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Botanik des Wahnsinns: Roman

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Als bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter durch eine Verwechslung alles von Wert in die Müllverbrennungsanlage wandert, bleibt dem Erzähler wortwörtlich nur der Abfall der eigenen Familiengeschichte. Wie hat es so weit kommen können?

Der Erzähler blickt auf die Biografie seiner ein Stammbaum des Wahnsinns. Die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, der Großvater Stammkunde in Steinhof, die Mutter Alkoholikerin, der Vater depressiv.

Und er blickt auf seinen eigenen Eine Kindheit im Münchner Arbeiterviertel. Die frühe Angst, verrückt zu werden. Die Flucht vor der Familie ins entfernte New York. Jahre in Wien mit Freud im Kaffeehaus. Und wie er schließlich doch in der Anstalt landet – als Psychologe. Bei der Arbeit mit den Patienten lernt er, dass ein Mensch immer mehr ist als seine Krankheit, dass Zuhören wichtiger ist als Diagnostizieren. Vor allem aber muss er sich bald die Frage stellen, was das sein ein normaler Mensch. Eine aus dem Ruder gelaufene Familienanamnese? Ein Schelmenroman? Ein Lehrstück in Empathie?

Leon Englers Debüt ist all das und mehr, ein zärtlicher Befreiungsschlag, die Geschichte einer Versöhnung.

»Unwiderstehlich. Leichtfüßig und ernst, zärtlich und brutal, ironisch und ehrlich.« SIRI HUSTVEDT

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Published August 12, 2025

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Leon Engler

4 books3 followers

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3 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 134 reviews
Profile Image for Uralte  Morla.
368 reviews120 followers
August 24, 2025
"Meine Familie war ohne Erzählung. Jetzt, da ich etwas aufschreibe, rückt es ins Licht. Es war ein weiter Weg hinaus aus der Sprachlosigkeit. Es ist eine Version dieser Geschichte, man könnte tausend verschiedene davon schreiben." (Seite 199)

Zwölf Mal hat sich seine Großmutter versucht, das Leben zu nehmen. Zwölf Mal hat seine Mutter das mitgemacht, hat sich wieder ohne Klagen um die bipolare Großmutter gekümmert, die sich immer mehr aus dem Leben zurückzieht, bis sie schließlich stirbt. Später wird seine Mutter alkoholsüchtig werden. Genauso wie sein Großvater väterlicherseits. Sein Vater, von der eigenen Mutter weggeben, von der zweiten Adoptivmutter ungeliebt, hat hingegen zeit seines Lebens schwere Depressionen. Keine guten Ankerpunkte für ein Kind, keine gute Grundlage für ein gesundes Erwachsenenleben.

Kein Wunder also, dass der namenlose Erzähler in Leon Englers "Botanik des Wahnsinns" ständig Angst hat, selbst psychisch krank zu werden - und sich dabei nicht traut, sein Leben zu leben. Fast manisch reist er durch die Welt, lebt nirgendwo sehr lange, lässt sich auf keine Beziehung wirklich ein.

Als seine Mutter stirbt, bleiben von ihrem Leben nur sieben Kartons. Davon ausgehend dröselt er nun seine Familiengeschichte auf. Begibt sich auf die Suche nach Ursachen, Zusammenhängen und versucht die vielen Lücken zu füllen, die seine Familiengeschichte hat.

"Nachempfinden, das bedeutet nicht nur, zu empfinden, was die Eltern und Großeltern empfunden haben, sondern auch, zu empfinden, was sie nicht empfunden haben. Emotionen nachholen, die Traurigkeit mehrerer Generationen in sich spüren. Die Verzweiflung, die einsamste Einsamkeit." (seite 195)

Zeitgleich beginnt er als Psychologe in einer Klinik zu arbeiten - er ist der erste in seiner Familie, der studiert hat - und durchläuft dort verschiedene Stationen. Zufälligerweise immer genau passend zu den Krankheitsbildern seiner Familie (Psychose, Depression, Sucht), was ich ein My zu konstruiert fand, aber natürlich einen guten Erzählrahmen bietet. Die Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte wird auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, eine Konfrontation mit dem eigenen Leben.

"Ich lese, um nicht zu fühlen. Theoretisiere, um nicht zu begreifen. Zitiere, um nicht selbst sprechen zu müssen. Das ist meine Sucht. Meine Weltflucht. Lesen kann genauso süchtig machen wie der Alkohol und der Schwermut." (Seite 191)

"Botanik des Wahnsinns" hat sich schwer auf mich raufgelegt. Obwohl der Roman ganz leicht und sachlich daherkommt, hinterlässt er einen Abdruck, den ich nur schwer abstreifen kann. Weil Leon Englers Sätze sich eingraben und lange im Kopf bleiben. Weil das Thema der transgenerationalen Weitergabe von Traumata kein Fremdes ist. Und weil die Schwere des Erzählers aus jeder Pore dieses Romans schwillt - zumindest in meinem Empfnden. Ein starkes, trauriges und dennoch hoffnungsvolles Debüt, gespickt mit vielen Zitaten der (Fach)Literatur. Eine Leseempfehlung!
Profile Image for SusanneH.
514 reviews37 followers
November 19, 2025
Wenn deine komplette Familie psychisch krank, labil, depressiv oder süchtig ist, dann fragst du dich garantiert irgendwann ob oder vielleicht sogar eher wann es dich trifft.
Genau so geht es der Erzählstimme hier.
Und er möchte mehr über diese Art der Erkrankungen wissen, auch die Ursachen.
Wir erfahren von seinen Großeltern und seinen Eltern. Es geht um Psychose, Schizophrenie, Depression und Sucht und ein bisschen auch um ihre möglichen Ursachen.

Sehr interessant fand ich auch seine Spurensuche in der Literatur und die Zitate, die sich durch das Buch ziehen.
Mich hatte nur heftig gestört, dass der Protagonist Psychologie studiert hatte und bei seiner ersten Stelle für mich so ahnungslos rüber kam.
Erzählerisch macht es Sinn, aber für mich passte das nicht.
Profile Image for Leyla.
63 reviews29 followers
May 26, 2025
Tough lesson of the day:
Wir können unsere Vergangenheit nicht aussuchen, aber werden trotzdem von ihr heimgesucht. Das einzige was wir dann wohl noch tun können, ist, entscheiden weiterzumachen und sehen, ob die Zukunft besser wird.
Profile Image for Buchdoktor.
2,365 reviews186 followers
August 12, 2025
Leon Englers namenloser Icherzähler tritt seinen ersten Arbeitstag als Psychologe auf der psychiatrischen Station einer Klinik an und soll sich zur Einarbeitung selbst als Patient aufnehmen: Patientenakte, Familienanamnese, Diagnose, Behandlungsplan. Arbeite, handele verantwortlich und frage deine Patienten, was sie wollen, fordert ihn die leitende Psychologin auf. Mit seiner Vorgeschichte von Eltern (geboren 1957 und 1962) und Großeltern, die an Depressionen litten, manisch, bipolar, psychotisch und suchterkrankt waren, hat er rein statistisch ein erhöhtes Risiko, dem „Fluch der Ahnen“ zu folgen und selbst psychisch zu erkranken. In Rückblenden entsteht eine Familiengeschichte der Süchte und Wahnvorstellungen, die den Erzähler zur Erkenntnis leitet, psychische und Suchterkrankungen entständen u. a. innerhalb von Beziehungen, unter prekären Lebensumständen und durch Ausgrenzung; die Kategorien, in die seine Vorfahren eingeordnet waren, würden Menschen nicht gerecht. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefährdung erfolgt mit den Kommentaren eines gebildeten und belesenen Wohnungsnachbarn im Ohr, der Englers Erzähler auffordert, keine Fachbücher zu lesen, sondern Romane, schließlich würden Schriftsteller öfter psychisch erkranken als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Fazit
Neben einem gehörigen Maß an Psychiatriekritik und zahlreichen Literaturverweisen setzt sich Englers Psychologenfigur mit dem Schicksal von Kindern auseinander, die sehr jung ihre Eltern in der Psychiatrie besuchen mussten und selbst zu Eltern werden, die von ihren Kindern in der Psychiatrie besucht werden. Die Beschränkung auf die Perspektive des Erzählers fand ich eher unbefriedigend, weil sie sein Berufs-Ich samt einer evtl. Selbstanalyse weitgehend ausspart und sich auf seine Rolle als Sohn und Enkel beschränkt. Ob der Text autofiktional sein könnte, bleibt offen.
Profile Image for Julia Lück.
7 reviews1 follower
November 10, 2025
Engler findet hier Worte für Dinge, über die man nicht spricht - klare, aber auch fast zarte Worte. Er reflektiert und kritisiert und kreiert damit ein Buch das nachwirkt.

Es ist absurd und faszinierend. Ich hab viel zum Thema Psyche/Psychiatrie gelesen, aber keines konnte den Alltag in der Psychiatrie oder das „Erleben“ und „Ertragen“ eben dieses so beschreiben wie er. Als Sozialarbeiterin auf einer geschützten Station hab ich mich in vielen Gedanken wiedergefunden, wie bspw hier:
„Manchmal verlass ich die Klinik und bin voller Leben, will singen, springen, tanzen, schreien. Alles fühlt sich echt an, wild, lebendig. Diese Menschen berühren mich bis es weh tut“ …
„‚Man gewöhnt sich an alles, hier im Grand Hotel zur lockeren Schraube’ sagte eine Patientin zu mir, die merkt wie überfordert ich bin.
Es stimmt. Es dauert nicht lange und ich gewöhne mich an die monologisierenden Menschen, die Verse aus den heiligen Büchern, an diejenigen die abhauen und gefahndet werden. Gewöhne mich an die verlorenen Seelen die in ihren Zimmern in die Ecken pissen und scheissen. Gewöhne mich an die Antisozialen, die mit Blicken oder Händen töten wollen. Gewöhne mich an die, die sich für Geheimagenten, Superhelden, Hexen halten, an die Drogensüchtigen, die sich auf ihrem Zimmer wegschießen und an die, die Gegenstände schlucken, die man auf keinen Fall schlucken sollte.
Alle hier geben ihr Bestes, aber es entsteht nichts Gutes. Ist das was Besser ist schon gut genug?“

Große Leseempfehlung- ein autobiografischer Roman mit Zitaten aus großer Fachliteratur und Exkursen in bspw die Psychiatrie der letzten Jahrhunderte. Liebs!
Profile Image for carlota.
49 reviews3 followers
September 25, 2025
Am Ende blieben sieben Kartons und die Kiefer speicher Krisen und vererbt dieses Wissen weiter

Hat mir sehr gut gefallen, sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr interessant
Profile Image for Sini [on hiatus].
71 reviews3 followers
September 13, 2025
Skurrile Familienanamnese

Mit „Botanik des Wahnsinns“ hat Leon Engler, der zuvor schon Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten verfasst hat, sein Romandebüt geschaffen.
Aber ist es wirklich ein Roman oder doch eine Biografie? Autofiktion? So ganz schlau bin ich daraus nicht geworden.

Die Hauptfigur Leon erzählt die Geschichte seiner Familie, in der psychische Erkrankungen über viele Generationen allgegenwärtig sind. Dabei nimmt er seine Eltern und Großeltern genauestens unter die Lupe und porträtiert deren Krankheitsverläufe. Vor lauter Angst, selbst psychisch zu erkranken, weist er sich zunächst selbst als Patient in der Psychiatrie ein. Kurz darauf beschließt er jedoch Psychologie zu studieren und anschließend als Psychologe in der Psychiatrie zu arbeiten.

Was mir gut gefallen hat, ist das psychiatrische Fachwissen, welches Engler in seinen Roman mit eingebunden hat.
Der Schreibstil hingegen konnte mich leider gar nicht überzeugen. Kurze, stakkatoartige Sätze machen den Lesefluss zu einer Herausforderung. Die Figuren bleiben trotz detaillierter Darstellung eher schemenhaft und auch zur Hauptfigur hatte ich keinerlei Zugang. Zum Teil wirkt es einfach zu überladen und der Wechsel zwischen den einzelnen Figuren, Generationen und Krankheitsbildern ist zu sprunghaft, sodass es als Leser:in schwer fällt, den Überblick zu behalten.

Wer jedoch einen gut recherchierten Roman zum Thema psychische Erkrankungen sucht und sich nicht an einem eher sachlich, distanzierten Schreibstil stört, für den ist „Botanik des Wahnsinns“ vielleicht genau das richtige.
Profile Image for Tom K..
64 reviews10 followers
October 13, 2025
Leon Engler hat ein Buch über eine Familie geschrieben, in der die psychischen Probleme sich häufen: Depression, Schizophrenie, Alkoholismus - you name it. Der Ausgangspunkt der Handlung ist die Angst des Erzählers, das Schicksal seiner Eltern und Großeltern zu teilen und wahnsinnig zu werden. Um dieser Angst zu begegnen, lässt er sich selbst zum Psychotherapeuten ausbilden und beginnt in der Psychiatrie zu arbeiten... Herausgekommen ist ein Buch, das ich weniger als Roman denn als autofiktionalen Bericht klassifizieren würde. Der Stil Englers passt wunderbar zu diesem Bericht - er ist lakonisch, aber zugleich pointiert. In den Text fließen immer wieder theoretische Überlegungen, Zitate, psychologische Fachbegriffe und Analysen ein. Engler kann wirklich exzellent schreiben, das ist die große Stärke dieses Buches. Gleichwohl hat mich das Thema auf 200 Seiten ausgebreitet nicht komplett faszinieren und fesseln können.
Profile Image for Jenny .
47 reviews2 followers
December 10, 2025
Das Buch hat mich ordentlich runtergezogen und beschäftigt, was wahrscheinlich das Ziel war und somit erfüllt wurde. Streckenweise wollte ich einfach nur überfliegen, aber dann kam wieder ein Satz, der unglaublich getroffen hat. Würde es nur mit Vorsicht empfehlen.
Profile Image for Jessi ❤️ H. Vojsk [if villain, why hot?].
832 reviews1,024 followers
September 9, 2025
Nun hatte sie so so lange darüber
nachgedacht, was sie auf der Welt zu suchen hatte, bis sie jede Orientierung verloren hatte.
Ein anderes Leben fiel ihr nicht ein.
Vielleicht fielen ihr auch zu viele mögliche Leben ein.


Ein Familienstammbaum voller Wahnsinn: Depressionen, Selbstmordversuche, Alkoholiker und Paranoia herrschen in jedem Ast. Wie ist das mit der Familie? Ist es ansteckend oder liegt es in den Genen?
Wenn einer verrückt ist, werden wir es dann alle?
Was ist mit der Psychologie? Wie nah ist sie am Menschen, an Schicksalen, an Gedanken, Gefühle, Erinnerungen?

Er dachte wieder so lange über ein mögliches Leben nach, das er leben könnte, bis er es nicht mehr zu leben brauchte.

Wir springen von Geschichte zu Geschichte, von Mutter zu Vater zu Sohn zu Großvater zu Großmutter. Sie alle eine Mischung aus Tragödie und Leben.

Sie wirkt jünger, als sie ist. Vielleicht altert man langsamer, wenn man das Leben in der Kindheit anderer Menschen verbringt.

Wir lesen über Stimmen in der Psychotherapie, Psychologie, Autorinnen und Autoren.
Aller Art Stimmen finden Platz in diesem Buch.

Von ihm weiß ich, dass für die alten Griechen und Römer diese Art von Verliebtheit als Krankheit galt, ein Zustand zwischen Wahnsinn und Tollwut.
Er nannte es lieber: vorübergehenden
Schwachsinn.


Dieses Buch ist ein absolutes Erlebnis.
Nicht ein sonderlich fröhliches Erlebnis, eher ein augenöffnendes, ein bisschen deprimierendes Erlebnis.
Dennoch ein Erlebnis.
Und eine Weiterempfehlung für die Neugierigen und interessierten des Wahnsinns.
Profile Image for Lorena.
101 reviews9 followers
November 29, 2025
Der Titel sowie das Cover vom Buch haben mich direkt magisch angezogen ✨

Das Thema, dass in „Botanik des Wahnsinns“ behandelt wird, finde ich super faszinierend: der Blick auf psychische Krankheit, die Beziehung zu den Eltern, transgenerationales Trauma und die Erfahrungen in der Psychiatrie. Außerdem Leon Englers eigene innere Zerissenheit. Die Angst und Überforderung all das zu begreifen. Die Angst davor, irgendwann selbst ver-rückt zu werden, weil alle in der Famielie ver-rückt sind. Er verarbeitet diese schweren Inhalte auf seine ganz eigene und wie ich finde sehr besondere Art. Irgendwie surreal, manchmal absurd-humorvoll, sodass ich manchmal nicht wusste ob ich jetzt lieber lachen oder weinen soll. Insgesamt hat es mich jetzt trotzdem nicht total begeistert. Irgendwie war es auch etwas gewöhnungsbedürftig, aber durchaus interessant.

Ich denke das Buch wird vor allem Menschen begeistern, die sich speziell für diese Themen interessieren oder selbst bereits damit in Berühung gekommen sind.
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~~ Wir teilen alles, selbst das Verrücktwerden. Althochdeutsch: firrucken. Mittelhochdeutsch: verrücken. An eine andere, falsche Stelle bringen.~~

~~ Kein Mensch ist verrückt, sein Verhalten wird von uns nur so genannt.~~

~~Manchmal verlasse ich die Klinik und bin voller Leben. Will singen, springen, tanzen, schreien. Alles fühlt sich echt an, wild, lebendig. Diese Menschen berühren mich, bis es wehtut.~~

~~ Ich liebe es, von Buch zu Buch zu irren, von Zufallsfund zu Zufallsfund. Die Idee, ein Buch aufzuschlagen und einen Satz zu lesen, der mich trifft, der verändert, wie ich die Dinge sehe.~~

~~ Was machte glücklich? Immer, wenn der Nachbar in den Spiegel geschaut hat, hat er gesagt: Niemand weiß, was er tut, niemand weiß, was er will, niemand weiß, was er weiß.~~

~~ »Wie geht es dir?«, fragte ich. »Der Katze geht es gut«, sagte er.~~

~~ Manchmal brechen Biografien wie Knochen, Herzen, Genicke. Reißen wie Geduld, Sehnen, Haut. Man spricht auch von Narben im Lebenslauf. Das Wort Narbe ist ein Januswort, beschreibt es doch genau das Gegenteil: verheiltes Gewebe. Das Leben hatte gewütet, doch nichts war verheilt. Als würde eine alte Wunde von Generation zu Generation weitergereicht, eine Stafette des Unheils.~~

~~ Am Ende siegt auch bei mir die Scham, der Ekel, die Angst vor der eigenen Geschichte. Die Angst, dazuzugehören, zu denen, denen es die Sprache verschlagen hat. Die sich ihre Zigaretten selbst stopfen und von der Hand in den Mund leben, ihre Träume vergessen und ihre Kinder.~~

~~ Nachempfinden, das bedeutet nicht nur, zu empfinden, was die Eltern und Großeltern empfunden haben, sondern auch, zu empfinden, was sie nicht empfunden haben. Emotionen nachholen, die Traurigkeit mehrerer Generationen in sich spüren. Die Verzweiflung, die einsamste Einsamkeit. Nachempfinden, das bedeutet in unserer Familie nicht nur, sich hineinzuversetzen in ihre Lage, sondern eine ähnliche Lage herzustellen.~~
Profile Image for Lisi.
191 reviews5 followers
September 24, 2025
Das hat nochmal anders gehittet, dadurch, dass ich es jetzt im Praktikum gelesen habe! In seinem Roman erforscht der Ich-Erzähler von Leon Engler im Rahmen einer eigenen Anamnese seine Familiengeschichte, mit einem Fokus auf psychischer Erkrankung. Er selbst arbeitet in einer Psychiatrie und reflektiert viel darüber, wie Menschen mit mentalen Erkrankungen/Belastungen behandelt werden und dass der Unterschied zwischen Therapeut*in & Patient*in oft nur im Studium liegt. Mich hat das Buch irgendwie sehr abgeholt, weil so viele Gedanken irgendwie sehr hilfreich für mich waren, um mit einem guten Gefühl diesen Berufsweg weiterzugehen. Deshalb hier meine liebsten Stellen, die mich zum Nachdenken angeregt haben:

“Zwang ist gefrorene Angst.”

“Die Möglichkeit sich das Leben zu nehmen ist ein Grund am Leben zu bleiben.”

“DU kannst eh nichts veraendern, nur Veraenderung begleiten.”

“Wir versuchen hier nur, unendliches Elend in normales Unglueck zu verwandeln.”

“Der Schmerz ist keine Krankheit, sondern ein blinkendes Warnlicht.”

Außerdem zeigt der Ich Erzähler an eigenem Beispiel, wie komplex und individuell jede Person und ihre Krankheitsgeschichte sind, denn obwohl man ein ganzes Buch über das Leben des Erzaehlers liest, konnte ich ihn am Ende doch wenig konkret greifen. In seinen Worten sagt er, dass im Grunde genommen jede*r Patienti ein Buch über die ganze Familie etc. schreiben muesste, um wirklich verstanden zu werden. Fand das Buch toll und es hat mich auf dem Weg zur eigenen therapeutischen Haltung auf jeden Fall sehr inspiriert!
Profile Image for Lisann.
80 reviews
October 16, 2025
Leon Engler gelingt mit seinem Debüt ein eindrucksvoller Blick in die Abgründe einer Familie, in der psychische Erkrankungen über Generationen wirken. Spannend ist die Verbindung von psychologischem Wissen und persönlichen Erfahrungen.
Allerdings wirkt die Struktur stellenweise etwas unruhig, und durch den namenlosen Ich-Erzähler bleibt eine gewisse Distanz.
Profile Image for Janina.
867 reviews80 followers
July 15, 2025
Ich wusste sofort, dass es ein Buch für mich ist - vom Titel, Cover bis zum Klappentext. Mache mir auch (leider oft) Gedanken, ob ich wahnsinnig werden könnte oder noch (chronisch) kränker. Die Leseerfahrung am Anfang war deshalb enorm unangenehm, weil ich den Gedanken (des Charakters und auch meiner) am liebsten aus dem Weg gehen würde, aber Konfrontationstherapie daraus gemacht habe. Das Buch ist insgesamt toll geschrieben, ein guter Schreibstil, die Kapitel sind relativ kurz und ich hab mir sehr viel markiert, weil ich manche Stellen so nachgefühlt bzw. mitgefühlt habe. Das hatte ich das letzte Mal so doll, als ich letztes Jahr 'Liebesmühe' von Christina Wessely gelesen hatte. Vieles hat mir aus dem Herz gesprochen, aber auf die Art und Weise, wo man zwischen erleichtert, erschrocken und gegruselt gefangen ist. Besonders gefallen hat mir, dass wir den Hauptcharakter beidseitig sehen, außen als Behandler und innen als Betroffener.
Profile Image for Ellinor.
759 reviews360 followers
September 30, 2025
Wie ist es, in einer Familie aufzuwachsen, in der praktisch alle verrückt sind? Nicht in dem Sinne, dass sie sich nicht unbedingt den gesellschaftlichen Normen entsprechend verhalten, sondern tatsächlich psychisch krank. Der Erzähler in Botanik des Wahnsinns hat wahnsinnige (pun intended) Angst, selbst verrückt zu werden. Um diese Angst zu bewältigen, wird er Psychiater. Bei seiner ersten Stelle sind nicht nur die Patienten verrückt, auch das System selbst ist es: Leon soll nicht nur praktisch ohne Einarbeitung eine Station übernehmen, er darf sich auch selbst analysieren.
Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas erzählt Leon Engler alles mit einer guten Portion (bissigem) Humor. Die Kapitel sind in der Regel recht kurz und handeln meist von sehr unterschiedlichen Episoden, nicht nur aus Leons Leben, sondern auch von dem seiner Vorfahren. Mir war diese Struktur teilweise ein bisschen zu wild und auch die zeitlichen Zusammenhänge entbehrten manchmal einer gewissen Logik. Jedes Kapitel erforderte eine neues Eindenken, das ich oft als mühselig empfand. Botanik des Wahnsinns ist nur etwa 200 Seiten lang, sollte also eigentlich schnell gelesen sein. Dennoch benötige ich beinahe eine Woche dafür. Das Buch ist gut geschrieben, die Thematik sehr spannend, vieles ist geschickt gewählt. Doch der letzte Funke wollte leider nicht ganz überspringen.
Profile Image for Julia (wortknistern).
317 reviews163 followers
October 21, 2025
„Meine Familie war ohne Erzählung. Jetzt, da ich etwas aufschreibe, rückt es ins Licht. Es war ein weiter Weg hinaus aus der Sprachlosigkeit. Es ist eine Version dieser Geschichte, man könnte tausend verschiedene davon schreiben.“ (Seite 199)

In der Familienhistorie des Erzählers gibt es sowohl auf väterlicher als auch auf mütterlicher Seite eine lange Historie an psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen, bis hin zu Su1z1d. Auch der Erzähler landet in der Psychiatrie - allerdings als Psychater, nicht als Patient. Den Tod der Mutter nimmt er als Anlass, die Familiengeschichte aufzuarbeiten.

Das Erzählte ist innerlich hart, aber gleichzeitig mit einem ganz tollen Humor geschrieben, der dem Buch die Schwere nimmt aber gleichzeitig das Thema nie verharmlost. Gerade die Teile zur Familiengeschichte haben mir richtig gut gefallen, weil der Erzähler so behutsam und verständnisvoll erzählt.

Gleichzeitig fand ich gerade die Teile, in der der Erzähler in der Psychiatrie arbeitet viel zu konstruiert, besonders die Ärztin, die die ganze Zeit Kalendersprüche raushaut hat für mich so überhaupt nicht zum restlichen Buch gepasst. Deshalb hatte ich im Mittelteil einen kleinen Durchhänger und war zwischendrin leider nicht mehr ganz so motiviert weiterzulesen. Das Ende hat mir wieder besser gefallen und insgesamt waren da auch wirklich viele schöne Zitate drin, die ich unterstrichen habe, so dass es mich irgendwie etwas ambivalent zurücklässt.
Profile Image for lk_winchester.
50 reviews
November 4, 2025
Ich habe mich wirklich auf dieses Buch gefreut – Cover und Prämisse klangen super vielversprechend. Leider hat es mich am Ende nicht ganz abgeholt.

Die Geschichten fand ich interessant, aber durch das ständige Wechseln der Perspektiven und Zeitebenen habe ich dann irgendwie den Überblick verloren - wer war nochmal wer und wem ist was passiert? Es fiel mir auch schwer, wirklich mit den Figuren mitzufühlen.

Inhaltlich war mir das Ganze etwas zu viel im Kreis drehen und Herumphilosophieren, nur um am Ende wieder bei „jeder ist für sein eigenes Schicksal verantwortlich“ zu landen. Schade – das Potenzial war da, aber der Funke ist bei mir nicht übergesprungen.
Profile Image for Ileana (The Tiniest Book Club).
205 reviews34 followers
September 8, 2025
Dieser autofiktionale Debütroman des Dramatikers und Psychologen Leon Endler hat mich begeistert!

„Botanik des Wahnsinns“ beginnt mit einer Verwechslung: bei der Zwangsräumung der Wohnung der Mutter des Protagonisten (sie ist auf dem Weg in eine Entzugsklinik) landen die Dinge mit persönlichem Wert in der Müllverbrennungsanlage. Es bleiben sieben Kartons mit Müll: Schreiben von Ämtern, Werbung, aussortierte Rechnungen. Ist das wirklich alles, was von seiner Familie geblieben ist? Sieben Kartons und eine Hochrechnung: die Wahrscheinlichkeit, dass Leon eines Tages in der Psychiatrie landen wird, ist hoch, denn erbliche psychische Erkrankungen treten in seiner Familie gehäuft auf.

Leon führt ein nomadisches Leben, flüchtet in Städte wie New York, Berlin, Wien, versucht, Normalität zu finden, doch auch Armut macht krank. Und das Risiko, psychisch zu erkranken, ist für Stadtbewohner*innen ohnehin höher. Er fühlt sich hingezogen zu den „Verstoßenen“ der Gesellschaft. Und er landet tatsächlich in der Psychiatrie, allerdings als erster in seiner Familie nicht als Patient, sondern als Psychologe.

„Sei einfach kein Arschloch“, das ist der Rat der leitenden Psychologin, bevor sie dem Protagonisten frisch von der Uni die Leitung der Station überlässt.

Immer wieder werden Anekdoten aus der Geschichte der Psychologie eingestreut. Und auch Stimmen aus der Literatur kommen zu Wort, Stimmen, die nicht von oben herab, sondern von innen heraus schauen, wie Ingeborg Bachmann, die beide Seiten der Psychiatrie kannte.

Hier liegt die große Stärke des Romans: die Begegnung auf Augenhöhe. Der Psychologe muss auch zum Patienten werden.
Und: eine klare, unumstößliche Einordnung von geistigen Störungen wie in der Botanik, eine Klassifizierung von psychischen Krankheiten wie von Pflanzen gibt es nicht.
„In seinen Untersuchungen zur Geschichte des Wahnsinns zweifelt Foucault die konventionellen Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn an. Er zeichnet nach, wie die Gesellschaft das Konzept Wahnsinn überhaupt erst konstruiert und verwaltet. Der Akt des Etikettierens und Behandelns sagt mehr über die Ängste, Normen und Machtstrukturen der Gesellschaft aus als über den Zustand der Person, die behandelt wird. Wir, die klassifizieren und kontrollieren, können als diejenigen betrachtet werden, die selbst eine Art von Wahnsinn verkörpern - einen Wahnsinn der Autorität, der Kategorisierung und der Herrschaft.“

Die Annäherung des Protagonisten an die eigene Familiengeschichte ist wie eine prototypische therapeutische Reise angelegt. Hochinteressant, furchtlos und absolut lesenswert.

CN: Abhängigkeit, Alkoholismus, Depression, Schizophrenie, Suizid, Fettfeindlichkeit
Profile Image for Fiona.
133 reviews26 followers
January 1, 2026
Was ist normal, was unnormal? Gibt es ihn überhaupt, den normalen Menschen? Anhand seiner eigenen Familiengeschichte versucht sich der Erzähler in »Botanik des Wahnsinns« an einer Antwort dieser Fragen. Er blickt zurück auf seine eigene Kindheit, sein Aufwachsen und seinen Stammbaum des Wahnsinns. Denn alle in seiner Familie erkrankten früher oder später an einer psychischen Störung: die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, Großvater und Mutter alkoholkrank, der Vater depressiv. Und er selbst? Er erkrankt vor allem an seiner eigenen Angst, ebenfalls verrückt zu werden. Letztlich landet der Erzähler tatsächlich in der Psychiatrie – jedoch nicht als Patient, sondern als Psychologe.

Mit »Botanik des Wahnsinns« legt Leon Engler einen (im wahrsten Sinne des Wortes) wahnsinnig interessanten, aber auch anspruchsvollen Debütroman vor. Er schreibt sehr nüchtern und trocken, zum Teil auch ironisch, was mir gut gefallen hat, genau wie die vielen Fakten zur Geschichte der Psychiatrie und Psychologie (wenn auch sehr ausführlich). Allerdings hat der Roman auch viele melancholische Züge und hat mich oft eher traurig gestimmt. Insgesamt kein leichtes, aber ein außergewöhnliches und interessantes Buch, das ich literarisch begeisterten Leser:innen und Fans von Familiengeschichten empfehlen würde.
Profile Image for Katja Härlein.
28 reviews1 follower
October 18, 2025
Psychosen, Depression, Suchterkrankungen, Schizophrenie, unzählige Suizidversuche...

All diese Erkrankungen prägen die Familiengeschichte des Ich-Erzählers in Leon Englers Roman. Er selbst ist rastlos und liest wie besessen, um sich in die Geschichten anderer zu flüchten und sich mit der eigenen nicht auseinandersetzen zu müssen - bis er einen Job in der Psychiatrie annimmt und die erste Aufgabe darin besteht, die eigene Familienanamnese erstellen zu müssen.

Englers Roman ist vorrangig berichtend/beobachtend, wobei auch zahlreiche Fakten aus Psychologie, Psychoanalyse und Medizin die Beobachtungen flankieren. Dennoch (oder gerade deshalb?) schwingt eigentlich auf jeder einzelnen Seite ein Gefühl von Machtlosigkeit und Verzweiflung mit. Wie geht man mit psychisch kranken Familienmitgliedern um? Kann man sich der eigenen generationenübergreifenden Familien-Krankheitsgeschichte entziehen? Und wie kann man überhaupt davon erzählen, wenn die Gesellschaft Betroffenen eigentlich keine Stimme gibt?

Englers Roman würde ich jedem empfehlen (auch wenn man selbst oder das Umfeld nicht direkt betroffen ist).
Profile Image for Lucie.
398 reviews4 followers
November 27, 2025
Ich bin mit meiner Bewertung ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits mochte ich den autofiktionalen Charakter des Buches und wie Themen wie Sucht, Suizid und Schizophrenie darin verarbeitet wurden, auch wenn ich durch den Klappentext mit etwas ganz anderem gerechnet habe. Andererseits hat mir an manchen Stellen ein wenig der rote Faden gefehlt, sodass mir die Kapitel zu häufig zwischen verschiedenen Lebensabschnitten des Erzählers hin und her gesprungen sind. Zudem bin ich weder mit dem Protagonisten noch mit den weiteren Personen warm geworden, sodass ich zwar grundsätzlich an deren Geschichten interessiert war, aber auf der Gefühlsebene für mich wenig herübergekommen ist. Ich würde dem Buch erst einmal 3 Sterne geben, möglicherweise ändert sich das aber nochmal.
Profile Image for Evalitera.
679 reviews12 followers
October 29, 2025
Sehr lesenswert.
Wie entgehen ich den Schicksal später mal in die Nervenheilanstalt eingewiesen zu werden, wenn die Großeltern und Eltern alle dort waren.
Ist es erblich? Die Botanik.
Es ist weniger ein psychotherapeutischer Ansatz.
Es lässt die Leserin etwas bedrückt zurück. Keine Lebensfreude hatte diese Familie.
Profile Image for Dinah.
181 reviews1 follower
July 28, 2025
ein buch bei dem man merkt, wie viel recherche der autor betrieben hat, um es zu schreiben. es hat mir super gut gefallen und das cover find ich auch richtig trippy gut.
89 reviews4 followers
August 17, 2025
Auf etwas zu hoffen, was uns das Schicksal hätte zu Teil kommen lassen sollen, ist zum Scheitern verurteilt.🏹
Displaying 1 - 30 of 134 reviews

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