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Die Geschichte Der Raf

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Die Geschichte der RAF will nicht vergehen. Dreißig Jahre nach dem Deutschen Herbst gibt es noch immer Spekulationen um die unaufgeklärten Morde, begangen von Bürgerkindern, die sich wie eine Armee bewaffneten und der Bundesrepublik den Krieg erklärten. Doch wer waren diese selbsternannten Guerillakämpfer eigentlich, was trieb sie in ihren gewalttätigen Wahn. Willi Winkler legt eine komplette Biographie der RAF vor, die von der Vorgeschichte bis zu ihrer Auflösungserklärung reicht - und zeichnet zugleich ein Psychogramm der Bundesrepublik.

528 pages, Hardcover

First published September 21, 2007

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Willi Winkler

33 books

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Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Klaus Mattes.
854 reviews16 followers
January 13, 2025
Kurz und knapp, leicht zu lesen, informativ und dennoch nicht oberflächlich. So mag man seine Sachbücher. Etliches von diesen 530 Seiten sind Anmerkungen und Quellennachweise; der Rest ist einigermaßen augenfreundlich gedruckt. Das Buch „Tödlicher Irrtum“ von Butz Peters aus dem Jahr 2004, mit dem ich es ein wenig vergleichen möchte, dürfte um einiges länger sein. Vom Hauptgeschäft her ist Willi Winkler Kulturberichterstatter, vornehmlich für Film und Popkultur (Dylan, die Rolling Stones). Das merkt man nicht nur an den Zitaten, die den Kapiteln (von denen es viele gibt, weil sie kurz und knapp sind) vorangestellt werden. Interessant ist aber auch, wie der Feuilletonist Winkler den österreichischen Schriftsteller Peter Handke ins RAF-Buch einbringt.

Handke träumte 1968 vom Aufbruch zu einer anderen Welt (seinen gut zehn Jahre älteren Landsmann Thomas Bernhard interessierte solch links-studentischer Zauber, der natürlich auf die BRD schielte, nicht die Bohne). Handke gab seinerzeit von seinem Geld was ab für linke Aktionsgruppen. Doch kehrte er sich von den Politgruppen und ihrem „Kampf“ radikal ab, sprach nur noch von „Wahnsinn“, als RAF-Leute, nachdem sie von der internationalen Terroristengarde abgehängt worden waren (Frankreich, die palästinensischen Morde an der israelischen Olympia-Mannschaft in München) sich darauf warfen, weltweit beachtetes „Niveau“ zu erklimmen. Bis dahin waren vor allem Kaufhäuser und die Medien von Axel Springer ihre Zielscheiben gewesen, landesweit waren sie Thema, doch global nicht. Und dann saßen mehr oder weniger alle Anführer in Knästen ein und warteten auf ihren Prozess.

Willi Winklers Buch tut, was kurz danach auch Uli Edels und Bernd Eichingers Film „Der Baader Meinhof Komplex“ tat: Er erkennt in den Filmen, die diese studentische Generation in den sechziger Jahren begeistert hatten, eine wesentliche Inspirationsquelle. Namentlich, was das Styling und „Freizeitverhalten“ der RAF-Leute betrifft. Filme wie „Viva Maria!“ (1965) von Louis Malle oder „Bonnie and Clyde“ (1967) von Arthur Penn. Arbeitet der Kollege Butz Peters chronologisch Mord um Mord ab, schwingt Winkler sich eher von Medienauftritt zu Medienauftritt und stellt ausführlich die Bekennerschreiben und Kampfaufrufe vor. Ganz klar war der Protest aus Empörung über das anhaltende Schweigen der Eltern über ihre eigenen Verstrickungen in das genozidale Unrechtssystem der Hitler-Leute entstanden. Davon setzte sich die RAF deutlich ab, nur um dann selbst immer antisemitischer zu werden!

Schließlich ließ man sich mit Waffen und Know-how von den anti-israelischen Freischärlern Palästinas versorgen und identifizierte Israel mit dem globalen Finanzkapitalismus, sprich, mit dem Imperialismus der USA. Wann immer nun eine von dessen „Charaktermasken“ ausgelöscht wurden und irgendwelche kleinen Angestellten dabei mit draufgingen, wurden sie zu Kollateralschäden erklärt, die eben Pech gehabt hätten. Menschenverachtende Gefühlskälte, wie wir sie von SA und SS x-fach überliefert bekommen haben. Auch hier belegt Winkler seine herbe Kritik an der RAF mit Zitaten aus Bekennerschreiben und damals versteckt zirkulierenden Kassibern und Direktiven des RAF-Führungszirkels.

Wenig überraschend stellt Ulrike Meinhof sich als die RAF-Lieblingsfigur von Winkler heraus. Diese Frau war in den sechziger Jahren mehrere Jahre eine sehr ernsthafte, gründliche und auch vielfach rezipierte Journalistin, linke Publizistin und Kämpferin gegen diverse Formen von Diskriminierung gewesen. Quasi nebenbei und dann aber auch mit ihrer eigenen Person sei Meinhof, schreibt Winkler, zur vorbildgebenden Märtyrer-Figur der RAF gewachsen. Nach dem Motto: Sie hat alles geopfert für den Kampf gegen die Mächtigen. (Meinhof hatte sich von ihrem Ehemann, einem vermögenden Playboy-Medienmacher, getrennt und ihre Kinder zurückgelassen). Hat selber Gewalt fast nie angewendet – und ist vom System brutal ermordet worden! Meinhof brachte sich in der JVA Stammheim um, als sie erkennen musste, dass Baader und Gudrun Ensslin sie kaltgestellt hatten, auch auf der Beziehungsebene. Das eigene Martyrium wurde als Instrument für den RAF-Kampf aber bewusst noch eingesetzt. Ulrike Meinhof ist keine Tote des „Deutschen Herbsts 1977“ gewesen, sie hatte sich schon 1976 erhängt, allein, und war an den Entführungen des Arbeitgeber-Präsidenten Schleyer und der Lufthansa-Maschine nicht beteiligt.


Sowieso war die, sich selbst RAF nennende Gruppe, eigentlich nie eine „Baader-Meinhof-Gruppe“, sondern eine „Baader-Ensslin-Gruppe“, bloß war Meinhof in den Jahren davor die öffentlich Prominenteste von allen gewesen.

Erst jetzt, wo „das Bewußtsein der Bevölkerung durch spektakuläre Ereignisse wie die Bombenattentate massenhaft aufbereitet worden war“, wie Horst Herold erklärt, hatte eine solche Großfahndung den beabsichtigten Sinn. Der Staat ist da, wo ihn die RAF schon immer haben wollte, bei der Totalüberwachung aus der Luft, bei lückenlosen Autobahn-, Bahnhofs- und Grenzkontrollen, beim gegenseitigen Verdächtigen. „In der frühen Phase des RAF-Terrors hat die Bundesrepublik das Antlitz eines Polizeistaates gezeigt, genau das wollte die RAF erreichen“, sagt heute Klaus Pflieger, der als Stuttgarter Oberstaatsanwalt die Anklage in den letzten großen RAF-Prozessen führte. Es hatte aber keineswegs die von der RAF erhofften Konsequenzen, die gerade noch im Bekennerschreiben nach dem Heidelberger Attentat dekretiert hatte: „Die Menschen in der Bundesrepublik unterstützen die Sicherheitskräfte bei der Fahndung nach den Bombenattentätern nicht, weil sie wissen, daß gegen die Massenmörder von Vietnam Bombenanschläge gerechtfertigt sind.“ Es kann nur der revolutionäre Rausch sein, eine trunkene Euphorie, weil es endlich gelungen war, den zum faschistischen Popanz stilisierten Staat anzugreifen, dass die RAF sich selber dermaßen verkennt. Es ist doch nur Wunschdenken, wenn Ulrike Meinhof glaubte, die Bevölkerung sympathisiere mit der RAF und helfe ihr wie einer Räuberbande, die mit der Polizei Fangen spielt. Die ehemalige Journalistin liefert ein klassisches Beispiel dafür, wie man seiner eigenen Rhetorik der geliehenen Phrasen erliegen kann.

Der Filmfan Willi Winkler wagt die Behauptung, irgendwann sei ein Punkt erreicht worden, an dem die RAF schon genau wusste, dass sich das Volk ihr nicht anschließen wird. Immer noch mehr Repräsentanten des „Schweine-Systems“ zu „erledigen“, würde sie also nicht populärer oder effektiver machen. Es sei dann vor allem darum gegangen, wie im Film, im Western oder Gangsterfilm, einen grandiosen Abgang zu bauen, die unsterbliche Legende zurückzulassen. Damit wäre auch klar, dass Winkler keine Sekunde glaubt, Meinhof oder irgendwer sonst könnten von staatlichen Schergen in bundesdeutschen Gefängnissen exekutiert worden sein.

Kollege Butz Peters hatte sich vor allem mit Andreas Baader befasst, dem Narziss, Abenteurer, Charismatiker, Spieler, Populisten, dem gewissenlosen Amoralisten. Willi Winkler zieht die unermüdliche Streiterin für eine bessere Welt vor, Ulrike Meinhof, die eine Heilige sein wollte, aber erkannt hatte, das man mit aufklärerischem Journalismus die Machtkonstellationen nicht ändert. Peters' Buch überzeugte mich am Ende mehr, aber die Studie von Winkler ist eben eher auf den Punkt, zugespitzter, klarer in vielen wesentlichen Aussagen. Als Baader, Meinhof, Ensslin, Meins, Raspe, Mahler tot waren oder im Knast festsaßen (Mahler ist natürlich nicht tot, sondern seit Jahren ein überzeugter Neonazi), wurde das Franchise RAF von einer zweiten, dann der dritten Generation übernommen. Wer über deren Köpfe was erfahren möchte, sollte besser zu „Tödlicher Irrtum“ (2004) von Butz Peters greifen. Winklers Buch schlägt den Bogen vom 2. Juni 1967 (Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizisten in West-Berlin, der viele Jahre danach als Agent der DDR erkannt wurde) bis zum 18. Oktober 1977 (deutsche Grenzschutztruppen haben die entführten Touristen aus der Maschine in Mogadischu befreit; Baader, Ensslin, Raspe töten sich in Suttgart-Stammheim).

Eine gewisse Heldenverehrung für diese Leute gibt es in linken und anarchistischen Kreisen bis heute. Ihnen wird das Winkler-Buch nicht zusagen. Alle Übrigen sollten es lesen und werden es dann auch mögen. Es ist ein zugängliches und unterhaltsames Panorama aus der westdeutschen Nachkriegsgeschichte der vierziger bis siebziger Jahre.

Übrigens wird in diesem Buch noch mal eine doch sehr leidige „Mitarbeit“ von angeblichen Demokratie-Beschützern beim Erstarken von Demokratie-Zerstörern augenfällig. Wie die NPD nicht verboten werden konnte, weil viel zu viele Mitarbeiter des Verfassungsschutzes bei deren Strategieplanung mitgemischt hatten, wie der ganze, lange Münchner Prozess gegen Beate Zschäpe nie an den Tag bringen konnte, wie viel die islamfeindlichen Mörder vom nazistischen NSU von ihren Kontakten zu verdeckten Ermittlern profitierten, wie viel die Dienste dann nach der Selbstentlarvung des NSUs zur Seite geschafft haben, so ähnlich kann man hier wieder entdecken, dass, bevor es die RAF gab, der Verfassungsschutz des Landes Berlin deren Vorgänger nicht nur beschattet, sondern aktiv unterstützt hatte. Man ging davon aus, wenn die Staatsfeinde übermütig würden, würden sie spektakulärer zuschlagen, der Volkszorn also hochkochen, dann ginge ein massiver Gegenschlag leichter durch. Auch beim Fall des Breitscheidplatz-Attentäters Anis Amri war es so ähnlich. Amri ging jahrelang unter den Augen des Staatsschutzes bei Islamistenzirkeln ein und aus. Als man schließlich wusste, was er angerichtet hatte, war die ersten Sorge dieser Organe, alles verschwinden zu lassen, was man eigentlich bereits gewusst hatte, aber seltsamerweise noch nie hatte wissen wollen.

Auf diesem Sektor stinkt was zum Himmel. Und zwar seit Jahrzehnten! Liebe deutsche Politik, übernehmen Sie vielleicht?
Profile Image for Claudia Roth.
15 reviews
November 28, 2020
Whatever you may choose to believe about Ulrike Meinhof, Andreas Baader and their fellow fighters, this is highly contemporary food for thought on the sex appeal of terrorism, including the so-called Islamic State. You may struggle to understand their symbols if you are born and raised in the Western civilization, but the principles and the appeal are very similar to that of the RAF.
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