten Stand gebrachten Buch den Ursprüngen der ukrainischen Nation bis in die mittelalterliche Kiewer Rus auf den Grund und zeichnet die jüngsten Entwicklungen in der Geschichte dieses umkämpften Landes nach.
Das Buch ist insgesamt interessant, weil die Geschichte der Ukraine interessant ist.
1. In diesem Buch werden die sich über die Jahrhunderten ansammelnden vielzähligen grausamen Verbrechen der Russen relativ kurz beschrieben und oft relativiert. Am Ende des Kapitels über den Holodomor und Cornobyl steht im Bezug auf den Holodomor: "Dennoch, wie in so vielen anderen europäischen Gedächtniskulturen auch ist eine starke Tendenz zur Viktimisierung des ukrainischen Volks zu beobachten". Eindeutig war/ist die Ukrainische Bevölkerung das Opfer dieser künstlich erzeugten Hungersnot. Die Zahl der Todesfälle, die laut international renommierten Historikern wie Tymothy Snyder auf 5 Millionen oder mehr geschätzt wird (Bloodlands), wird die Totenzahl nur sehr kurz diskutiert und niemals als auf höher als 3 Millionen beziffert. Tatsächlich wird meistens von einer Millionen Toten gesprochen. Zwar wird von einer Traumatisierung des Volkes gesprochen, aber abseits der Außerdem werden langfristigen Konsequenzen. Die aus der Hungersnot resultierenden individuelle Traumata in der Bevölkerung und Konsequenzen Traumavererbung wird gar nicht erwähnt.
2. Richtigerweise wird die Nationenbildung der Ukraine analysiert. Leider ist das Buch auch von Verniedlichung über die Jahrhunderte russischer Verbrechen und verhältnismäßiger Übererklärung "prorussischer Kräfte" zu verschiedenen Zeiten der Ukraine geplagt. Diese häufig erklärten russischen Kräfte sind nicht so bedeutend gewesen aber im Vergleich zu den Traumata und überproportional häufig.
Man könnte noch mehr kritisieren, zum Beispiel zur Ukraine seit 2014 und 2022. Ich weiß nicht viel über die Ukrainische Geschichte vor dem 1. Weltkrieg, deswegen kann ich dort zum Inhalt nichts sagen. Jedoch war die Beschreibung der verschiedenen Perspektiven verschiedener Länder sehr interessant.
Bereits vor einigen Monaten hatte ich "Red Famine - Stalin's War on Ukraine" von Anne Applebaum gelesen, in dessen Zentrum das Zustandekommen des sog. "Holodomor" steht. Schon in diesem (empfehlenswerten) Buch wurde viel über die ukrainische Geschichte geschrieben. Um daran anzuknüpfen und in der Annahme, dass uns der Ukraine-Konflikt in den kommenden Monaten und Jahren weiter beschäftigt, habe ich mir die Einführung von Kerstin S. Jobst gekauft. Sie zeichnet das Bild der ukrainischen Suche nach einer kollektiven Identität, die sich, so Jobst, 1. durch das russisch-ukrainische Verhältnis, 2. durch das Verhältnis zu Polen und 3. zum Bezugspunkt Europa entwickelte. Jobst geschichtliche Rückverfolgung beginnt bei der ersten ostslavischen Staatlichkeit der "Rus" und endet beim Fall der Sowjetunion und der ukrainischen Unabhängigkeit. Dabei zeigt sich, dass die slavische Bedeutung des Wortes "Ukraina", zu deutsch Grenzland, in mehrfacher Hinsicht eine treffende Beschreibung ist - es trotz einer ausdifferenzierten Gesellschaft aber dennoch Anknüpfungspunkte einer gemeinsame Identität gibt. Ein lohnenswerter Kauf!
Die Autorin gibt einen Gesamtüberblick über eine Region mit komplexer Geschichte - auf noch nicht einmal 300 Reclam-Seiten. Der Rundflug durch die Geschichte, die wechselseitigen Abhängigkeiten der Region - mitten im heißen Krieg lohnt sich das Dazulernen.
Concise introduction to Ukraine's history. The second edition has been updated and published in 2015, so shortly after the Crimean occupation. It would certainly benefit from another update and a more in-depth assessment of the events of 2014, leading all the way to the present.
Das Buch bietet fundierte Hintergründe zu aktuellen Fragen, hat aber zwei Probleme. Erstens ist die Auflage aus 2010 nur mit wenig Liebe auf den neuesten Stand gebracht worden. Zweitens verliert man sich als Laie schnell in den vielen Details, den hunderten historischen Figuren und Plätzen. Hier hätte ein strengeres Lektorat notgetan.