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Liefern
»Prallvoll mit Überlebenslust, Herzwärme und Witz. Ein Meisterwerk.«Pieke Biermann
Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin, überall schwirren sie durch die Stä Essenslieferanten. Tomer Gardi verbindet ihre Geschichten zu einem weltumspannenden Gegenwarts-Epos und gibt denen eine Stimme, die in unserer Welt selbst keine haben. »Liefern« erzählt von Rassismus und Ausbeutung, von Liebe, Familie und der großen Sehnsucht nach Verbundenheit.
Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, arbeitet als Lieferant. Er will genug Geld sammeln, um seiner Frau und Tochter nach Berlin zu folgen. Sein Job ist immer in Gefahr, er hat keine Arbeitserlaubnis und fährt unter falschem Namen. Seine Frau und Tochter lernen Deutsch bei Nina im Bildungszentrum, die zu einem Übersetzertreffen nach Delhi reist, wo sie sich in den Argentinier Ramon verliebt. Der Erzähler fährt nach Istanbul, um nach einer Gaunerei bei einem Literaturpreis das Preisgeld zu verprassen. Und in Buenos Aires muss Ramons Mutter mit der Abwesenheit ihres Sohnes fertig werden. »Liefern« ist eine literarische Weltreise in sechs Episoden und eine Feier der Erzählkunst, wie sie nur Tomer Gardi veranstalten tiefgründig und humorvoll, mit politischer Sensibilität und literarischer Verve. So gegenwärtig, so international, so politisch und leichtfüßig zugleich war lange kein deutscher Roman.
Sie sind überall, wir sehen sie jeden Tag. Egal ob in Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul oder Berlin, überall schwirren sie durch die Stä Essenslieferanten. Tomer Gardi verbindet ihre Geschichten zu einem weltumspannenden Gegenwarts-Epos und gibt denen eine Stimme, die in unserer Welt selbst keine haben. »Liefern« erzählt von Rassismus und Ausbeutung, von Liebe, Familie und der großen Sehnsucht nach Verbundenheit.
Filmon, der aus Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist, arbeitet als Lieferant. Er will genug Geld sammeln, um seiner Frau und Tochter nach Berlin zu folgen. Sein Job ist immer in Gefahr, er hat keine Arbeitserlaubnis und fährt unter falschem Namen. Seine Frau und Tochter lernen Deutsch bei Nina im Bildungszentrum, die zu einem Übersetzertreffen nach Delhi reist, wo sie sich in den Argentinier Ramon verliebt. Der Erzähler fährt nach Istanbul, um nach einer Gaunerei bei einem Literaturpreis das Preisgeld zu verprassen. Und in Buenos Aires muss Ramons Mutter mit der Abwesenheit ihres Sohnes fertig werden. »Liefern« ist eine literarische Weltreise in sechs Episoden und eine Feier der Erzählkunst, wie sie nur Tomer Gardi veranstalten tiefgründig und humorvoll, mit politischer Sensibilität und literarischer Verve. So gegenwärtig, so international, so politisch und leichtfüßig zugleich war lange kein deutscher Roman.
- GenresGerman LiteratureFiction
320 pages, Hardcover
First published February 14, 2026
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Community Reviews
Displaying 1 - 30 of 56 reviews
April 25, 2026
Gegen den Alltag ankämpfende, weltweit vernetzte Essenslieferanten, die den Mut nicht verlieren.
Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 5/5 Sterne (kämpfend-desillusioniert)
Form: 4/5 Sterne (flüssig-rhythmisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (inkohärent-passend)
Komposition: 5+1/5 Sterne (globale Vernetzung)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (peppig-horizonterweiternd)
--> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne
Für Eine runde Sache hat Tomer Gardi 2022 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Mit Liefern zeigt er sich sprachlich-expressiv gesehen zahmer, aber dennoch episodenhaft-kompositorisch auf der Höhe einer von Smartphones und Lieferdiensten geprägten Welt in Tel Aviv, Neu-Delhi, in Istanbul, Berlin, Buenos Aires und Naivasha. Gardi erzählt von Lebensgeschichten, die teilweise miteinander verstrickt und verknüpft werden, aber vor allem gibt er seinen diversen Figuren, mit nur wenigen Ausnahmen, einen lebendigen und vielschichtigen Hintergrund.
Und während ich in seiner orangen Şipşak-Jacke hinter ihm auf dem Motorrad saß und mich an seinen Schultern festhielt, dachte ich weiter nach, versuchte zu verstehen, warum er mir das alles erzählte. Was war meine Rolle in dem Ganzen? Auf Resuls Motorrad nachzudenken, war nicht leicht, bei diesen dauernden Hüpfern, dem Abbremsen, dem Slalom zwischen den Autos und dem Überholen auf dem rechten Streifen. Er fuhr, als habe er sich längst daran gewöhnt, im Wettkampf mit der Zeit zu siegen, und diese Art des Fahrens war zu seiner zweiten Natur geworden, auch wenn er es gar nicht eilig hatte, so wie jetzt.
Nur eine Episode, die über Auerbachs Wohnort, während er Mimesis schrieb, Istanbul, ist in der Ich-Perspektive geschrieben, der Rest verbleibt in einer empathischen personalen Erzählweise. Die Lieferanten denken, fühlen, suchen einen Weg aus ihrer prekären Situation und sind mit Problemen beschäftigt, die teilweise selbsterzeugt, teilweise von der Ignoranz anderer, oder aus Rachegelüsten entstammen. Die Figuren erweisen sich aber nie als Opfer. Tapfer radeln sie gegen Wind und Wetter an und lassen sich nicht unterkriegen:
Jeden Tag, jede Nacht lacht das Schicksal, und in dieser Nacht lachte es knirschend. Knarzend lachte es mit dem eisigen Schnee unter Pavans Schuhen, während der sein E-Bike durch die Winternacht schob. Wer reitet so spät? Knisternd, knirschend, knarzend. Hundert Wörter für Schnee unter Stiefeln. Es ist Pavan. Der Maschinenbaustudent aus Haryana mit seinem kaputten E-Bike. Und das Schicksal lacht.
Was Gardi an sprachlichen Witz in Liefern vermissen lässt, macht er durch die Komposition wett, die in Eine runde Sache durch die klare Spaltung zweier unabhängiger Teile völlig unnachvollziehbar gewesen ist. Hier aber verbleiben die Figuren durchweg in einem losen Kontakt und erzeugen eine mitreißende Wechselwirkung über Kontinente hinweg und gestalten diese lockere Kopplung von individuellen Lebensläufen eindrücklich.
Gardi spricht vieles, auch Unangenehmes, an, lässt viele Probleme und Zeitdebatten zu Wort kommen, aber nimmt sie nur als Spreu, das vom Weizen ablenkt. Der Diskurs unterwandert sich hier selbst und liest sich durch die Lebensgeschichten der Lieferanten und Lieferantinnen gegen den Strich. Auf diese Weise erschafft er Mischwesen zwischen Don Quijote, Sancho Pansa und Robin Hood als Ritter einer Tafelrunde wider Willen, sodass Tomer Gardi hier an die besten Szenen und Episoden eines Umberto Eco heranreicht, sowohl in Die Insel des vorigen Tages wie auch aus Baudolino.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Filmon, Ex-Soldat aus Eritrea; Pavan, Maschinenbaustudent aus Indien; Sachin, Lieferantin in Neu-Delhi, geschieden; Marta, Mutter, und Ciervo, Essenslieferant in Buenos Aires; Akiny, Rosenpflückerin in Kenia; Ich-Erzähler, Dichter, aus Israel, lebt in Berlin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Indie-Go – Tel Aviv: In Tel Aviv, ein Ehepaar mit Kind aus Eritrea, Israel und Daniat in Berlin, in Jerusalem Filmon, verliert seinen Job bei Romy, deren Restaurant Pleite geht, heuert bei Indie-Go an, als Essenslieferant, hat seine Familie seit zehn Jahre nicht gesehen, nur Smartphone-Kontakt, schickt Geld nach Berlin. Erzählinstanz sagt aber, dass er es nach Berlin schaffen wird. Er fährt um den Tower der Deutschen Botschaft herum, bis er eines Tages eine Tour dort hinein bekommt, und den ersten Kontakt erhält. Auch die Geschichte vom Eritreischen Botschafter gut, mit dem er ein Selfie posten muss, um einen Reisepass zu erhalten, und dem er in eine erbärmliche Wohnung Fastfood liefert. Daniat hat einen Deutschkurs bei Nina Kegel [die im zweiten Kapitel nach Indien fährt]. [Twist hier: Tochter heißt Israel, lebt in Berlin, ist schwarz und wird gehänselt, will lieber Izzy heißen, erfährt also Rassismus. Verquickung von politischen Debatten.]
2. A New Passage to India – Neu-Delhi: Nina Kegel fährt mit ihrer Freundin Leonie nach Indien, nach Neu-Delhi, hat Angst vor dem scharfen Essen. In Neu-Delhi lernt sie Ramon aus Argentinien kennen. Dann gibt es die Geschichte von Sachin, die einer Ehe zu Kayin zustimmt, arrangiert, der aber mehr nach seinem Motorrad, der Mitgift, schielt, Hero Roadstar 500. Sie bekommen einen Sohn, Vivaan. Als der Vater verschwindet, beginnt sie eine Arbeit als Essenskurier. Manchmal hilft der Sohn ihr, indem er mit seinem Skateboard den letzten Rest der Essensauslieferung absolviert, falls Unzugänglichkeit. Die dritte Figurenkonstellation ist eine Journalistin, Megha, die mit ihren Kindern Diwali feiert, während ihr Ehemann Anju sich auf Dienstreisen befindet [taucht im Kapitel Mimesis auf], ein Lichterfest mit Knallern und sich Burger bestellt und hungrig auf den Burger wartet. Wegen der Knaller hat sich Ramon erschreckt und eine verletzliche Seite gezeigt, leider so, dass er vor Sachin vors Motorrad gesprungen ist, die gerade Megha das Essen ausliefert. Es kommt zum Unfall, und Meghas Familie ist enttäuscht, dass sich der blaue Punkt der Fahrerin nicht weiter fortbewegt.
3. Mimesis – Istanbul: Ich-Erzähler, aus Israel, der in einer Literatur-Jury trifft, gesteht seinem Kumpel Ronen, der Gedichte schreibt, dass er über den Preis mitentscheiden darf, für den sich Ronen beworben hat. Sie baldowern das perfekte Verbrechen aus: Er schustert Ronen den Preis zu und sie fahren für das Geld nach Istanbul und lassen sich Haare transplantieren. Es klappt. Sie fliegen nach Istanbul, lassen sich zur Klinik fahren, spazieren durch die Stadt. Sie sehen, wie ein Schuhputzer seine Bürste (scheinbar aus Versehen) fallenlässt, mit Absicht, um sich einen Kunden zu angeln. Sie lernen im Hotel Anju kennen [Meghas Ehemann, der sie mit einer Haartransplantation überraschen will]. Ronen überkommen Zweifel. Am Tag der Operation bleiben sie in einem Stau stecken. Sie entscheiden sich einen Tag zu warten. Der Ich-Erzähler lernt auf dem Spaziergang Resul kennen, der am Ufer angelt und den Ich-Erzähler beim Angelhakenauswurf verletzt. Er bleibt bei Resul, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt, insbesondere wie er Essenslieferant geworden ist. Er hat türkische Literatur studiert, auf Lehramt, wurde dann aber nicht als Lehrer zugelassen. Im letzten Jahr des Studiums hat er Aischa kennengelernt, die ebenfalls studiert, Wissenschaftsvermittlung. Sie hatten Sex, und der Kondom riss, finden aber keine Möglichkeit, die Pille für danach zu bekommen. Ein paar Wochen später will Aischa von ihm Geld für eine Abtreibung, aber sie streiten sich und er beleidigt sie. Er fällt durch die Prüfung. Er beschließt nach Istanbul zu ziehen, als Essenslieferant sich durchzuschlagen, eine weitere Prüfung zu versuchen. Mesut und Umut haben ihn beim Lieferdienst geholfen, bei Şipşak. Auf einer Tour wird er von der Polizei angehalten, es ist Aicha, die sich an ihn rächt und ihn provoziert, bis er sie beleidigt und sie ihn festnehmen kann, für eine Nacht, aber nun, vorbestraft, kann er nicht mehr Lehrer werden. Resul lernt seine Frau Hazal kennen, die Touren für literarisch-interessierte Touristen leitet (zeigt das Haus, wo Auerbach Mimesis geschrieben hat). Wegen Aischa muss er seinen Job beim Depot wechseln. Resul organisiert einen Streik und hilft, eine Liste von Forderungen durchzusetzen. Er fungiert seitdem als Agent der Geschäftsleitung. Er muss nicht mehr ausliefern, sondern hilft den Fahrern und sorgt dafür, dass diese zufrieden bleiben. Zudem gibt Resul vor, daran zu arbeiten, Şipşak zu stürzen. Der Ich-Erzähler und Ronen sehen später den operierten Anju, unterziehen sich ebenfalls der Prozedur und fliegen zurück nach Berlin, wo der Ich-Erzähler in einer Bar trinkt und sich eine Rose aus Kenia kauft, aus der Naivasha Bloom Farm.
4. Der Tausch – Berlin: Pavan, Maschinenbaustudent, arbeitet bei RatzFatz, hat eine Panne und ein Sechser-Pack-Wasser zu viel. Lässt es vor der Tür stehen, schiebt sein Rad. Es ist glatt. Freundin lebt in London. Filmon, nun in Berlin, hilft ihm, schleppt ihn ab. Nina, auch wieder in Berlin, drückt Anrufe von Ramons Handy weg, erinnert sich daran, wie sie von der indischen Polizei erpresst wurde. Filmon und Pavan gehen zum Deutschkurs, zu unterschiedlichen Lehrerinnen. Filmon hatte ein Sechser-Pack-Waser zu wenig, zahlte es aus eigener Tasche. Daniat und Izzy holen ihn ab, sehen Nina. Filmon will Geld verdienen, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Pavan und Filmon tauschten ihre App-Lieferanten-Dienstleister, aber Pavan vermasselt es, hat einen Unfall, und schuldet nun Filmon die Kaution über 800 Euro. Pavan mitverantwortlich für die Kündigung, da er sich mit einem Dönerverkäufer geschlagen hat, der ihn warten ließ, der Dönerverkäufer ist Resul. Pavan hat einen Anfall, seitdem sitzt sein Lächeln schief, Schlägerei.
5. Das blaue Handy - Argentinien - Buenos Aires: Romans Mutter, Marta, verarbeitet den Tod ihres Sohns in Indien, durchstöbert sein Handy, sieht Nina, sieht das Sexvideo, ruft dort mehrmals an, leistet Trauerarbeit. Nina geht nicht ans Telefon. Lieferant Ciervo, der sein Geld mit Online-Spielen verdient, zockt, aber sein Handy geht langsam kaputt, findet das Handy von Ramon, das Marta verloren hat. Er ist überglücklich. Feiert im Fußballstadion mit seinen Freunden, während Marta ihn mit Google-Search auffindet, ihm auflauert, ihn aber nicht zu fassen bekommt trotz Verfolgungsjagd in der Stadt. Ciervo sucht sich einen One-Night-Stand, hat Sex und verlässt frühmorgens das Haus. Nina lauert auf, verursacht einen Motorradunfall, aber Ciervo rappelt sich und pest davon. Dann schaltet er das Telefon aus.
6. Rosen – Kenia, Rosenplantagen-Arbeiterin: Akiny sucht Arbeit in Kenia, will Schneiderin werden, Frisören, dafür braucht sie Startkapitel, heuert bei Naivasha Bloom an, und bekommt den Job, aber nach der Ernte für den Valentine’s Day wird sie nicht übernommen, und beschließt sich zu protestieren im Camp der Westler.
●Kurzfassung: Filmon, Ex-Soldat, jobt in Tel Aviv, um nach Berlin zu kommen, wo seine Frau Daniat, Schneiderin, bei Nina Kegel, Studentin, Deutschunterricht hat. Nina Kegel reist im Austauschprogramm nach Neu-Delhi, lernt dort einen Argentinier, Ramon, Student, kennen, der dort bei einem Unfall mit einer Essens-Lieferantin stirbt, die für Megha, eine Journalistin, Essen liefert, zum Diwali-Fest, während ihr Mann Anju auf Geschäftsreisen ist. Zwei Literaten fahren nach Istanbul, treffen dort besagten Anju und unterziehen sich einer Haartransplantationsprozedur. Sie lernen dort Resul kennen, der eine Türkin, Aischa, geschwängert und damit sein und ihren Lebenstraum zerstört hat. In Berlin trifft Filmon Pavan, Maschinenbaustudent, der Fleisch nicht riechen kann und sich deshalb und aus Ungeduld mit Resul, der in einer Dönerbude arbeitet, schlägt und so Filmons Job zerstört und an einer halbseitigen Gesichtslähmung leidet. Er lernt Deutsch bei Nina, die Anrufe von Ramons Handynummer erhält und diese wegdrückt. In Buenos Aires durchsucht Ramons Mutter sein Handy und ruft Nina an, verliert das Handy aber, das Ciervo findet, der sein Geld mit Online-Spielen und Essenslieferungen verdient. Eine Verfolgungsjagd durch die Stadt bleibt unerfolgreich. Ciervo verschwindet mit dem Handy. In Kenia versucht sich Akiny durchzuschlagen als Rosenpflückerin, als das misslingt, prostituiert sie sich an die Expats.
●Charaktere: (rund/flach) komplex vielschichtig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: vielleicht die ganze Situation von Megha, das passt nicht wirklich
●Besondere Ereignisse/Szenen: der ganze Abschnitt in Istanbul mit Resul, aus Ich-Perspektive erzählt, Sonnuntergänge am Bosporus. Resul als Antipath.
●Diskurs: Globalisierung, prekäre Jobs, Lieferantendienste
… die einzelne Episoden besitzen stets eine Pointe (die Tochter Israel, die wegen ihrer Hautfarbe verfolgt wird; die Enttäuschung, dass ein Essen zu spät geliefert wird, dabei ist jemand bei einem Unfall ums Leben gekommen; der Wechsel von Lieferant zum Gewerkschaftsführer mit Privilegien, der sich als Arbeitsrechtler tarnt; die Ungeduld, die sich in Aggression entlädt und alles zerstört; das Handy, das aufhört zu leben, wie sein Besitzer; die Rosen, die aus Kenia kommen, Träume, die platzen). Die Figuren, der Überlebenskampf wirkt echt und bedrückend, ohne dass sie wie Opfer wirken. Alle Figuren wirken stark und widerständig, selbstbewusst und zielstrebig. Hieraus entwickelt sich eine gute Dynamik und eine den Globus umspannende Alltagssituation: Buenos Aires – Berlin – Istanbul – Tel Aviv – Neu Delhi.
… Sachins Geschichte wird nicht zu Ende erzählt.
--> 5 Sterne
Form:
●Eindruck: locker, direkt, schnörkellos, rhythmisch, unauffällig, aber geschmeidig, peppig.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad durch schnelle literarische Episoden, Schnitte, Wortwitze und Sprachgestus, besitzt nichts Journalistisches.
●Wortschatz/Wortzahl: unauffällig.
●Auffälligkeiten: keine, außer hier und da Sprachwitz, Sprachverunglimpfungen auf liebevolle, spielerische Art
●Innovation: die deutsche Sprache wird manchmal gegen den Strich gebürstet, aber nicht so konsequent wie im ersten Teil von „Eine runde Sache“.
--> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Episodenhaftes Erzählen pendelt von personalen, auktorialen, zur Ich-Erzählung, kunterbunt. Kein wirklicher Fokus, eher Montage, eher Weitwinkel, Offenheit, eher inhaltlich als formal strukturiert.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch, es gibt keine einheitliche Erzählinstanz
●Erzählverhalten, -stil, -weise: witzig, schnell, unterhaltsam
●Einschätzung: als Abbild von vielen Lebenssituation adäquat, obgleich eben sehr kompiliert
--> 3 Sterne
Komposition:
●Eindruck: sehr gut verwoben, unauffällige Wiederaufnahmen des Codes Vermisst-Verloren-Gesucht-Wiedergefunden, das Verlorengehen im weltweiten Dschungel der billigen Arbeitskräfte, die Namenlosen, die ums Überleben kämpfen, finden sich in einem Netz, u.a. auch durch das Handy, das alle miteinander verknüpft.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, vielleicht ein wenig zu wenig.
●Operative Geschlossenheit: sehr geschlossen, klar auf die Arbeit, auf die Lebenssituation, auf das Bestehen und Wiederaufstehen gemünzt, keiner gibt auf. Sie machen weiter, trotz harter Bedingungen.
●Rahmenstabilisierende Details: Berlin als Fixpunkt taucht in den ersten 5 Episoden auf.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr schnell, nie in die Länge gezogen, guter Rhythmus, geradezu zackig, fast wie ein Song, wie kurze Reels, szenisch-plastisch.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nur Megha, ein wenig, zu ausufernd die Diskussion über die Reisernte, die Landwirtschaft in Indien, das Familienleben spielte keine Rolle.
●Reliefbildung: durch den Ortswechsel, die Brauchtümer, die verschiedenen Alltagssituation
●Einschätzung: sehr gelungen als Episodenroman
--> 5+1 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: interessante, horizonterweiterende Narratologie, sehr lebendig, sehr klar auf die Arbeitssituationen fokussiert, dadurch auch bebildernd, hebt die Essenslieferanten hervor, gibt ihnen eine Geschichte, dadurch eine andere Wahrnehmung möglich
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, setzt eigene Figuren, eigene Welten
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, gemischt-gute Charaktere
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, aber mitreißend
●stimmig?(Komposition: ja/nein) sehr stimmig, sehr gute Überlagerung
●ein zweites Mal lesen? Möglich, obgleich von der Thematik nicht komplex genug, also unwahrscheinlich
--> 5 Sterne
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Longlist deutscher Buchpreis 2026
Inhalt: 5/5 Sterne (kämpfend-desillusioniert)
Form: 4/5 Sterne (flüssig-rhythmisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (inkohärent-passend)
Komposition: 5+1/5 Sterne (globale Vernetzung)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (peppig-horizonterweiternd)
--> 23/5 = 4,6 = 5 Sterne
Für Eine runde Sache hat Tomer Gardi 2022 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Mit Liefern zeigt er sich sprachlich-expressiv gesehen zahmer, aber dennoch episodenhaft-kompositorisch auf der Höhe einer von Smartphones und Lieferdiensten geprägten Welt in Tel Aviv, Neu-Delhi, in Istanbul, Berlin, Buenos Aires und Naivasha. Gardi erzählt von Lebensgeschichten, die teilweise miteinander verstrickt und verknüpft werden, aber vor allem gibt er seinen diversen Figuren, mit nur wenigen Ausnahmen, einen lebendigen und vielschichtigen Hintergrund.
Und während ich in seiner orangen Şipşak-Jacke hinter ihm auf dem Motorrad saß und mich an seinen Schultern festhielt, dachte ich weiter nach, versuchte zu verstehen, warum er mir das alles erzählte. Was war meine Rolle in dem Ganzen? Auf Resuls Motorrad nachzudenken, war nicht leicht, bei diesen dauernden Hüpfern, dem Abbremsen, dem Slalom zwischen den Autos und dem Überholen auf dem rechten Streifen. Er fuhr, als habe er sich längst daran gewöhnt, im Wettkampf mit der Zeit zu siegen, und diese Art des Fahrens war zu seiner zweiten Natur geworden, auch wenn er es gar nicht eilig hatte, so wie jetzt.
Nur eine Episode, die über Auerbachs Wohnort, während er Mimesis schrieb, Istanbul, ist in der Ich-Perspektive geschrieben, der Rest verbleibt in einer empathischen personalen Erzählweise. Die Lieferanten denken, fühlen, suchen einen Weg aus ihrer prekären Situation und sind mit Problemen beschäftigt, die teilweise selbsterzeugt, teilweise von der Ignoranz anderer, oder aus Rachegelüsten entstammen. Die Figuren erweisen sich aber nie als Opfer. Tapfer radeln sie gegen Wind und Wetter an und lassen sich nicht unterkriegen:
Jeden Tag, jede Nacht lacht das Schicksal, und in dieser Nacht lachte es knirschend. Knarzend lachte es mit dem eisigen Schnee unter Pavans Schuhen, während der sein E-Bike durch die Winternacht schob. Wer reitet so spät? Knisternd, knirschend, knarzend. Hundert Wörter für Schnee unter Stiefeln. Es ist Pavan. Der Maschinenbaustudent aus Haryana mit seinem kaputten E-Bike. Und das Schicksal lacht.
Was Gardi an sprachlichen Witz in Liefern vermissen lässt, macht er durch die Komposition wett, die in Eine runde Sache durch die klare Spaltung zweier unabhängiger Teile völlig unnachvollziehbar gewesen ist. Hier aber verbleiben die Figuren durchweg in einem losen Kontakt und erzeugen eine mitreißende Wechselwirkung über Kontinente hinweg und gestalten diese lockere Kopplung von individuellen Lebensläufen eindrücklich.
Gardi spricht vieles, auch Unangenehmes, an, lässt viele Probleme und Zeitdebatten zu Wort kommen, aber nimmt sie nur als Spreu, das vom Weizen ablenkt. Der Diskurs unterwandert sich hier selbst und liest sich durch die Lebensgeschichten der Lieferanten und Lieferantinnen gegen den Strich. Auf diese Weise erschafft er Mischwesen zwischen Don Quijote, Sancho Pansa und Robin Hood als Ritter einer Tafelrunde wider Willen, sodass Tomer Gardi hier an die besten Szenen und Episoden eines Umberto Eco heranreicht, sowohl in Die Insel des vorigen Tages wie auch aus Baudolino.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Filmon, Ex-Soldat aus Eritrea; Pavan, Maschinenbaustudent aus Indien; Sachin, Lieferantin in Neu-Delhi, geschieden; Marta, Mutter, und Ciervo, Essenslieferant in Buenos Aires; Akiny, Rosenpflückerin in Kenia; Ich-Erzähler, Dichter, aus Israel, lebt in Berlin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Indie-Go – Tel Aviv: In Tel Aviv, ein Ehepaar mit Kind aus Eritrea, Israel und Daniat in Berlin, in Jerusalem Filmon, verliert seinen Job bei Romy, deren Restaurant Pleite geht, heuert bei Indie-Go an, als Essenslieferant, hat seine Familie seit zehn Jahre nicht gesehen, nur Smartphone-Kontakt, schickt Geld nach Berlin. Erzählinstanz sagt aber, dass er es nach Berlin schaffen wird. Er fährt um den Tower der Deutschen Botschaft herum, bis er eines Tages eine Tour dort hinein bekommt, und den ersten Kontakt erhält. Auch die Geschichte vom Eritreischen Botschafter gut, mit dem er ein Selfie posten muss, um einen Reisepass zu erhalten, und dem er in eine erbärmliche Wohnung Fastfood liefert. Daniat hat einen Deutschkurs bei Nina Kegel [die im zweiten Kapitel nach Indien fährt]. [Twist hier: Tochter heißt Israel, lebt in Berlin, ist schwarz und wird gehänselt, will lieber Izzy heißen, erfährt also Rassismus. Verquickung von politischen Debatten.]
2. A New Passage to India – Neu-Delhi: Nina Kegel fährt mit ihrer Freundin Leonie nach Indien, nach Neu-Delhi, hat Angst vor dem scharfen Essen. In Neu-Delhi lernt sie Ramon aus Argentinien kennen. Dann gibt es die Geschichte von Sachin, die einer Ehe zu Kayin zustimmt, arrangiert, der aber mehr nach seinem Motorrad, der Mitgift, schielt, Hero Roadstar 500. Sie bekommen einen Sohn, Vivaan. Als der Vater verschwindet, beginnt sie eine Arbeit als Essenskurier. Manchmal hilft der Sohn ihr, indem er mit seinem Skateboard den letzten Rest der Essensauslieferung absolviert, falls Unzugänglichkeit. Die dritte Figurenkonstellation ist eine Journalistin, Megha, die mit ihren Kindern Diwali feiert, während ihr Ehemann Anju sich auf Dienstreisen befindet [taucht im Kapitel Mimesis auf], ein Lichterfest mit Knallern und sich Burger bestellt und hungrig auf den Burger wartet. Wegen der Knaller hat sich Ramon erschreckt und eine verletzliche Seite gezeigt, leider so, dass er vor Sachin vors Motorrad gesprungen ist, die gerade Megha das Essen ausliefert. Es kommt zum Unfall, und Meghas Familie ist enttäuscht, dass sich der blaue Punkt der Fahrerin nicht weiter fortbewegt.
3. Mimesis – Istanbul: Ich-Erzähler, aus Israel, der in einer Literatur-Jury trifft, gesteht seinem Kumpel Ronen, der Gedichte schreibt, dass er über den Preis mitentscheiden darf, für den sich Ronen beworben hat. Sie baldowern das perfekte Verbrechen aus: Er schustert Ronen den Preis zu und sie fahren für das Geld nach Istanbul und lassen sich Haare transplantieren. Es klappt. Sie fliegen nach Istanbul, lassen sich zur Klinik fahren, spazieren durch die Stadt. Sie sehen, wie ein Schuhputzer seine Bürste (scheinbar aus Versehen) fallenlässt, mit Absicht, um sich einen Kunden zu angeln. Sie lernen im Hotel Anju kennen [Meghas Ehemann, der sie mit einer Haartransplantation überraschen will]. Ronen überkommen Zweifel. Am Tag der Operation bleiben sie in einem Stau stecken. Sie entscheiden sich einen Tag zu warten. Der Ich-Erzähler lernt auf dem Spaziergang Resul kennen, der am Ufer angelt und den Ich-Erzähler beim Angelhakenauswurf verletzt. Er bleibt bei Resul, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt, insbesondere wie er Essenslieferant geworden ist. Er hat türkische Literatur studiert, auf Lehramt, wurde dann aber nicht als Lehrer zugelassen. Im letzten Jahr des Studiums hat er Aischa kennengelernt, die ebenfalls studiert, Wissenschaftsvermittlung. Sie hatten Sex, und der Kondom riss, finden aber keine Möglichkeit, die Pille für danach zu bekommen. Ein paar Wochen später will Aischa von ihm Geld für eine Abtreibung, aber sie streiten sich und er beleidigt sie. Er fällt durch die Prüfung. Er beschließt nach Istanbul zu ziehen, als Essenslieferant sich durchzuschlagen, eine weitere Prüfung zu versuchen. Mesut und Umut haben ihn beim Lieferdienst geholfen, bei Şipşak. Auf einer Tour wird er von der Polizei angehalten, es ist Aicha, die sich an ihn rächt und ihn provoziert, bis er sie beleidigt und sie ihn festnehmen kann, für eine Nacht, aber nun, vorbestraft, kann er nicht mehr Lehrer werden. Resul lernt seine Frau Hazal kennen, die Touren für literarisch-interessierte Touristen leitet (zeigt das Haus, wo Auerbach Mimesis geschrieben hat). Wegen Aischa muss er seinen Job beim Depot wechseln. Resul organisiert einen Streik und hilft, eine Liste von Forderungen durchzusetzen. Er fungiert seitdem als Agent der Geschäftsleitung. Er muss nicht mehr ausliefern, sondern hilft den Fahrern und sorgt dafür, dass diese zufrieden bleiben. Zudem gibt Resul vor, daran zu arbeiten, Şipşak zu stürzen. Der Ich-Erzähler und Ronen sehen später den operierten Anju, unterziehen sich ebenfalls der Prozedur und fliegen zurück nach Berlin, wo der Ich-Erzähler in einer Bar trinkt und sich eine Rose aus Kenia kauft, aus der Naivasha Bloom Farm.
4. Der Tausch – Berlin: Pavan, Maschinenbaustudent, arbeitet bei RatzFatz, hat eine Panne und ein Sechser-Pack-Wasser zu viel. Lässt es vor der Tür stehen, schiebt sein Rad. Es ist glatt. Freundin lebt in London. Filmon, nun in Berlin, hilft ihm, schleppt ihn ab. Nina, auch wieder in Berlin, drückt Anrufe von Ramons Handy weg, erinnert sich daran, wie sie von der indischen Polizei erpresst wurde. Filmon und Pavan gehen zum Deutschkurs, zu unterschiedlichen Lehrerinnen. Filmon hatte ein Sechser-Pack-Waser zu wenig, zahlte es aus eigener Tasche. Daniat und Izzy holen ihn ab, sehen Nina. Filmon will Geld verdienen, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Pavan und Filmon tauschten ihre App-Lieferanten-Dienstleister, aber Pavan vermasselt es, hat einen Unfall, und schuldet nun Filmon die Kaution über 800 Euro. Pavan mitverantwortlich für die Kündigung, da er sich mit einem Dönerverkäufer geschlagen hat, der ihn warten ließ, der Dönerverkäufer ist Resul. Pavan hat einen Anfall, seitdem sitzt sein Lächeln schief, Schlägerei.
5. Das blaue Handy - Argentinien - Buenos Aires: Romans Mutter, Marta, verarbeitet den Tod ihres Sohns in Indien, durchstöbert sein Handy, sieht Nina, sieht das Sexvideo, ruft dort mehrmals an, leistet Trauerarbeit. Nina geht nicht ans Telefon. Lieferant Ciervo, der sein Geld mit Online-Spielen verdient, zockt, aber sein Handy geht langsam kaputt, findet das Handy von Ramon, das Marta verloren hat. Er ist überglücklich. Feiert im Fußballstadion mit seinen Freunden, während Marta ihn mit Google-Search auffindet, ihm auflauert, ihn aber nicht zu fassen bekommt trotz Verfolgungsjagd in der Stadt. Ciervo sucht sich einen One-Night-Stand, hat Sex und verlässt frühmorgens das Haus. Nina lauert auf, verursacht einen Motorradunfall, aber Ciervo rappelt sich und pest davon. Dann schaltet er das Telefon aus.
6. Rosen – Kenia, Rosenplantagen-Arbeiterin: Akiny sucht Arbeit in Kenia, will Schneiderin werden, Frisören, dafür braucht sie Startkapitel, heuert bei Naivasha Bloom an, und bekommt den Job, aber nach der Ernte für den Valentine’s Day wird sie nicht übernommen, und beschließt sich zu protestieren im Camp der Westler.
●Kurzfassung: Filmon, Ex-Soldat, jobt in Tel Aviv, um nach Berlin zu kommen, wo seine Frau Daniat, Schneiderin, bei Nina Kegel, Studentin, Deutschunterricht hat. Nina Kegel reist im Austauschprogramm nach Neu-Delhi, lernt dort einen Argentinier, Ramon, Student, kennen, der dort bei einem Unfall mit einer Essens-Lieferantin stirbt, die für Megha, eine Journalistin, Essen liefert, zum Diwali-Fest, während ihr Mann Anju auf Geschäftsreisen ist. Zwei Literaten fahren nach Istanbul, treffen dort besagten Anju und unterziehen sich einer Haartransplantationsprozedur. Sie lernen dort Resul kennen, der eine Türkin, Aischa, geschwängert und damit sein und ihren Lebenstraum zerstört hat. In Berlin trifft Filmon Pavan, Maschinenbaustudent, der Fleisch nicht riechen kann und sich deshalb und aus Ungeduld mit Resul, der in einer Dönerbude arbeitet, schlägt und so Filmons Job zerstört und an einer halbseitigen Gesichtslähmung leidet. Er lernt Deutsch bei Nina, die Anrufe von Ramons Handynummer erhält und diese wegdrückt. In Buenos Aires durchsucht Ramons Mutter sein Handy und ruft Nina an, verliert das Handy aber, das Ciervo findet, der sein Geld mit Online-Spielen und Essenslieferungen verdient. Eine Verfolgungsjagd durch die Stadt bleibt unerfolgreich. Ciervo verschwindet mit dem Handy. In Kenia versucht sich Akiny durchzuschlagen als Rosenpflückerin, als das misslingt, prostituiert sie sich an die Expats.
●Charaktere: (rund/flach) komplex vielschichtig
●Überflüssige Szenen/Charaktere: vielleicht die ganze Situation von Megha, das passt nicht wirklich
●Besondere Ereignisse/Szenen: der ganze Abschnitt in Istanbul mit Resul, aus Ich-Perspektive erzählt, Sonnuntergänge am Bosporus. Resul als Antipath.
●Diskurs: Globalisierung, prekäre Jobs, Lieferantendienste
… die einzelne Episoden besitzen stets eine Pointe (die Tochter Israel, die wegen ihrer Hautfarbe verfolgt wird; die Enttäuschung, dass ein Essen zu spät geliefert wird, dabei ist jemand bei einem Unfall ums Leben gekommen; der Wechsel von Lieferant zum Gewerkschaftsführer mit Privilegien, der sich als Arbeitsrechtler tarnt; die Ungeduld, die sich in Aggression entlädt und alles zerstört; das Handy, das aufhört zu leben, wie sein Besitzer; die Rosen, die aus Kenia kommen, Träume, die platzen). Die Figuren, der Überlebenskampf wirkt echt und bedrückend, ohne dass sie wie Opfer wirken. Alle Figuren wirken stark und widerständig, selbstbewusst und zielstrebig. Hieraus entwickelt sich eine gute Dynamik und eine den Globus umspannende Alltagssituation: Buenos Aires – Berlin – Istanbul – Tel Aviv – Neu Delhi.
… Sachins Geschichte wird nicht zu Ende erzählt.
--> 5 Sterne
Form:
●Eindruck: locker, direkt, schnörkellos, rhythmisch, unauffällig, aber geschmeidig, peppig.
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad durch schnelle literarische Episoden, Schnitte, Wortwitze und Sprachgestus, besitzt nichts Journalistisches.
●Wortschatz/Wortzahl: unauffällig.
●Auffälligkeiten: keine, außer hier und da Sprachwitz, Sprachverunglimpfungen auf liebevolle, spielerische Art
●Innovation: die deutsche Sprache wird manchmal gegen den Strich gebürstet, aber nicht so konsequent wie im ersten Teil von „Eine runde Sache“.
--> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Episodenhaftes Erzählen pendelt von personalen, auktorialen, zur Ich-Erzählung, kunterbunt. Kein wirklicher Fokus, eher Montage, eher Weitwinkel, Offenheit, eher inhaltlich als formal strukturiert.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch, es gibt keine einheitliche Erzählinstanz
●Erzählverhalten, -stil, -weise: witzig, schnell, unterhaltsam
●Einschätzung: als Abbild von vielen Lebenssituation adäquat, obgleich eben sehr kompiliert
--> 3 Sterne
Komposition:
●Eindruck: sehr gut verwoben, unauffällige Wiederaufnahmen des Codes Vermisst-Verloren-Gesucht-Wiedergefunden, das Verlorengehen im weltweiten Dschungel der billigen Arbeitskräfte, die Namenlosen, die ums Überleben kämpfen, finden sich in einem Netz, u.a. auch durch das Handy, das alle miteinander verknüpft.
●Signal/Noise-Ratio: wenig Noise, vielleicht ein wenig zu wenig.
●Operative Geschlossenheit: sehr geschlossen, klar auf die Arbeit, auf die Lebenssituation, auf das Bestehen und Wiederaufstehen gemünzt, keiner gibt auf. Sie machen weiter, trotz harter Bedingungen.
●Rahmenstabilisierende Details: Berlin als Fixpunkt taucht in den ersten 5 Episoden auf.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr schnell, nie in die Länge gezogen, guter Rhythmus, geradezu zackig, fast wie ein Song, wie kurze Reels, szenisch-plastisch.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nur Megha, ein wenig, zu ausufernd die Diskussion über die Reisernte, die Landwirtschaft in Indien, das Familienleben spielte keine Rolle.
●Reliefbildung: durch den Ortswechsel, die Brauchtümer, die verschiedenen Alltagssituation
●Einschätzung: sehr gelungen als Episodenroman
--> 5+1 Sterne
Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: interessante, horizonterweiterende Narratologie, sehr lebendig, sehr klar auf die Arbeitssituationen fokussiert, dadurch auch bebildernd, hebt die Essenslieferanten hervor, gibt ihnen eine Geschichte, dadurch eine andere Wahrnehmung möglich
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) ja, setzt eigene Figuren, eigene Welten
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, gemischt-gute Charaktere
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nicht wirklich, aber mitreißend
●stimmig?(Komposition: ja/nein) sehr stimmig, sehr gute Überlagerung
●ein zweites Mal lesen? Möglich, obgleich von der Thematik nicht komplex genug, also unwahrscheinlich
--> 5 Sterne
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abgebrochen
August 14, 2026Ok - erstes Buch, das ich von der Longlist des deutschen Buchpreises 2026 anlese, ist schon mal nichts für mich.
Bei 7% abgebrochen.
Ich komme mit dem gehetzten Erzählen und den kurzen, knackigen Sätzen überhaupt nicht zurecht.
Das schießt komplett an mir vorbei, wie auch der gelobte Sprachwitz. Das Problem mit dem Humor hatte ich bereits schon bei "Schleifen".
Kann mir aber vorstellen, dass das Buch vielen sehr zusagen wird. Ich bin da wirklich kein Maßstab.
Viel Glück, lieber Tomer Gardi, auf der Reise zum deutschen Buchpreis!
Bei 7% abgebrochen.
Ich komme mit dem gehetzten Erzählen und den kurzen, knackigen Sätzen überhaupt nicht zurecht.
Das schießt komplett an mir vorbei, wie auch der gelobte Sprachwitz. Das Problem mit dem Humor hatte ich bereits schon bei "Schleifen".
Kann mir aber vorstellen, dass das Buch vielen sehr zusagen wird. Ich bin da wirklich kein Maßstab.
Viel Glück, lieber Tomer Gardi, auf der Reise zum deutschen Buchpreis!
May 1, 2026
"Liefern" von Tomer Gardi: Was für ein wichtiges, toll geschriebenes und nachhallendes Buch!
"Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst." (Seite 181)
Zum Glück gibt es Romane wie diese, die auch mich daran erinnern, dass hinter jeder Lieferung ein (oder mehrere) hart arbeitender Mensch steht, der nicht gut bezahlt wird. Der von Sternebewertungen und Trinkgeld abhängig ist - und durchaus auch von einem funktionierenden Fahrzeug, meistens dem Fahrrad.
Tomer Gardi erzählt in verschiedenen Episoden (eine aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer) von genau solchen Menschen. Sie arbeiten in Tel Aviv, Istanbul, Delhi, Berlin oder Buenos Aires bei verschiedenen Lieferdiensten oder auch auf einer kenianischen Rosenplantage. Die Arbeit ist hart, die Arbeitsbedingungen unmenschlich, das Geld knapp, aber es ist die einzige Möglichkeit, sich überhaupt über Wasser zu halten. Um die Familie zu ernähren, um dem Traum vom Studium näher zu kommen oder um Schulden bei ausbeuterischen "Arbeitsvermittlern" zu begleichen.
All diese Geschichten lesen sich leichtfüßig, sie sind in einem plaudernden Ton geschrieben. Doch das Gelesene, in dem uns manche Figuren mehrfach begegnen, gräbt sich tief ein und erhöht den Weltschmerzfaktor rapide. Und mein schlechtes Gewissen, das ich eh schon bei jeder Bestellung habe.
"Liefern" ist ein wichtiger, nachhaltig im Kopf bleibender Roman, der Menschen eine Stimme gibt, die im Alltag oft nicht zu hören ist. Ich hätte zu einigen Figuren auch gerne noch mehr Kapitel gelesen, lege euch das Buch dringend ans Herz und überdenke jetzt hoffentlich mein Bestellverhalten.
"Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst." (Seite 181)
Zum Glück gibt es Romane wie diese, die auch mich daran erinnern, dass hinter jeder Lieferung ein (oder mehrere) hart arbeitender Mensch steht, der nicht gut bezahlt wird. Der von Sternebewertungen und Trinkgeld abhängig ist - und durchaus auch von einem funktionierenden Fahrzeug, meistens dem Fahrrad.
Tomer Gardi erzählt in verschiedenen Episoden (eine aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer) von genau solchen Menschen. Sie arbeiten in Tel Aviv, Istanbul, Delhi, Berlin oder Buenos Aires bei verschiedenen Lieferdiensten oder auch auf einer kenianischen Rosenplantage. Die Arbeit ist hart, die Arbeitsbedingungen unmenschlich, das Geld knapp, aber es ist die einzige Möglichkeit, sich überhaupt über Wasser zu halten. Um die Familie zu ernähren, um dem Traum vom Studium näher zu kommen oder um Schulden bei ausbeuterischen "Arbeitsvermittlern" zu begleichen.
All diese Geschichten lesen sich leichtfüßig, sie sind in einem plaudernden Ton geschrieben. Doch das Gelesene, in dem uns manche Figuren mehrfach begegnen, gräbt sich tief ein und erhöht den Weltschmerzfaktor rapide. Und mein schlechtes Gewissen, das ich eh schon bei jeder Bestellung habe.
"Liefern" ist ein wichtiger, nachhaltig im Kopf bleibender Roman, der Menschen eine Stimme gibt, die im Alltag oft nicht zu hören ist. Ich hätte zu einigen Figuren auch gerne noch mehr Kapitel gelesen, lege euch das Buch dringend ans Herz und überdenke jetzt hoffentlich mein Bestellverhalten.
Read
June 30, 2026Obe knjige Tomera Gardija koje sam do sada čitala (Broken German i Eine runde Sache) bile su dobre: inteligentne, fragmentarno koncipirane, planirano strukturno iritantne, crnohumorne, post-postmoderne i jezički drsko razuzdane.
Liefern (otprilike: Dostava) i dalje je fragmentarno koncipirana i inteligentna ali je autor načinio veliki iskorak u stranu: jezik je sada (opet u saradnji s njegovom dugogodišnjom prevoditeljkom na nemački, Anom Birkenhauer) mnogo zaglađeniji i standardniji a humor je tek negde u trećem ili četvrtom planu. Gardi ovde prati niz priča o dostavljačima širom sveta - Izrael, Nemačka, Turska, Indija, Argentina - i trudi se da nam prenese njihove različite a opet srodne životne muke, njihov težak rad i napor da se uklope u nove životne okvire. Paradoksalno, velika autorska ambicija i angažman, ali pre svega poštovanje prema ljudima čije živote želi da prikaže bez omalovažavanja - ovde ga koče i sapinju tako da gotovo izostaje ono što je kod njega najprivlačnije, a to je upravo bezobrazni humor koji ne štedi nikoga i preispitivanje svih mogućih granica identiteta. Meni je stoga bila najbolja i najuspelija celina Mimezis u kojoj je pripovedač sam autor tj. njegova autoironična persona poznata iz ranijih knjiga. U opisu toga kako se odlučio za tretman presađivanja kose i šta je posle bilo - prosto se oseti kako čitav narativ živne.
Liefern (otprilike: Dostava) i dalje je fragmentarno koncipirana i inteligentna ali je autor načinio veliki iskorak u stranu: jezik je sada (opet u saradnji s njegovom dugogodišnjom prevoditeljkom na nemački, Anom Birkenhauer) mnogo zaglađeniji i standardniji a humor je tek negde u trećem ili četvrtom planu. Gardi ovde prati niz priča o dostavljačima širom sveta - Izrael, Nemačka, Turska, Indija, Argentina - i trudi se da nam prenese njihove različite a opet srodne životne muke, njihov težak rad i napor da se uklope u nove životne okvire. Paradoksalno, velika autorska ambicija i angažman, ali pre svega poštovanje prema ljudima čije živote želi da prikaže bez omalovažavanja - ovde ga koče i sapinju tako da gotovo izostaje ono što je kod njega najprivlačnije, a to je upravo bezobrazni humor koji ne štedi nikoga i preispitivanje svih mogućih granica identiteta. Meni je stoga bila najbolja i najuspelija celina Mimezis u kojoj je pripovedač sam autor tj. njegova autoironična persona poznata iz ranijih knjiga. U opisu toga kako se odlučio za tretman presađivanja kose i šta je posle bilo - prosto se oseti kako čitav narativ živne.
February 24, 2026
Leider nicht wirklich abgeliefert
„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig reingezogen und berührt, auch wenn das Thema sehr gut gesetzt ist und der Autor sprachlich durchaus überzeugt sowie eine clevere Konstruktionsarbeit betreibt. Dennoch hat es mich einfach nicht gepackt, was unter anderem daran liegt, dass eine sehr lange Vorbereitungsarbeit betrieben wird – und das Finale dann eher versackt.
„Liefern“ beschäftigt sich in sechs Episoden mit den Menschen, die wir alle täglich sehen, die wir aber beim Sehen nie sehen, die Lieferant:innen, die uns Wege und Erledigungen abnehmen und dabei durchgehend ausgebeutet werden. Weltweit haben sich Menschen daran gewöhnt, alles immer verfügbar zu haben. Dieser Dauerkonsum wird von Gardi in seiner Ausprägung zurecht kritisiert. Gardi fordert schon mit der ersten Episode einen Perspektivwechsel ein und liefert diesen auch. Dennoch kommen einem die Menschen in seinen Geschichten nicht nahe, vielleicht, weil er sie realistisch nicht nur als Sympathen schreibt, vielleicht aber auch, weil er doch nicht genug in die Tiefe arbeitet und sich zwischendurch in seinem eigenen Buch verliert.
Die längste Episode des Buches, „Mimesis“, die auch eine Episode ist, die der Autor auf Hebräisch geschrieben hat, formt das Zentrum des Buches und könnte eventuell schon länger in der Schublade gewartet haben, zumindest hatte ich den Eindruck, dass der Roman um diese Episode drumherum geschrieben wurde.
In der ersten Episode, „Indie-Go“ lernen wir Filmon aus Eritrea kennen, der zur Coronazeit in
Zeit Tel Aviv gestrandet ist, seine Frau Daniat und seine Tochter Israel sind schon in Berlin, er will hinterher, und das ganze Elend der Flucht wird gut gerahmt, Thema Familienzusammenführung, Thema schlecht bezahlte Jobs, Geld schicken müssen, versorgen, alle verdienen am Elend, der Vermieter, die Jobbörse, der Lieferdienst, in Berlin die Familie, die Daniat hilft. Viel Last. Wenig Leben. Eine Beziehung, die nur noch im facetime besteht.
Der ungesicherte Status, nie Fehler machen dürfen. Das alles wird präsent, aber bleibt skizzenhaft.
Die zweite Episode, „A new passage to India“, vollführt einen Ortswechsel nach Indien, die Verbindung zur ersten Geschichte ist die Sprachkursdozentin Nina von Daniat und Israel in Berlin, die nun nach Delhi reist für ein Projekt. Wir werfen hier einen Blick auf die Upper Class und auf Kulturarroganz, auf ein hierarchisches System, auf Privilegien und mangelnde Integration, auf die Benachteiligung von Frauen und erneut auf ein Liefersystem. In dieser Episode bleiben viele Fragen offen, was sich durchziehen wird, in kleinen Teilen tauchen viel später Antworten auf, einiges bleibt für immer unbeantwortet.
In der dritten, schon angesprochenen Episode „Mimesis“ geht es in die Türkei, es geht um Schönheitschirurgie-Tourismus und Haartransplantation, geliefert werden hier auch Menschen und Träume, die Themen werden größer, was ist Identität? Die Symbolik der Haartransplantation ist augenfällig, hier geht es an die Wurzeln. Die Situation der Lieferfahrenden wird erneut ausführlich beleuchtet, und langsam stellt sich Redundanz ein, ohne viel neue Erkenntnis. Immerhin kommt es zu Organisation und Widerstand – der Ausgang? Bleibt erneut offen. Diese Episode nimmt fast ein Drittel des Buches ein und auch insgesamt sind wir nun schon bei zwei Dritteln – mit noch immer nur loser Verknüpfung.
In der vierten Episode „Der Tausch“ finden die Geschichten endlich zusammen
und dadurch kommt nach diesem sehr langen Aufbau das Buch in Schwung. Mit einer noch einmal neuen Figur, Pavan, der Filmon, inzwischen in Deutschland in Berlin angekommen, im Deutschkurs kennenlernt, geplant war Nina als Lehrerin, wird das Lieferthema noch einmal potenziert: Beide arbeiten bei Lieferdiensten, beide neiden dem anderen den Job (Indie-Go, RatzFatz), denn ja: Auch bei solchen Jobs gibt es noch eine Hierarchie. Also wird der Job getauscht, mit fatalen Folgen. Gut herausgearbeitet hier vom Autor: Die Absurdität nach der Flucht nach Berlin wieder im gleichen Job zu landen. Und die Scham, in Richtung der alten Heimat, dass man jetzt gar nicht wirklich besser lebt, dass man noch immer arm ist, schlechte Jobs hat.
Bleiben noch die Episoden „Das blaue Handy“ – die einfach überkonstruiert und nicht glaubwürdig ist in ihrer Radikalität – und zuletzt noch „Rosen“, die wirklich nur noch sehr lose im Zusammenhang steht über die allgegenwärtigen Rosenverkäufer – und ein feministisch betrachtet doch sehr merkwürdiges Fazit zieht.
Die Konstruktion ist über- und durchschaubar, sie wirkte auf mich leider immer wieder etwas bemüht. Mit der Hälfte der Seiten als klarer Erzählband wäre hier meiner Meinung nach eine für das Buch gute Entscheidung getroffen worden. Vielleicht ist mir vieles thematisch auch zu vertraut, vielleicht habe ich auch nur zuvor zwei wirklich sehr starke Bücher gelesen, so dass Liefern mich nicht gekriegt hat – bei interessanten Einzelgeschichten und immer wieder auch sprachlich sehr schönen Momenten. Es wirkt auch so, als ob der Autor seine eigenen Ideen nicht wichtig nimmt – ein Beispiel dafür die Titel der Episoden, die am Anfang noch einen Bedeutungsraum öffnen, dann aber einfach nur noch 1:1 sind – so etwas finde ich sehr schade.
Indie-Go ist klar der Lieferdienst, aber eben auch die Farbe Indigo, was eines der ältesten Pigmente ist und massiv für das Färben von Jeans eingesetzt wurde, unter ganz schlimmen Bedingungen für die Menschen, die in den Färbereien gearbeitet haben, das war zumindest direkt meine Assoziation.
A New Passage To India ist eine sehr klare Referenz auf A Passage To India von E. M. Forster und nimmt dadurch Bezug auf den Kolonialismus, der sich in seiner Struktur in diesem Kapitel auch immernoch zeigt im 21. Jahrhundert, so z.B. direkt am Anfang, als kurz die Debatte über das „imaginierte, vermittelte Indien“ versus das „wirkliche Indien“ aufkommt – und natürlich hat der Autor da einen Punkt.
Mimesis ist für mich der am weitesten aufgeladene Titel, in der Tierwelt ist Mimesis die Tarnung, die Fähigkeit, sich der Umgebung in einer Art anzupassen, dass man für den Fressfeind uninteressant oder unsichtbar wird oder auch genau die Tarnung, mit der man sich an die Beute anschleicht, bei Aristoteles, kleiner hatten wir es nicht, ist es das Prinzip der Nachahmung. Beides passt für mich supergut auf die Episode, die Männer, die sich einem Männlichkeitsbild wieder anpassen wollen, die sich auch in Deutschland in das Bild hineinstrecken, aber auch die Figur Resul, der „Agent“, der sich tarnt bis zum großen Paukenschlag.
Der Tausch funktioniert in dem System auch gerade noch so, da der Titel immerhin mit dem Tausch der Deutschkurse, bei Nina vielleicht auch dem Tausch der Welten spielt und dem dann später realen Tausch der Jobs. Da gibt es zumindest ein Spiel mit der Erwartungshaltung.
Aber dann? Das blaue Handy beschreibt einfach nur das Handy, um das es geht und den blauen Punkt auf der digitalen Roadmap. Und am Ende dann „Rosen“. In dem Kapitel geht es um: Rosen.
So etwas verstimmt mich. Das wirkt so lustlos, so „hatte da mal ne Idee aber war dann auch nicht mehr weiter wichtig“.
Wer sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird hier vielleicht wirklich den gewünschten Perspektivwechsel erleben und unter dem Aspekt ist es bestimmt ein lesenswertes Buch. Ich hätte mir mehr Stringenz und Sog gewünscht und deutlich weniger Redundanz.
Ein großes Dankeschön an whatchareadin.de und Tropen für das Rezensionsexemplar!
„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig reingezogen und berührt, auch wenn das Thema sehr gut gesetzt ist und der Autor sprachlich durchaus überzeugt sowie eine clevere Konstruktionsarbeit betreibt. Dennoch hat es mich einfach nicht gepackt, was unter anderem daran liegt, dass eine sehr lange Vorbereitungsarbeit betrieben wird – und das Finale dann eher versackt.
„Liefern“ beschäftigt sich in sechs Episoden mit den Menschen, die wir alle täglich sehen, die wir aber beim Sehen nie sehen, die Lieferant:innen, die uns Wege und Erledigungen abnehmen und dabei durchgehend ausgebeutet werden. Weltweit haben sich Menschen daran gewöhnt, alles immer verfügbar zu haben. Dieser Dauerkonsum wird von Gardi in seiner Ausprägung zurecht kritisiert. Gardi fordert schon mit der ersten Episode einen Perspektivwechsel ein und liefert diesen auch. Dennoch kommen einem die Menschen in seinen Geschichten nicht nahe, vielleicht, weil er sie realistisch nicht nur als Sympathen schreibt, vielleicht aber auch, weil er doch nicht genug in die Tiefe arbeitet und sich zwischendurch in seinem eigenen Buch verliert.
Die längste Episode des Buches, „Mimesis“, die auch eine Episode ist, die der Autor auf Hebräisch geschrieben hat, formt das Zentrum des Buches und könnte eventuell schon länger in der Schublade gewartet haben, zumindest hatte ich den Eindruck, dass der Roman um diese Episode drumherum geschrieben wurde.
In der ersten Episode, „Indie-Go“ lernen wir Filmon aus Eritrea kennen, der zur Coronazeit in
Zeit Tel Aviv gestrandet ist, seine Frau Daniat und seine Tochter Israel sind schon in Berlin, er will hinterher, und das ganze Elend der Flucht wird gut gerahmt, Thema Familienzusammenführung, Thema schlecht bezahlte Jobs, Geld schicken müssen, versorgen, alle verdienen am Elend, der Vermieter, die Jobbörse, der Lieferdienst, in Berlin die Familie, die Daniat hilft. Viel Last. Wenig Leben. Eine Beziehung, die nur noch im facetime besteht.
Der ungesicherte Status, nie Fehler machen dürfen. Das alles wird präsent, aber bleibt skizzenhaft.
Die zweite Episode, „A new passage to India“, vollführt einen Ortswechsel nach Indien, die Verbindung zur ersten Geschichte ist die Sprachkursdozentin Nina von Daniat und Israel in Berlin, die nun nach Delhi reist für ein Projekt. Wir werfen hier einen Blick auf die Upper Class und auf Kulturarroganz, auf ein hierarchisches System, auf Privilegien und mangelnde Integration, auf die Benachteiligung von Frauen und erneut auf ein Liefersystem. In dieser Episode bleiben viele Fragen offen, was sich durchziehen wird, in kleinen Teilen tauchen viel später Antworten auf, einiges bleibt für immer unbeantwortet.
In der dritten, schon angesprochenen Episode „Mimesis“ geht es in die Türkei, es geht um Schönheitschirurgie-Tourismus und Haartransplantation, geliefert werden hier auch Menschen und Träume, die Themen werden größer, was ist Identität? Die Symbolik der Haartransplantation ist augenfällig, hier geht es an die Wurzeln. Die Situation der Lieferfahrenden wird erneut ausführlich beleuchtet, und langsam stellt sich Redundanz ein, ohne viel neue Erkenntnis. Immerhin kommt es zu Organisation und Widerstand – der Ausgang? Bleibt erneut offen. Diese Episode nimmt fast ein Drittel des Buches ein und auch insgesamt sind wir nun schon bei zwei Dritteln – mit noch immer nur loser Verknüpfung.
In der vierten Episode „Der Tausch“ finden die Geschichten endlich zusammen
und dadurch kommt nach diesem sehr langen Aufbau das Buch in Schwung. Mit einer noch einmal neuen Figur, Pavan, der Filmon, inzwischen in Deutschland in Berlin angekommen, im Deutschkurs kennenlernt, geplant war Nina als Lehrerin, wird das Lieferthema noch einmal potenziert: Beide arbeiten bei Lieferdiensten, beide neiden dem anderen den Job (Indie-Go, RatzFatz), denn ja: Auch bei solchen Jobs gibt es noch eine Hierarchie. Also wird der Job getauscht, mit fatalen Folgen. Gut herausgearbeitet hier vom Autor: Die Absurdität nach der Flucht nach Berlin wieder im gleichen Job zu landen. Und die Scham, in Richtung der alten Heimat, dass man jetzt gar nicht wirklich besser lebt, dass man noch immer arm ist, schlechte Jobs hat.
Bleiben noch die Episoden „Das blaue Handy“ – die einfach überkonstruiert und nicht glaubwürdig ist in ihrer Radikalität – und zuletzt noch „Rosen“, die wirklich nur noch sehr lose im Zusammenhang steht über die allgegenwärtigen Rosenverkäufer – und ein feministisch betrachtet doch sehr merkwürdiges Fazit zieht.
Die Konstruktion ist über- und durchschaubar, sie wirkte auf mich leider immer wieder etwas bemüht. Mit der Hälfte der Seiten als klarer Erzählband wäre hier meiner Meinung nach eine für das Buch gute Entscheidung getroffen worden. Vielleicht ist mir vieles thematisch auch zu vertraut, vielleicht habe ich auch nur zuvor zwei wirklich sehr starke Bücher gelesen, so dass Liefern mich nicht gekriegt hat – bei interessanten Einzelgeschichten und immer wieder auch sprachlich sehr schönen Momenten. Es wirkt auch so, als ob der Autor seine eigenen Ideen nicht wichtig nimmt – ein Beispiel dafür die Titel der Episoden, die am Anfang noch einen Bedeutungsraum öffnen, dann aber einfach nur noch 1:1 sind – so etwas finde ich sehr schade.
Indie-Go ist klar der Lieferdienst, aber eben auch die Farbe Indigo, was eines der ältesten Pigmente ist und massiv für das Färben von Jeans eingesetzt wurde, unter ganz schlimmen Bedingungen für die Menschen, die in den Färbereien gearbeitet haben, das war zumindest direkt meine Assoziation.
A New Passage To India ist eine sehr klare Referenz auf A Passage To India von E. M. Forster und nimmt dadurch Bezug auf den Kolonialismus, der sich in seiner Struktur in diesem Kapitel auch immernoch zeigt im 21. Jahrhundert, so z.B. direkt am Anfang, als kurz die Debatte über das „imaginierte, vermittelte Indien“ versus das „wirkliche Indien“ aufkommt – und natürlich hat der Autor da einen Punkt.
Mimesis ist für mich der am weitesten aufgeladene Titel, in der Tierwelt ist Mimesis die Tarnung, die Fähigkeit, sich der Umgebung in einer Art anzupassen, dass man für den Fressfeind uninteressant oder unsichtbar wird oder auch genau die Tarnung, mit der man sich an die Beute anschleicht, bei Aristoteles, kleiner hatten wir es nicht, ist es das Prinzip der Nachahmung. Beides passt für mich supergut auf die Episode, die Männer, die sich einem Männlichkeitsbild wieder anpassen wollen, die sich auch in Deutschland in das Bild hineinstrecken, aber auch die Figur Resul, der „Agent“, der sich tarnt bis zum großen Paukenschlag.
Der Tausch funktioniert in dem System auch gerade noch so, da der Titel immerhin mit dem Tausch der Deutschkurse, bei Nina vielleicht auch dem Tausch der Welten spielt und dem dann später realen Tausch der Jobs. Da gibt es zumindest ein Spiel mit der Erwartungshaltung.
Aber dann? Das blaue Handy beschreibt einfach nur das Handy, um das es geht und den blauen Punkt auf der digitalen Roadmap. Und am Ende dann „Rosen“. In dem Kapitel geht es um: Rosen.
So etwas verstimmt mich. Das wirkt so lustlos, so „hatte da mal ne Idee aber war dann auch nicht mehr weiter wichtig“.
Wer sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird hier vielleicht wirklich den gewünschten Perspektivwechsel erleben und unter dem Aspekt ist es bestimmt ein lesenswertes Buch. Ich hätte mir mehr Stringenz und Sog gewünscht und deutlich weniger Redundanz.
Ein großes Dankeschön an whatchareadin.de und Tropen für das Rezensionsexemplar!
September 22, 2026
Ein vielstimmiger, episodenhaft erzählter Roman über Kurierfahrer*innen für Bringdienste. Anhand wechselnder internationaler Schauplätze zeigt sich, wie sich dieses brutale und korrupte System in Zeiten der Globalisierung so ziemlich überall ausgebreitet hat – egal, wo du bist, die Fahrer*innen sind gleich da und versuchen, den Algorithmus milde zu stimmen. Das ist toll gearbeitet und vernetzt, leider fällt ein Kapitel aus dem ansonsten stimmigen Gesamtbild heraus und bringt den Fluss unnötig ins Stocken.
Mehr zum Buch in unserer ausführlichen Besprechung @ Papierstau Podcast: #356: Deutscher Buchpreis 2026.
Mehr zum Buch in unserer ausführlichen Besprechung @ Papierstau Podcast: #356: Deutscher Buchpreis 2026.
March 7, 2026
Eine Art Dorfschreier, Zirkusdirektor lädt uns Leser*innen in das globale Dorf ein. Tomer Gardis „Liefern“ lebt vom rasanten Perspektivwechsel. Kaleidoskopartig sind Porträts auf der ganzen Welt miteinander verknüpft, in Istanbul, Buenos Aires, Tel Aviv, Delhi und Berlin.
Wir lernen Filmon kennen, einen Eritreer in Tel Aviv. Filmons Frau und 8-jährige Tochter (die er noch nie gesehen hat) sind von Eritrea nach Deutschland geflohen, er möchte ihnen folgen und versucht, jeden Cent zu sparen. Durch einen zwielichtigen Jobvermittler findet Filmon Arbeit als Rider bei einem Lieferdienst. Zwölf-Stunden-Tage auf E-Bikes sind die Regel.
Filmons Kampf in seiner durch Flucht, Einsamkeit, durch niemals endende Ausbeutung geprägten Realität ist herzzerreißend. „Liefern“ ist niederschmetternd schon in kurzen Nebensätzen, aber es ist nie ohne Hoffnung.
Da ist Sachin mit ihrem Sohn Vivaan, eine der wenigen Lieferantinnen in Delhi, stets bedroht durch sexistische Übergriffe und den wahnsinnigen Verkehr. Es geht um die Gemeinschaft unter der Liefernden, um Konkurrenzdruck, Polizeikontrollen, Arbeit ohne Arbeitsschutzgesetze und die andauernde Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Kapitalismus.
Die Welt wird zum Dorf, wenn Tomer Gardis Alter Ego in Berlin eine Rose kauft, geerntet auf einer Blumenfarm in Kenia von Akiny, die unter Belästigung und mit geringer Bezahlung der Knochenarbeit des Rosenschneidens nachgehen muss.
„Liefern“ ist ein warmherziger, ehrlicher Roman, der aufrüttelt und aufnahmefähig macht für die Lebenswege derjenigen, die den Planeten versorgen müssen. Wie Atlas tragen sie ihren „kubischen Globus“ auf dem Rücken.
„Filmon was here“ ritzt einer der Hauptcharaktere in die Rückwand einer Spülmaschine 💔.
Wir lernen Filmon kennen, einen Eritreer in Tel Aviv. Filmons Frau und 8-jährige Tochter (die er noch nie gesehen hat) sind von Eritrea nach Deutschland geflohen, er möchte ihnen folgen und versucht, jeden Cent zu sparen. Durch einen zwielichtigen Jobvermittler findet Filmon Arbeit als Rider bei einem Lieferdienst. Zwölf-Stunden-Tage auf E-Bikes sind die Regel.
Filmons Kampf in seiner durch Flucht, Einsamkeit, durch niemals endende Ausbeutung geprägten Realität ist herzzerreißend. „Liefern“ ist niederschmetternd schon in kurzen Nebensätzen, aber es ist nie ohne Hoffnung.
Da ist Sachin mit ihrem Sohn Vivaan, eine der wenigen Lieferantinnen in Delhi, stets bedroht durch sexistische Übergriffe und den wahnsinnigen Verkehr. Es geht um die Gemeinschaft unter der Liefernden, um Konkurrenzdruck, Polizeikontrollen, Arbeit ohne Arbeitsschutzgesetze und die andauernde Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Kapitalismus.
Die Welt wird zum Dorf, wenn Tomer Gardis Alter Ego in Berlin eine Rose kauft, geerntet auf einer Blumenfarm in Kenia von Akiny, die unter Belästigung und mit geringer Bezahlung der Knochenarbeit des Rosenschneidens nachgehen muss.
„Liefern“ ist ein warmherziger, ehrlicher Roman, der aufrüttelt und aufnahmefähig macht für die Lebenswege derjenigen, die den Planeten versorgen müssen. Wie Atlas tragen sie ihren „kubischen Globus“ auf dem Rücken.
„Filmon was here“ ritzt einer der Hauptcharaktere in die Rückwand einer Spülmaschine 💔.
August 31, 2026
A complex novel that successfully manages to weave threads of multiple stories into a net representing the difficult and often unfair world we live in today.

Liefern (which translates to delivering) is a novel by the Galilean author Tomer Gardi, who resides in Berlin. In this book, he zooms in on an often seen, but often overlooked group of people: delivery service drivers. In a collection of connected vignettes, we move from Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul over to Berlin and witness tales of racism, exploitation, family and the desire to find human connection.
It's a story that demands attention. Just like couriers are constantly on the go, picking up one order to deliver the next, this novel doesn't sit still. Gardi's language is fast-paced and quick, his cast is large and their lives constantly changing. There's Filmon for example, an Eritrean refugee who illegally works in Tel Aviv, where he plans on making enough money to follow his wife and daughter to Berlin. There's Nina, who travels to Delhi where she meets and falls in love with the Argentinian Ramón, whose mother misses him in Buenos Aires. It took me a hot minute to figure out who's who and get used to the sudden changes within the narrative, but once you ease into it, this feels exciting and enthralling.
There's so much empathy and wit in Gardi's writing. I really enjoyed how lively all characters felt. It's easy to feel for them and understand their motifs and ways of thinking, which made a lot of the plot elements emotionally hard-hitting. We truly get to understand how many of these people are fighting and fearing for their existence, may that be because they don't have the the necessary immigration documents required for them to re-unite with their families or because they struggle to make enough money in a place far from where they grew up. When you don't have a financial or societal safety net to fall back on, a simple job can feel life-dependent. And while this carries the weight of political and societal commentary, the language never feels patronising or pretentious, but instead remains playful and experimental in the best way.
It makes you think. I think precisely because Gardi abstains from morally pointing a finger at his readers, he manages to make you want to stop and think about the state of the world we live in. I personally reside in a city with booming courier businesses, but have rarely considered the drivers' lives in depth. While I do admit that not each story was equally exciting and that I did feel more involved in some characters' plots than others, I ultimately believe that novels like these can help with making us act more empathetic and kinder towards each other.

Liefern (which translates to delivering) is a novel by the Galilean author Tomer Gardi, who resides in Berlin. In this book, he zooms in on an often seen, but often overlooked group of people: delivery service drivers. In a collection of connected vignettes, we move from Delhi, Tel Aviv, Buenos Aires, Istanbul over to Berlin and witness tales of racism, exploitation, family and the desire to find human connection.
It's a story that demands attention. Just like couriers are constantly on the go, picking up one order to deliver the next, this novel doesn't sit still. Gardi's language is fast-paced and quick, his cast is large and their lives constantly changing. There's Filmon for example, an Eritrean refugee who illegally works in Tel Aviv, where he plans on making enough money to follow his wife and daughter to Berlin. There's Nina, who travels to Delhi where she meets and falls in love with the Argentinian Ramón, whose mother misses him in Buenos Aires. It took me a hot minute to figure out who's who and get used to the sudden changes within the narrative, but once you ease into it, this feels exciting and enthralling.
There's so much empathy and wit in Gardi's writing. I really enjoyed how lively all characters felt. It's easy to feel for them and understand their motifs and ways of thinking, which made a lot of the plot elements emotionally hard-hitting. We truly get to understand how many of these people are fighting and fearing for their existence, may that be because they don't have the the necessary immigration documents required for them to re-unite with their families or because they struggle to make enough money in a place far from where they grew up. When you don't have a financial or societal safety net to fall back on, a simple job can feel life-dependent. And while this carries the weight of political and societal commentary, the language never feels patronising or pretentious, but instead remains playful and experimental in the best way.
It makes you think. I think precisely because Gardi abstains from morally pointing a finger at his readers, he manages to make you want to stop and think about the state of the world we live in. I personally reside in a city with booming courier businesses, but have rarely considered the drivers' lives in depth. While I do admit that not each story was equally exciting and that I did feel more involved in some characters' plots than others, I ultimately believe that novels like these can help with making us act more empathetic and kinder towards each other.
September 29, 2026
Gardi verwebt geschickt seine Geschichten und Protagonisten miteinander, Mal locker durchwoben, mal fest geknüpft. Nicht alle Anekdoten berühren mich gleichermaßen.
Filmon ist aus Eritrea geflohen und arbeitet in Tel Aviv als Lieferfahrer. Seine Frau und Kind, das er noch nie gesehen hat leben in Berlin. So schnell wie möglich möchte er zu seiner Familie und zieht an allen ihm zur Verfügung stehenden Fäden. Das sind nicht viele, doch er will, dass es gelingt...
Martha jagt dem gestohlenen Handy ihres verstorbenen Sohns hinterher. Verzweifelt bewegt sie sich in den Straßen ihrer Stadt, um es wiederzufinden....
Zum Teil sehr authentisch erzählt Gardi von seinen Hauptcharakteren und deren Beziehungen zu Lieferservices. Was sehr banal klingt offenbart aber Nuancen von Beziehungen, Lebensplänen und Lebensrealitäten
"Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der seine Würde hat, einem Menschen der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an Kurieren hasst"
Dennoch hat der Text Längen und mancher Strang lag mir nicht. Solide...
Filmon ist aus Eritrea geflohen und arbeitet in Tel Aviv als Lieferfahrer. Seine Frau und Kind, das er noch nie gesehen hat leben in Berlin. So schnell wie möglich möchte er zu seiner Familie und zieht an allen ihm zur Verfügung stehenden Fäden. Das sind nicht viele, doch er will, dass es gelingt...
Martha jagt dem gestohlenen Handy ihres verstorbenen Sohns hinterher. Verzweifelt bewegt sie sich in den Straßen ihrer Stadt, um es wiederzufinden....
Zum Teil sehr authentisch erzählt Gardi von seinen Hauptcharakteren und deren Beziehungen zu Lieferservices. Was sehr banal klingt offenbart aber Nuancen von Beziehungen, Lebensplänen und Lebensrealitäten
"Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der seine Würde hat, einem Menschen der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an Kurieren hasst"
Dennoch hat der Text Längen und mancher Strang lag mir nicht. Solide...
September 6, 2026
„Liefern“ von Tomer Gardi ist im Tropen Verlag erschienen, steht völlig zu recht auf der Longlist des deutschen Buchpreis und es ist mein Patenbuch, das ich als eine der Buchpreisblogger:innen vorstelle.
In sechs Episoden reisen wir durch verschiedene Städte, wie Berlin oder Istanbul und begleiten hier Essenslieferanten, die fast immer Migranten sind, durch ihren sehr prekären Arbeitsalltag.
Allein schon in der ersten Geschichte werden so viele wichtige Themen verhandelt. Vordergründig geht es um Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflüchtet ist und dort ohne Arbeitserlaubnis versucht, sein Leben – und das seiner Frau und Tochter, die in Berlin sind – zu bestreiten. Nachdem das Restaurant, in dem er arbeitet, wegen der Corona-Pandemie pleitegeht, bleibt ihm kaum etwas anderes übrig, als mit einer falschen Identität als Essenslieferant anzuheuern.
Neben den prekären Arbeitsbedingungen werden gesellschaftliche Grossereignisse und ihre Auswirkungen, Rassismus und Antisemitismus fast nebenbei und eigentlich nur in Nebensätzen verhandelt. Und trotzdem liest sich das alles erstaunlich leichtfüßig und eingängig, ist voller schöner Wortschöpfungen und Humor, die oft im starken Kontrast zum Erzählten stehen. Gleichzeitig hat das Ganze immer wieder etwas fast Dokumentarisches: Gardi beobachtet sehr genau, bleibt seinen Figuren aber oft auf Distanz.
Was mich auch wirklich beeindruckt hat, ist, dass, obwohl die Geschichten in sich geschlossen sind und jede für sich steht, jede einen anderen Aspekt von Ausbeutung und – ja, ich kann es nicht anders sagen – modernem Kolonialismus beleuchtet.
Gleichzeitig spannen sie aber auch einen großen Bogen und machen unsere globalisierte Welt sichtbar. Das geschieht, indem Gardi Personen wie den eritreischen Flüchtling und Essenslieferanten Filmon oder die deutsche Sprachlehrerin und Touristin Nina, aber auch Dinge wie Handys oder Rosen in mehreren Geschichten wieder auftauchen lässt.
In der Geschichte „Rosen“ ganz am Ende des Buches beispielsweise führt er uns vor Augen, woher die Dinge kommen, die wir ganz achtlos konsumieren, und unter welchen Bedingungen sie zu uns gelangen. Besonders eindrücklich fand ich dabei, dass die Arbeitsbedingungen auf der kenianischen Rosenfarm sogar von einer deutschen Kontrollinstanz überprüft werden – und die Ausbeutung trotzdem weitergehen kann. Gerade darin zeigt sich für mich diese globale Verflechtung besonders deutlich: Unser Konsum, europäische Standards und die Lebens- und Arbeitsrealität der Menschen vor Ort sind längst Teil desselben Systems.
Ich habe noch so viele andere schlaue Dinge in diesem Buch entdeckt, auf die ich hier leider gar nicht mehr eingehen kann. Aber eine Sache hat mich wirklich total begeistert und mich in ein kleines Rabbit Hole gestürzt: die Geschichte „Mimesis“.
Denn hier passiert plötzlich ein ziemlicher Bruch. Während Gardi vorher eher beobachtend und mit einer gewissen Distanz erzählt, wechselt er jetzt in eine autofiktionale Ich-Perspektive und macht sich selbst als Schriftsteller zur Figur. Die Geschichte bleibt dabei zwar weiterhin erstaunlich plotgetrieben, öffnet aber gleichzeitig noch einmal eine ganz andere Ebene: Plötzlich geht es stärker um Literatur selbst, ums Erzählen, um Wirklichkeit und darum, wer eigentlich wessen Geschichten erzählen darf.
In dieser Geschichte Mimesis sinniert der Schriftsteller auch über die Beschaffenheit des perfekten Verbrechens - eines Verbrechens, bei dem jeder weiss, wer der Verbrecher ist und wie da Verbrechen ausgeführt wird - ein offensichtliches Verbrechen, das unter unser aller Augen von statten geht und bei dem niemand etwas unternehmen kann und …
In „Mimesis“ sinniert der Schriftsteller auch über die Beschaffenheit des perfekten Verbrechens: eines Verbrechens, bei dem jeder weiß, wer der Täter ist und wie die Tat ausgeführt wird. Ein vollkommen offensichtliches Verbrechen also, das unter unser aller Augen stattfindet – und gegen das trotzdem niemand etwas unternimmt.
Tomer Gardi hat hier für mich einen ziemlich perfekten Roman geliefert: Er legt den Finger in die Wunde, bohrt ganz schön tief hinein und legt dieses „perfekte Verbrechen“ in all seinen komplexen Facetten frei – die Ausbeutung, die globalen Abhängigkeiten und die Systeme, an denen wir alle irgendwie beteiligt sind. Und das Beste daran: Er muss uns an keiner Stelle erklären, was wir darüber denken sollen.
In sechs Episoden reisen wir durch verschiedene Städte, wie Berlin oder Istanbul und begleiten hier Essenslieferanten, die fast immer Migranten sind, durch ihren sehr prekären Arbeitsalltag.
Allein schon in der ersten Geschichte werden so viele wichtige Themen verhandelt. Vordergründig geht es um Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflüchtet ist und dort ohne Arbeitserlaubnis versucht, sein Leben – und das seiner Frau und Tochter, die in Berlin sind – zu bestreiten. Nachdem das Restaurant, in dem er arbeitet, wegen der Corona-Pandemie pleitegeht, bleibt ihm kaum etwas anderes übrig, als mit einer falschen Identität als Essenslieferant anzuheuern.
Neben den prekären Arbeitsbedingungen werden gesellschaftliche Grossereignisse und ihre Auswirkungen, Rassismus und Antisemitismus fast nebenbei und eigentlich nur in Nebensätzen verhandelt. Und trotzdem liest sich das alles erstaunlich leichtfüßig und eingängig, ist voller schöner Wortschöpfungen und Humor, die oft im starken Kontrast zum Erzählten stehen. Gleichzeitig hat das Ganze immer wieder etwas fast Dokumentarisches: Gardi beobachtet sehr genau, bleibt seinen Figuren aber oft auf Distanz.
Was mich auch wirklich beeindruckt hat, ist, dass, obwohl die Geschichten in sich geschlossen sind und jede für sich steht, jede einen anderen Aspekt von Ausbeutung und – ja, ich kann es nicht anders sagen – modernem Kolonialismus beleuchtet.
Gleichzeitig spannen sie aber auch einen großen Bogen und machen unsere globalisierte Welt sichtbar. Das geschieht, indem Gardi Personen wie den eritreischen Flüchtling und Essenslieferanten Filmon oder die deutsche Sprachlehrerin und Touristin Nina, aber auch Dinge wie Handys oder Rosen in mehreren Geschichten wieder auftauchen lässt.
In der Geschichte „Rosen“ ganz am Ende des Buches beispielsweise führt er uns vor Augen, woher die Dinge kommen, die wir ganz achtlos konsumieren, und unter welchen Bedingungen sie zu uns gelangen. Besonders eindrücklich fand ich dabei, dass die Arbeitsbedingungen auf der kenianischen Rosenfarm sogar von einer deutschen Kontrollinstanz überprüft werden – und die Ausbeutung trotzdem weitergehen kann. Gerade darin zeigt sich für mich diese globale Verflechtung besonders deutlich: Unser Konsum, europäische Standards und die Lebens- und Arbeitsrealität der Menschen vor Ort sind längst Teil desselben Systems.
Ich habe noch so viele andere schlaue Dinge in diesem Buch entdeckt, auf die ich hier leider gar nicht mehr eingehen kann. Aber eine Sache hat mich wirklich total begeistert und mich in ein kleines Rabbit Hole gestürzt: die Geschichte „Mimesis“.
Denn hier passiert plötzlich ein ziemlicher Bruch. Während Gardi vorher eher beobachtend und mit einer gewissen Distanz erzählt, wechselt er jetzt in eine autofiktionale Ich-Perspektive und macht sich selbst als Schriftsteller zur Figur. Die Geschichte bleibt dabei zwar weiterhin erstaunlich plotgetrieben, öffnet aber gleichzeitig noch einmal eine ganz andere Ebene: Plötzlich geht es stärker um Literatur selbst, ums Erzählen, um Wirklichkeit und darum, wer eigentlich wessen Geschichten erzählen darf.
In dieser Geschichte Mimesis sinniert der Schriftsteller auch über die Beschaffenheit des perfekten Verbrechens - eines Verbrechens, bei dem jeder weiss, wer der Verbrecher ist und wie da Verbrechen ausgeführt wird - ein offensichtliches Verbrechen, das unter unser aller Augen von statten geht und bei dem niemand etwas unternehmen kann und …
In „Mimesis“ sinniert der Schriftsteller auch über die Beschaffenheit des perfekten Verbrechens: eines Verbrechens, bei dem jeder weiß, wer der Täter ist und wie die Tat ausgeführt wird. Ein vollkommen offensichtliches Verbrechen also, das unter unser aller Augen stattfindet – und gegen das trotzdem niemand etwas unternimmt.
Tomer Gardi hat hier für mich einen ziemlich perfekten Roman geliefert: Er legt den Finger in die Wunde, bohrt ganz schön tief hinein und legt dieses „perfekte Verbrechen“ in all seinen komplexen Facetten frei – die Ausbeutung, die globalen Abhängigkeiten und die Systeme, an denen wir alle irgendwie beteiligt sind. Und das Beste daran: Er muss uns an keiner Stelle erklären, was wir darüber denken sollen.
September 10, 2026
ich konnte leider keinerlei verbindung zu diesem buch aufbauen… wieder so ein fall, bei dem ich die idee nachvollziehen und auch anerkennen kann, aber die umsetzung echt dürftig finde. für ein buch einer überschaubaren lange hat es sich sprachlich sehr gezogen. schade, denn ein roman dieser art über lieferant*innen ist längst überfällig.
February 26, 2026
"Liefern" ist ein Buch, das Dinge tut, die Tomer Gardi besonders gut kann. Mit einer - für ihn typischen - ordentlichen Portion Witz und Absurdität erzählt er Begebenheiten, die beim ersten Lesen zwar vielleicht noch amüsieren, spätestens beim erneuten Hinschauen aber zum ersten Mal für Gänsehaut sorgen. Dass in diesem Roman Essenslieferanten im Mittelpunkt der Handlung stehen fand ich besonders spannend, da Leser:innen so einer Personengruppe folgen, die sonst in der Masse verschwindet.
Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft in der wir leben wird von Tomer Gardi schonungslos angeprangert, Missverhältnisse und Ungerechtigkeiten ausgestellt und angeklagt. Gleichzeitig macht er auch die grausamen Ambivalenzen unserer Gesellschaft offensichtlich. Denn die Existenz von Filmon, den Arbeiterinnen auf der Rosenplantage hängt in gewisser Weise auch von den - im Überfluss lebenden - Konsumierenden ab und dessen sind sie sich schmerzhaft bewusst.
"Liefern" bewegt zum Nachdenken. Der Schreibstil ist einzigartig. Leider hat er nicht immer ganz meinem Geschmack entsprochen, was seiner Qualität aber selbstverständlich keinen Abbruch tut. Ich bin etwas unschlüssig, was den roten Faden des Buches betrifft. Während ich mir stellenweise etwas mehr Verknüpfung der einzelnen Episoden gewünscht hätte, bewirkt die Vielfalt der Passagen gleichzeitig, dass erst wirklich deutlich wird, mit was für einem weltumfassenden Problem wir es hier zu tun haben. Definitiv ein lesenswertes Buch!
Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft in der wir leben wird von Tomer Gardi schonungslos angeprangert, Missverhältnisse und Ungerechtigkeiten ausgestellt und angeklagt. Gleichzeitig macht er auch die grausamen Ambivalenzen unserer Gesellschaft offensichtlich. Denn die Existenz von Filmon, den Arbeiterinnen auf der Rosenplantage hängt in gewisser Weise auch von den - im Überfluss lebenden - Konsumierenden ab und dessen sind sie sich schmerzhaft bewusst.
"Liefern" bewegt zum Nachdenken. Der Schreibstil ist einzigartig. Leider hat er nicht immer ganz meinem Geschmack entsprochen, was seiner Qualität aber selbstverständlich keinen Abbruch tut. Ich bin etwas unschlüssig, was den roten Faden des Buches betrifft. Während ich mir stellenweise etwas mehr Verknüpfung der einzelnen Episoden gewünscht hätte, bewirkt die Vielfalt der Passagen gleichzeitig, dass erst wirklich deutlich wird, mit was für einem weltumfassenden Problem wir es hier zu tun haben. Definitiv ein lesenswertes Buch!
October 6, 2026
Die ganze Rezension im Papierstau Podcast lässt sich unter folgendem Link finden:
Link zur Folge
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March 27, 2026
Ehrlicher Einblick in das Prekariat verschiedenster Länder. Zeigt doch wie ähnlich die Verhältnisse sind unter welchen einfache Arbeiter:innen leiden. Ein Geschichte zur Organisierung via WhatsApp zeigt aber auch wie eine Änderung möglich sein kann.
Nervig ist leider, dass an manchen Stellen sehr deutlich bemerkbar ist, dass das Buch von einem Mann verfasst wurde und Sexismus reproduziert wird.
Nervig ist leider, dass an manchen Stellen sehr deutlich bemerkbar ist, dass das Buch von einem Mann verfasst wurde und Sexismus reproduziert wird.
February 14, 2026
Interessante, nicht alltägliche Beiträge, lose miteinander verbandelt
Das Cover zeigt einen Motorradfahrer mit einer Lieferkiste auf dem Rücken in orange markantem Symbol, wie in einem Hamsterrad gefangen wirkend. Bestandsaufnahmen zu extremen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen aus sechs verschiedenen Gegenden, teils verwoben mit Lieferdiensten, teils eingewandert in Deutschland, berühren mit ihren Geschichten einen bunten Themenkreis wie Fremdheitserfahrungen, Ausbeutung durch mafiöse Arbeitgeber weltweit, Rassismus, Luftverschmutzung bekämpft mit künstlichem Regen, Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsnot und mehr. Die verschiedenen Episoden wirken sehr realistisch, vermitteln viel Informationsgehalt in nicht alltäglichen Begebenheiten wie Haartransplantation in Istanbul, mühelosem Kauf der systeminternen Kryptowährung Smooth Love Potion, Fanverhalten der Boca Juniors im Stadion La Bombonera in Buenos Aires oder wie internationaler Rosenvertrieb der Firma Naivasha Bloom in Kenia funktioniert. Mit Erich Auerbach, dem jüdischen Verfasser des Buches Nemesis, der über Istanbul vor den Nazis floh, wird auch deutsche Geschichte erwähnt.
Als Leser wandert man durch sehr verschiedene kulturelle Räume, sozialkritisch und literarisch gut aufbereitet.
Das Cover zeigt einen Motorradfahrer mit einer Lieferkiste auf dem Rücken in orange markantem Symbol, wie in einem Hamsterrad gefangen wirkend. Bestandsaufnahmen zu extremen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen aus sechs verschiedenen Gegenden, teils verwoben mit Lieferdiensten, teils eingewandert in Deutschland, berühren mit ihren Geschichten einen bunten Themenkreis wie Fremdheitserfahrungen, Ausbeutung durch mafiöse Arbeitgeber weltweit, Rassismus, Luftverschmutzung bekämpft mit künstlichem Regen, Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsnot und mehr. Die verschiedenen Episoden wirken sehr realistisch, vermitteln viel Informationsgehalt in nicht alltäglichen Begebenheiten wie Haartransplantation in Istanbul, mühelosem Kauf der systeminternen Kryptowährung Smooth Love Potion, Fanverhalten der Boca Juniors im Stadion La Bombonera in Buenos Aires oder wie internationaler Rosenvertrieb der Firma Naivasha Bloom in Kenia funktioniert. Mit Erich Auerbach, dem jüdischen Verfasser des Buches Nemesis, der über Istanbul vor den Nazis floh, wird auch deutsche Geschichte erwähnt.
Als Leser wandert man durch sehr verschiedene kulturelle Räume, sozialkritisch und literarisch gut aufbereitet.
September 26, 2026
Ein sehr interessanter Roman, der in verschiedenen Perspektiven die schlechten Umstände der Lieferanten zeigt. Dabei werden die Geschichten mehrerer Personen aus verschiedenen Ländern der Welt geschickt miteinander verknüpft, wodurch die Geschichte sehr spannend und abwechslungsreich war. Zudem wirkte es sehr gut recherchiert und ich habe einiges Neues über einige Länder gelernt.
August 14, 2026
Hätte ich ohne die Nominierung für den deutschen Buchpreis wahrscheinlich nicht gelesen.
July 24, 2026
Ich brauchte ein bisschen, um in die Sprache reinzukommen. Die Geschichten und die Menschen, um die sie sich drehen, haben mich aber sofort gefesselt.
August 30, 2026
Catchy read. Spannende Einblicke in sechs Länder, Kulturen und Leben. Globalisierung mit Schnittstelle Lieferant*innen. Erinnert mich an Feldstudien. Mir fehlte etwas der narrative Zusammenhang darüber hinaus. Trotzdem durch die kritische Darstellung der Lebens- und Arbeitsumstände und doch offenen Interpretation, hab ich es gern gelesen.
September 10, 2026
Zum Glück lass ich mir kein Essen, sondern nur Bücher liefern...
June 8, 2026
3,5 Sterne?! Maybe 4. mal Buchclub-Diskussion abwarten: nach Buchclub-Diskussion 4 Sterne. Aufbau super spannend & beeindruckend die Vernetzung der Erzählung zu globalem Konstrukt. Verliert sich in manchen Geschichten etwas. Die gesellschaftskritischen Themen sehr interessant. So wichtig, dass es dieses Buch gibt.
Minuspunkt: manchmal habe ich Beschreibungen von Frauen als sexistisch empfunden – an einigen Stellen nicht notwendig gewesen, da kein Belang für das Erzählte.
Minuspunkt: manchmal habe ich Beschreibungen von Frauen als sexistisch empfunden – an einigen Stellen nicht notwendig gewesen, da kein Belang für das Erzählte.
March 3, 2026
Der Roman „Liefern“ von Tomer Gardi ist ein episodisch aufgebautes Werk, das unterschiedliche Figuren und Lebenswelten miteinander verknüpft. Die Geschichten erzählen von Migration, Arbeit, Identität und Zufall und das anhand von Charakteren, die fast immer am Rand der Gesellschaft leben bzw. Teil der modernen Welt sind, aber von vielen nicht beachtet werden.
Inhaltlich haben mich die meisten der einzelnen Storys durchaus interessiert. Sie sind spannend konstruiert, teilweise überraschend und leben davon, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft miteinander verbunden sind – oft auf unerwartete Weise. Gerade dieser Gedanke, dass wir alle, ob bewusst oder unbewusst, miteinander verknüpft sind, hat mich zum Nachdenken angeregt. Das Buch eröffnet damit interessante Perspektiven auf gesellschaftliche Zusammenhänge und die Frage, ob unsere Verbundenheit mit anderen ein Vor- oder Nachteil ist.
Allerdings konnte mich der Schreibstil nicht wirklich überzeugen. Die häufig wechselnden Perspektiven innerhalb einzelner Episoden – teils sogar innerhalb eines Absatzes – wirken auf mich ziemlich verwirrend.. Oft fiel es mir schwer, zeitlich einzuordnen, was wann geschehen ist und auch die Reihenfolge der Ereignisse.
Hinzu kommen sprachliche Ungereimtheiten: Manche Formulierungen wirken gestelzt, an anderen Stellen irritieren Ungenauigkeiten oder Brüche – etwa wechselnde Namen (River wird zu Silver, Leandro zu Leonardo, Resuls Frau trägt plötzlich einen anderen Namen), Auch einzelne Figuren wie etwa der Muskelmann, der im Teil "Mimesis" mehrmals erwähnt wird und dann aber in der Geschichte von Filmon und Pavan einmal zur Sprache kommt ohne Kontext und nie wieder auftaucht, haben mich ziemlich irritiert.
Teilweise greifen die Episoden zudem auf Klischees zurück, was der sonst so vielschichtigen Story etwas die Tiefe nimmt. Das letzte Kapitel und insbesondere das Ende empfand ich als sehr merkwürdig - wo war die Verbindung zum Rest des Romans und das Ende war viel zu offen. Ich habe das Gefühl, dass es sehr schnell geschrieben worden ist und deshalb nicht die Stärke von den vorangegangenen Teiles des Buches hat.
Insgesamt ist „Liefern“ ein Roman mit starken inhaltlichen Ansätzen und spannenden Verknüpfungen, der jedoch stilistisch und strukturell mich nicht ganz überzeugt hat.
Inhaltlich haben mich die meisten der einzelnen Storys durchaus interessiert. Sie sind spannend konstruiert, teilweise überraschend und leben davon, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft miteinander verbunden sind – oft auf unerwartete Weise. Gerade dieser Gedanke, dass wir alle, ob bewusst oder unbewusst, miteinander verknüpft sind, hat mich zum Nachdenken angeregt. Das Buch eröffnet damit interessante Perspektiven auf gesellschaftliche Zusammenhänge und die Frage, ob unsere Verbundenheit mit anderen ein Vor- oder Nachteil ist.
Allerdings konnte mich der Schreibstil nicht wirklich überzeugen. Die häufig wechselnden Perspektiven innerhalb einzelner Episoden – teils sogar innerhalb eines Absatzes – wirken auf mich ziemlich verwirrend.. Oft fiel es mir schwer, zeitlich einzuordnen, was wann geschehen ist und auch die Reihenfolge der Ereignisse.
Hinzu kommen sprachliche Ungereimtheiten: Manche Formulierungen wirken gestelzt, an anderen Stellen irritieren Ungenauigkeiten oder Brüche – etwa wechselnde Namen (River wird zu Silver, Leandro zu Leonardo, Resuls Frau trägt plötzlich einen anderen Namen), Auch einzelne Figuren wie etwa der Muskelmann, der im Teil "Mimesis" mehrmals erwähnt wird und dann aber in der Geschichte von Filmon und Pavan einmal zur Sprache kommt ohne Kontext und nie wieder auftaucht, haben mich ziemlich irritiert.
Teilweise greifen die Episoden zudem auf Klischees zurück, was der sonst so vielschichtigen Story etwas die Tiefe nimmt. Das letzte Kapitel und insbesondere das Ende empfand ich als sehr merkwürdig - wo war die Verbindung zum Rest des Romans und das Ende war viel zu offen. Ich habe das Gefühl, dass es sehr schnell geschrieben worden ist und deshalb nicht die Stärke von den vorangegangenen Teiles des Buches hat.
Insgesamt ist „Liefern“ ein Roman mit starken inhaltlichen Ansätzen und spannenden Verknüpfungen, der jedoch stilistisch und strukturell mich nicht ganz überzeugt hat.
February 19, 2026
Tomer Gardi zabrał mnie do Tel Avivu, Berlina, Stambułu, Buenos Aires. To opowieści o prekariacie, szczególnym o tyle, że ich bohaterowie zwykle są dla większości niewidzialni, a jeśli już, to dostaną napiwek i git, albo falę bluzgów. A to - dostawcy jedzenia - ludzie przecież, często dobrze wykształceni, zawsze marzący o lepszym życiu, często żyjący na marginesie społecznym, na skraju kultur i języków. Gardi nie uprawia tu taniego sentymentalizmu, ale traktuje swoich bohaterów po ludzku, z wyrozumiałością, sympatią, zrozumieniem. I zagłębia się w ich życia tak głęboko, że powstaje ten rodzaj zanurzenia, który lubię najbardziej - gdy hermetyczne, kompletnie nieznane mi światy stają się znajome i oswojone. Ciekawy jest jest myk z zazębianiem się tych historii, o włos, o przypadek, o ślepy traf. I pochłania się je jednym tchem.
April 12, 2026
Tragisches Schicksal unzähliger Menschen
Das Buch hat mich zutiefst berührt. Leider wüsste ich keinen Ausweg aus dieser Misere. Lieferkuriere auf Fahrräder, ob E-Bike oder klassisch auf Motorräder oder Kleinstwägen, gibt es mittlerweile auf allen Kontinenten. Tomer Gardi lässt sie zu Wort kommen, lässt uns ihr hartes Leben durch ihre Augen sehen. Für mich hat der Perspektivwechsel von Seite Eins nun definitiv stattgefunden. “Mitbewohner des globalen Dorfes [that’s me], Perspektivwechsel! Hilft auch gegen Selbstmitleid! Auch gegen Aussichtslosigkeit! Erlöst von chronischem Purismus! Lindert Erbnabelschau! Lockert identitäre Fixationen! Hilft zudem gegen Opferglorie! Perspektivwechsel!” (S. 7) Egal, wie schlecht es uns geht, als Mitteleuropäer mit der richtigen Hautfarbe, als deutsche Staatsbürger, sind wir immer noch besser dran. Essenskuriere werden auf allen Kontinenten, in allen Städten aller Länder gnadenlos ausgebeutet. Um einen Job überhaupt zu ergattern, müssen sie hohe Kautionen zahlen, müssen substantielle Abgaben an windige Geschäftsleute zahlen, fahren immer gegen die Zeit, sind auf die Likes der belieferten Kunden angewiesen, auf die Betreiber diverser Imbissbuden und Restaurants, wo sie das Essen herholen. Das ist moderne Sklaverei. Ein Unfall, rachsüchtige Polizisten, und die Arbeit ist verloren oder auch das Leben.
Ich habe diese Kuriere mit verschiedenfarbigen eckigen Rucksäcken schon oft auf den Straßen gesehen, aber bisher nie über die Menschen nachgedacht, die dahinterstecken. Sie sind immer in Eile, kaum sieht man sie, sind sie schon vorbei. Oder ich sehe sie bei meinem Lieblingsitaliener, Inder, Chinesen, Dönerbetreiber, holen ihre Bestellungen ab und schon sind sie weiter. Sie strampeln buchstäblich gegen die Zeit und für positive Likes. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, was sie mit dem kargen Lohn alles bewerkstelligen müssen: Erpresserische Abgaben an Betreiber, Miete, Essen, Zahlungen an die Familie im Herkunftsland oder in die neue Wahlheimat. Richtig Geld für Rücklagen bleibt nicht.
Das Buch beginnt mit Filmon, aus Eritrea, er jobbt in Tel Aviv, wird auch Kurierfahrer. Seine Frau und seine Tochter sind in Berlin. Er versucht alles, um nach Berlin einreisen zu dürfen. Wenn er in Deutschland ankommt, wird er auch kein besseres Schicksal haben. Als Essenskurier wird er im selben Hamsterrad sein wie in Tel Aviv. Jederzeit kann ihm und seiner kleinen Familie die Abschiebung drohen. Und dann?
Das Buch besteht aus Episoden, die lose miteinander verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen allen, es sind Kurierfahrer, in Berlin, Delhi, Tel Aviv, Istanbul, Buenos Aires. Kurierfahrer, die am Existenzminimum darben. Nur das letzte Kapitel spielt in Kenia, aber nicht im Kurierfahrer Milieu, sondern Blumen Pflückerinnen in den Glashäusern. Die Frauen da haben es genauso schwer: Sie müssen im Akkord Blumen pflücken, mindestens 2.000 Rosen täglich für den Valentinstag in Europa. Hinzu kommt noch Beete bearbeiten und pflegen, so dass die Rosensträuche weiter blühen und treiben.
Das Titelbild mit dem Fahrer im Hamsterrad zeigt die Ausweglosigkeit dieser Menschen. Sie schuften und mühen sich, aber andere profitieren von ihrer Arbeit. Sie selber kommen nicht vom Fleck.
Das Buch hat mich ein wenig an Hans Falladas Romane erinnert. Dieselbe Ausweglosigkeit, derselbe Kampf ums Überleben der “kleinen einfachen” Leute.
Das Buch hat mich zutiefst berührt. Leider wüsste ich keinen Ausweg aus dieser Misere. Lieferkuriere auf Fahrräder, ob E-Bike oder klassisch auf Motorräder oder Kleinstwägen, gibt es mittlerweile auf allen Kontinenten. Tomer Gardi lässt sie zu Wort kommen, lässt uns ihr hartes Leben durch ihre Augen sehen. Für mich hat der Perspektivwechsel von Seite Eins nun definitiv stattgefunden. “Mitbewohner des globalen Dorfes [that’s me], Perspektivwechsel! Hilft auch gegen Selbstmitleid! Auch gegen Aussichtslosigkeit! Erlöst von chronischem Purismus! Lindert Erbnabelschau! Lockert identitäre Fixationen! Hilft zudem gegen Opferglorie! Perspektivwechsel!” (S. 7) Egal, wie schlecht es uns geht, als Mitteleuropäer mit der richtigen Hautfarbe, als deutsche Staatsbürger, sind wir immer noch besser dran. Essenskuriere werden auf allen Kontinenten, in allen Städten aller Länder gnadenlos ausgebeutet. Um einen Job überhaupt zu ergattern, müssen sie hohe Kautionen zahlen, müssen substantielle Abgaben an windige Geschäftsleute zahlen, fahren immer gegen die Zeit, sind auf die Likes der belieferten Kunden angewiesen, auf die Betreiber diverser Imbissbuden und Restaurants, wo sie das Essen herholen. Das ist moderne Sklaverei. Ein Unfall, rachsüchtige Polizisten, und die Arbeit ist verloren oder auch das Leben.
Ich habe diese Kuriere mit verschiedenfarbigen eckigen Rucksäcken schon oft auf den Straßen gesehen, aber bisher nie über die Menschen nachgedacht, die dahinterstecken. Sie sind immer in Eile, kaum sieht man sie, sind sie schon vorbei. Oder ich sehe sie bei meinem Lieblingsitaliener, Inder, Chinesen, Dönerbetreiber, holen ihre Bestellungen ab und schon sind sie weiter. Sie strampeln buchstäblich gegen die Zeit und für positive Likes. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, was sie mit dem kargen Lohn alles bewerkstelligen müssen: Erpresserische Abgaben an Betreiber, Miete, Essen, Zahlungen an die Familie im Herkunftsland oder in die neue Wahlheimat. Richtig Geld für Rücklagen bleibt nicht.
Das Buch beginnt mit Filmon, aus Eritrea, er jobbt in Tel Aviv, wird auch Kurierfahrer. Seine Frau und seine Tochter sind in Berlin. Er versucht alles, um nach Berlin einreisen zu dürfen. Wenn er in Deutschland ankommt, wird er auch kein besseres Schicksal haben. Als Essenskurier wird er im selben Hamsterrad sein wie in Tel Aviv. Jederzeit kann ihm und seiner kleinen Familie die Abschiebung drohen. Und dann?
Das Buch besteht aus Episoden, die lose miteinander verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen allen, es sind Kurierfahrer, in Berlin, Delhi, Tel Aviv, Istanbul, Buenos Aires. Kurierfahrer, die am Existenzminimum darben. Nur das letzte Kapitel spielt in Kenia, aber nicht im Kurierfahrer Milieu, sondern Blumen Pflückerinnen in den Glashäusern. Die Frauen da haben es genauso schwer: Sie müssen im Akkord Blumen pflücken, mindestens 2.000 Rosen täglich für den Valentinstag in Europa. Hinzu kommt noch Beete bearbeiten und pflegen, so dass die Rosensträuche weiter blühen und treiben.
Das Titelbild mit dem Fahrer im Hamsterrad zeigt die Ausweglosigkeit dieser Menschen. Sie schuften und mühen sich, aber andere profitieren von ihrer Arbeit. Sie selber kommen nicht vom Fleck.
Das Buch hat mich ein wenig an Hans Falladas Romane erinnert. Dieselbe Ausweglosigkeit, derselbe Kampf ums Überleben der “kleinen einfachen” Leute.
March 1, 2026
Lose verbunden, weltweit verstrickt - Geschichten von globaler Ausbeutung
Filmon versucht in Tel Aviv als Lieferfahrer genügend Geld zu verdienen, um zu seiner Frau und Tochter nach Deutschland zu reisen. Nina verliebt sich während eines Austauschsemesters in Neu Delhi in den Argentinier Rámon. Sachin muss in Neu Delhi als alleinstehende, seltene weibliche Essenslieferantin die Existenz ihrer kleinen Familie sichern. Der Erzähler reist mit einem Freund zur Haartransplantation nach Istanbul und trifft dort auf den studierten Essenslieferanten Resul. Ciervo versucht in Argentinien der drohenden Armut als Essenslieferant und Onlinespieler zu entgehen. Akiny findet in Kenia endlich Arbeit auf einer Rosenfarm.
All diese Handlungsstränge und Schicksale verbindet der Autor geschickt miteinander, sodass sie sich teilweise nur an den Rändern berühren und dennoch mitunter großen Einfluss aufeinander haben. Erzählt wird dadurch in Episoden und mit dem Fokus auf verschiedene Einzelschicksale, die wenig miteinander zu tun haben und dadurch wenig zusammenhängend wirken. Über einzelne Figuren würde man teilweise gern mehr wissen, andere bekommen dagegen zu viel Raum. So wirkt der Abschnitt über die Reise des Erzählers nach Istanbul zur Haartransplantation unnötig selbstverliebt in die Länge gezogen und detailliert. Ich wollte mich nur ungern derart intensiv mit dem kahlen Kopf des Erzählers und seiner dadurch entstandenen Männlichkeitskrise beschäftigen. Dieses "weltumspannende Gegenwartsepos" öffnet die Augen für die prekäre Situation von eingewanderten und armen Menschen in einer globalisierten Wirtschaft, die davon profitiert, Produktionen in andere Länder zu verlagern und prekäre SItuationen auszunutzen um prekäre Anstellungsverhältnisse zu schaffen. Wir sehen, wie sich Menschen für ihre Träume in Abhängigkeiten begeben, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen können. Das ist einfühlsam und öffnet die Augen für die Menschen, die uns - zumindest in Großstädten - täglich begegnen und die täglich um ihre Existenz kämpfen. Ein wenig hat mir aber auch die Reflexion in diese Gruppe hinein gefehlt. Zum Beispiel könnte man beleuchten, was es auch mit den Kundinnen macht, wenn die Liefer-App einen weiblichen Namen anzeigt, dann aber unerwarteterweise ein männlicher Lieferant vor der Tür steht (weil er den Account von einer Mittelsperson kaufen musste). So ist es nicht verwunderlich, dass Kundinnen den direkten Kontakt zum Lieferanten vermeiden. Oder auch das rücksichtslose Fahren auf Gehwegen und quer über Kreuzungen wird im Zuge von häufigen Unfällen nicht thematisiert. Ja, es ist ein Roman vor allem über das Lieferdienstgeschäft, aber an einigen Stellen war er mir ein wenig zu einseitig. Auch hätte ich gern erfahren, wie die einzelnen Figuren dort angekommen sind, wo sie am Ende waren. Das wurde leider ausgespart und so hatte ich das Gefühl, dass das Buch ruhig ein paar Seiten mehr vertragen hätte.
Insgesamt fand ich den Roman aber gelungen und anregend, da er ein zeitgemäßes Thema aufgreift und die Geschichten von Menschen beleuchtet, über die man sich im Alltag möglicherweise manchmal ärgert, aber ansonsten wenig nachdenkt. Hier gelingt es dem Autor, einen Perspektivenwechsel anzuregen. Zudem ist das Buch weitgehend kurzweilig, interessant und schafft es, auch fremde Orte lebensnah erscheinen zu lassen.
Filmon versucht in Tel Aviv als Lieferfahrer genügend Geld zu verdienen, um zu seiner Frau und Tochter nach Deutschland zu reisen. Nina verliebt sich während eines Austauschsemesters in Neu Delhi in den Argentinier Rámon. Sachin muss in Neu Delhi als alleinstehende, seltene weibliche Essenslieferantin die Existenz ihrer kleinen Familie sichern. Der Erzähler reist mit einem Freund zur Haartransplantation nach Istanbul und trifft dort auf den studierten Essenslieferanten Resul. Ciervo versucht in Argentinien der drohenden Armut als Essenslieferant und Onlinespieler zu entgehen. Akiny findet in Kenia endlich Arbeit auf einer Rosenfarm.
All diese Handlungsstränge und Schicksale verbindet der Autor geschickt miteinander, sodass sie sich teilweise nur an den Rändern berühren und dennoch mitunter großen Einfluss aufeinander haben. Erzählt wird dadurch in Episoden und mit dem Fokus auf verschiedene Einzelschicksale, die wenig miteinander zu tun haben und dadurch wenig zusammenhängend wirken. Über einzelne Figuren würde man teilweise gern mehr wissen, andere bekommen dagegen zu viel Raum. So wirkt der Abschnitt über die Reise des Erzählers nach Istanbul zur Haartransplantation unnötig selbstverliebt in die Länge gezogen und detailliert. Ich wollte mich nur ungern derart intensiv mit dem kahlen Kopf des Erzählers und seiner dadurch entstandenen Männlichkeitskrise beschäftigen. Dieses "weltumspannende Gegenwartsepos" öffnet die Augen für die prekäre Situation von eingewanderten und armen Menschen in einer globalisierten Wirtschaft, die davon profitiert, Produktionen in andere Länder zu verlagern und prekäre SItuationen auszunutzen um prekäre Anstellungsverhältnisse zu schaffen. Wir sehen, wie sich Menschen für ihre Träume in Abhängigkeiten begeben, aus denen sie nur schwer wieder herauskommen können. Das ist einfühlsam und öffnet die Augen für die Menschen, die uns - zumindest in Großstädten - täglich begegnen und die täglich um ihre Existenz kämpfen. Ein wenig hat mir aber auch die Reflexion in diese Gruppe hinein gefehlt. Zum Beispiel könnte man beleuchten, was es auch mit den Kundinnen macht, wenn die Liefer-App einen weiblichen Namen anzeigt, dann aber unerwarteterweise ein männlicher Lieferant vor der Tür steht (weil er den Account von einer Mittelsperson kaufen musste). So ist es nicht verwunderlich, dass Kundinnen den direkten Kontakt zum Lieferanten vermeiden. Oder auch das rücksichtslose Fahren auf Gehwegen und quer über Kreuzungen wird im Zuge von häufigen Unfällen nicht thematisiert. Ja, es ist ein Roman vor allem über das Lieferdienstgeschäft, aber an einigen Stellen war er mir ein wenig zu einseitig. Auch hätte ich gern erfahren, wie die einzelnen Figuren dort angekommen sind, wo sie am Ende waren. Das wurde leider ausgespart und so hatte ich das Gefühl, dass das Buch ruhig ein paar Seiten mehr vertragen hätte.
Insgesamt fand ich den Roman aber gelungen und anregend, da er ein zeitgemäßes Thema aufgreift und die Geschichten von Menschen beleuchtet, über die man sich im Alltag möglicherweise manchmal ärgert, aber ansonsten wenig nachdenkt. Hier gelingt es dem Autor, einen Perspektivenwechsel anzuregen. Zudem ist das Buch weitgehend kurzweilig, interessant und schafft es, auch fremde Orte lebensnah erscheinen zu lassen.
March 8, 2026
Wie ich sie verfluch(t)e: mit leisen Elektrorollern fahren sie auf Radwegen und über Fußgängerbrücken, schneiden eine im Überholen von links und von rechts und bescheren damit mehrere Schrecksekunden - Essenslieferanten. Zwar war mir klar, dass sie in prekären Lebensumständen leben, trotzdem waren sie mir ehrlichgestanden des Öfteren ein Ärgernis. Tomer Gardi hat dem Abhilfe verschaffen und liefert mit "Liefern" ein eindringliches Bild von den Menschen, die durch unsere Bequemlichkeit nicht nur prekär, sondern fast schon versklavt leben müssen.
Wir folgen im gesamten Buch, das sich aus mehreren Erzählungen zusammensetzt, schier zahllosen Schicksalen von Menschen, die liefern. Die ihr Glück in einem anderen Land oder einer anderen Stadt suchen und egal was ihr Hintergrund ist, sie finden sich zu dieser undankbaren Arbeit, die ihnen vor allem eines beschert: Stress. Und kaum Verdienst. Sie müssen kämpfen, um ihren Online-Status nach oben zu treiben, den jede schlechte Bewertung könnte ihnen zum Verhängnis werden und ihnen ihre Lebensgrundlage entziehen.
Aber wer glaubt, Gardi tut das mit erhobenen Zeigenfinger, der irrt. Die meisten Einzelschicksale werden humorig erzählt, wir lernen Lieferanten und Lieferantinnen aus und auf der ganzen Welt kennen, erfahren Momentaufnahmen aus ihrer Biographie, hetzen mit ihnen von Auftrag zu Auftrag, verweilen mit ihnen beim Fischen und beim Erzählen über ihr Leben, lernen andere Personen kennen, die die ein oder andere Berührung mit ihnen hatten, staunen über Absurdes und darüber, dass eine Geschichte dann plötzlich abbricht.
Die Figuren, die Gardi schildert, sind nicht zwangsläufig sympathisch, oft nerven sie sogar gewaltig - besonders zu Beginn, im ersten Kapitel "Indie-Go", in dem wir Filmon als Lieferant in Israel begleiten, dachte ich mir manchmal: ich werde dieses Buch nicht beenden können, die Art und Weise dieses Typen ist einfach nur nervig. Nächste Szene, nächste Protagonist*innen und es wurde besser. Ich kann nicht leugnen, dass das Buch bis zum Schluss ein kleiner Lesekampf war, teilweise war es etwas schwer, die Zusammenhänge zusammenzubekommen, ABER: das Buch hallt nach und erst nach Beendigung fand bei mir der Prozess der Begeisterung statt. Langsam dämmerte mir, wie genial der Autor die Zusammenhänge der Figuren global zusammenführt. Und wie gesellschaftskritisch er dabei agiert, unterschwellig, denn es muss erst sickern. Es gibt viele Leerstellen, Geschichten die begonnen und nicht fertig erzählt werden, aber die Lebensgeschichten, über die wir lesen, sind nur Einzelaufnahmen und alle teilen sie das selbe Schicksal: sie sind dem kapitalistischen System ausgeliefert.
Mein Fazit: "Liefern" ist ein rasanter Roman in Episoden, der es weiß, die unterschiedlichen Protagonist*innen fein miteinander zu verweben und ihre Gemeinsamkeiten unterschwellig herauszuarbeiten. Es ist ein kritisches Buch, dass erst verdaut werden muss, ehe es seine vollkommene Wirkkraft entfaltet. Eine klare Leseempfehlung, die aber Durchhaltevermögen voraussetzt.
Wir folgen im gesamten Buch, das sich aus mehreren Erzählungen zusammensetzt, schier zahllosen Schicksalen von Menschen, die liefern. Die ihr Glück in einem anderen Land oder einer anderen Stadt suchen und egal was ihr Hintergrund ist, sie finden sich zu dieser undankbaren Arbeit, die ihnen vor allem eines beschert: Stress. Und kaum Verdienst. Sie müssen kämpfen, um ihren Online-Status nach oben zu treiben, den jede schlechte Bewertung könnte ihnen zum Verhängnis werden und ihnen ihre Lebensgrundlage entziehen.
Aber wer glaubt, Gardi tut das mit erhobenen Zeigenfinger, der irrt. Die meisten Einzelschicksale werden humorig erzählt, wir lernen Lieferanten und Lieferantinnen aus und auf der ganzen Welt kennen, erfahren Momentaufnahmen aus ihrer Biographie, hetzen mit ihnen von Auftrag zu Auftrag, verweilen mit ihnen beim Fischen und beim Erzählen über ihr Leben, lernen andere Personen kennen, die die ein oder andere Berührung mit ihnen hatten, staunen über Absurdes und darüber, dass eine Geschichte dann plötzlich abbricht.
Die Figuren, die Gardi schildert, sind nicht zwangsläufig sympathisch, oft nerven sie sogar gewaltig - besonders zu Beginn, im ersten Kapitel "Indie-Go", in dem wir Filmon als Lieferant in Israel begleiten, dachte ich mir manchmal: ich werde dieses Buch nicht beenden können, die Art und Weise dieses Typen ist einfach nur nervig. Nächste Szene, nächste Protagonist*innen und es wurde besser. Ich kann nicht leugnen, dass das Buch bis zum Schluss ein kleiner Lesekampf war, teilweise war es etwas schwer, die Zusammenhänge zusammenzubekommen, ABER: das Buch hallt nach und erst nach Beendigung fand bei mir der Prozess der Begeisterung statt. Langsam dämmerte mir, wie genial der Autor die Zusammenhänge der Figuren global zusammenführt. Und wie gesellschaftskritisch er dabei agiert, unterschwellig, denn es muss erst sickern. Es gibt viele Leerstellen, Geschichten die begonnen und nicht fertig erzählt werden, aber die Lebensgeschichten, über die wir lesen, sind nur Einzelaufnahmen und alle teilen sie das selbe Schicksal: sie sind dem kapitalistischen System ausgeliefert.
Mein Fazit: "Liefern" ist ein rasanter Roman in Episoden, der es weiß, die unterschiedlichen Protagonist*innen fein miteinander zu verweben und ihre Gemeinsamkeiten unterschwellig herauszuarbeiten. Es ist ein kritisches Buch, dass erst verdaut werden muss, ehe es seine vollkommene Wirkkraft entfaltet. Eine klare Leseempfehlung, die aber Durchhaltevermögen voraussetzt.
May 8, 2026
„Liefern“ von Liefern von Tomer Gardi ist am 14.02.2026 bei Tropen Verlag erschienen, in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Anne Birkenhauer. Der Roman führt uns nach Tel Aviv, Berlin, Delhi, Istanbul und Buenos Aires – und mitten hinein in die Leben der Menschen, die Essen ausliefern, unsichtbare Arbeit leisten und trotzdem die Städte am Laufen halten.
Worum gehts?
Im Zentrum steht Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflohen ist und als Lieferfahrer arbeitet, um irgendwann zu seiner Familie nach Berlin ziehen zu können. Doch „Liefern“ erzählt nie nur eine Geschichte. Die Figuren und Orte greifen ineinander wie Straßen eines riesigen Stadtplans. Genau das macht diesen Roman so besonders: Er zeigt, wie eng unsere Welt miteinander verbunden ist – wirtschaftlich, politisch und emotional.
Meine Meinung
Schon die ersten Seiten haben mich unglaublich abgeholt. Gardi schreibt mit einer filmischen Präzision, die Szenen wirken oft wie beobachtete Momentaufnahmen. Besonders Filmons Kapitel gingen mir nah. „Filmon was here.“ (S. 9) – dieser kleine Satz trägt so viel Sehnsucht nach Sichtbarkeit in sich, dass ich lange daran denken musste.
Überhaupt gelingt dem Roman etwas, das ich selten so überzeugend gelesen habe: gesellschaftliche Analyse und echte Menschlichkeit zusammenzubringen. Themen wie Ausbeutung, Rassismus, Migration und prekäre Arbeit wirken nie abstrakt, sondern immer unmittelbar. Gerade die Riders werden hier nicht zu Symbolfiguren reduziert, sondern als Menschen mit Würde, Humor und Angst gezeigt. Ein Satz, der mich besonders getroffen hat: „Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind.“ (S. 143)
Auch sprachlich ist das Buch wahnsinnig spannend. Unterschiedliche Stimmen, Sprachen und Perspektiven treffen aufeinander, manchmal chaotisch, manchmal poetisch, aber immer lebendig. Besonders mochte ich die Idee der „Einwanderersprache“: „Wir waren wie Botschafter, aber eben Botschafter von Sprachen, nicht von Regimen.“ (S. 94) Solche Stellen machen deutlich, wie viel Liebe zur Sprache und zum Erzählen in diesem Roman steckt.
Was man allerdings wissen sollte: „Liefern“ verlangt Aufmerksamkeit. Durch die vielen Figuren, Perspektiven und Ortswechsel musste ich mich zwischendurch immer wieder neu orientieren. Für mich hat sich das absolut gelohnt, aber es ist definitiv kein „Nebenbei“-Roman.
Fazit
„Liefern“ ist ein politischer, wohl überlegter und gleichzeitig sehr warmer Roman über globale Zusammenhänge und die Menschen, die darin oft übersehen werden. Tomer Gardi erzählt von Migration, Arbeit und Zugehörigkeit mit Humor, Wucht und literarischer Experimentierfreude. Empfehlung für alle, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen, multiperspektivische Romane lieben und Bücher schätzen, die zum Nachdenken anregen. Nichts für Leser:innen, die eine stringente, einfache Handlung erwarten. Vielen Dank an den Tropen Verlag & netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar!
Worum gehts?
Im Zentrum steht Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflohen ist und als Lieferfahrer arbeitet, um irgendwann zu seiner Familie nach Berlin ziehen zu können. Doch „Liefern“ erzählt nie nur eine Geschichte. Die Figuren und Orte greifen ineinander wie Straßen eines riesigen Stadtplans. Genau das macht diesen Roman so besonders: Er zeigt, wie eng unsere Welt miteinander verbunden ist – wirtschaftlich, politisch und emotional.
Meine Meinung
Schon die ersten Seiten haben mich unglaublich abgeholt. Gardi schreibt mit einer filmischen Präzision, die Szenen wirken oft wie beobachtete Momentaufnahmen. Besonders Filmons Kapitel gingen mir nah. „Filmon was here.“ (S. 9) – dieser kleine Satz trägt so viel Sehnsucht nach Sichtbarkeit in sich, dass ich lange daran denken musste.
Überhaupt gelingt dem Roman etwas, das ich selten so überzeugend gelesen habe: gesellschaftliche Analyse und echte Menschlichkeit zusammenzubringen. Themen wie Ausbeutung, Rassismus, Migration und prekäre Arbeit wirken nie abstrakt, sondern immer unmittelbar. Gerade die Riders werden hier nicht zu Symbolfiguren reduziert, sondern als Menschen mit Würde, Humor und Angst gezeigt. Ein Satz, der mich besonders getroffen hat: „Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind.“ (S. 143)
Auch sprachlich ist das Buch wahnsinnig spannend. Unterschiedliche Stimmen, Sprachen und Perspektiven treffen aufeinander, manchmal chaotisch, manchmal poetisch, aber immer lebendig. Besonders mochte ich die Idee der „Einwanderersprache“: „Wir waren wie Botschafter, aber eben Botschafter von Sprachen, nicht von Regimen.“ (S. 94) Solche Stellen machen deutlich, wie viel Liebe zur Sprache und zum Erzählen in diesem Roman steckt.
Was man allerdings wissen sollte: „Liefern“ verlangt Aufmerksamkeit. Durch die vielen Figuren, Perspektiven und Ortswechsel musste ich mich zwischendurch immer wieder neu orientieren. Für mich hat sich das absolut gelohnt, aber es ist definitiv kein „Nebenbei“-Roman.
Fazit
„Liefern“ ist ein politischer, wohl überlegter und gleichzeitig sehr warmer Roman über globale Zusammenhänge und die Menschen, die darin oft übersehen werden. Tomer Gardi erzählt von Migration, Arbeit und Zugehörigkeit mit Humor, Wucht und literarischer Experimentierfreude. Empfehlung für alle, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen, multiperspektivische Romane lieben und Bücher schätzen, die zum Nachdenken anregen. Nichts für Leser:innen, die eine stringente, einfache Handlung erwarten. Vielen Dank an den Tropen Verlag & netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar!
August 31, 2026
Gesellschaftskritisch und leichtfüßig, aber mit einem großen Manko
Tomer Gardi verbindet in „Liefern“ verschiedene Geschichten und Schauplätze miteinander, die zunächst eher lose nebeneinanderstehen, sich nach und nach aber zu einem größeren Ganzen zusammenfügen. Dieses episodische Erzählen hat mir ziemlich gut gefallen. Die einzelnen Geschichten lassen sich angenehm lesen und durch die Verbindungen zwischen den Figuren entsteht trotzdem das Gefühl eines zusammenhängenden Romans.
Gardis Schreibstil empfand ich als locker, flüssig und sehr zugänglich. Ich brauchte keine lange Eingewöhnungsphase, sondern war schnell mitten im Leben der jeweiligen Figuren. Besonders gelungen fand ich, wie leichtfüßig der Roman teilweise daherkommt und dabei gleichzeitig ausgesprochen ernste gesellschaftliche und politische Themen behandelt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren finanzielle und rechtliche Situation ihnen kaum Handlungsspielraum lässt. Wer dringend Geld verdienen muss, kann schlechte Arbeitsbedingungen eben nicht einfach ablehnen. Gerade die Perspektive der Lieferanten macht deutlich, wie bequem es sich diejenigen machen können, die am anderen Ende dieses Systems lediglich auf „Bestellen“ klicken müssen. Das hat mich unweigerlich dazu angeregt, mehr über das eigene Konsumverhalten und die Menschen hinter solchen Dienstleistungen nachzudenken. Gesellschaftskritisch funktioniert der Roman für mich deshalb ausgesprochen gut, ohne erhobenen Zeigefinger.
Ein großes Manko hat meinen positiven Gesamteindruck allerdings erheblich geschmälert: die Darstellung der Frauen. Während viele der männlichen Figuren eigene Geschichten, Wünsche, Probleme und Widersprüche bekommen, erschienen mir die Frauen erstaunlich häufig vor allem über ihre Beziehung zu Männern definiert. Sie sind Ehefrau, Exfrau, Mutter oder Objekt der Begierde, bleiben dabei aber für mein Empfinden wesentlich blasser als die männlichen Charaktere. Gerade bei einem Roman, der gesellschaftliche Strukturen so aufmerksam betrachtet, fand ich diese Einseitigkeit besonders schade. Ich hätte mir gewünscht, dass Gardi seinen weiblichen Figuren dieselbe Komplexität und Eigenständigkeit zugesteht wie seinen männlichen Protagonisten. Für mich war das nicht nur eine kleine Schwäche, sondern ein Punkt, der meine Begeisterung für das Buch deutlich gebremst hat.
Trotzdem ist „Liefern“ ein ungewöhnlicher und sehr gegenwärtiger Roman. Die internationale Perspektive und die miteinander verwobenen Geschichten zeigen, wie ähnlich sich Abhängigkeiten, wirtschaftlicher Druck und die Sehnsucht nach einem besseren Leben an ganz unterschiedlichen Orten der Welt sein können. Besonders empfehlen würde ich das Buch Leser*innen, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen und sich gerne mit den weniger sichtbaren Seiten unseres alltäglichen Konsums beschäftigen. Sprachlich und konzeptionell hat mich der Roman überzeugt, bei der Ausgestaltung seiner weiblichen Figuren leider deutlich weniger.
Tomer Gardi verbindet in „Liefern“ verschiedene Geschichten und Schauplätze miteinander, die zunächst eher lose nebeneinanderstehen, sich nach und nach aber zu einem größeren Ganzen zusammenfügen. Dieses episodische Erzählen hat mir ziemlich gut gefallen. Die einzelnen Geschichten lassen sich angenehm lesen und durch die Verbindungen zwischen den Figuren entsteht trotzdem das Gefühl eines zusammenhängenden Romans.
Gardis Schreibstil empfand ich als locker, flüssig und sehr zugänglich. Ich brauchte keine lange Eingewöhnungsphase, sondern war schnell mitten im Leben der jeweiligen Figuren. Besonders gelungen fand ich, wie leichtfüßig der Roman teilweise daherkommt und dabei gleichzeitig ausgesprochen ernste gesellschaftliche und politische Themen behandelt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren finanzielle und rechtliche Situation ihnen kaum Handlungsspielraum lässt. Wer dringend Geld verdienen muss, kann schlechte Arbeitsbedingungen eben nicht einfach ablehnen. Gerade die Perspektive der Lieferanten macht deutlich, wie bequem es sich diejenigen machen können, die am anderen Ende dieses Systems lediglich auf „Bestellen“ klicken müssen. Das hat mich unweigerlich dazu angeregt, mehr über das eigene Konsumverhalten und die Menschen hinter solchen Dienstleistungen nachzudenken. Gesellschaftskritisch funktioniert der Roman für mich deshalb ausgesprochen gut, ohne erhobenen Zeigefinger.
Ein großes Manko hat meinen positiven Gesamteindruck allerdings erheblich geschmälert: die Darstellung der Frauen. Während viele der männlichen Figuren eigene Geschichten, Wünsche, Probleme und Widersprüche bekommen, erschienen mir die Frauen erstaunlich häufig vor allem über ihre Beziehung zu Männern definiert. Sie sind Ehefrau, Exfrau, Mutter oder Objekt der Begierde, bleiben dabei aber für mein Empfinden wesentlich blasser als die männlichen Charaktere. Gerade bei einem Roman, der gesellschaftliche Strukturen so aufmerksam betrachtet, fand ich diese Einseitigkeit besonders schade. Ich hätte mir gewünscht, dass Gardi seinen weiblichen Figuren dieselbe Komplexität und Eigenständigkeit zugesteht wie seinen männlichen Protagonisten. Für mich war das nicht nur eine kleine Schwäche, sondern ein Punkt, der meine Begeisterung für das Buch deutlich gebremst hat.
Trotzdem ist „Liefern“ ein ungewöhnlicher und sehr gegenwärtiger Roman. Die internationale Perspektive und die miteinander verwobenen Geschichten zeigen, wie ähnlich sich Abhängigkeiten, wirtschaftlicher Druck und die Sehnsucht nach einem besseren Leben an ganz unterschiedlichen Orten der Welt sein können. Besonders empfehlen würde ich das Buch Leser*innen, die gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mögen und sich gerne mit den weniger sichtbaren Seiten unseres alltäglichen Konsums beschäftigen. Sprachlich und konzeptionell hat mich der Roman überzeugt, bei der Ausgestaltung seiner weiblichen Figuren leider deutlich weniger.
March 10, 2026
Humorvolle und kritische Einblicke in die Welt der Lieferfahrer
Der Roman „Liefern“ von Tomer Gardi greift ein sehr aktuelles und gesellschaftlich relevantes Thema auf: die Arbeitsrealität von Essenslieferanten und anderen Dienstleistenden in der Plattformökonomie. Gerade in Zeiten von Liefer-Apps und digital vermittelter Arbeit eröffnet das Buch einen Blick auf eine Welt, die für viele Menschen alltäglich ist, über die man jedoch oft nur wenig weiß.
Der Roman ist in mehrere Episoden gegliedert, die an unterschiedlichen Orten der Welt spielen – unter anderem in Berlin, Tel Aviv oder Buenos Aires. In diesen einzelnen Geschichten begleitet man verschiedene Figuren, die als Lieferfahrer arbeiten und häufig einen Migrationshintergrund haben. Sie alle versuchen, unter schwierigen Bedingungen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Dabei geht es nicht nur um Arbeit, sondern auch um Themen wie Migration, Zugehörigkeit, Familie, Hoffnung und Zukunft.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Gardi gesellschaftliche Kritik mit einer teilweise humorvollen und sehr lebendigen Erzählweise verbindet. Manche Szenen sind durchaus witzig oder leicht erzählt, gleichzeitig wird aber immer wieder deutlich, wie prekär die Lebenssituationen vieler Figuren sind. Das Lachen bleibt einem daher gelegentlich im Halse stecken, wenn sichtbar wird, wie stark Ungleichheit, Ausbeutung oder fehlende Perspektiven den Alltag der Lieferfahrer prägen.
Die Figuren wirken meist nahbar und sympathisch, ihre Geschichten zeigen unterschiedliche Facetten von Flucht, Neuanfang und dem Versuch, irgendwo anzukommen. Dadurch entsteht ein globales Panorama von Menschen, deren Leben sich zwar an verschiedenen Orten abspielt, die aber mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen.
Allerdings wirkt die episodenhafte Struktur nicht immer ganz rund. Manche Geschichten beginnen vielversprechend, bleiben aber relativ kurz oder enden recht offen. Dadurch können einzelne Abschnitte etwas fragmentarisch wirken, als würden eher Momentaufnahmen als vollständig ausgearbeitete Erzählungen präsentiert. Gerade gegen Ende entsteht dadurch ein leicht irritierender Eindruck, weil sich nicht alle Handlungsstränge zu einem klaren Abschluss zusammenfügen.
Insgesamt ist „Liefern“ ein origineller und zum Nachdenken anregender Roman, der auf eindrucksvolle Weise auf die Menschen hinter unserem alltäglichen Komfort aufmerksam macht. Trotz kleiner Schwächen in der Struktur überzeugt das Buch vor allem durch sein wichtiges Thema, seine lebendigen Figuren und den gelungenen Mix aus Unterhaltung und gesellschaftlicher Kritik.
Der Roman „Liefern“ von Tomer Gardi greift ein sehr aktuelles und gesellschaftlich relevantes Thema auf: die Arbeitsrealität von Essenslieferanten und anderen Dienstleistenden in der Plattformökonomie. Gerade in Zeiten von Liefer-Apps und digital vermittelter Arbeit eröffnet das Buch einen Blick auf eine Welt, die für viele Menschen alltäglich ist, über die man jedoch oft nur wenig weiß.
Der Roman ist in mehrere Episoden gegliedert, die an unterschiedlichen Orten der Welt spielen – unter anderem in Berlin, Tel Aviv oder Buenos Aires. In diesen einzelnen Geschichten begleitet man verschiedene Figuren, die als Lieferfahrer arbeiten und häufig einen Migrationshintergrund haben. Sie alle versuchen, unter schwierigen Bedingungen ihren Lebensunterhalt zu sichern. Dabei geht es nicht nur um Arbeit, sondern auch um Themen wie Migration, Zugehörigkeit, Familie, Hoffnung und Zukunft.
Besonders eindrucksvoll ist, wie Gardi gesellschaftliche Kritik mit einer teilweise humorvollen und sehr lebendigen Erzählweise verbindet. Manche Szenen sind durchaus witzig oder leicht erzählt, gleichzeitig wird aber immer wieder deutlich, wie prekär die Lebenssituationen vieler Figuren sind. Das Lachen bleibt einem daher gelegentlich im Halse stecken, wenn sichtbar wird, wie stark Ungleichheit, Ausbeutung oder fehlende Perspektiven den Alltag der Lieferfahrer prägen.
Die Figuren wirken meist nahbar und sympathisch, ihre Geschichten zeigen unterschiedliche Facetten von Flucht, Neuanfang und dem Versuch, irgendwo anzukommen. Dadurch entsteht ein globales Panorama von Menschen, deren Leben sich zwar an verschiedenen Orten abspielt, die aber mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen.
Allerdings wirkt die episodenhafte Struktur nicht immer ganz rund. Manche Geschichten beginnen vielversprechend, bleiben aber relativ kurz oder enden recht offen. Dadurch können einzelne Abschnitte etwas fragmentarisch wirken, als würden eher Momentaufnahmen als vollständig ausgearbeitete Erzählungen präsentiert. Gerade gegen Ende entsteht dadurch ein leicht irritierender Eindruck, weil sich nicht alle Handlungsstränge zu einem klaren Abschluss zusammenfügen.
Insgesamt ist „Liefern“ ein origineller und zum Nachdenken anregender Roman, der auf eindrucksvolle Weise auf die Menschen hinter unserem alltäglichen Komfort aufmerksam macht. Trotz kleiner Schwächen in der Struktur überzeugt das Buch vor allem durch sein wichtiges Thema, seine lebendigen Figuren und den gelungenen Mix aus Unterhaltung und gesellschaftlicher Kritik.
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